Nachtblau und Rosenwein

Die Gebäude hier zeigen deutlich den Stand eines Bürgers in Morgeria. Niedere leben in heruntergekommen Barracken, Krieger & Söldner in bunkerartigen Unterkünften oder Zelten. Mächtige Familien leben in finsteren Anwesen, die kleinen Schlössern gleichen.
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Themis Tefrenet Tel-Tyvirr
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Nachtblau und Rosenwein

Beitrag von Themis Tefrenet Tel-Tyvirr » Sonntag 19. Juli 2026, 11:30

Einstiegspost

Es war erstaunlich, wie viel Mühe es kostete, unsichtbar zu bleiben. Themis hielt sich bewusst am Rand des Saales platziert, dort, wo das Gedränge geringer ausfiel. Wo auch die Gespräche nicht ganz so eng um einen herum zusammenschlugen. Dort, wo eine zweite Tochter Tel-Tyvirrs eben stehen durfte, ohne dass ihr Platz seltsame Fragen aufgeworfen hätte – sichtbar genug, um der Familie keine Schande zu machen, zurückhaltend genug, um nicht als eigentlicher Teil der Inszenierung verstanden zu werden. Um auch keinen Teil jener Aufmerksamkeit zu rauben, die an diesem Abend einzig und allein Saelith zustand.
Die dunklen Hallen Tel-Tyvirrs hatte man dem Anlass entsprechend herausgeputzt; über den hohen Spitzbögen des Festsaales brannten hunderte kleine Lichter in schmalen, geschwärzten Glasampullen. Ein fahles, mondähnliches Glimmen, das über polierten Stein kroch und sich in den zarten Silberstickereien all ihrer Banner verfing. Selbst zwischen den Säulen hingen die schweren Bahnen aus nachtblauer Seide, so dunkel, dass sie beinahe schwarz wirkten; die Zeichen des Hauses Tel-Tyvirr in silbernem Garn prangten darauf, vielfach wiederholt, stolz und unnachgiebig, als könne das Wappen allein verbergen, wie dünn der Boden unter ihren Füßen geworden war. Themis jedoch stand am Rand des sorgfältig erschaffenen Glanzes und wusste, wie teuer er gewesen sein musste.
Aufmerksam glitt ihr Blick über die gedeckten Tische, über die Schalen mit den bleichen Früchten aus fernen Kavernenhainen, über die Platten mit den kunstvoll angerichteten Speisen, an denen sich heute niemand wirklich sattessen würde. All das war Zeichen. Andeutung. Behauptung. Man zeigte, dass Tel-Tyvirr geben konnte. Dass Tel-Tyvirr noch immer Gastgeber war und immer noch genügend Einfluss besaß, um andere Häuser in seine Hallen zu laden und sie warten zu lassen, bis die Matriarchin sprach.
Offiziell lud das Haus zu Saeliths Geburtstag. Nun, so hieß es zumindest. Eine Feierlichkeit, dem Aufwand würdig genug. Und vielleicht stimmte das sogar. Vielleicht war dieser Abend tatsächlich nichts weiter als eine Feier zu Ehren der ältesten Tochter des Hauses, der Erbin, der zukünftigen Trägerin des Namens Tel-Tyvirr. Saelith selbst jedenfalls stand unweit der erhöhten Estrade, aufrecht und wunderschön in ihrer scheinbar unantastbaren Erscheinung, ihr Gewand aus feinster, tiefschwarzer Seide gefertigt, kostbar und makellos. Sie trug es wie eine Königin, wie etwas, das man ihr auferlegt hatte. Als Erbin. Als Erstgeborene. Als Tochter, die niemals vergessen durfte, dass sie immer mehr sein würde als nur sie selbst. Nach außen hin war dies ihre Nacht, ja. Doch Themis vermutete dennoch, dass der eigentliche Anlass ein anderer war.
Mehrere Treffen hatte es gegeben, zu ungewöhnlichen Stunden, mit Gesandten, deren Ankunft nicht angekündigt und deren Fortgang nicht kommentiert worden war. Ihre Mutter hatte seitdem diese besondere Ruhe an sich getragen, die nie wirkliche Gelassenheit bedeutete. Velyra hatte Saelith länger betrachtet als sonst. Selbst Aneira war auffallend aufmerksam gewesen, was an ihr beinahe immer ein schlechtes Zeichen darstellte. Eine Verlobung, munkelte die Dienerschaft. Ein Bündnis. Themis wusste es nicht sicher. In die Angelegenheiten ihrer Schwestern wurde sie schlichtweg nicht eng genug eingebunden, um Gewissheit zu besitzen. Besonders nicht, wenn es um Entscheidungen ging, die die Pflichten und Rechte einer Erstgeborenen betrafen. Nein. Saeliths Zukunft gehörte Saelith vermutlich ebenso wenig, wie Themis’ Zukunft Themis gehörte. Oder Aneiras Zukunft Aneira. Sie alle waren Eigentum des Hauses. Namen, Blutlinien, Möglichkeiten. Mehr nicht.
Sie hob den Kelch in ihrer Hand ein wenig an, schwenkte ihn langsam zwischen ihren Fingern, als könne sie darin eine Antwort finden. Morgerianischer Dämmerrosenwein. Alt, selten, beinahe unverschämt teuer; erkennbar vor allem an seiner Färbung, die im Dunkel des Kelches nicht rot wirkte, sondern tief und schwer wie geronnenes Blut. Selbst der Duft erschien Themis unvergleichlich würzig, dunkelblumig, mit dieser herben Tiefe im Geschmack, die sich an den Gaumen legte, kaum, dass der erste Tropfen überhaupt die Zunge berührt hatte. Bereits zum zweiten Mal an diesem Abend führte Themis das schwarze Kristallglas an ihre Lippen, trank jedoch kaum mehr als einen schmalen Schluck. Nein. Etwas Derartiges wurde nicht für bloße Geburtstage ausgeschenkt. Nicht einmal für die Geburtstage von Erbinnen.
Als sie den Kelch wieder senkte, lagen ihre Finger ruhig um den schmalen Stiel, ihre Hand vollkommen still. Freilich war auch sie selbst Teil des sorgsam erschaffenen Bildes. Man hatte sie nicht übersehen, natürlich nicht. Dafür war sie alleine schon zu groß in ihrer Erscheinung, zu auffällig in ihrer stillen Art, zu sehr Tochter dieses Hauses. Vermutlich wirkte sie mit ihren einhundertachtzig Fingern Höhe und ihrer schlanken, aufrechten Haltung selbst hier, ein wenig abseits, am Rand des eigentlichen Geschehens stehend, nicht annähernd so unscheinbar, wie Themis es sich insgeheim für sich selbst gewünscht hätte. Nein, ihre gesamte Erscheinung behauptete Zugehörigkeit. So musste es sein. Ihr Gewand, von eben jenem tiefen Nachtblau, das nur bei Bewegung seinen kühlen Schimmer zeigte, war ihr an den Leib geschneidert worden. Feine Silberstickereien zogen sich über Ärmel und Saum, kunstvoll genug, um ihrer Geburt zu entsprechen, zurückhaltend genug, um Saelith nicht die Ehre streitig zu machen. An ihrer Brust ruhte ein einzelner dunkler Stein, blutrot nur dort, wo das Licht ihn traf. Selbst ihr silberweißes, meist offen getragenes Haar hatte man dem heutigen Anlass entsprechend hochgesteckt, gebändigt durch wenige feine Flechten und schmale Ringe aus feinstem Silber, die daraus hervor schimmerten. Nicht eine Strähne hatte man dem Zufall überlassen. Nein, sie war tadellos hergerichtet. Tadellos genug zumindest, um nicht aufzufallen. Und vielleicht war genau das die größte Kunst an diesem Abend. Sich inmitten dieses imposanten Schauspiels nicht wie der Fremdkörper zu verhalten, der man eigentlich war.
Themis beobachtete, wie ihre Mutter zwischen den Gästen wandelte, mit jener festen, dunklen Würde, die unerschütterlich in ihrer Eleganz und Selbstverständlichkeit wirkte. Sie begrüßte Gäste, verteilte Worte, prüfte Abstände und Stimmungen. Auch Velyra entdeckte Themis nicht weit von der hohen Tafel entfernt stehen, schmal und aufrecht, mit einem Blick, der selbst auf die Entfernung hin die Schärfe einer frisch geschliffenen Klinge besaß. Aneira wiederum von mehreren jüngeren Adeligen umgeben, mit denen sie sich unterhielt, lächelnd, beinahe heiter, während eines der Mädchen neben ihr stets immer einen Hauch zu laut, immer einen Deut zu lange lachte. Themis wandte den Blick ab, bevor ihre Schwester bemerken konnte, dass sie beobachtet worden war. Dann wanderte ihr Blick zurück zu Saelith.
Die Älteste stand im Zentrum dieses Abends, wenn auch seltsam allein darin. Vielleicht bildete Themis sich das ein. Vielleicht las sie zu viel in die gerade Linie ihrer Schultern, in die unbewegliche Ruhe ihres Gesichts, in die Art, wie Saelith ihren Kelch hielt, ohne jemals daraus zu trinken. Vielleicht war ihre Schwester gefasst, weil sie gefasst sein wollte. Vielleicht auch, weil sie längst wusste, was heute verkündet werden sollte. Oder auch nur deshalb, weil Saelith schlichtweg schon immer besser als Themis darin gewesen war, ihre Pflicht nicht nur zu tragen, sondern sich von ihr erfüllen zu lassen. Themis wusste nicht, ob sie Mitleid empfand. Oder Sorge. Vielleicht beides. Vermutlich beides, auch wenn sie genauso wenig wusste, ob irgendetwas davon auch tatsächlich angebracht war.
