Verpflegung

Hier wohnen die Bürger Sarmas, vom einfachen Sklaven bis hin zum hohen Handelsherren oder angesehenem Magier. Je nach Reichtum und Machtverhältnis findet man hier kleine Barracken oder prachtvolle Anwesen aus Sandstein und Marmor.
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Verpflegung

Beitrag von Erzähler » Sonntag 26. September 2010, 22:29

Qamar bringt Selim von: Das Anwesen des Armin ibn Halat


Der Lärm irritierte ihn nicht mehr, obwohl es einige geheime Gaffer gab. Jedoch wagte sich keiner davon auf die Straße, denn die Angst ging durch die Besatzung überall um.
Nur ein älterer Mann befand sich gerade auf dem Weg von einem zu einem anderen Haus, mit schuddeligen Stoffen am Leib und einer Tasche in der Hand, die schon bei einem festen Griff zu zerfallen schien.
Er hielt an, musterte das wohlgenährte, sicherlich teure Pferd und bemerkte einen schlaff herab hängenden Arm.
Ganz seiner Lebensaufgabe verhaftet, veränderte er seinen Weg, trat auf das Tier zu, sprach beruhigend auf es ein und führte es schließlich den weiteren Weg entlang, darauf bedacht, dass die Last nicht herab rutschte.

Das Haus war halb verfallen und es roch nach allen möglichen Kräutermixturen.
Trotzdem war das Zimmer relativ sauber und das mit Stoff überzogene Stroh stach kaum in den geschundenen Körper. Das Sonnenlicht fiel durch die Fensteröffnung und beleuchtete die spärlichen Möbel.
Der fest angelegte Verband um den Brustkorb war das einzige Frische in der näheren Umgebung und durch seine strahlend weiße Farbe auch als solches zu erkennen.
Der ältliche Mann hingegen war nicht anwesend, sondern im kleinen Hof seines Hauses und kümmerte sich um Qamar, der ihn eindeutig als sympathisch empfand, denn er war bisher friedlich geblieben.
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Re: Verpflegung

Beitrag von Selim di Basra » Montag 27. September 2010, 10:38

Selims Geist glitt durch traumlose Gefilde, durch wabernde, wattierte und alles umfassende Schwärze. Er konnte nicht denken, noch war er in der Lage, etwas von seiner Umgebung zu erfassen oder auch nur zu erahnen. Alles, was ihn erfüllte, war eine Art Wohlbefinden. Ein wiegendes, einlullendes Gefühl, das gewiss auch vom sanft schaukelnden Gang des Pferdes herrührte, das ihn – ohne dass Selim es tatsächlich wüsste – auf sicherem Pfad in sein Schicksal trug.

Das erste, an das Selim sich erinnerte, war der Schmerz. Sein gesamter Körper schien daraus zu bestehen, aus roter, widerwärtiger Pein, die ihn marterte und ihm den Atem raubte, kaum dass er den Nebelschwaden der Umnachtung entflohen war. Es dauerte einen Moment, doch dann erkannte der Sarmaer, dass das Mitleid erregende Keuchen sein eigenes war. Selim hielt die Luft an – nun, zumindest versuchte er es – und wurde auf der Stelle dafür bestraft. Ein stechender Schmerz schoss durch seinen Brustkorb und warf ihn abermals zurück in die unsteten Nebel seines Geistes.

Selim befand sich in der Wüste. Er kroch Fingerbreit um Fingerbreit weiter vor, und doch schien die Oase stets weiter fort zu rücken. Bei den Göttern, er hatte solch einen Durst! In seiner Verwirrung erschienen ihm die Sandkörner selbst sich zu einem endlosen Meer aus erfrischendem Nass zusammenzufügen, er selbst mittendrin. Selims Lippen waren aufgebrochen, jede Faser seines Seins dürstete, ja lechzte geradezu nach einem einzigen Schluck Wasser, der doch niemals den gewaltigen Durst würde stillen können, den er empfand. Die Sonne stand hoch am Himmel, Selim nuschelte etwas, das er selbst nicht verstand, und plötzlich kippte die gesamte Welt zur Seite, drehte sich in einem verworrenen Strudel aus Sand und Durst und Schmerzen...

