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Roderick

Verfasst: Sonntag 25. März 2018, 05:50
von Roderick
Rodericks Steckbrief
Name: Roderick

Rasse: Mensch aus Grandessa

Alter: 32 Jahre

Geschlecht: Männlich

Beruf: Gelernter Fleischer / Soldat

Heimat: Grandea, die Hauptstadt des Königreichs Grandessa

Gesinnung: Neutral, mit Hang zum Guten

Glaube Kein religiöser Mensch

Magie: Keine magische Begabung

Sprachen: Celcianisch, Garmisch, einige Fetzen Lerium

Aussehen: Roderick ist 1, 83 Meter groß, wiegt 72 Kg und hat einen drahtigen Körperbau mit breiten Schultern. Sein schwarzbraunes Haar ist kurzgeschnitten und das Gesicht von einem zerzausten Vollbart umrahmt. Dichte Brauen sitzen über wachsamen tiefbraunen Augen, um die sich in den Jahren feine Krähenfüße gebildet haben. An der Stelle seines linken Zeigefingers ist ein plumper Stumpf verblieben, der von einem folgenschweren Unfall zeugt. Weitere Narben finden sich auf seinem Rücken in Form tiefer Striemen und auf seinem rechten Oberschenkel, den einst ein Pfeil durchbohrt hatte. In den acht Jahren seines Heeresdienstes trug Roderick einen wattierten Waffenrock aus grobem Leinen, der neben Schutz vor Verletzungen auch etwas Wärme in den kalten Nächten bot, darüber eine wollene Gugel. Hat er seine Armbrust nicht in den Händen oder des Nachts in griffweite neben sich liegen, ist sie am ledernen Schultergurt befestigt, an dem auch sein Köcher mit Bolzen hängt.

Persönlichkeit: Wie die beiden Seiten einer Münze zeigt sich Rodericks Persönlichkeit zweierlei. Auf den ersten Blick erscheint er distanziert und unnahbar, ist ein Außenseiter in einer Welt voller Fremden, die er bewusst auf Abstand hält. In Gesprächen gibt er sich wortkarg, reagiert zurückhaltend und stets bemüht, seine eigene Lebensgeschichte für sich zu behalten. Um sich nicht allzu weit öffnen zu müssen, tarnt er seine wahren Emotionen mit beißenden Galgenhumor und aufgesetzter Gleichgültigkeit. Doch wem es gelingt, ihm trotz all dieser Hürden näher zu kommen, bemerkt bald, dass es sich bei all dem um nichts anderes als eine Maske handelt. Der wahre Roderick ist ein tief traumatisierter Mensch, der in seinem eigenen Käfig aus Schuldgefühlen gefangen ist. Entsetzt von seinen Taten und durch den damit verbundenen Selbsthass getrieben, ist er auf der Suche nach Erlösung, ohne zu wissen, wo oder wonach er eigentlich suchte. Trotz seiner Rohheit ist sein moralischer Kompass intakt und treibt ihn an, zwingt ihn, das Unrecht seiner Umwelt zu konfrontieren. Erkennt er die Güte in Fremden, so kann er nicht anders, als sich für sie einzusetzen, wenn es auch lange dauern mag, bis er ihnen vertraut. Den Wert seines eigenen Lebens schätzt er dabei nicht besonders hoch, was seine große Risikobereitschaft verrät. Ohne Perspektiven und scheinbar ohne Zukunft ist er bereit, nach jedem Strohhalm zu greifen, der sein geplagtes Gewissen lindert, seien es auch nur der kurzzeitige Rausch aus der Flasche oder der warme Schoß einer Frau. Nur den Schlaf meidet er eisern, aus der Angst vor den jede Nacht wiederkehrenden Albträumen. Letzteres ist ein Kampf, den er stets aufs Neue verliert und ihn am nächsten Morgen erschöpft, ruhelos und voller Anspannung erwachen lässt.


Stärken: Rodericks Waffe der Wahl ist die Armbrust, eine treue Begleiterin, die in den vergangenen Jahren ein Teil seiner selbst geworden war. Er konnte nicht sagen, wie oft er den hölzernen Schaft entlang gesehen, wie viele hundert Bolzen er bereits abgefeuert hatte. Er traf natürlich nicht immer, vor allem nicht auf längere Distanzen. Doch in der Entfernung weniger Dutzend Meter, war sein Ziel auf den Punkt genau. Kam ihm der Feind zu nahe und fehlte die Zeit zum Nachladen, musste er sich wie alle grandessanischen Schützen notgedrungen mit dem Langdolch verteidigen. Dabei half die Gewohnheit handliche Klingen zu führen, wie er es an der Schlachtbank getan hatte. Oft öffnete ein Wirbeln zwischen den Fingern oder ein schnelles Wechseln der Waffenhand ein kurzes Zeitfenster, das ausreichte, um sich des Angreifers zu entledigen. Das Fleischerhandwerk mag ansonsten auf den ersten Blick nicht weiter von großem Nutzen sein, wenn man sich, wie Roderick, auf der Flucht befindet. Doch allein die Möglichkeit, die bei der Jagd erlegten Wildtiere gekonnt auszunehmen und jede Faser Fleisch in wertvolle Nahrung umzuwandeln, spricht bereits für sich. Ebenfalls erhält der Fleischer einen tiefgehenden Blick in die Physiologie der Lebewesen, darunter gesondert das Schwein, dessen Aufbau dem Menschen verblüffend ähnelt. Herz, Lungen, Magen, Nieren, Leber, Darm - all die lebenswichtigen Organe befinden sich an derselben Stelle, wo sie auch beim Menschen zu finden sind, wenn es auch den einen oder anderen Zweifler verstören mag. Mit diesem Wissen können bewusst fatale Wunden geschlagen oder aber auch eigene Verletzungen verlässlich verortet werden. Paart man dies alles mit den Erfahrungen aus der Zeit im grandessanischen Heer, so mag man erkennen, das Roderick mit einer Auswahl nützlicher Fertigkeiten ausgestattet ist, die ihn zweifellos auf seinen Reisen in Celcia zu Nutzen kommen werden:

Armbrust (sehr Gut)
Messer / Dolche (Gut)
Tierverwertung
Anatomisches Wissen
Militärisches Wissen

Schwächen: Rodericks größter Feind ist sein Gewissen, und diesem Feind kann er nicht entkommen. Sein innerer Unfriede hat direkte Auswirkungen auf seine Persönlichkeit, die anderen Gegenüber nicht sehr einladend wirken muss. Zwischenmenschliche Bindungen sind unmöglich, wenn an einem Ende stets an der Brücke gesägt wird, zudem verbaut sich Roderick regelmäßig Gelegenheiten, die sich in Gesprächen eröffnen könnten. Die Irritation seines Gegenübers führt beim falschen Gemüt womöglich zur Eskalation, was eine diplomatischere Haltung noch verhindern hätte können. Doch nicht nur der zwischenmenschliche Bereich leidet unter Rodericks Gewissen, sondern auch sein eigener Körper. Der anhaltende Schlafmangel fordert seinen Tribut und verursacht schwerwiegende Folgen, darunter Aufmerksamkeitsstörungen, schnellere physische Überanstrengung und im schlimmsten Fall Halluzinationen, die Rodericks Wahrnehmung beeinflussen können. Da all diese Probleme noch relativ neu in seinem Leben sind, muss er vorerst lernen, mit ihnen umzugehen, um wieder Herr über seinen Körper und Geist zu werden. Neben dieser scheinbar unlösbaren Aufgabe weist Roderick natürlich viele andere Mängel auf, die ihm zum Nachteil gereichen können. Er kann nicht lesen und schreiben, nur das Kopfrechnen hatte ihm sein Vater beibringen können. Und wie so viele Grandessaner weiß er nur wenig über die Welt jenseits des Königreichs, und noch weniger davon ist tatsächlich wahr.