Themis seufzte lautlos, bevor ein Diener nahe genug an sie herantrat, um ihr Wein nachzuschenken. Nur kaum merklich hob sie hierbei die Hand. Eine kleine Geste. Höflich. Ablehnend. Der junge Mann senkte den Blick sofort und wich zurück. Seine Finger zitterten um den Krughals, nur leicht, vermutlich nicht auffällig genug, dass irgendein Gast es bemerkt hätte, aber ... Themis bemerkte es. Natürlich bemerkte sie es. Sie bemerkte es, wie sie auch die verschreckte Dienerin am Seitenportal oder den älteren Haussklaven am Weintisch bemerkte, welcher die Bereiche nahe der Estrade mied. Sie bemerkte alles davon, war sich sämtlicher kleiner Unruhen unter all jenen bewusst, die diesem Abend dienten, ohne Teil von ihm zu sein. Vermutlich lag es an der Anzahl der Gäste. An Velyras schneidender Aufsicht. An der Furcht, an einem Abend wie diesem einen Fehler zu machen. Themis nahm einen weiteren Schluck - dunkel und würzig, beinahe betäubend in seiner Stärke. Wie immer wäre es einfacher gewesen, nichts davon zu sehen.
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Re: Nachtblau und Rosenwein

Beitrag von Erzähler » Sonntag 19. Juli 2026, 22:19

Das Haus Tel-Tyvirr mochte den Weg des Niedergangs beschreiten, aber es verstand noch immer alle Saiten der Kunst des äußeren Scheins. Das Anwesen erstrahlte wie zu Zeiten des Höhepunkts von Macht, Reichtum und Einfluss, das kostbarste Geschirr, blank poliert, war perfekt platziert, die Möbel waren allesamt entstaubt und frisch bezogen, Essen und Trinken von erlesenem Geschmack und reichlich vorbereitet.
Doch damit nicht genug, auch die Töchter waren herausgeputzt, wie schon lange nicht mehr. Nein, das traf es nicht ganz, denn sie waren ausstaffiert wie noch nie und allen dreien war bewusst, dass sie sich auf dem Präsentierteller befanden, ob sie es wollten oder nicht, darauf hatte Velyra selbst geachtet. Nichts, absolut gar nichts gab es, das an den Mädchen auszusetzen wäre. Wie perfekt dressierte Puppen hatten sie es sich gefallen lassen müssen und zeigten, was diese aristokratische Familie der nächsten Generation zu bieten hatte, drei Grazien, nach der sich jeder alle zehn Finger lecken sollte, ohne auch nur im Mindesten an den Rattenschwanz im Hintergrund denken zu können vor Begierde.
Während Saelith mit all ihrer Ausstrahlung und der Wahl ihrer Aufmachung in den eng gesteckten Grenzen Eleganz aus jeder einzelnen Pore zu verströmen schien, war es an Aneira, ihrem Stand als der Jüngsten, Verwegenen Ausdruck zu verleihen.
So glänzte die Älteste der Schwestern in ihrem mitternachtsblauen Kleid, das bei dieser Festbeleuchtung tiefschwarz wie ihre Haut wirkte, aus teuerster Seide mit den silbrigen Applikationen aus Spitze an all ihren Säumen. Lediglich die Ärmel waren ausschließlich aus silbriger Spitze gefertigt, wodurch ihre durchscheinende Haut einen entsprechenden Schimmer aufwies und dadurch der farbliche Akzent auf ihre schmalen Glieder gelenkt wurde. Diese Spitze lief in einem Spitz bis zu ihren Handrücken und war mit einer kaum merklichen Schlaufe rund um ihren Mittelfinger befestigt, um nicht zu verrutschen. Und sobald sie ihre Finger präsentierte, würden ihre gepflegten Fingernägel in Silber glänzen. Sofern er nicht auf ihrem berückenden Schwanenhals hängen blieb, den ihre Hochsteckfrisur offenbarte. Ihr Dekolleté konnte sich für elfische Verhältnisse ebenfalls sehen lassen, war Saelith schließlich mit etwas mehr gesegnet als viele andere Frauen ihrer Art, ohne dadurch bäuerisch oder gar menschlich zu wirken, machte es ihre hochgewachsene, gerade Erscheinung schließlich wieder wett. Ihr V-förmiger Ausschnitt schmeichelte ihrer Figur, ließ die Wölbung erahnen, ohne sie tatsächlich den Blicken preis zu geben. Gekrönt wurde ihre Aufmachung mit Schmuck aus reinstem Silber, eine filigrane Kette aus zart ziselierten Blättern zierte ihren Hals. Dazu passende Perlenohrringe mit jeweils einem nachtblauen Saphir steckten in ihren Ohrläppchen und am anderen Ende ihres linken Ohrs gab es noch einen silbernen, kleinen Ring. Und für jene, die unbedingt unter ihren Rock sehen wollten, würden erkennen, sobald sie einen gleitenden Schritt machte, dass sie ebenfalls nachtblaue Stiefeletten mit silbriger Schnürung trug. Auf diese Weise glänzte die Älteste der Drei nicht nur voller Eleganz, sondern präsentierte auch erhobenen Hauptes die Farben ihrer Familie, silbrig auf nachtblauem Grund.
Umso mehr Freiheit hatte dagegen Aeneira gehabt bei ihrer Farbwahl, weil sie auffallen durfte, ohne auf diese eingeschränkt Weise präsentieren zu müssen. Im Kontrast zu der anderen setzte sie nun vor allem auf Rot- sowie Violett-Töne, die ihr persönlich einfach am besten gefielen. Natürlich hatte sie sich im Schnitt ihres Kleides einschränken müssen, allerdings hatte es sie keine großen Opfer gekostet. Im Gegensatz zu der Älteren endete ihr Rock nicht direkt auf ihren Schuhspitzen, sondern durfte ihr Schuhwerk in Knöchelhöhe bereits entblößen. Und als wäre dies noch nicht Kontrast genug, trug die Jüngste geschnürte, beigefarbene Sandaletten, die nicht einmal im Ansatz versuchten, ihre perfekt manikürten, makellos in Blutrot lackierten Zehen zu verbergen. Wer von diesem ersten Anziehungspunkt seinen Blick in die Höhe wandern ließ, bemerkt einen schräg fallenden, plissierten Kleiderrock, der auf der einen Seite ihren zierlichen Knöchel erreichte, auf der anderen sogar eine Ahnung ihrer Wade preisgab. Und wenn auf dieses dunkelviolette Kunstwerk der Schneider das Kerzenlicht perfekt fiel, glänzte der Stoff nicht nur verheißungsvoll, sondern ließ auch noch die Silhouette perfekter, graziler Mädchenbeine erkennen, ohne sie tatsächlich zu entblößen. Hätten sich Saelith oder sogar Themis solch eine Aufmachung gegönnt, Velyra hätte sie windelweich geprügelt für so viel Frivolität. Zu Aneira hingegen passte es absolut perfekt und als wäre sie für nichts anderes geschaffen worden! Wer es nun noch schaffte, seinen Blick weiter anzuheben, würde über die sanfte Rundung mädchenhaft schmaler Hüften zu einem kostbaren Samtmieder gelangen. Wie auch der Rock war es von dunkelvioletter Farbe und passend zu dem Nagellack zeigte sich hier blutrote Schnürung, bewusst vorne, um den Blick auf die formvollendete, zierliche Figur der Trägerin zu lenken, während der Häkchenverschluss im Rücken vom Stoff verborgen blieb. Natürlich war Aeneira geschnürt worden, jedoch zeigte sich hier ebenfalls eines ihrer Privilegien. Denn während es bei ihr relativ harmlos, fast schon sanft geschehen war, mit noch ausreichend Platz zum Atmen, selbst nach einem etwas rascheren Tanz, wären ihre beiden Schwestern selbstverständlich bis zur Beinahe-Bewusstlosigkeit eingezwängt worden, um so dünn wie möglich zu wirken. Doch auch so war die Jüngste eine sehr schlanke Erscheinung und es reichte, um ihre Figur weiblicher zu formen, nach unten hin durch den zulaufenden Spitz ihres Mieder, nach oben hin zu dem Ansatz ihrer hochgedrückten Brüste, die natürlich lediglich sehr dezent bloße Haut präsentierten. Trug die Erbin des Hauses Spitzenärmel, so hatte das Nesthäkchen sich für einen Carmenausschnitt in blutrot entschieden, wodurch auch ihre Oberarme unbedeckt blieben. Ihre Unterarme und Hände hingegen steckten in dunkelvioletten Seidenhandschuhen. Auch bei ihr durfte der Schmuck nicht fehlen, passend zu ihren Schuhen trug sie cremefarbenes Geschmeide um ihren Hals und in ihren Ohren mit blutroten Rubinen darin. Und als kleinen Hingucker gab es auch ein Kettchen mit blutroten Rosenblüten aus Rubinen um ihr rechtes Handgelenk. Eine weitere Freiheit, die der Jüngsten gestattet worden war, war ihre Frisur. Hier gab es jeweils zu jeder Seite einen sorgfältig von ihrer Schläfe weg am Kopf entlang geflochtenen Zopf, der ihr ihre Pracht aus dem Gesicht hielt, während der Rest hinten offen in sanften Wellen herab fließen durfte.
Aber es gab auch ein einendes Kriterium der Schwestern, sofern Betrachter sich von all der übrigen Pracht losreißen und tatsächlich in die Gesichter sehen könnte. Sie waren allesamt lediglich dezent geschminkt, hatten in Schwarz betonte Wimpern und leicht silbrig glinzernde Lippen, sonst nichts. Hier hatte Aeneira ausnahmsweise einmal bei ihrer Tante Velyra auf Granit gebissen und es war ihr weder Rouge, noch ein blutroter Lippenstift gewährt worden.