...und Selim erwachte. Schweiß stand ihm auf der Stirn, der Geschmack in seinem Mund war, um es gelinde auszudrücken, widerwärtig, und jeder Atemzug spannte auf seiner Brust. Matt hob Selim die Hand, eine Geste, die seine Kräfte beinahe überstieg. Seine Fingerkuppen erfühlten einen rauen Untergrund; den Grund für die Beengung, die er beim Atmen empfand. Selim stöhnte und suchte seine Lippen zu benetzen, doch seine Zunge war kaum mehr als ein verdorrtes Stück Fleisch – zumindest kam es ihm so vor. Selim versuchte, sich aufzusetzen, und als es nicht gelang, krächzte er einen halbherzigen Fluch und lag wieder still. Es gab nichts, das er tun konnte. Diese Feststellung war alles andere als erfreulich. Selim war auf jemanden angewiesen, und dieser Jemand hatte sich ganz offensichtlich um ihn gekümmert, sonst würde er keinen Verband um den Leib tragen. Er ließ seinen Blick schweifen. Die unterschiedlichsten Gerüche drangen auf ihn ein. Da waren Myrrhe und Lavendel zu riechen. Er sah getrocknete Sträuße von Kamille und Salbei von der zerfaserten Decke hängen. Zu seiner Linken standen ein Stuhl und ein Tisch, beide waren ganz offensichtlich alt, gehörten nicht zusammen und schienen den Holzwurm zu beherbergen. Wo, in Dreiteufelsnamen, war er?

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Re: Verpflegung

Beitrag von Gestalt » Mittwoch 29. September 2010, 11:55

Der ältere Mann war erstaunlich vital, obwohl man ihm das aufgrund seines Äußeren nicht zutrauen würde. Sein Gesicht war von unzähligen Runzeln zerfurcht, sein Haar schon seit Jahrzehnten schlohweiß, seine Glieder lang, dürr und mit sichtbar hervortretenden, dicken, blauen Adern überzogen. Die Kleidung schien an ihm nutzlos herab zu hängen aufgrund von zuviel Stoff.
Trotzdem war es für ihn kein Problem, den Sattel und das Zaumzeug von dem Pferdekörper zu entfernen und um den muskulösen Hals einen lockeren Strick zu legen, damit das Tier nicht aus Schreck oder sonstigen Gründen weglaufen konnte. Auch säuberte er die Trense und hängte das gesamte Geschirr auf einen hervor stehenden Haken in der Mauer.
Danach sammelte er in seinem Haus ein bisschen Heu zusammen. Woher er diesen Vorrat oder gar warum er ihn angelegt hatte, würde wohl nur er selbst wissen, da er trotz allem recht schweigsam war bei seiner Arbeit. Lediglich ein leises Summen drang ihm beständig über die Lippen.
Nachdem der Hengst soweit wie möglich versorgt war, trat der Mann aus dem Schatten in den Hof und blickte hinauf, auf der Suche nach dem Stand der Sonne, um in etwa die Zeit messen zu können.
Gut, noch würde der Junge vermutlich nicht aufgewacht sein und somit konnte er ein wenig mehr noch für das Tier tun. Seine heutigen Patienten hatten täglich ihre kleinen, ungefährlichen Wehwechen und solange er zwei "Gäste" in seinem Haus hatte, würde er vorerst bis vor dem nächsten Morgen sein Grundstück nicht mehr verlassen.
Also suchte er nach einer alten, kurzhaarigen Bürste und befreite sie vom Staub und Sand der Jahre, um das Pferd etwas zu striegeln.
Dieses bedankte sich auf seine Art, indem es wohlig schnaubte und absolut ruhig stand. Lediglich der Schweif bewegte sich, da selbst um diese Uhrzeit die Fliegen lästig waren. Dabei summte der Mann unbeirrt weiter.
Durch die Stille um sie beide herum drangen sämtliche Geräusche in unterschiedlicher Intensität wie in einer engen Schlucht auf den Hof hinaus. Bis hinauf zu dem Fenster, hinter welchem der Verletzte lag, gelangten jedoch nur das ab und zu ertönende Schnauben von Qamar. Sofern er überhaupt schon wach genug war, um diesem Laut überhaupt einen Sinn zu geben.
Wie lange sich der Mann der Fellpflege des Tieres widmete, war ihm nicht sonderlich wichtig, da sein Instinkt ihm schon melden würde, sobald er mit dem Aufwachen seines Gastes zu rechnen habe.
Schließlich war er mit seiner Arbeit zufrieden, klopfte dem Hengst gegen den Hals und schlurfte dann erneut über den Hof.
Diesmal jedoch begab er sich auch in sein Haus und nahm seinen Weg in die Küche, um dort nachzusehen, wie es dem Sud erging, den er vorhin zubereitet hatte. Er war bereits ausgekühlt, soweit das bei der Temperatur der Umgebung möglich war, sodass er ihn in einen sauberen Holzbecher goss. Dazu gab er ein kleines Kügelchen Honig, um die Bitterkeit etwas zu vertreiben.
Bis er oben angelangt war, war es zergangen und würde sich völlig aufgelöst haben, wenn der Patient es trinken würde.
Ohne anzuklopfen, öffnete der Mann die Tür, schlurfte herein und schien gar nicht zu registrieren, dass sein Gast die Augen geöffnet hatte und sich umsah. Weiterhin leise summend trat er zu dem Tisch und stellte den Becher darauf.
Dann widmete er sich den daneben aufgehängten Kräutern, noch immer, als hätte er in seinem Rücken niemanden, um den er sich kümmern wollte, und als hätte er alle Zeit der Welt, als würde er über dieser stehen und die Ewigkeit für sich gepachtet haben.
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Re: Verpflegung