Lebensgeschichte:

Kindheit und Jugend
Roderick wurde als Sohn eines Fleischers und einer Hebamme im Außenring der grandessanischen Hauptstadt Grandea geboren. Großgezogen in einem Schlachthaus, das vor seinem Vater bereits einst sein Großvater betrieben hatte, sog er den metallischen Geruch von Blut bereits mit der Muttermilch auf. Auf allen Vieren streichelte er das weiche Fell der Lämmer, die am Morgen in die Halle kamen. Und am selben Abend spielte er mit kleinen Reiterfigürchen, die sein Vater ihm aus ihren Knochen schnitzte. Der Tod der Tiere tat ihm anfangs schrecklich leid, doch mit der Zeit gewöhnte er sich an den Gedanken. Sie mussten sie töten, damit er und seine Familie leben konnten. Und sie lebten gut, im Vergleich zu den anderen Bewohnern des Außenrings, deren Alltag von Armut und Not bestimmt war. Rodericks Mutter erzählte oft von ihren Problemen, da sie als Hebamme in die Häuser junger Mütter kam, um sie bei der Geburt zu betreuen. Einmal hatte Roderick sie mit einer Schüssel Wasser ins Armenviertel begleitet und war erschrocken, wie mager und ausgehungert die Menschen dort waren. Ob sie am Sonntag kein Fleisch essen würden, hatte er einen Jungen gefragt. Dieser hatte ihm erzählt, dass er deswegen Ratten jagen würde, aber diese meist zu schnell für ihn seien. Roderick hatte seine Mutter darauf nie wieder bei ihrer Arbeit begleitet. Sie hatte es ihm nicht übel genommen. Sie war gütig und voller Lebensfreude, half den Menschen oft ohne einen einzigen Fuchs dafür zu verlangen. Als Roderick sieben Jahre alt war, machte sie sich eines Morgens auf den Weg zu einer Wöchnerin und kehrte nicht mehr zurück. Wenige Tage später wurde sie nackt und mit durchgeschnittener Kehle in einer Seitengasse gefunden.
Der Tod seiner Mutter ließ Rodericks Vater verbittert zurück. Hatte er zuvor noch vereinzelt Almosen an die Bedürftigen verteilt, verschloss er sich ihnen immer mehr. „Außenring-Pack“ nannte er sie - die Rhetorik der Händler und niederen Adeligen imitierend, die ihre Laufburschen aus dem Innenring schickten. Er versorgte sie mit gewildertem Geflügel und Rotwild, die er dank einer Abmachung mit der Stadtwache durch das Nordtor schmuggelte. Zugleich machte er es sich zum Ziel, seinen Sohn in das Familienhandwerk einzuweihen. Mit elf Jahren konnte Roderick Schweine, Schafe und Rinder in ihre Teilstücke zerlegen und wusste, wo das feinste Fleisch verborgen lag. Die Messer seines Vaters waren ihm so sehr vertraut wie seine eigenen zwei Hände und tanzten über die Schlachtbank wie Pinsel über eine Leinwand. Bald übertraf er sogar seinen alten Lehrmeister, der seinem Sohn mit stolzgeschwellter Brust bei der Arbeit zusah. Mit dem Erwachsenwerden erweiterte sich Rodericks Horizont nach Außen, fernab der Schlachthalle. Eine kurze, wenn auch stürmische Liebesbeziehung mit der Gerberstochter endete fast mit bösem Blut, als sie ihr Vater mit Roderick im Bett ertappte. Nur mit einem Sprung aus dem Fenster und einer schamvollen Flucht in aller Nacktheit konnte er sich vor dem grobschlächtigen Hünen retten, der ihn mit seinem Scherdegen noch mehrere Häuser wild fluchend verfolgte. Gemeinsam mit Freunden entdeckte er den Alkohol, dem er am Ende der langen Arbeitstage immer öfter zusprach. Übermutig in seiner Jugend und von billigem Schnaps berauscht, die mahnenden Worte seines alten Herren missachtend, wurde er immer nachlässiger. Erst als er in seiner Trunkenheit mit dem Fleischermesser ausrutschte und sich den linken Zeigefinger abtrennte, schwor er dem Trinken ab. Obwohl Grandea keine Stadt war, die zum Wohlfühlen einlud, verbrachte Roderick seine Jugend inmitten des überwiegenden Elends auf einer Insel der Privilegierten. Doch das Elend schwappte regelmäßig auch über sie hinweg und zog sie zurück zu sich ins Meer.
Roderick war 24, als der scheinbar ewigwährende Krieg mit Jorsa einen neuen Höhepunkt erreichte und König Hendrik II. ein Dekret erließ, das die Konskription ausrief. All der vorgetäuschte Einfluss des Vaters erwies sich als wertlos, als die Stadtwache kam, um Roderick mitzunehmen. Er ging aus freien Stücken, ließ sich nicht etwa aus dem Haus schleifen wie der Schusterjunge von nebenan. Insgeheim war ein Teil von ihm froh darüber. Keinesfalls weil er eifrig war, den Wunsch des Königs zu erfüllen - den alten Hurenbock konnte der Blitz beim Scheißen treffen, wenn es nach ihm ging. Auch seinen Vater verließ er ungern, die Tränen zurückhaltend als er ihn ein letztes Mal umarmte. Doch all die Jahre, in denen er vor sich hin gelebt hatte, seine Freunde heirateten und Kinder bekamen, hatte ihn eine nagende Frage im Hinterkopf geplagt: „War dies alles, was das Leben zu bieten hatte?“ Zu Beginn hatte ihm dieser Gedanke ein schlechtes Gewissen bereitet. Lysanthor hatte ihn mit einem Heim, einem liebenden Vater und einer brotbringenden Arbeit gesegnet und immer noch war er unzufrieden. In Wahrheit wollte er die Welt erkunden, die jenseits der großen Mauer lag. Er wollte schöne Elfen sehen, mit bärtigen Zwergen trinken, wilde Orks bezwingen - all die Dinge, von denen die dummen Spiele seiner Kindheit gehandelt hatten, hatten ihn nie wirklich losgelassen. Das grandessanische Heer, wie sehr es beim Volk auch verhasst war, erschien ihm zu diesem Zeitpunkt als willkommene Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen. Töricht und voll jugendlichem Tatendrang folgte er den Soldaten in die Kaserne, bereit zum Krieger ausgebildet zu werden.