Doch selbstverständlich waren nicht nur die Töchter eine Augenweide, auch die Hausherrin sowie ihre Schwester waren die pure Eleganz, wenngleich nicht mehr so aufreizend und in den Fokus rückend. Beide hielten sich, wie Saelith in Nachtblau-Silber, mit edlen Stoffen, raffinierten Schnitten und qualitativ hochwertigem Schmuck. Vaelissra bevorzugte dazu Schmuck mit dunkelrotem Granat, der hervorragend zu den schwarzen Opalen mit roten Einschlüssen ihres Gatten passte. Ihre Schwester hingegen trug mit Vorliebe goldene Citrine.
Und Themis? Für welche Farbkombination hatte sie sich entschieden? Welche Schnitte hatte Velyra ihr gestattet, welchen Schmuck und welche Frisur war ihr von kundigen Händen gezaubert worden?
So oder so, nicht nur das Anwesen und seine Ausstattung konnten sich sehen lassen, nein, auch die Gastgeber! Geladen indes war, was Rang und Namen hatte, wenngleich die Gästeliste sehr sorgfältig gewählt worden war. Schließlich musste darauf geachtet werden, dass allein das Haus Tel-Tyvirr an diesem Abend glänzte und zwar störungsfrei! Kein schlechtes Gerede durfte aufkommen, kein Risiko einer möglichen Absage eingegangen werden. Aber Vaelissra und Velyra waren erfahren und Meisterinnen ihres Fachs, sodass bislang keine Katastrophe eingetreten war. Im Gegenteil, alle Gäste waren erschienen und eifrig in ihrem Sinnen, dieses Ereignis miterleben zu dürfen. Somit war ein Erfolg schon einmal erreicht. Ob und welche es noch geben sollte, würde der Abend sowie ein Teil der Nacht noch zeigen.
Nun galt es erst einmal, das Fest nach der standesgemäßen Begrüßung in Schwung zu bekommen, mit einem wahren Festmahl aufzutrumpfen, ehe es später zum Tanz und zu der ein oder anderen Überraschung gehen könnte. Die ersten beiden Gänge waren bereits aufgetragen worden, scheinbar zwanglos und frei zur Entnahme, ehe es zu Tisch gehen mochte, um Zeit für Unterhaltung und lockere Konversation. Leise, betont untermalend, wurde Musik gespielt, um eine wohlige Atmosphäre zu schaffen.
Diese Gelegenheit hatte Themis genutzt, um sich nach ihrer Präsentation bei der Begrüßung ein wenig abzuseilen und das Treiben soweit wie möglich unbemerkt verfolgen zu können. Über die wahren Pläne, wohin dieser Abend führen sollte, war sie naturgemäß nicht in Kenntnis gesetzt worden. Aber sie hatte Augen und Ohren und sie war klug, sodass sie sich einiges zusammen reimen konnte. Es reichte jedoch nicht für Gewissheiten, sondern nur für Ahnungen. Somit musste sie spekulieren, ob allein Saelith an diesem Abend zur offiziellen Feier ihres Geburtstages ins Lampenlicht gerückt werden sollte oder auch sie, wenn nicht sogar alle drei Schwestern. Sie waren Ware, die zum Verkauf stand, nicht mehr und nicht weniger, und dessen war sie sich bewusst. War nun indes die Frage, wer der Meistbietende wäre!
Auch wenn das nicht bedeutete, dass Themis sofort auf sich aufmerksam machen musste, mehr, als notwendig wäre. So stand sie eben soweit zurück gezogen wie möglich und beobachtete ihre Familie ebenso wie die Gäste. Als ein Diener sich ihr näherte und ihr nachschenken wollte, bedeutete sie ihm, dass sie nichts mehr wollte. Gehorsam, unter kaum merklicher Nervosität wich er sofort zurück und verschwand geschickt in der Menge, um sie nicht länger zu behelligen. Auf diese Weise hatte sie wieder ihre Ruhe. Glaubte sie zumindest!
Denn als hätte Aeneira ihre Blicke vorhin gespürt, nutzte sie das ihr eigene Talent, sich regelrecht unbemerkt anzuschleichen, um sich an die Ältere heranzupirschen. Plötzlich, ohne Vorwarnung, ertönte direkt hinter Themis die wohl bekannte, stets leicht schmeichelnde Stimme ihrer kleinen Schwester:"Trink lieber mehr und genieße den Wein unverdünnt! Wer weiß, ob du am Ende des Abends noch einen klaren Kopf besitzen willst!" Als hätte sie nichts weiter als eine besonders raffinierte Heiterkeit erzählt, folgte ihren Worten ein leises Kichern, wie von einem kleinen, unbeschwerten Kind, das sie nie wirklich gewesen war. Sollte Themis den Kopf drehen und sie ansehen, würden ihr Augen entgegen blitzen, in denen so etwas wie boshafte Vorfrude glitzerte.
Doch sie käme nicht zu einer Antwort, da Aeneira sich sofort von ihr abwandte und zu ihrem eigenen Kreis zurückkehrte, der bereits sehnsüchtig auf sie zu warten schien. Zurück ließe sie Themis mit deren Gedanken dazu. Schon lachte wieder jenes Mädchen zu laut, das ihr zuvor schon aufgefallen war. Auch die anderen wirkten, als hätte Aeneira wie immer einen wunderbaren Witz gemacht. Da jedoch niemand aus deren Runde zu der Älteren hinüber sah, schien das Thema nicht sie zu sein.
Was allerdings nicht bedeutete, dass sie vollkommen übersehen wurde. Denn unvermittelt, wie schon zuvor durch ihre kleine Schwester, erklang nun von der anderen Seite her ungefragt eine weitere Stimme. "Mir scheint, spitze Zungen wollen stets neu gewetzt werden, um nicht abzunutzen.", ertönte ein ungewöhnlich warmer, samtiger, tiefer Bariton zu ihrer Linken. Sollte sie den Kopf drehen, bekäme sie einen der vielen Gäste zu sehen, der ihr mit einem feinen Lächeln, das mit seiner dezenten herablassenden Note regelrecht freundlich für ihresgleichen wirkte, mit dem Glas zuprostete.
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Re: Nachtblau und Rosenwein

Beitrag von Themis Tefrenet Tel-Tyvirr » Samstag 25. Juli 2026, 19:59

Themis mochte es nicht, angesehen (oder, um bei der ganzen Wahrheit zu bleiben, auch nur wahrgenommen) zu werden. Daran gewöhnt war sie freilich trotzdem, gehörte es mitunter doch zu den ersten Dingen, die man einer Tochter ihres Hauses beibrachte: stillzuhalten, nicht den Kopf zu senken, den Blick nicht abzuwenden, wenn fremde Augen an Stoff, Haut und Haltung entlangglitten, als ließe sich daran ablesen, welchen Wert ihr gesamtes Dasein besaß. Adelstöchter wurden angesehen, wurden begutachtet, von der Gesellschaft für würdig oder unwürdig befunden – an einem Abend wie diesem, an dem sich die gesamte Blutlinie in sorgfältig entzündeten Lichtern präsentierte, mehr denn je. Themis war so gesehen noch nicht mal frei genug, um für ihre Familie bedeutungslos zu sein. Saelith war die Erbin. Aeneira die Verheißung. Themis irgendetwas dazwischen — nicht erste Wahl, nicht letzter Trumpf, doch zumindest wertvoll genug, um ausgestellt zu werden. Sie alle waren Teil desselben sorgfältig arrangierten Bildes aus Glanz und Schatten, das Haus Tel-Tyvirr den geladenen Gästen darbot. Und auch Themis, still an den Rand des Geschehens gerückt, ging darin nicht unter.
Selbstverständlich hatte Velyra auch an ihr dafür gesorgt, dass nichts dem Zufall überlassen blieb. Kein Faltenwurf. Keine Strähne. Nichts, das zu viel verriet oder zu wenig versprach. Hätte Themis jemals geglaubt, ihr Körper gehöre ihr selbst – allein der Vormittag dieses Tages hätte sie gründlich eines Besseren belehrt. Hände hatten an ihr gezupft, geschnürt, gerichtet und geglättet. Fremde Finger edle Stoffe über ihre Haut geführt, feinstes Silber in ihr Haar eingearbeitet, während ihre Tante zugleich die Linie ihrer Schultern, die Enge ihrer Taille und die Haltung ihres Nackens überprüft hatte. So, wie es schon oft der Fall gewesen war, mit jener altbekannten, aber deshalb gewiss nicht weniger grausamen Genauigkeit. Als wäre sie keine Person, sondern lediglich ein kostbares Werkstück kurz vor der Übergabe. Und Themis hatte stillgehalten. Natürlich hatte sie das. Es mochte beinahe als Kunst verstanden werden, nicht zurückzuweichen, wenn jemand einen zu lange betrachtete. Als Kunst, genau im richtigen Maße die Luft anzuhalten, wenn andere an der Schnürung zogen. Als Kunst, nicht zu zeigen, wie wenig man berührt werden wollte, solange all diese Berührungen nur dem Zweck dienten, einen vorzeigbar zu machen. Ja, in gewisser Weise brillierte Themis darin, gerade zu stehen, den Blick ruhig zu halten, während man sie prüfte. Ihre kalten Hände nicht in den Stoff zu krallen, selbst dann nicht, wenn der Drang dazu ihre Finger beinahe schmerzhaft steif werden ließ. Das Ergebnis jedenfalls hatte Velyras Anspruch entsprochen. „Brauchbar“, so hatte das Urteil gelautet, nachdem die Dienerinnen endlich von ihr abgelassen hatten. Mehr Lob war nicht zu erwarten gewesen. Und so stand Themis nun am Rand des Festsaales, den dunklen Kelch sacht in ihrer Hand schwenkend, und trug dieses Wort wie einen weiteren, belanglosen Schmuckstein an ihrem Körper ... Brauchbar. Ein erstaunlich hässliches Wort für etwas, das so lange gedauert hatte.