Beitrag von Selim di Basra » Freitag 1. Oktober 2010, 11:34

Selims Geist bewegte sich noch auf trägen Bahnen, was vor allem daran lag, dass die Schmerzen in seiner Brust sich mit einer beeindruckenden Hartnäckigkeit wieder in Erinnerung brachten. Sie bohrten und drückten, zogen und zerrten an seinem Fleisch und lenkten seine Aufmerksamkeit ab von Tisch und Stuhl und auf sich selbst zurück. Am liebsten hätte er eine Hand auf die Stelle gelegt, die am meisten schmerzte, und fest gepresst, einfach, um es aushalten zu können. Doch er nahm an, dass ihn das nur wieder zurück in die Bewusstlosigkeit geschleudert hätte, wenn gar die Wunde erneut aufbrechen würde. Und wäre das nicht undankbar seinem Retter gegenüber gewesen, wenn jener sehen musste, dass der Verband blutdurchtränkt war? Nein. Selim entschied sich, seinen Mann zu stehen. Damals, als ihm die hübsche Behiye das Herz gebrochen hatte, war der Schmerz auch nicht viel schlimmer gewesen, obgleich er andersartig und innerlich gewesen war. Nun, überlegte Selim, dennoch war er nur von kurzer Dauer gewesen, und die flinke Farah hatte ihn schnell und gut getröstet.

Während Selim so dalag und über Frauen nachdachte, vergaß er zwar seinen Schmerz nicht, doch gelang es ihm, ihn weitgehend auszublenden. Über diverse andere Namen oder auch nur sinnliche Gesichter, die ihm in Erinnerung geblieben waren, wanderten seine Gedanken schlussendlich zu dem zurück, was sich kürzlich im Hause seines Herren zugetragen hatte. Und dies wiederum brachte ihn zu einer anderen Frage. Wie lange mochte er schon hier liegen, unfähig, sich zu bewegen? Suchte man ihn bereits? Brachte er womöglich seinen Retter in Gefahr? Selim hatte inzwischen die Augen geschlossen. Der letzte Gedanke, bevor er in einen tiefen Schlaf sank, war, dass er froh sein konnte, nicht gestorben zu sein. Oder war er am Ende gar tot und hatte seine ganz persönliche Hölle gefunden?

Es musste Jahre her sein, da er zum letzten Mal getrunken hatte. Sein Mund fühlte sich an wie die Wüste Sar selbst, seine Zunge war nicht mehr als ein verdorrtes Stück Fleisch, das allmählich in der Trockenheit verrottete… Selim war erneut aufgewacht. Eine Welle aus Selbstmitleid hatte ihn durchflutet, und so lag er nun leidend und sich selbst ob seiner vermaledeiten Situation bedauernd auf der kargen Bastmatte in diesem Rattenloch und tat…nun, nichts. Eine Welle aus Wasser wäre ihm lieber gewesen. Er schwitzte wie ein Schwein und stank vermutlich wie ein Ulakav. Wie er so auf seiner Matte lag, spürte er einen Stein im Rücken. Er war wohl nur klein, dennoch reichte seine Präsenz aus, um ihn an den Rand des Wahnsinns zu treiben. Das Schnauben, das aus dem Hof herauf drang, war in seiner Vorstellung ein munter plätschernder Brunnen, der kühles Nass verhieß und zugleich unerreichbar fern für Selim lag. Er stöhnte klagend und stimmte ein heiseres, kaum vernehmbares Wehklagen an, das schon nach wenigen Momenten verstummte. Denn Selim hatte Schritte gehört. Der Schmerz war für den Moment vergessen, ebenso seine Situation. Gleich würde sich zeigen, ob er Glück im Unglück oder aber Pech auf der ganzen Linie hatte. Etwas knarrte unten – unten? bis eben war er davon ausgegangen, sich selbst unten zu befinden! – dann hörte Selim ein tiefes, höchst unmelodisches Brummen. Als die Tür aufgeschoben wurde, kniff Selim hastig die Augen zusammen. Doch nur so weit, dass er für schlafend gehalten wurde, doch selbst seinen Retter betrachten konnte. Bei den Göttern, es war ein alter Mann! Selim erfasste die abgetragene Kleidung des Alten und wie er ihm selbst nicht eines Blickes würdigte. Er stellte etwas auf den Tisch und hob dann seine vom Alter gezeichneten Hände, um die getrockneten Kräuter zu berühren, hier und dort etwas abzuzupfen oder die Sträuße zu drehen. Selim riskierte einen Blick zum Tisch. Und dann sah er den Becher.