Soldatenleben
Natürlich kam alles anders als erwartet. Roderick hatte sich erhofft, durch seine Erfahrung mit Klingen – wie klein sie auch waren – und seinem starken Körper zu einem Schwertkämpfer ausgebildet zu werden. Auch die Streitaxt, weit verbreitet und in Grandea als edelste aller Waffen gepriesen, hätte er mit Stolz geführt. Doch stattdessen wurden er und seine neuen Kameraden als Armbrustschützen rekrutiert. Die Armbrust galt als niederste aller Waffengattungen, da sie leicht in Massen herzustellen war und kaum Geschick benötigte – woran ihre Ausbildner sie immer wieder erinnerten. Während andere im Feld mit dem Feind rangen, waren sie es, die ihre Gegner aus dem Hintergrund mit Bolzen traktierten. Bolzen, die auch edle Ritter aus dem Sattel heben konnten, ohne einen Schwertstreich mit ihnen zu wechseln. Es war wahrlich nicht die Heldenwaffe, welche die tapferen Recken in den Geschichten von Rodericks Mutter getragen hatten, als sie die Welt vor dem Bösen befreiten. Doch sie war verlässlich und Roderick lernte schnell, dass dies als einziges zählte. Bald schon schoss er sieben Bolzen pro Minute, traf auf 150 Meter ins Ziel und konnte seine Armbrust in völliger Dunkelheit laden. Niemand lobte ihn dafür. Lob war im grandessanischen Heer nicht vorgesehen. Doch die Ausbildner waren sichtlich zufrieden mit seinen Leistungen, was ihm Anerkennung genug war.
Was Roderick früh am Soldatenleben zu schätzen lernte, war ein Gefühl von Zugehörigkeit, das er als einfacher Bürger nie erfahren hatte. Sie alle waren junge Männer mit den verschiedensten Hintergründen: Da war Erhardt der Schmiedelehrling, mit Händen so groß wie Spatenblättern. Der kahle Lorentz, der mitten aus seinen Vorbereitungen zur Priesterweihe gerissen wurde und stets ein Gebet an Feylin auf den Lippen trug. Lambert, ein Wagenbauer, der für jeden Spaß zu haben war. Jackob und Mathes, zwei Halsabschneider aus dem Armenviertel, die miteinander mehr Strafdienste ausfassten, als der Rest der gesamten Kompanie zusammen. Sie verband wahrlich wenig, allein das Schicksal, das sie gemeinsam hierher geführt und ihnen das selbe Los erteilt hatte. Doch das schien auszureichen, um sie einander als gleichwertig akzeptieren zu lassen und innerhalb kürzester Zeit aneinander zu wachsen. Ihre Ausbildung dauerte nicht lange, nur wenige Wochen, die sie in der strikt vom restlichen Bereich des Innenrings getrennten Kaserne verbrachten. Ihr Verband wurde schon bald nach Troman verlegt, dem Stützpunkt an der Grenze zum Königreich Jorsan. Als die Rekruten bei Morgengrauen das Nordtor Grandeas hinter sich ließen, wandten sich einige Köpfe zurück zu den hohen Mauern, zu ihrem Heim mit ihren Familien. Roderick aber sah nach vorne, auf den Weg, der ihn ins Ungewisse führte.
Der Schutz des Grenzlands, das Zurückschlagen von Eindringlingen und das Durchführen von Aufklärungsmissionen im Feindgebiet – dies waren die drei Aufgaben, welche die Männer für die kommenden Jahre beschäftigte. Roderick musste erkennen, dass seine ursprüngliche Vorstellung von Krieg nur wenig mit der Realität zu tun gehabt hatte. Statt großen Schlachten, in denen beide Seiten all ihre Kräfte aufbrachten und aufeinander losließen, war Krieg eine äußerst langatmige Angelegenheit. Den Großteil seiner Zeit verbrachten er und seine Kameraden wartend, in ständiger Bereitschaft auf einen Angriff, der natürlich nie kam, da die andere Seite ebenso auf einen Angriff wartete. Neben ihrem Wachdienst in Troman durchstreiften sie die Wälder des Grenzgebietes, hielten nach den Handzeichen ihrer Kommandanten Ausschau und lauschten teils Stunden in das Grün hinein, nach dem Geräusch von brechenden Ästen und aufstiebenden Vögeln. Sie patrouillierten auf den Waldwegen und beobachteten die Straße, stießen teils tief ins feindliche Gebiet vor, nur um am Abend bei Einbruch der Dunkelheit wieder umzukehren. Manchmal vergingen Monate, bis sie einen einzigen feindlichen Soldaten zu Gesicht bekamen, noch länger gar, bis es zur Konfrontation kam. Doch wenn es soweit war, schien sich all die gesammelte Anspannung mit einem Schlag zu entladen.

„Wie viele?“ Roderick zog den Kopf ein, als ein Pfeil nur wenige Zentimeter über seinem Kopf hinweg zischte. Seit dem Morgen hatten sie die Spuren eines jorsanischen Truppenverbandes verfolgt, der nur wenige Meilen nördlich Tromans gesichtet wurde. Es stellte sich heraus, dass die Jorsaner ihnen eine Falle gestellt hatten, doch schienen sie ihren Feind unterschätzt zu haben. „Zwei beim umgefallenen Baum, einer bei der Böschung!“ Lambert hatte den Satz noch nicht beendet, als sich zu ihrer Linken ein Bolzen löste und ein lebloser Körper in rotem Waffenrock die Böschung hinunterrollte. „Hah! Feylin scheint dem Glatzkopf wirklich beim Schießen zu helfen - HOL DIR DEINE EIGENEN ZIELE LORENTZ!“ Als Antwort kam ein kurzer Pfiff und das Rascheln von sich entfernender Schritte. Lambert spähte erneut über seine Deckung, einen breiten Felsen, der sich zwischen zwei Bäumen verkeilt hatte. Er konnte sich gerade noch rechtzeitig ducken, da riss ihm ein weiterer Pfeil die wattierte Haube vom Kopf. „FÜR DEN KÖNIG!“ Die Jorsaner schienen die spottenden Grandessaner satt zu haben. Lambert schnaubte, griff sich an den blutenden Kopf und sah herausfordernd zu Roderick hinüber, der gerade seine Armbrust spannte und ihm mit einem Bolzen zwischen den Zähnen zugrinste. „Lässt du ihnen das durchgehen, Fleischerjunge?“ Roderick rutschte mit angelegten Ellbogen den schmalen Erlenstamm hinauf, der ihm als einzige Deckung diente. Er schloss die Augen, lauschte, zählte bis drei und stieß dann aus der Deckung hervor: „FÜR WEIBER UND BIER!“ Sein Bolzen sirrte und traf einen der feindlichen Bogenschützen mitten in die Stirn. Im selben Augenblich bohrte sich ein Pfeil in den Waldboden zu Rodericks Füßen, ein anderer streifte seinen Gambeson haarscharf und verschwand hinter ihm im Dickicht. Mit einem Hechtsprung brachte sich der junge Soldat in Sicherheit und wurde von seinem breit feixenden Kameraden hinter den schützenden Felsen gezogen. „Weiber und Bier - das ist doch mal ein verdammter Schlachtruf dem ich folgen kann!“ Lambert lachte sein kehliges Lachen, dass die überlebenden Jorsaner nur noch weiter anstachelte. „IHR GRANDESSANISCHEN HUNDE!“. Pfeile prasselten auf sie herab, zerschellten am Felsen und bohrten sich in die umliegenden Bäume. Roderick warf den Kopf in den Nacken und stimmte ein spottendes Gebell an „AARUUUUUUUU!“ Der Wald um sie herum erschallte vom Gelächter der grandessanischen Soldaten, die ihren Kreis um die übrigen Jorsaner immer enger schlossen. Das laute Organ ihres Kommandanten tönte wohlwollend aus dem Chor der Stimmen hervor : „IHR HÖRT ES MEINE KÖTER - BEIßT IHNEN IN DEN ARSCH!“