Ihre Gewandung war letztlich dunkler ausgefallen als jene ihrer älteren Schwester, weniger eindeutig in den Farben Tel-Tyvirrs gehalten. Kein reines Nachtblau, kein prunkvolles Silber auf schwarzem Grund. Man hatte sich an ihr für eine tiefere, dunklere Färbung entschieden, eine, die im Schatten beinahe jede Farbe verlor, die erst bei Bewegung ihren kühlen, nächtlichen Schimmer zeigte. Der Stoff schwer, glatt und teuer; seine seidig glänzende Oberfläche wie schwarzes Gewässer, sobald Themis auch nur den kleinsten Schritt tat. Der Schnitt streng genug gehalten, um zumindest auch ihre eigene Zufriedenheit zu verdienen. Hochgeschlossen, prüde vermutlich in den Augen der Jüngsten, die jedes Verbot mit einem Lächeln zu umspielen wusste, Themis selbst jedoch wollte keine Frivolität an sich dulden. Nur die feine Linie ihres Halses hielt der Schnitt betont, zusätzlich zur schmalen Eleganz ihrer Schultern und dem nackten Ansatz ihres zarten, entblößten Nackens, der zwischen hochgestecktem Haar und dunklem Stoff wie eine verwundbare Stelle wirkte, die man aus Versehen nicht vollständig verborgen hatte. Die langen Ärmel enganliegend, glatt und dunkel bis zu den Unterarmen, wo sie sich irgendwann in zarter Spitze aus silberschwarzem Garn verloren. Ein fein gearbeitetes Muster, filigran wie dunkle Eisblumen, die sich über ihre obsidianfarbene Haut zogen.
Themis' Blick glitt in diesem Moment über Saelith hinweg, über deren schimmernde Spitze, den erhobenen Hals. Wenn ihre Schwester nervös war, zeigte sie es nicht. Wenn sie sich vor dem fürchtete, was dieser Abend bringen mochte, trug sie diese Furcht wie alles andere: aufrecht, diszipliniert, unsichtbar. Ob Saelith bereits wusste, was verkündet werden sollte? Ob sie zugestimmt hatte? Nicht, dass persönliche Zustimmung von Nöten gewesen wäre, hätten nur genug Schulden und fremde Interessen auf dem Tisch gelegen, aber ... Nun ja. Aeneira hingegen ... Themis' jüngere Schwester sah aus, als habe dieser Abend sie nicht belastet, sondern regelrecht entzündet. Und doch hätte Themis es besser wissen müssen, als sie länger als nötig zu beobachten.
Sie spürte ihre Schwester nicht kommen. Natürlich nicht. Sie hörte keinen Schritt, kein Rascheln, da war nur plötzlich diese Stimme hinter ihr, weich und schmeichelnd wie Honig auf einer frisch geschärften Klinge.
„Trink lieber mehr und genieße den Wein unverdünnt! Wer weiß, ob du am Ende des Abends noch einen klaren Kopf besitzen willst!“
Themis bewegte sich nicht, sie seufzte nur. Der Geschmack des Dämmerrosenweins auf ihrer Zunge mit einem Mal dunkler, bitterer, als hätte Aeneiras Worte Gift hinein geträufelt. Themis' Finger blieben ruhig um den Stiel des Kelches geschlossen. Aeneira kicherte. Ein sonderbar helles, beinahe kindliches Geräusch, das auf andere vermutlich liebenswert wirken mochte, sollten sie nicht wissen, wie wenig Kindliches jemals in ihrer jüngsten Schwester geschlummert hatte. Themis wandte den Kopf gerade so weit, dass sie Aeneira einen Blick zuwerfen konnte ... und erkannte das Blitzen in Aneiras Augen als das, was es war. Boshafte Vorfreude. Neugier. Vielleicht das Vergnügen darüber, eine bevorstehende Tragödie miterleben zu dürfen. Einen Herzschlag lang begegnete Themis diesem Blick. Dann senkte sie die Lider, um sich erneut dem Treiben des Festes zuzuwenden. Sie sah Aneira nicht nach, als diese davon glitt, zurück zu jenen, die bereits auf sie zu warten schienen. Die Jüngste war zweifellos talentiert darin, Kreise um sich zu ziehen. Kleine, täuschend warme Kreise aus Bewunderung, Furcht und dem unbedingten Wunsch, nicht das nächste Ziel ihrer Laune zu werden.
Themis hob den Kelch wieder an, betrachtete den dunklen Wein, der sich schwer an der Innenseite des schwarzen Kristalls bewegte.
„Mir scheint, spitze Zungen wollen stets neu gewetzt werden, um nicht abzunutzen.“
Eine weitere Stimme, die zu ihrer Linken erklang. Ungewöhnlich warm. Tief und samtig.
Der Mann, der neben ihr stand, hob sein Glas zu einem feinen Prost.
Themis erkannte ihn nicht, als sie ihm einen flüchtigen Blick schenkte, also betrachtete sie ihn. Nicht offen musterend, nicht unhöflich, wohl aber mit jener ruhigen Aufmerksamkeit, die sie die Qualität seiner Kleidung wahrnehmen ließ, den Schnitt, den Sitz, die Wahl seines Schmucks, die Selbstverständlichkeit, mit der er nahe genug stand, um sie anzusprechen. In gewisser Weise hörte sie auch den Ton seiner Stimme immer noch nachklingen, warm genug, um beinahe angenehm zu sein. Einen Moment lang blieb ihr Blick an seinem Lächeln haften.
Nun, es wäre doch bedauerlich“, erwiderte sie schließlich, ihr Augenmerk glitt bereits wieder zurück zum Fest, „wenn die Zunge meiner Schwester ausgerechnet an einem Abend wie diesem stumpf würde, nicht wahr?“ Nun nahm sie doch einen kleinen Schluck des Dämmerrosenweins, wenn auch nur gerade genug, dass es nicht aussah, als trage sie das Glas nur zur Zierde. Die Bitterkeit breitete sich rasch auf ihrer Zunge aus, schwer und würzig, also ließ sie sich einen Atemzug Zeit, ehe sie fortfuhr. „Sie genießt den Vorteil, dass ich ihr manche Späße immer noch als Lebhaftigkeit auslege.“ Noch einmal sah Themis dorthin, wo Aeneira inzwischen wieder inmitten ihres kleinen Kreises stand. Das Lachen des Mädchens erklang erneut, hell und falsch platziert, aber niemanden schien es zu stören.
An dieser Stelle hätte Themis die Unterhaltung am liebsten stehen lassen. Ein höfliches Neigen des Kopfes, ein kaum sichtbares Lächeln, ein Rückzug in eine stillere Ecke des Festsaales, dorthin, wo die Schatten dichter lagen und gesprächsfreudige Gäste sie nicht ganz so schnell finden würden. Es hätte so einfach sein können, sich diesem Strom zu entziehen, einen neuen Platz am Rand zu finden, an dem sie still genug hätte rumstehen können, um mit etwas Glück sogar gänzlich vergessen zu werden.
Doch das war nicht das, was man ihr beigebracht hatte.
Und es war ganz gewiss nicht das, was Velyra oder ihre Mutter geduldet hätten, hätten sie es bemerkt.
Themis hielt ein Seufzen zurück. Sie spürte den alten Reflex beinahe körperlich: nicht ausweichen, nicht unhöflich werden, keine Unsicherheit zeigen. Ein Gast, der sie ansprach, war kein Störfaktor, sondern „eine Gelegenheit". Ein Blick, eine Stimme, eine Annäherung — all das musste angenommen, eingeordnet und beantwortet werden, solange kein eindeutiger Grund bestand, sich zu entziehen. Flucht war nichts für Töchter Tel-Tyvirrs, schon gar nicht inmitten eines Festes. Also blieb sie.
Ich hoffe, das Fest unterhält Euch bisher ausreichend?
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Re: Nachtblau und Rosenwein

Beitrag von Erzähler » Dienstag 28. Juli 2026, 22:02

Im Adel war, im Gegensatz zu dessen Dienerschaft, gesehen zu werden das Um und Auf. Wer im Gespräch blieb, war von Bedeutung und wurde akzeptiert, besser noch, sogar beneidet und konnte seine Strippen weiter ziehen. Selbst Gerüchte oder gar ausgewachsene Skandale konnten in dieser Hinsicht von Wichtigkeit sein. Wer hingegen aus der allgemeinen Aufmerksamkeit wich, riskierte es, vergessen zu werden. Und ein Adelshaus, das in Vergessenheit geriet, war dem klaren Untergang geweiht. Soweit sollte es mit dem Hause Tel-Tyvvir jedenfalls nicht kommen!
Mochte das Geld auch knapper, der Einfluss auf das Zentrum der Macht geringer werden, noch bäumte es sich auf und warf die Angel mit den wertvollsten Ködern aus, die es derzeit besaß: drei, wenn auch nicht unbedingt sonderlich willige, so doch eindeutig heiratsfähige Töchter. Jede für sich eine Augenweide, aufs Beste erzogen und sich dessen bewusst, dass ihr Dasein am Ende des Tages einzig und allein einem Zweck diente: den Fortbestand der eigenen Familie absichern. Im günstigen Falle würde dies bedeuten, dass auch Reichtum und Macht wieder ausgebaut, der Weg auf dem absteigenden Ast verlassen werden könnte. Aber selbst, wenn ihnen das nicht gelingen würde, würden sie das Netzwerk erweitern und eben die nächste Generation auf ihre Aufgaben vorbereiten.
Doch dafür benötigte es eben auch die passenden zukünftigen Ehegatten. Sollten diese an jenem Abend voller Prunk und Glanz bekannt gegeben werden? Oder galt es noch auszuloten, herauszufinden, wer für diese Rolle tatsächlich passend, welche Verbindung gewünscht wäre?
Die betroffenen Töchter waren naturgemäß im Ungewissen gelassen worden. Oder galt dies lediglich für Themis? Wusste Saelith bereits mehr? Oder hatte Aeneira beim Lauschen etwas herausgefunden? Wäre das Verhältnis unter ihnen ein besseres gewesen, womöglich hätten sie sich darüber ausgetauscht.
So hingegen blieb jede für sich und ihrem Wesen entsprechend an ihrem Platz: die Älteste wie auf dem Präsentierteller auf dem leicht erhöhten Podest der Gastgeber, die Jüngste umschwärmt von ihresgleichen und deren Mittelpunkt. Und die Mittlere? Diese versuchte, sich möglichst unauffällig zu verhalten, alles im Blick zu haben und trotzdem nur so zu tun, als wäre sie an diesem Fest beteiligt, als wolle sie nicht am liebsten aus diesem Saal unbemerkt verschwinden.
Es gelang nicht, denn ihre kleine Schwester hatte feine Sinne und bemerkte es, dass die Ältere sie beobachtete. Oder war es lediglich Zufall, dass sie kurz darauf in Themis' Nähe erschien, um ihre spitze Zunge an ihr zu wetzen? Vielleicht, vielleicht auch nicht. Eventuell hatte auch etwas anderes, jemand anderes sie auf diesen Gedanken gebracht. Wie auch immer, eine kurze Bemerkung war alles, was sie der Schwester gönnte, ehe sie sich wieder ihrem eigenen Kreis zuwandte.
Was sollte das nun wieder? Was wusste die Jüngste, das sie zu solchen Worten veranlasste? Oder steckte rein die Freude an ihrer scharfzüngigen Kunst dahinter? Die Schwestern kannten sich gut, trotz ihres distanzierten Umgangs miteinander war jeder bewusst, welche Schwächen die anderen hatten, dafür hatte Velyra gesorgt. Eigentlich, um darauf zu achten, dass niemals eine davon an die Außenwelt gelangen und somit zu schlechtem Gerede führen würde. Allerdings hatte gerade Aeneira eine große Freude daran, zu sticheln und zu bohren, ihr Wissen auszunutzen, und sie tat es bei so vielen Gelegenheiten. Steckte also eventuell gar keine Bedeutung hinter der Andeutung, sondern sollte nur dazu dienen, Themis Gedankenkarussell zu wecken?
Ganz gleich, welcher Zweck also dahinter gesteckt haben mochte, sie hatte eines auf jeden Fall erreicht: Sie hatte ihrer größeren Schwester Aufmerksamkeit beschert. Ob diese angenehm werden würde oder nicht, musste sich erst weisen. Zumindest das Timbre des dunklen Gastes war ein sehr angenehmes und kitzelte scheinbar wohlig samten im Ohr. Ebeno wirkte sein Lächeln selten freundlich, ohne vollkommen verbergen zu können, dass auch in ihm, wie in allen seiner Rasse gleichfalls wie seinem Stand, Arroganz und Herablassung steckten, wenngleich im Moment nicht ihr galten.
Als er mit seinen Worten erreicht hatte, von Themis wahrgenommen zu werden, proteste er ihr zu und nippte an seinem Glas, während sein Blick gemäßigt über seine nähere Umgebung glitt. Das war keinesfalls als Unhöflichkeit oder gar plötzlich aufgekommenes Desinteresse zu werten, sondern er gab ihr damit die Gelegenheit, ihn in seiner Erscheinung zu betrachten, ohne sich von seinem Blick taxiert fühlen zu müssen. Und wahrlich, es war ein stattlicher Mann, der sich erlaubt hatte, sie anzusprechen.
Wie alt genau er war, ließ sich selbstverständlich nicht sagen, aber er wirkte wie jemand in seinen besten Jahren, kein leichtsinniger Jungspund mehr, doch auch noch kein alternder Elf, der sich mittels viel zu junger Mädchen glaubte, jung halten zu können. Wahrscheinlich war er um die 150 bis 170 Jahre alt.
Sein hochgewachsener, wohlproportionierter Körper wurde von erlesenem Samt umhüllt, den er mit Haltung, die einen Hauch Lässigkeit andeutete, zu tragen verstand. Auch in der Farb- sowie Schnittwahl seiner Kleidung waren Stil und Geschmack als auch Selbstvertrauen zu erkennen. Seine Hosen waren anliegend, ohne einzuengen oder gar zu auffällig zu betonen, was allein im Schlafzimmer zu sehen sein sollte, und verschwanden in den Schäften seiner schwarzen, sorgfältig polierten Stiefeln mit einem kleinen Absatz. Sein Oberkörper war indes in ein seidiges Hemd mit kurzer Schnürung beim Ausschnitt gehüllt, dessen Stoff knapp unterhalb von Nabelhöhe im Bund seiner Hosen steckte und locker an ihm herabfiel. Die Ärmel waren lang geschnitten und zogen sich an seinen Handgelenken leicht zusammen, um ein Verrutschen zu verhindern und seine Hände mit den filigranen, langen Fingern nicht unwillkommen zu verbergen. Darüber trug er ein samtenes Gilet mit kostbarer Stickerei, die dazu einlud, sie näher und ausgiebiger zu betrachten, um all ihre ineinander verschlungenen Muster zu ergründen.
Farblich waren die Samtanteile seiner Kleidung in einem dunklen Violettton gehalten, der perfekt zu seinen intensiv violetten Augen passte, ihn aufnahm, ohne die Aufmerksamkeit davon abzulenken, sondern sie vielmehr zu ergänzen. Sein Hemd hingegen orientierte sich gemeinsam mit seinen Stiefeln an seiner Haut, die an kostbaren Obsidian erinnerte, sodass es auf einen ersten, flüchtigen Blick kaum auffiel, dass die Schnürung beim Ausschnitt einen Blick auf den Körper darunter erlaubte. Nicht viel, aber ausreichend, um ihm einen Hauch Verwegenheit unterstellen zu können. Hatte man es indes einmal entdeckt, war es ein Blickfang, denn beim richtigen Lichteinfall schimmerte seine Haut, als hätte er sie extra gepudert oder mit kostbarem Öl eingerieben, je nachdem, ob sie sich glatt und seidig oder warm und samtig anfühlen sollte.
Schaffte es der Blick nun trotz allem von diesem verlockenden Detail weiter in die Höhe, wäre hier ein schlanker, langer Hals, der zu einem fein geschnittenen, attraktiven Gesicht führte. Auch hier schimmerte die Haut hin und wieder ein wenig, jedoch nicht seine schön geschwungenen Lippen, was darauf schließen ließ, dass er sich darüber bewusst war, dass dies nicht der rechte Ort für zu viel Frivolität wäre. Als hätte Faldor allerdings befürchten müssen, dass dieser Dunkle ihm seinen Platz in Manthalas Gunst streitig machen könnte bei zu viel Perfektion, war die Nase dieses Festgastes eine Spur zu schmal und seine Wangenknochen einen Tick zu ausgeprägt. Aber diese beiden Makel machten ihn umso anziehender, sofern man es schaffte, darauf zu achten, anstatt auf seinen Mund... oder seine ausdrucksvollen, violetten Augen. Deren Farbe war kräftig, jedoch nicht grell, sodass sie nicht gefühlt blendeten im Kontrast zu seiner dunklen Haut.
Umso auffälliger war dafür sein Haar, auch ohne jener aufwendigen Frisur, die er für diesen Abend trug. Denn in all dem schwarzblau seiner seidig glatten Pracht, mischten sich einige blonde Strähnen, die beinahe golden im Kerzenschein wirkten. Das hatte es ihm erspart, sich zusätzlichen, farblichen Schmuck einarbeiten zu lassen, um den Fokus von seinen natürlichen Farben nicht zu nehmen. Links trug er sein Haar nun in mehrere dünne Zöpfe dicht an den Kopf geflochten bis hinter sein Ohr, ehe sie sich dort zu einem dickeren Zopf vereinigten, der zu seinem Hinterhaupt führte. Auf der rechten Seite hingegen gab es nur einen dünnen Flechtzopf auf Höhe des höchsten auf der Gegenseite, der nach hinten lief und sich in der Mitte der Hinterseite mit dem anderen traf, um als ein gemeinsames Flechtwerk auf seinem sonst offenen Haar gebettet hinab bis etwa zu seiner Taille zu reichen. Der Rest seines Haars auf der rechten Seite hingegen war kurz geschoren und würde bei besseren Lichtverhältnissen das Wappen seiner Familie offenbaren. Es war der Kopf eines Phönix', der den Schnabel geöffnet hielt, als wolle er seinen Triumphschrei ertönen lassen oder stand direkt davor Feuer zu speien. Und absolut passend, wie beabsichtigt, wuchs eine blonde Strähne genau dort aus seinem Kopf, wo sich das Auge des Wappentieres befand. Jetzt hingegen, bei diesem dunklen Kerzenschein, war lediglich die Kürze auf dieser, Themis' zugewandten Seite unterhalt des Flechtzopfes zu erkennen.