Wie merkwürdig es auch klang - der Kampf war eine willkommene Abwechslung für Roderick. Natürlich war ihm ständig bewusst, dass er sein Leben aufs Spiel setzte, dass nur ein Fehler sein Ende bedeuten konnte. Die Verletzungen, die toten Kameraden, all das erinnerte ihn an die Realität der Dinge, erinnerte ihn, dass hinter der überzogen spielerischen Art, mit der sie ihren Feinden gegenübertraten und diese verspotteten, eine größere Wahrheit steckte, die sie durch ihr Kriegsspiel zu verschleiern suchten. Im Grunde war es das selbe Prinzip, das sein Vater ihm als Kind beigebracht hatte: Man musste töten, um am Leben zu bleiben, um nicht selbst zu sterben. Es war dieser Gedanke, an den Roderick dachte, nachdem er seinen ersten Jorsaner erschossen hatte, einen Späher, den nur das Blitzen seines Schwertes im Sonnenlicht verraten hatte. Er hatte weder Stolz noch Bestürzung empfunden, als er den Toten vor sich liegen gesehen hatte. Er hasste den Feind nicht, er bemitleidete ihn jedoch auch nicht. Der Jorsaner musste die ungeschriebenen Regeln gekannt haben, so wie er sie gekannt hatte. Mehr noch - anders als Roderick hatte er sich vermutlich sogar freiwillig zum Heeresdienst gemeldet. Aus Patriotismus, Abenteuerdrang oder auch nur um seinen Sold zu kassieren. Und nun hatte er eben dafür mit seinem Leben gezahlt. So war der Lauf der Dinge, so hatten die Götter die Welt geschaffen. Wer war er, ihren Willen zu hinterfragen?


Das Dunkle Volk
Die Jahre vergingen und das Ende des Krieges schien nicht näher zu rücken. Um ehrlich zu sein, glaubte niemand von ihnen an ein Ende des Krieges mehr, doch war das vielleicht auch nur ihre Sicht der Dinge. Was wurde überhaupt aus einem Soldaten nach dem Krieg? Anstatt sich auf diese Frage einzulassen, konzentrierten sie sich lieber auf ihre Aufgaben und versuchten, unverwundet und am Leben zu bleiben. Dies gelang leider nicht allen von ihnen. Auch Roderick erwischte es eine Tages. Bei einem Hinterhalt bohrte sich ein Pfeil in sein rechtes Bein und riss ihn von den Füßen. Mit Mühe und Not konnte er sich noch im Dickicht verstecken, während um ihn herum der Kampf wütete. Ihre Seite gewann das Scharmützel, wenn auch mit großen Verlusten. Sie trugen ihn zurück ins Lager und die Feldchirurgen entfernten den Pfeilschaft, der haarscharf seine Beinschlagader verfehlt hatte. Sie versicherten ihm, er sei noch glimpflich davongekommen, der Muskel würde wieder verheilen und er wäre bald wieder kampfbereit. Doch dann entzündete sich die Wunde und das wiederkehrende Fieber fesselte ihn für mehr als drei Monate ans Feldbett. Sein siebtes Jahr im grandessanischen Heer brach an, als er das Lazarett endlich wieder verlassen konnte. Für mehrere Wochen in Troman festsitzend, unfähig seinen Trupp auf ihren Aufträgen zu begleiten, half er der Bevölkerung Tromans bei den alltäglich anfallenden Arbeiten. Er packte gerne mit an, froh, der Monotonie des Krankenbetts endlich entflohen zu sein. Die Zeit auf den Feldern und bei der Verstärkung der Palisaden nutzte er, um die Gespräche der Dorfbewohner zu belauschen. Den Soldaten wurden kaum Neuigkeiten aus der Heimat zuteil, die nicht direkt mit ihrem Auftrag verbunden waren, und die Bewohner Tromans waren wiederum angehalten, sich nicht in Angelegenheiten des Heeres einzumischen. So wurden die Männer bewusst von der Außenwelt abgeschnitten, um sie nicht von ihren Befehlen abzulenken. Und Roderick verstand bald, warum dies der Fall war.
Die Bewohner Tromans munkelten hinter vorgehaltenen Händen, dass sich das dunkle Volk im Norden erhoben hatte und auf Eroberungszug in den Süden unterwegs sei. Zu Beginn schien es sich nur um Schauermärchen zu handeln. Doch kamen immer neue Informationsfetzen auf, die sich in Windeseile verbreiteten: Sie hatten die Urwälder Neldoreth und Kapayu durchquert! Boten wurden in Grandessa gesehen! Und dann, als Rodericks Bein schon verheilt war und er sich bereits wieder auf den Gefechtsdienst vorbereitete, hörte er es gleich mehrmals aus den Häusern des Dorfes wispern: Der König ist ein Bündnis mit ihnen eingegangen! Roderick wollte es nicht glauben. Sein König war ein volksferner Geck, ein verhurter Lustmolch, der mehr Zeit damit aufbrachte, seine Frauen hinzurichten, als das Land zu regieren. Doch dermaßen wahnsinnig konnte er doch trotz all dem Hass auf Jorsan unmöglich geworden sein?

Und dann war es auf einmal so weit. Eines Nachts wurden die Männer durch das Geräusch marschierender Stiefel geweckt. Verschlafen schlugen sie die Zeltplanen beiseite und spähten in Richtung des geöffneten Tores. Im Fackelschein erblickten sie einen Strom aus mit schwarzen Schuppenrüstungen gepanzerten Gestalten, die sich wie ein Fluss aus Teer im Lager ergossen. Auf ihren Rücken trugen sie spindeldürre Klingen, die im spärlichen Licht kalt funkelten. Ein halblautes Raunen ging durch die Menge der Schützen, als der Fluss der Schwarzgepanzerten abriss und ein neuer Truppenverband das Lager betrat. „Orks!“ Grünhäutige Hünen, in Felle und nicht zusammen passende Rüstungsteile gekleidet, reihten sich hinter ihren dunklen Weggefährten ein. Als alles stand, herrschte Stille im Lager, abgesehen von den Geräuschen der vereinzelten Bewohner, die aus Neugier an die Fenster gekommen waren, nur um sie erschrocken wieder zuzuschlagen und sie danach hastig zu verriegeln. Aus der vordersten Reihe der finsteren Neuankömmlinge schritt ein Mann hervor, der sich in der Bewegung den gehörnten Helm abnahm und eine silberne Haarmähne entblößte. Ein Dunkelelf. Roderick ging unvermittelt ein Schauer über den Rücken. Die Haut des Elfen war pechschwarz, schwärzer als die Nacht und all die Schatten um sie herum. So schwarz, als würde sie all das Licht um sich herum absorbieren und es ins Gegenteil umkehren. Der Dunkelelf ging bis zur Mitte des Hauptplatzes Tromans, begutachtete für einen Moment die Truppen, dann wandte er sich den Zelten von Rodericks Verband zu und wartete. Die Männer erstarrten. Zu ihrer Rechten raschelte es und ihr Befehlshaber kam aus seinem Zelt, sich mit einer Hand den Federhelm richtend und mit der anderen den schiefen Umhang zurechtzurrend. Im Vorbeilaufen warf er ihnen einen kurzen Blick zu, dann war er schon an ihnen vorbeigerauscht. Roderick hatte ihn noch nie dermaßen außer Fassung erlebt. Normalerweise hatte er saftige Strafsätze verteilt, wenn auch nur einer ihrer Stiefelriemen nicht richtig geschlossen war. Ihr Kommandant blieb schließlich vor dem Dunkelelfen stehen und salutierte, dieser erwiderte den Gruße und hielt ihm eine Schriftrolle hin, welche der Kommandant entgegennahm, öffnete und für einen Augenblick las. „Was glaubt ihr steht da?“ Roderick hatte die dunkle Vorahnung, dass sie es sogleich erfahren würden. Als ihr Kommandant die Schriftrolle inspiziert hatte, sah er auf und wirkte deutlich bestürzt. Er schien den Elfen eine Frage zu stellen, dieser winkte jedoch ab und streckte die Hand aus, um die Rolle wieder entgegenzunehmen. Nach kurzem Zögern händigte er sie ihm aus, salutierte erneut und ging dann ein paar Schritte zurück. Der Elf verstaute die Rolle und richtete sich nun direkt an Rodericks Verband. Seine Stimme drang über all die Entfernung laut und deutlich zu ihnen hinüber und tröpfelte wie Eis in ihre Ohren. „Seid gegrüßt grandessanische Krieger. Ich bin Banuar Falyon, Heerführer der schwarzen Kohorte. Nach dem Willen meines Herrn und gemäß dem Wunsch eures edlen Königs Henrik II., bin ich ab dieser Stunde euer neuer Befehlshaber. Ich bin mir sicher, dass ihr mir den selben Gehorsam entgegenbringen werdet, den ihr euren Kommandanten zuvor gezeigt habt und dem Bündnis zwischen Morgeria und Grandessa treu dienen werdet.“ Es war keine leere Phrasendrescherei, auf keinen Fall eine Bitte. Es war eine Feststellung. Vielleicht sogar eine Drohung. „Der Bund unserer Völker hat viele Feinde. Feinde, die es auszumerzen gilt, wo auch immer sie zu finden sein mögen. Deshalb wird sich der hier stationierte Teil des grandessanischen Heers mit unserer Streitmacht verbinden und in den Norden ziehen. Seid versichert, dass Troman nach wie vor vor dem schändlichen Königreich Jorsan geschützt werden wird, dessen Zeit ebenfalls in Bälde kommen wird.“ Roderick und seine Kameraden sahen sich bestürzt an. Hieß das, sie würden mit dem dunklen Volk ziehen? „Die Nacht ist noch jung. Wir sollten sie nicht verschwenden. Innerhalb von einer halben Stunde erwarte ich die Grandessanischen Truppen in voller Montur und schwerem Marschgepäck. Die Truppenführer kümmern sich um die Versorgungswägen. Das ist alles. Wegtreten.“