Also wäre es eigentlich an ihm, sich soweit vorzustellen, dass sie wüsste, mit wem sie das Vergnügen hatte. Aber er tat es nicht, sondern beobachtete sie aus dem Augenwinkel heraus und wartete ab, bis sie fertig mit ihrer Betrachtung war. Ob ihr gefiel, was sie zu sehen bekam? Oder entspräche er nicht ihrem Geschmack? War er auch in ihren Augen elegant gewandet? Trug er ihr einen zu unpassenden, protzigen Schmuck mit jenem Ring auf seinem rechten Ringfinger, mit dem mittelgroßen kostbaren Obsidianstein in der betont geschwärzten, einen halben Zentimeter breiten Silberfassung? Oder die dunkelgolden schimmernden, dünnen Ringe in seinen Ohrspitzen, einer rechts, drei auf der linken Seite? Mehr hatte er nicht angelegt. Warum? Weil er nicht mehr besaß, so teuer auch das Wenige an ihm wirkte, oder weil er nicht übertreiben wollte?
Schließlich wurde es für Themis Zeit für eine Replik. Ihre Worte sorgten für ein flüchtiges, amüsiertes Zucken seiner Mundwinkel. Erneut hob er das Glas zum Prost in ihre Richtung. "Nun, es freut mich, dass Eure Rüstung standgehalten hat!", konterte er und sah sie wieder an, wobei sein Blick nicht an ihrer Erscheinung herabglitt. Vermutlich, weil er das bereits im Vorfeld getan hatte. Nein, er suchte ihren Blick und wollte ihn mit dem seinen festhalten. Es war ein kurzer Moment, nicht mehr und dennoch intensiv, als wolle er ihre Umgebung vergessen machen. Und beim nächsten Herzschlag war er wieder vorbei, ein Wimpernschlag brach den Kontakt und ließ die Wirkung zurück auf das Anbahnen harmloser Konversation gleiten.
Als sie ihr Glas hob, um daran zu nippen, tat er es ihr gleich. „Sie genießt den Vorteil, dass ich ihr manche Späße immer noch als Lebhaftigkeit auslege.“ Er nickte und folgte ihrem Blick zu jener Person, über die sie ins Gespräch gekommen waren. "Jüngere Geschwister wissen nun einmal, ihre Vorteile auszukosten, ob es uns gefällt oder nicht.", erwiderte er mit einem nachsichtigen Tonfall.
Ob er ebenfalls in solch einer Position wie Themis war? Oder war er der Jüngste und schlichtweg jenem Alter entwachsen, in dem er es noch ausgenutzt hatte?
Ein kurzes, kaum merkliches Schweigen senkte sich zwischen sie, als sie dieses Thema beendet hatten. Doch anstatt sich von ihr zu verabschieden, als es eine Gelegenheit gab, blieb er und schien abzuwarten, was nun geschehen würde. Und gehorsam sowie gut erzogen wie sie war, gab sie ihm einen Grund, sich weiterhin mit ihr zu unterhalten. „Ich hoffe, das Fest unterhält Euch bisher ausreichend?“
Er hob sein Glas an, um erneut daran zu nippen, als müsse seine Antwort gut überlegt und abgewogen werden. Schließlich meinte er:"Bislang ist es recht angenehm, auch wenn ich das Gefühl habe, hier herrsche ein wenig eine..." Sein Blick glitt in Richtung des Podests. Zufall oder nicht, einen flüchtigen, kaum wahrnehmbaren Herzschlag lang, betrachtete er Saelith. "... gezwungene Stimmung.", vollendete er seinen Satz.
Schon sah er zurück zu Themis und erneut schenkte er ihr ein feines, warmes Lächeln, das seine Augen aufblitzen ließ. "Verzeiht, wenn ich Euch nicht sonderlich lange beehren kann. Aber ehe ich weiterziehe, möchte ich mich vergewissern, dass ein Vertreter des Hause Manvarián Platz auf Eurer Tanzkarte hat. Soweit ich weiß, besteht im Hause Tel-Tyvirr auf bewährte Weise Damenwahl!" Wäre es nicht so aberwitzig und irgendwie fehl am Platze, wäre beinahe so etwas wie Schalk in seiner Stimme zu hören, als er so beiläufig seine Vorstellung vornahm und zugleich einen Tanz zu späterer Stunde beanspruchte.
Und Themis? Wie würde sie damit umgehen, wie galant er seine Frechheit in Höflichkeit kleidete?
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Re: Nachtblau und Rosenwein

Beitrag von Themis Tefrenet Tel-Tyvirr » Samstag 1. August 2026, 13:19

Ihr Blick blieb lange genug an ihm haften, um das Bild zu ordnen, das er ihr bot. Weicher Samt in dunklem Violett, sämtliches Licht verschluckend, dazu edle Schnitte und die warme, dunkle Klangfarbe seiner Stimme ... Der Mann besaß ein unaufdringliches, selbstverständliches Selbstbewusstsein, eine Haltung, die vermutlich selten um Erlaubnis fragte, wenn gleichzeitig auch nicht plump genug wirkte, sie offen zu fordern. Nein, dieser Mann hatte sich nicht überladen genug herausgeputzt, dass es wirkte, als wolle er unbedingt bemerkt werden, er stellte kein kostbares Schaustück dar, das den Blicken hinterherlief, ebenso wenig den eitlen Versuch, zwischen all den glänzenden Hälsen um Aufmerksamkeit zu betteln. Und doch war er in seiner gesamten Aufmachung elegant genug hergerichtet, um schwer übersehen zu werden. Vielleicht lag gerade darin die eigentliche Absicht, denn an diesem Abend, das wusste Themis, würde nichts rein zufällig passieren. Nicht die Wahl eines Stoffes. Nicht das Maß an Haut, das ein Kragen preisgab. Nicht die Art, wie jemand seinen Kelch hielt oder eine Pause zwischen zwei Sätzen setzte. Dieser Mann hatte natürlich gewusst, dass er betrachtet werden würde. Mehr noch: Er schien darüber hinaus noch zu wissen, wann es vorteilhaft war, sich betrachten zu lassen. Themis jedenfalls betrachtete ihn lange genug, um die gepflegte Lässigkeit seiner Erscheinung als das wahrzunehmen, was sie war: keine Nachlässigkeit, sondern wohldosierte Kontrolle. Ein Mann, der sich nicht aufdrängte. Ein Mann, der dennoch Raum einnahm.
Als er auf ihre Worte hin den Kelch erneut hob, neigte Themis ihren eigenen nur um einen kaum sichtbaren Hauch. Gerade genug, um den Gruß anzunehmen, auch wenn sie nicht vorhatte, sich einfangen zu lassen. „Meine Rüstung wäre bedauerlich schlecht gewählt“, erwiderte sie, ein höfliches Lächeln auf den Lippen, „wenn sie bereits an einer schwesterlichen Spitze Schaden nähme.“ Es war eine glatte Antwort, eine höfische Antwort. Eine, die ihm nichts gab, was er nicht ohnehin schon beobachtet haben mochte. Und doch hallte dieses eine Wort in ihr nach, länger, als es sollte. Rüstung. Wie leicht manche Personen das Richtige sagten, ohne wissen zu können, wie nahe sie der Wahrheit damit kamen. Themis hätte den Gedanken abschütteln sollen, stattdessen blieb er einen Augenblick an ihr haften, kühl und unangenehm präzise. Sie trug an diesem Abend Stoff, Schmuck und Haltung. Kein Metall. Keine Klinge. Nichts, das sie wirklich hätte schützen können. Und doch hielt sie sich in Schichten gehüllt, hochgeschlossen, tadellos, als ließe sich ihre Verwundbarkeit mit genügend Seide ersticken. Als könnte diese verhindern, was ihr an diesem Abend noch bevorstehen würde. Oder darüber hinwegtäuschen, dass sie selbst Teil der Auslage war. Sorgfältig eingefasst. Brauchbar gemacht.
Themis behielt das kleine, höflich distanzierte Lächeln bei, während sie seinem Blick folgte. Aeneira stand wieder dort, wo sie offenbar hingehörte: im Mittelpunkt eines Kreises, der sich mit jeder ihrer Bewegungen ein wenig enger um sie zu ziehen schien. Jüngere Geschwister, hatte er gesagt. Vorteile. Ob es uns gefällt oder nicht. Uns. Ein kleines Wort nur. Leicht dahingesprochen. Doch an einem Abend wie diesem würde sie nicht achtlos an solchen Dingen vorbeigehen.
Ihr sprecht aus Erfahrung, nehme ich an?“, fragte sie, ohne den Blick sofort zu ihm zurückzuwenden. Ihr Ton blieb mild, nur an den Rändern lag jene trockene Aufmerksamkeit, die aus einer höflichen Frage etwas machte, das sich nicht ganz so leicht als Belanglosigkeit abtun ließ. Erneut sah sie zu ihm auf, das Lächeln ihrer Lippen kaum merklich vertiefend. Themis wusste freilich nichts über ihn. Nicht seinen Namen, nicht seinen Rang, nicht, welche Stelle er im Gefüge seines eigenen Hauses einnahm. Oder aus welchem Haus er stammte. Ob er selbst ein jüngeres Geschwister gewesen war, das sich mehr hatte erlauben dürfen. Oder ein älteres, das ebenfalls früh gelernt hatte, Haltung zu bewahren, während sich andere jener Freiheiten bedienten, die ihnen selbst nie zugestanden worden waren.
Themis beobachtete, wie sein Blick zum Podest schweifte, zu Saelith, ihrer Schwester, wie ausgerechnet sie im Mittelpunkt des Festes stand, einer sorgsam polierten Opfergabe gleich. Nur flüchtig, gewiss. Vielleicht hätte sie es sogar als Zufall abgetan, hätte sie nachsichtiger sein wollen, aber ... gezwungene Stimmung. Seine Formulierung klang nicht anfechtbar genug, wenngleich doch zu treffend, um wirklich beiläufig zu klingen. Zu nah dran an dem, was in diesem Saal verborgen lag. Ein kluger Mann, dachte Themis. Oder ein unverschämter. Vielleicht auch einer, der mehr wusste, als sie ihm zutrauen wollte? Themis' Blick blieb einen Atemzug zu lange auf Saelith ruhen; auf deren Haltung, dem stolz erhobenen Kopf, der schmalen Linie ihres Halses und jener scheinbar so mühelosen Eleganz, die nach außen hin trug. Dann kehrte Themis’ Aufmerksamkeit zu ihrem Gesprächspartner zurück. Ihr Stand verlangte, dass sie Partei ergriff. Nicht unbedingt für die Wahrheit – wohl aber für ihr Haus. „Ordnung lässt sich leicht mit Zwang verwechseln“, antwortete sie deshalb freundlich. „Aber Ihr habt nicht Unrecht, ich nehme an, eine derart sorgfältig geplante Feier hinterlässt schnell einen strengen Eindruck. Besonders, wenn ihre Gastgeberinnen solch hohen Wert darauf legen, dass jedes Detail seinen ihm zugewiesenen Platz kennt.“ Ob sie von der Festordnung sprach, von den Gästen, von Saelith — oder von sich selbst — ließ sie offen.
Der Mann lächelte wieder. Warm. Fein. Mit einem Aufblitzen in den Augen, das Themis wenig Anlass gab, ihn für unaufmerksam zu halten. Er würde sie gewiss verstanden haben. Dann: „Verzeiht, wenn ich Euch nicht sonderlich lange beehren kann. Aber ehe ich weiterziehe, möchte ich mich vergewissern, dass ein Vertreter des Hauses Manvarián Platz auf Eurer Tanzkarte hat. Soweit ich weiß, besteht im Hause Tel-Tyvirr auf bewährte Weise Damenwahl!“
Haus Manvarián.
Da war er also, der Name, der kein Name war.
Themis spürte, wie sich die höfische Ordnung des Abends um diesen einzelnen Satz enger zog. Tanzkarten waren keine harmlosen Dinge, nicht wirklich. Ein Tanz war Berührung, Blickfang, Gespräch. Öffentlich und nah. Und in einem Haus, das seine Töchter an diesem Abend wie kostbare Versprechen ausstellte, konnte selbst ein scheinbar leichtfertig beanspruchter Tanz Bedeutung tragen. Wobei ... Ein Vertreter. Nicht er selbst. Um genau zu sein ... Nicht mal sein Vorname. Nicht sein Rang. Nur sein Haus. Wie großzügig, dachte Themis, und diesmal war es schwer, kein tatsächlich amüsiertes Lächeln zu zeigen. „Eine erstaunlich geschickte Art“, sagte sie leise, „eine Bitte auszusprechen, ohne sie wie eine Bitte klingen zu lassen.“ Ihr Ton blieb trotz dem Schmunzeln, das an ihren Mundwinkeln zuckte, höflich. „Und eine noch geschicktere, sich vorzustellen, ohne seinen Namen preiszugeben.“ Das Lächeln, das sie ihm schenkte, war tadellos gezügelt – und fein genug, zu zeigen, dass sie seine kleine Anmaßung verstand, wenngleich sie nicht vorhatte, ihn offen zu tadeln. Dann, etwas leiser, in beinahe vertraulich gesenkter Stimme, fügte sie schließlich noch hinzu: „Ob ich Euch darauf vermerke, hängt vielleicht davon ab, ob ich bis dahin erfahre, mit wem genau ich die Ehre hätte.“ Nun war es an ihr, den Kelch zum Abschied ein kleines Stück weit anzuheben. „Am Ende erscheint statt Eurer ein wunderlicher Großvater mit demselben Anspruch. Eine solche Nachlässigkeit würde mir meine Tante nur schwerlich verzeihen können.
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Re: Nachtblau und Rosenwein

Beitrag von Erzähler » Montag 3. August 2026, 22:41

Wenn sie oder jemand anderes diesen Fremden konkret danach gefragt hätte, hätte er unumwunden bestätigt, dass er ein geerdetes Selbstbewusstsein besaß und das auch zu Recht. Er wusste um sich und seinen Wert, wusste, was er besaß und musste nicht protzen. Seine Haltung war gerade, aufrecht und zugleich in sich ruhend sowie mit einem Hauch von Spott, der im Hintergrund zu lauern schien, bereit, bei passender, sich bietender Gelegenheit auszubrechen. Er drängte sich nicht in den Mittelpunkt, konnte jedoch mit lässiger Selbstverständlichkeit genau dazu werden, wenn er es denn wollte.
Derzeit indes hatte er bei einer einzigen Person Aufmerksamkeit hervor gerufen und ließ sich betrachten, während sein Mundwinkel minimal zuckte. Ob es ihn belustigte, dass sie ihn in Augenschein nahm? Oder verbarg sich unter seiner Aufmachung in Wahrheit doch ein gehöriges Maß an Eitelkeit, dem sie gerade unwissentlich schmeichelte. Eindeutig lesen ließ er sich jedenfalls nicht.
Aber er entließ sie auch nicht einfach aus dieser höfisch begonnenen Konversation. Stattdessen sponn er den Faden weiter, den er ihr gereicht hatte. "Wie wahr! Doch sind es nicht gerade Geschwister, die ein ums andere Mal nach Schwachstellen suchen?", konnte er es nicht bei ihrer Verteidigung bewenden lassen. Ob er ebenfalls nach solch einer Schwachstelle suchte, um seinen Dolch hinein stoßen zu können?
Im Moment hingegen sah er nicht einmal in ihre Richtung, sondern hatte ihre Angreiferin im Auge, die sich benahm, als hätte es dieses kleine Zwischenspiel zwischen den Schwestern nicht gegeben.
Und als wäre dieser Abend nicht dazu angetan, manch unangenehme, bittere Wahrheiten zu offenbaren. Nein, Aeneira wirkte, als hätte sie nichts weiter als Spaß und würde diesen Abend in vollen Zügen genießen. Sie war der geborene Mittelpunkt eines jeden Festes, ein wahrer Magnet für Bewunderung und Unterwürfigkeit, ohne, dass sie sich dafür anstrengen musste. Oder zumindest, ohne, dass man merken konnte, ob sie es tat oder nicht.
Welch einen Kontrast bildete Saelith dazu! Auf dem Podest stehend, absolut gerade, regelrecht steif und unnahbar, als könnte sie selbst an einem heißen Sommertag nicht auftauen. Dabei könnte die Älteste der drei Schwestern selbst im Schlaf solch ein Ereignis wie den heutigen Abend organisieren, wüsste sofort, wer wie und in welchem zeitlichen Rahmen einzuladen wäre, und noch all die anderen unzähligen Details für den Erfolg. Auch konnte sie mitunter charmant sein, wenn sie es musste, obwohl man ihr das im Moment überhaupt nicht zutrauen würde.
Und wie reihte sich Themis in das Trio ein? Wo lägen ihre Stärken? Im Beobachten, im Zuhören, um die Informationen für sich abzuspeichern und im geeigneten Augenblick mitunter gegen die Person zu nutzen? Oder könnte sie es vollbringen, einen kleinen Kreis auszuwählen, ähnlich wie Aeneira, nur nicht so hirnlos und unterwürfig, um in kleiner Runde all ihr organisatorisches Talent, ähnlich wie Saelith, zu demonstrieren? Oder läge ihr vielmehr die Rolle der Dame des Hauses, die gekonnt alle Fäden im Hintergrund zöge, ohne selbst in den Vordergrund treten zu müssen?
Erst einmal galt es, sich zu unterhalten, geschliffen, formvollendet höflich, und zugleich so viel Interesse zu mimen, um ihn nicht zu verstimmen. Sein Blick kehrte zu ihr zurück und in seinen Augen blitzte es amüsiert auf. „Ihr sprecht aus Erfahrung, nehme ich an?“ "Wie man es nimmt. Hörensagen würde es vermutlich eher treffen.", gab er zurück und offenbarte damit zweierlei.
Einerseits, dass er keine jüngeren Geschwister hatte, zumindest keine offiziellen, mit denen er im selben Haushalt erzogen worden wäre. Andererseits, dass er einen weiteren Anknüpfungspunkt für ihre Neugier gegeben hatte. Denn was genau er damit meinen könnte, war nicht eindeutig. Bezog er sich mit dem Hörensagen auf Erzählungen aus seinem Umfeld? Oder aus Vorwürfen von möglichen älteren Geschwistern, weil er wiederum der Jüngste wäre? Und wenn letzteres, hatte er diese ebenfalls das Leben schwer gemacht so wie Aeneira ihr?
Sein Blick wanderte ein weiteres Mal, so kurz es auch sein mochte, gepaart mit einer treffenden Bemerkung, die trotz allem so unverfänglich war, dass dahinter keine Spitze erkannt werden durfte, wollte man ihm solcherart Spott nicht im kränkenden Sinne unterstellen. Woher kam das? Wieso durfte er sich so etwas überhaupt erlauben? War er womöglich mehr als nur einer der zahlreichen Gäste, die sich in diesem Saal zusammen gefunden hatten? Und warum besaß er so viel Frechheit, sich bislang noch immer nicht vorgestellt zu haben?