Es klang wie ein schlechter Witz, doch gar zu schnell wurde er Realität. Dunkelelfen und Orks, die Bösewichte und Monster in den Geschichten seiner Mutter - Roderick marschierte nun an ihrer Seite. Ihr König hatte sie ausgeliefert, an Völker, die für ihre Grausamkeit, Hinterlist und Blutgier berüchtigt waren. Was er sich dadurch erhofft hatte, war ihnen allen schleierhaft. War sein Hass auf Jorsan in den vergangenen Jahren dermaßen gewachsen, dass er nicht einmal mehr von einem Pakt mit den Mächten der Finsternis Halt machte? Oder war das dunkle Volk schlichtweg zu mächtig und hatte Grandessa bereits unter seiner vollen Kontrolle? Sie hatten keine Zeit darüber nachzudenken, denn ihr neuer Heerführer trieb sie eisern an ohne Halt zu machen. Sie marschierten an Grandea vorbei nach Alberna, hielten dort für einen Tag und zogen dann weiter durch den Urwald Kapayu. Gänzlich anders als die Wälder um Troman war die Durchquerung des Kapayu eine Herausforderung für sich. Das Wildleben schien die Eindringlinge abstoßen zu wollen, wie ein kranker Körper es mit todbringenden Viren tat. Fließend ging der Kapayu in den Wald Neldoreth über, der seinem Bruder um nichts nachstand. Die Männer stöhnten und ächzten unter den Strapazen und konnten sich auch nicht durch die aufhetzenden Weisungen ihres neuen Heerführers begeistern. Sie würden stetig dem Feind entgegenmarschieren, und dürften sich keine Schwäche erlauben. Lange Zeit wussten sie nicht, wer mit „Feind“ gemeint war. Nach der Größe ihrer vereinten Streitmacht zu schätzen, handelte es sich dabei um ein gewaltiges Heer oder uneinnehmbare Festung. Doch es war nichts dergleichen.
Ihr erstes Ziel war Neryan, ein Dorf der Waldelfen auf einer Lichtung mitten im Neldoreth. Das sollte es zumindest einmal gewesen sein, denn als das Heer nach einem weiteren Gewaltmarsch auf der Lichtung hielt, fand es nur verbrannte Erde, zersplitterte Überreste einst prächtiger Bäume und die Ruinen bescheidener Häuser vor. Das dunkle Volk war bereits hier gewesen, hatte seine Spur hinterlassen. Die Grandessaner waren sichtlich verunsichert, was die Dunkelelfen zu belustigen schien. Als einer der Schützen den Mut gefasst hatte, nach dem Verbleib der Dorfbewohner zu fragen, hieß man ihm spöttisch, dass sie es bald erfahren würden. Viel zu früh brachen sie das Lager ab und zogen weiter, zu einem Ort, den ihre neuen Gefährten Kosral nannten. Die ewige Stadt. Hier wurde ihnen ihre Antwort zuteil. Kaum angekommen, hieß man sie am Hauptplatz anzutreten und zu warten. Bald darauf vernahmen sie das Rasseln von Ketten, das Knallen von Peitschenhieben und schmerzhafte Aufschreie. Die Überlebenden aus Neryan, oder besser, was von ihnen übrig geblieben war, wurde vor ihnen zusammengetrieben. Größtenteils waren es Alte, Verletzte, einige Frauen. Roderick sah ein kleines spitzohriges Kind in Ketten, das sich an den schmutzigen Rock seiner Mutter klammerte. War dieser jämmerliche Haufen der Feind, von dem die Rede gewesen war?

„Männer! Vor euch steht Abschaum. Minderwertige Kreaturen. Schandflecken! Wesen, die nicht einmal mehr als Sklaven zu gebrauchen sind!“ Banuar Falyon stand auf einem dicken Baumstumpf, von dem aus er über die Köpfe der vor ihm versammelten Grandessaner blickte. Er wies mit Verachtung auf die Reihen der neldorethischen Waldelfen, welche die Hände und Beine jeweils aneinandergefesselt hatten. „Sind dies die stolzen Wesen, an die euer Volk denkt, wenn man sie nach der edlen Elfenrasse fragt? Natürlich nicht! Ihr seht wie jämmerlich sie sind, wie schmächtig im Vergleich zu uns. Den besseren Elfen. Den wahren Elfen.“ Roderick tauschte einen Seitenblick mit seinem Nachbarn aus. „Typisch elfische Bescheidenheit...“ Banuar Falyon sah direkt in ihre Richtung, fast als hätte er Rodericks geflüsterten Kommentar gehört. Doch das konnte nicht sein, er stand mehrere Meter von ihnen entfernt. Als er erneut zu sprechen begann, wirkte er jedoch deutlich verbissen. „Ihr seid nun unsere Verbündeten. Das wackerste Menschenvolk ist vereint mit dem edelsten Elfenvolk. Um unser Bündnis zu feiern, möchte ich euch ein Geschenk darbringen. Ich schenke euch die Ehre, für die Reinheit unseres Elfengeschlechts zu sorgen, indem ihr diesen Schmutz vom Erdboden tilgt.“ Roderick verzog die Stirn. „Er will doch nicht, dass wir alle...?" Er wurde vom Ruf ihres Kommandanten unterbrochen. „Zum Schießkommando - aufgestellt!“ Die Schützenformation bewegte sich, wenn auch ungeordnet und mit deutlich hörbaren Getuschel. Die erste Reihe kniete sich hin, während die zweite und dritte Reihe auseinanderfächerten. Zwei Orks, die bei den gefangenen Waldelfen standen, stießen die erste Gruppe an und brachte sie in Stellung. Roderick schluckte. Seine Kehle war trocken. „Schütze - lädt!“ Er sah sich um und entdeckte andere wie ihn, die ratlos dastanden, nur um sich dann rasch zu bücken und die Armbrust zu spannen, um nicht aufzufallen. „Legt an!“ Roderick hob die Armbrust wie sein Vordermann und seine Nebenmänner. Sein Herz pochte. „Halt!“ Einer der knieenden Schützen war aufgestanden und hatte die Armbrust gesenkt. „Ich mach das nicht!“ Roderick verrenkte den Hals, um den Soldaten in den Blick zu bekommen. Es war Balderich, der Dicke. Kein besonders guter Schütze doch Roderick schätzte die Gespräche mit ihm, die sie im Lager führten. Nicht weil er besonders klug war, in Wahrheit hatte der Mann mehr das Wesen eines Kindes. Doch seine Weltsicht war erfrischend einfach und unversehrt, vollkommen untypisch für einen Soldaten. „Wer widersetzt sich meinen Befehlen?“ Die Stimme des Heerführers schnitt durch die Luft wie ein Messer. „Ich, mein Herr.“ Balderich trat einen Schritt vor. „Ich schieß’ auf keine Unbewaffneten Herr. Gehört sich nicht. Macht sie zu euren Sklaven Herr, tut sonst was ihr wollt mit ihnen. Aber bei Lysanthor, ich schieß’ auf keine Unbewaffneten.“ Aus den Reihen der Grandessaner tönte zustimmendes Murmeln, sei es auch nur um Balderichs Mut zu wertschätzen. Banuar Falyons Mundwinkel hatten sich auf gefährliche Tiefe gesenkt und waren noch ein Stück gefallen, als der Soldat den Namen des Lichtgottes genannt hatte. „Ist das so.“ Er stieg vom Baumstamm herab, geschickt wie eine Raubkatze, und bewegte sich wie eine solche auf den Grandessander zu. „Das gehört sich nicht, sagst du?“ Balderich nickte, seine Stimme zitterte leicht, doch war nach wie vor bestimmt. „Ja, Herr. Meine Mutter hat immer gesagt, man soll...“ Ein leises Sirren ertönte, dann brach er schlagartig ab. Roderick sah ihn sich an den Hals greifen, die Augen geweitet. Ein Raunen ging durch die Menge, diesmal bestürzt. Banuar Falyon überbrückte die letzte Distanz zwischen sich und dem dicklichen Grandessander, griff diesem an die Kehle und zog einen silbrigen Wurfdolch heraus, der rot vom Blut des Soldaten war. „Schwäche gehört ausgemerzt. In unserer Rasse, so wie in eurer.“ Seine Worte wurden von dem Röcheln Balderichs unterstrichen, der sich verzweifelt am Boden wand. „Jeder, der sich den nachfolgenden Befehlen entgegensetzt, wird das Schicksal seines Kameraden teilen. Wählt. Und wählt weise“