Anstatt allerdings darauf hinzuweisen und ihn so in Zugzwang zu bringen, verteidigte Themis ihr Umfeld. Erneut zuckte sein Mundwinkel und zwar ausreichend, um ein feines, belustigtes Schmunzeln anzudeuten. Einen winzigen Atemzug lang... oder war es eine Sinnestäuschung aufgrund des Kerzenlichts gewesen? "Zu viel Ordnung kann rasch in Zwang enden.", drehte er ihren Satz kurzerhand um und ließ diese Bedeutung einen Moment lang zwischen ihnen hängen, nicht verletzend, sondern tatsächlich eher amüsiert.
Bis er mit einem Mal eine kleine Verbeugung andeutete. "Verzeiht, diese Bemerkung war zu vertraulich und steht mir gewiss..." Hier hielt er einen flüchtigen Wimpernschlag lang inne, lang genug, um vorhanden zu sein, kurz genug, um übergangen werden zu können. "... nicht zu."
Daraufhin lauschte er ihren Worten. „Aber Ihr habt nicht Unrecht, ich nehme an, eine derart sorgfältig geplante Feier hinterlässt schnell einen strengen Eindruck. Besonders, wenn ihre Gastgeberinnen solch hohen Wert darauf legen, dass jedes Detail seinen ihm zugewiesenen Platz kennt.“ Dieses Mal gab er keine verbale Rückmeldung dazu, sondern nickte lediglich, als wolle er schlichtweg ihre Meinung anerkennen oder den Umstand, dass sie damit alles und jeden meinen könnte, während sie ihre Familie naturgemäß verteidigte.
Und um das Thema zwischen ihnen nicht unangenehm werden zu lassen, schwenkte er kurzerhand zu einem vollkommen anderen um, um, wie nebenbei, einen Namen fallen zu lassen. Nicht seinen Vornamen, nein, natürlich nicht. Doch wenigstens wusste sie nun, wohin er gehörte.
Manvarián. Selbstverständlich würde ihr dieses Haus etwas sagen, denn es handelte sich dabei um alles andere als eine unwichtige Familie. Eine Familie mit Reichtum im Hintergrund und davon unterstützter, aufsteigender Macht. Einziges Manko: Obwohl bereits vor zwei Generationen geadelt, war genau dies das Hindernis für das gleichwertige Behandeln dieses Hauses unter ihresgleichen. Eben weil erst seit zwei Generationen adelig, galten sie weiterhin als neureiche Emporkömmlinge hinter vorgehaltener Hand. Und trotzdem waren sie immer beliebtere Festgäste, fing auch in diesen Kreisen das Feilschen um potentielle Heiratskandidaten an.
Denn die aktuelle Generation hatte zwei Vertreter zu bieten, eine ältere Tochter und einen jüngeren Sohn. Erstere war bereits vorteilhaft verehelicht worden und unterstrich damit den Aufstieg des Hauses, auch wenn sie den Namen hatte ablegen müssen. Der Sohn hingegen, der Erbe, war noch ungebunden. Ob es sich bei ihrem Gegenüber genau um diesen handelte. War er hier, um eine passende Wahl zu treffen?
Sicherlich wäre eine Verbindung zum Hause Tel-Tyvvir eine weitere Untermauerung des steigenden Einflusses, ein weiterer Schmuck und eine Verbindung zu einer alten, eingesessenen Familie. Und Themis' Mutter sowie Tante wären gewiss geneigt, dies zu unterstützen. Die Frage war somit, ob die Verzweiflung der Matriarchin und ihrer Stellvertreterin schon groß genug wären, um dafür Saelith herzugeben, einfach, um auch in Zukunft zu glänzen und den Schein wahren zu können, dass sie noch mächtig genug wären, um ihre Position zu halten. Sofern es keine anderen, besseren Möglichkeiten gäbe, wäre das also durchaus eine Option. Dagegen sprach jedoch der Umstand, dass das Haus Manvarián nur noch den einen Erben zur Verfügung hatte, um es fortzuführen, und somit sicherlich nicht auf den eigenen Namen verzichten würde. Schon gar nicht, weil es das nicht nötig hätte, zu erfolgreich war es im Moment. Und da käme natürlich Themis als Option ins Spiel, ein Band zwischen den beiden Häusern, mit dem Ursprung in dem einen und der Zukunft in dem anderen. War das der Grund, warum er sich zu ihr gesellt und sie angesprochen hatte?
Oder handelte es sich in Wahrheit zwar um ein Mitglied des Hauses, allerdings um kein offizielles? Das derzeitige Oberhaupt des Hauses war immer noch jener Dunkelelf, der damals den Adelsstand erreicht hatte, aber das war inzwischen ein alter Tattergreis. Dessen ältester Sohn hingegen hatte vor seiner Hochzeit als Schwerenöter gegolten und ihm wurden so einige uneheliche Bastarde nachgesagt, die selbstverständlich niemals anerkannt worden waren. Davon war zwar mit dem Tag der Heirat mit einer reichen Erbin von niederem Adel nach außen hin Schluss gewesen. Doch wer konnte und wollte schon in sämtliche Schlafzimmer Morgerias schauen? Und eine Nebenlinie gab es ebenfalls noch, mit ein paar männlichen Vertretern im geschätzten Alter ihres Gegenübers.
Also konnte die mittlere Tochter des Hauses Tel-Tyvvirs zwar sagen, dass sie es mit jemanden zu tun hatte, der aufstrebende Kontakte hatte, aber nicht, ob er bedeutend genug wäre, dass sich viel Aufwand dafür lohnen würde. Zugleich schaffte er es mit seiner Art, ihren eisernen Schutz ein wenig zu durchdringen und auch ihrer Mimik einen Hauch von Amüsement zu entlocken, das sich sofort in seinem Blick widerspiegelte. „Eine erstaunlich geschickte Art, eine Bitte auszusprechen, ohne sie wie eine Bitte klingen zu lassen. Und eine noch geschicktere, sich vorzustellen, ohne seinen Namen preiszugeben.“ Auch in seinem Mundwinkel zuckte es leicht und er deutete eine weitere Verbeugung an. "Verzeiht, ich fürchte, mir wurde einmal zu oft erzählt, dass Damen gerade Geheimnisse und Rätselraten sehr zu schätzen wissen.", entgegnete er, ohne an diesem Umstand ihrer Unwissenheit etwas ändern zu wollen.
Im nächsten Moment kam indes ein Konter, der ihm deutlich offenbarte, dass nicht nur er mit Worten und Andeutungen umzugehen verstand. So leise, wie sie ihre Stimme für ihn gesenkt hatte, war auch sein kurzes Schnauben, das erklang, weil er sich ein Lachen verbat. Gleichzeitig hob er seinen Kelch und nippte daran, um diesen Laut zu verbergen... und zugleich zu betonen. In seinen Augen funkelte es, als er die Herausforderung annahm.
"Nun, wenn der Großvater in seinem Alter noch das Tanzbein schwingen könnte, wäre er geehrt, es mit Euch zu schwingen.", gab er zurück und wagte es, sich einen Hauch zu nähern. Außerdem wandte er sich dabei vollständig ihr zu und beugte sich vielleicht einen kleinen Fingerbreit in ihre Richtung, während sein Blick den ihren wie mit einem Netz einfing. "Oder vielleicht, wer weiß das schon zu sagen, würde statt meiner sogar meine Schwester zum Tanz erscheinen, um Euch zu durch die Musik zu führen!", führte er ihre Befürchtung weiter aus und spielte zugleich darauf an, welches Geschlecht bei der Familie des Gastgebers das Sagen hatte. Ob dieser Umstand ihn amüsierte oder er ihn schlichtweg als gegeben hinnahm, blieb hingegen hinter seiner Fassade wohlweislich verborgen.
Noch einen Atemzug länger als notwendig hielt er ihren Blick gefangen, ehe er sich wieder aufrichtete und ihr grüßend den Kelch entgegen hob. "Meinen Namen behalte ich vorerst noch für mich. Nur soviel möchte ich Euch verraten: Er beginnt mit dem passenden Buchstaben T!", klärte er sie auf und das in einem Tonfall, in dem eine leise Belustigung mitschwang. Wäre er nicht so wohlerzogen gewesen, hätte er ihr womöglich sogar zugezwinkert, denn natürlich war ihnen beiden bewusst, dass auch ihr Name so begann. Damit wandte er sich mit einem kurzen, angedeuteten Nicken von ihr ab und besaß die Frechheit, sie stehen zu lassen.
Doch bei all seinen Andeutungen hatte er ihr trotz allem verraten, wer er war. Ein Vertreter des Hauses Manvarián mit einer Schwester und sein Name begann mit einem T. Nun, dann musste es sich tatsächlich um den Erben handeln, denn dieser hieß, soviel wusste Themis, Tamwýn Nialan. Also wollte er einen Tanz mit ihr wagen, alles andere machte keinen Sinn!
Gerade, als diese Gewissheit sich in ihr niederlassen und ein Gefühl hervorrufen wollte, durchzuckte sie ein weiterer Gedanke. Der Name der Tochter der Hauptlinie besaß denselben Anfangsbuchstaben! Ja, mehr noch, er selbst hatte darauf angespielt, dass statt seiner diese Schwester auftauchen konnte, nämlich Thara Lorne! Nein, das war bestimmt nichts weiter als ein Scherz gewesen! Eine Andeutung auf ihre Familienstruktur, nichts weiter. Doch der Zweifel war gesät und gekommen, um zu bleiben.
Hinzu kam, dass es noch weitere männliche Vertreter gab. Wie gut wohl Themis' Namensgedächtnis wäre? Wüsste sie, ob es hierbei noch weitere Träger mit diesem ersten Buchstaben, der mit ihrem in Verbindung stand, gäbe?
Nein, nein, es musste sich um den einzigen, männlichen Erben des Hauses handeln, alles andere ergäbe keinen Sinn! Oder wollte er sie schlichtweg nur zum Narren halten, zu seiner eigenen Belustigung?
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