Das Ratschen der Armbrüste, der dumpfe Aufschlag der Körper auf dem Boden, die bellenden Befehle des Kommandanten und das darauf folgende Spannen der Sehne, nur um den Kreislauf von vorne zu beginnen. Es war eine Kakophonie des Todes, automatisierter Wahnsinn, der dem einzigen Ziel diente, Leben auszulöschen. Roderick fühlte sich wie ein Zuschauer, der sich selbst über die Schulter sah. Ohnmächtig und unfähig einzuschreiten. Seine Glieder arbeiteten von alleine, taten ihr grausames Werk ohne um Erlaubnis zu bitten. Diszipliniert und ohne das geringste Anzeichen an Widerstand folgten sie den Anweisungen des Dunkelelfen, während vor Rodericks Augen die verschiedensten Gesichter vorbeizogen. Manche waren alt und faltig. Andere waren jung und glatt. Viele weinten. Andere starrten ihn nur ausdruckslos an. Er sah sie nur für wenige Sekunden, für den einen Augenblick, in der er auf den nächsten Schießbefehl wartete. Danach ging sein Blick zurück zum Boden, der sich allmählich rot färbte, zum Steigbügel seiner Armbrust, in den er treten musste, um die Sehne zu spannen. Als er wieder aufsah, war da bereits ein neues Gesicht, ein neues Opfer, das ihm, seinem Henker, gegenüberstand.
Im Nachhinein konnte Roderick nicht sagen, wie viele Leben er an diesem Tag ausgelöscht hatte. Es konnten ein Dutzend gewesen sein, genau so gut konnten es einhundert gewesen sein. Als keiner der Dorfbewohner mehr stand und das Schlachten ein Ende hatte, wies sie Banuar Falyon an, die Waffen zu senken. Mit einem selbstgefälligen Grinsen sprach er den Männern Grandeas sein Kompliment aus, sie seien doch zu etwas gebrauchen und hatten ihren Wert erwiesen, indem sie diesen Abschaum beseitigt hatten. Mit einem Kommentar in ihrer fremdartigen Sprache, das johlendes Gelächter unter den umstehenden Dunkelelfen hervorrief, gab er Rodericks Trupp das Zeichen zum Abmarsch und sie zogen sich in ihren Teil des Lagers zurück. Dort angekommen sprach keiner ein Wort über das, was vorgefallen war. In der selben Nacht verschwanden zwei der Männer. Ihre Leichen fand man am Morgengrauen am Rande des Waldes. Sie hatten sich mit ihrer Armbrust selbst gerichtet, die Körper vornüber gebeugt wie im Gebet versunkene Gläubige, die Bolzen noch in ihren Schädeln verkeilt. Die Männer verscharrten sie heimlich neben der Stelle, an der sie auch Balderich begraben hatten. Danach erteilten sie Meldung und rüsteten sich zum Heeresaufbruch. Als sie an den drei unscheinbaren Erdhügeln vorbeimarschierten, wandten sich alle Köpfe zu ihnen, wie in einer stummen Übereinkunft, den letzten Respekt zollend. Das erste Mal in der Geschichte ihrer Einheit beneideten die Lebenden die Toten.
Die folgenden Wochen vergingen wie im Nebel. Es war die ereignisreichste Zeit in Rodericks Leben und Roderick erlebte sie wie durch die Augen eines Fremden. Die Märsche wurden anstrengender und die Gefechte blutiger, als er sie je erlebt hatte. Roderick war dankbar dafür. Jede stille Minute, jeder kurze Augenblick der Ruhe führte ihn zurück zu seinen Gedanken, die ihn wie wilde Tiere anfielen, sobald er die Augen schloss. Erst jetzt begann er allmählich zu begreifen, was er getan hatte. Begann zu begreifen, wie weit er gegangen war. Wie weit er bereits verloren war. Der Schutzwall, den sein Unterbewusstsein provisorisch aufgefahren hatte, zerbrach in tausende Splitter, die sich in sein Hirn bohrten und mehr Schmerzen verursachten, als jede im Kampf erlittene Wunde. Die Gesichter der Toten erschienen vor seinen Augen und starrten ihn mit ihren leblosen Augen an, stumm und doch so laut als würden sie ihn anschreien. Sie rissen ihn schweißgebadet aus dem Schlaf und verharrten danach auf der dunklen Zeltplane über ihm, wortlose Ankläger über einem Täter dessen Strafe das Leben sein sollte. Roderick begann als Folge den Schlaf zu meiden, so gut er konnte. Immer öfter meldete er sich im Austausch für einen Schluck Schnaps zu Wachschichten und wurde am nächsten Tag für seine Unachtsamkeit bestraft. Die Peitschen der Dunkelelfen gruben tiefe Striemen in seinen Rücken, deren Schmerz er sogar noch als tröstend empfand. Zwar nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, empfand er es doch als verdiente Bestrafung, als Lohn für etwas, das er getan hatte, etwas, dass nicht mit seiner Weltsicht vereinbar war, was einfach nicht sein durfte. Anfangs versuchte er sich noch zu überzeugen, dass er richtig gehandelt hatte, dass alles im Lot war. Sein Leben lang hatte er getötet, sein Leben lang war er jemandes Mörder gewesen. In Grandea war es noch Vieh gewesen, in Troman Soldaten. Doch das änderte nichts daran, dass er in diesem kleinen Dorf im Neldoreth eine Linie übertreten hatte, als er die Armbrust auf Unschuldige gerichtet und abgedrückt hatte. Und ein Zurück gab es nicht mehr. Einigen seiner Kameraden schien es ähnlich zu gehen, denn eines Morgens waren sie fort. Desertiert hieß es. Sie hatten ihre Waffen im Lager zurückgelassen und waren nicht mehr zu finden. Tagelang ging der Gedanke unter den Grandessanern um, es ihnen gleichzutun. Doch dann überbrachte man ihnen die süffisante Botschaft, dass die Wargreiter ihren verräterischen Kameraden die gerechte Strafe zuteil werden ließen und ihre Schande somit getilgt wurde. Man zeigte ihnen einen blutigen, von Bissspuren zerfetzten Gambeson in den Farben Grandeas. Und somit war es mit jeglichen Fluchtgedanken vorbei.
Roderick sah den Fall Pelgars und dessen Unterjochung mit eigenen Augen. Er erlebte die Eroberung Andunies und stand vor den Trümmern der abgebrannten Bibliothek, in der das gesammelte Wissen Celcias in Asche lag. Er hörte die Schreie und das Wehklagen der gefangenen Bevölkerung, die in Karren gepfercht und nach Morgeria deportiert wurden. Er begrub immer mehr seiner Freunde im Schlamm der Straßen und Feldwege, während er selbst immer mehr abstumpfte, um nicht gänzlich zu zerbrechen. In nur wenigen Monaten hatten sie alle den Krieg von einer Seite erlebt, die nichts mit den Jahren in Troman gemeinsam hatte. Und sie konnten nichts anderes tun, als sich an ihre neuen dunkeln Herren anzupassen. Kurz nach der Eroberung Andunies wurden sie mit der Sicherung der Stillen Ebene beauftragt, eine Graslandschaft, die sich über mehre Meilen in alle Himmelsrichtungen erstreckte. Flüchtlinge aus der Stadt, die in den Bauernhöfen und kleineren Dörfern Schutz gesucht hatten, sollten ausfindig gemacht, gefangen genommen und bei Widerstand an Ort und Stelle hingerichtet werden. Rodericks Verband wurde in kleineren Einsatzgruppen neuaufgestellt und seine Gruppe wurde der Süden zugeteilt. Den halben Tag marschierte sie gemeinsam, dann bildeten sie mehrere Teams bestehend aus vier Männern, die in das Umland geschickt wurden. Am Abend kehrten sie zum Lager zurück, gaben Meldung und wenn sie fündig geworden waren, lieferten sie ihre Gefangenen aus. Es war an einem dieser Tage, als Roderick aus seiner Trance erwachte. Und dies mit folgenschweren Konsequenzen.

Sie hatten den kleinen Bauernhof fast übersehen. Eingeklemmt zwischen einer Hügelsenke, verriet ihn nur das Blöken der Ziegen, die eingezäunt hinter einer hölzernen Scheune grasten. Die Hütte daneben bot nicht viel Platz, mehr als eine kleine Familie konnte nicht darin leben. Hier, fern der Straßen, fern allen Trubels, fern des Krieges. Doch der Krieg war bereits im Verzug. „Gehen wir, ihr kennt die Befehle.“ Balrund schulterte die Armbrust und stieg den steilen Hügel herab. Sein Bruder Thorund folgte ihm. Die beiden waren erst nach der Eroberung Pelgars zu Rodericks Trupp gestoßen. Die ihnen erteilten Aufträge erfüllten sie stets auf den Punkt genau, scheinbar in der Angst davor, bei Versagen voneinander getrennt zu werden. Es musste sich gut anfühlen, seine Familie bei sich zu haben. Eine ständige Erinnerung an die gemeinsame Vergangenheit und eine Möglichkeit für die Zukunft. „Na dann wollen wir mal...“ Harald schritt an Roderick vorbei und sah dann zu ihm hoch. Er war einer der ältesten Soldaten, mit denen Roderick gedient hatte. Graue Haare durchzogen seinen hellbraunen Bart und Falten spannten sich über seine Stirn. „Komm, bringen wirs hinter uns.“ Roderick nickte, dann machte auch er sich an den Abstieg. Auf halben Weg öffnete sich das Tor der Scheune einen Spalt breit und ein Mann in Arbeitskleidung trat daraus hervor, in seiner Linken einen hölzernen Eimer. Als er die vier bewaffneten Männer auf sein Heim zugehen sah, erstarrte er mitten in der Bewegung. Der Eimer fiel ihm aus der Hand, rollte über den Boden und vergoss eine weiße Flüssigkeit. Er rief etwas in Richtung der Hütte, dann rannte er zurück in die Scheune. „Stehen bleiben!“ Die beiden Brüder an der Spitze der Schützengruppe begannen zu rennen, Roderick und Harald folgten ihnen in einigem Abstand. Sie erreichten den Hof, als sich das Scheunentor wieder öffnete und der Bauer mit einer eisernen Heugabel heraus srannte. „Verschwindet! Hier gibt es nichts für euch! Wir schaden niemanden! Lasst uns in Ruhe!“ Er stach wie wild um sich, in Richtung der Grandessaner, die ihn mit ihren Armbrüsten im Anschlag umkreisten. „Lass die Gabel fallen du alter Narr, oder wir spicken dich wie einen Igel!“ Balrund trat einen Schritt vor um nach der Gabel zu greifen, doch der Mann wich ihm geschickt aus. „Verschwindet! Lasst...“ Es knallte laut, als die Tür der Hütte aufschwang und gegen die Wand krachte. „Radolph, nein!“ Thorund, der mit dem Rücken zur Tür gestanden hatte, wirbelte erschrocken herum. Es ratschte. Von einem Bolzen in der Brust getroffen sank die Gestalt im Türrahmen zu Boden, in ihrem Gesicht ein Ausdruck der Verblüffung. Es war eine Frau. Sie war unbewaffnet. „SONJA!“ Der Bauer schrie in blinder Wut und voller Verzweiflung auf. Bevor jemand von ihnen reagieren konnte, stürmte er auf Thorund zu, dessen Augen sich weiteten. Die Heugabel bohrte sich durch seinen Körper, hob ihn vom Boden hoch und nagelte ihn an die Hüttenwand. Blut spritzte aus seinem Mund, die Waffe fiel ihm aus den Händen. „Nein!“ Balrund hob seine Armbrust und schoss. Sein Bolzen traf den Bauern in der Schulter, doch das hielt ihn nicht auf. Er wirbelte herum, Tränen in den Augen und das Gesicht vor Verzweiflung gerötet. Mit bloßen Händen warf er sich auf den Schützen. Balrund wurde zu Boden geworfen und wand sich unter dem Mann, der ihn mit beiden Händen am Hals ergriff. „Ihr habt alles zerstört, habt alles zerstört...!“ Balrund würgte, seine Finger scherten wild über das Gesicht des Bauern, der sich davon jedoch nicht abhalten ließ. Dann ratschte es erneut. Harald senkte die Armbrust. Blut spritzte auf den Boden und vermischte sich mit der Milch, die immer noch aus dem Eimer floss. Der Bauer fiel zur Seite und regte sich nicht mehr. Balrund schnappte nach Luft, dann sprang er auf und rannte zu seinem Bruder, dessen Glieder schwach zuckten. Harald sah hinüber zu Roderick, der noch immer ausdruckslos mit der geladenenen Armbrust dastand und die beiden Leichen betrachtete. „Geh du hinein, ich kümmere mich um ihn.“ Roderick nickte nur, dann stieg er über die leblosen Körper hinweg und betrat die Hütte. Sie war spärlich eingerichtet und doch heimelig. An der Wand war eine Feuerstelle, über der ein Eintopf vor sich hin köchelte. Von der Decke hingen Kräuter und Blumen. Der Tisch war gedeckt, an ihm standen drei Stühle. Roderick zählte drei Teller und zwei hölzerne Löffel. Sein Blick ging zum Schrank in der Ecke. Langsam ging er auf ihn zu, legte das Ohr an die Tür und lauschte. Mit einem Ruck riss er die Tür auf, die Armbrust im Anschlag. Vor ihm saß ein kleines Mädchen, drei, vielleicht vier Jahre alt. Goldblondes Haar fiel ihr in gekräuselten Locken ins mit Sommersprossen besetzte Gesicht. Mit den Händen umklammerte sie den fehlenden der drei Löffel, richtete ihn zitternd gegen den fremden Mann, der in ihr Haus eingedrungen war. Zwei tiefblaue Augen sahen ängstlich zu ihm empor und Roderick sah sein Spiegelbild in ihnen. Er erschrak vor dem, was er dort sah. Vor dem Mann, der mit leerem Blick seine Waffe auf ihn richtete. Der bereit war zu töten, wenn man es ihm befahl. Der keinen eigenen Willen mehr hatte, sondern zu einem blinden Werkzeug geworden war, das den Willen seiner Herren erfüllte. Roderick hasste diesen Mann. Hasste ihn mit ganzem Herzen. Er wünschte sich, er würde verschwinden. Und dann auf einmal, als er blinzelte, war er das auch. Auf einmal war da ein Mann, der seine Waffe senkte. Der sich vorsichtig zu dem Kind hinabbeugte und die Hand nach dem Löffel ausstreckte. Der ihn behutsam aus den zitternden Händen des Mädchens nahm und beruhigend auf sie einsprach. Ihr ein Versprechen gab, das er zu halten schwor, sobald es seine Lippen verließ. Sie bedachtsam hochhob und im Arm trug. Diesen Mann hasste Roderick nicht.
Er trat an die Tür, die Augen noch immer auf das Mädchen geheftet, das den Kopf an seiner Schulter vergraben hatte. Er achtete darauf, dass es nicht herabsah. Nicht die Leichen seiner Eltern sehen musste. Den blutbesudelten Hof, auf dem es gespielt haben musste. Nichts davon sollte es sehen. „Was machst du mit ihr?“ Balrund stand auf, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und verschmierte dabei das Blut seines toten Bruders. Er deutete auf das Mädchen. „Wir bringen sie nicht mit uns. Wir... wir müssen Thorund...“ Er deutete unbeholfen auf den Leichnam, den Harald mittlerweile von der Wand gehoben hatte. „Lass sie hier für die Nachhut. Oder brings zu Ende... ist mir scheißegal...“ Roderick schritt die drei Stufen herab und strich dabei über den Kopf des Mädchens. „Nein“. Balrund fauchte ihn an: „Was heißt Nein? Hat man dir ins Hirn geschissen Fleischerjunge?“ Mit dem Verlust seines Bruders noch so frisch, war seine Geduld praktisch nicht vorhanden. „Gib sie her, ich mach's!“ Roderick hob die rechte Hand, in der er die Armbrust hielt. Trotz ihres Gewichts war sie vollkommen ruhig, als sie sich gegen den vom Schmerz erzürnten Grandessaner richtete. „Nein. Wirst du nicht.“ Harald stand von der Leiche Thorunds auf, doch sprach er kein Wort. Angespannt beobachtete er die beiden. „Hah...“ Balrund spukte Roderick vor die Stiefel. „Wirst du mich töten, hah? Ist es das, was du willst?“ Roderick verzog keine Miene. „Du wirst sie nicht anfassen.“ Balrund lachte, ein grausames humorloses Lachen, das in den Ohren schmerzte. „Ach ja? Dann pass mal auf...“ Es geschah recht schnell. Balrund griff in den Gürtel und zog seinen Dolch hervor, ballte die Faust darum. Roderick betätigte den Hebel seiner Armbrust. Es ratschte. Dann fiel Balrund zu Boden. Ein leises Gurgeln entwich ihm, Blutbläschen von seinen Mundwinkeln aufsteigend, als er den Bolzen in seiner Kehle betastete. Dann starb auch er und lag friedlich da, wiedervereint mit seinem Bruder. Roderick atmete aus und streichelte erneut über den Kopf des Mädchens, sprach ihr ruhig zu. „Wirst du mich auch erschießen?“ Harald stand noch immer an der selben Stelle, wo er zuvor gestanden hatte. Seine Waffe war nicht geladen. Roderick sah kurz zu ihm herüber, dann sah er wieder zu dem Mädchen an seiner Schulter. Er schüttelte den Kopf. „Du weißt, dass sie dich kriegen werden. Du weißt, dass sie spätestens heute Nacht ihre Warge nach dir losschicken werden.“ Roderick nickte nur. „Und trotzdem willst du's tun?“ Roderick sah auf. „Ich hab’s ihr versprochen.“ Harald fixierte den blonden Lockenschopf mit seinem Blick, dann trat er vor und streckte Roderick die Hand entgegen. „Lysanthor sei mit dir Fleischerjunge. Wenn er in dieser Welt noch etwas zu sagen hat, dann soll er dir seinen Segen geben.“ Roderick ergriff seine Hand und schüttelte sie. Dann trennten sich die beiden Männer voneinander und gingen ihres Weges.


Inventar:

* Eine Armbrust, die per Hand gespannt wird
* Einen Köcher, gefüllt mit 18 hölzernen Bolzen mit Stahlspitzen
* Ein Langdolch mit schartiger Klinge
* Ein zerschlissener Gambeson
* Eine Gugel aus dunkler Wolle
* Ein Paar abgenutzter Lederstiefel
* Ein am Gürtel befestigtes Tuch mit einem Laib Brot