Ehe er sich selbst dessen bewusst war, hatte er die Augen aufgerissen und fuhr sich mit dem Stück Pökelfleisch, das in Wirklichkeit seine Zunge war, über die aufgesprungenen Lippen. Erneut versuchte er, sich aufzusetzen. Das Plätschern des Brunnens von vorhin, das eigentlich das zufriedene Schnauben Qamars gewesen war, und dieser unendlich weit fort stehende Becher ergaben in seinem Kopf nur einen einzigen Sinn. Scheiß stand Selim in Perlen auf der Stirn; es lang ihm sogar, all seine verbliebenen Kräfte zu mobilisieren und sich bis auf den rechten Ellbogen empor zu stemmen – doch dann war da nichts weiter in ihm, keine verborgene Energiequelle, nur das Begehren, diesen Becher leeren zu wollen, der doch ganz gewiss das frischeste aller Quellewasser enthielt, das er jemals gekostet haben würde.

Selim ächzte. Er streckte die Linke nach dem Becher aus, den er doch nicht erreichte. Es war unwichtig, dass der Alte im Raum war, alles war unwichtig, nur dieser Becher nicht. „Bi..tte“, krächzte Selim, und er war einen kurzen Moment wahrlich selbst erstaunt darüber, wie grauenvoll seine sonst so angenehme Stimme doch klang.

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Re: Verpflegung

Beitrag von Gestalt » Dienstag 5. Oktober 2010, 12:00

Der alte Mann schien nichts von den Versuchen seines Patienten zu bemerken oder aber zu ahnen, dass er durstig sein könnte. Zumindest erweckte er diesen Eindruck, denn noch immer gönnte er dem Jungen keinen einzigen Blick.
Schließlich war er mit seiner Arbeit soweit zufrieden, wie er es nur sein konnte, und trug die abgezupften Kleinigkeiten und zusammen gedrehte Sträuße zum Fenster.
Sein Gang war schlurfend und von einem eigenen, merkwürdigen Rhythmus. Auf einen etwas längeren folgten zwei kurze Schritte, sodass danach der andere Fuß ein wenig mehr als zuvor nachgezogen wurde. Dadurch wechselten sich seine Beine beständig ab und trotzdem war es nicht so wie bei den meisten, die ebenfalls allmählich ihre Kraft selbst beim Gehen verloren. Woran das lag, wusste wohl nicht einmal der Alte selbst, schob es allerdings gern auf seinen Willen, selbstständig zu bleiben und keine Gehhilfe zu akzeptieren, egal, ob ein Stock oder ein helfender Arm.
Nur bei längeren Strecken half auch das nichts mehr, dann brauchte er seinen "neuen Freund", wie er ihn immer nannte, seinen Holzstock mit dem Knauf aus einem Stoffstück. Jegliches andere Material hätte sich in Sarma zu sehr erhitzt für seine bloße Hand, deswegen hatte er damals, bei der Herstellung, darauf bestanden, dass er nur Stoff für das obere Ende erhielt und sonst nichts. Es reichte für ihn auch, von daher hatte er auch keine Probleme damit. Es rief nur bei Fremden Verwunderung hervor und diese war für ihn nichts Neues.
Nachdem er alle Kräuterstücke sorgfältig auf dem Fensterbrett ausgebreitet hatte, damit sie von der Sonne gleichmäßig berührt und getrocknet werden konnten, schlurfte er zum Tisch zurück, ohne den Kopf zu drehen. Ganz so, als hätte er auch weiterhin nicht seinen Patienten bemerkt, der sich sogar ein klein wenig in die Höhe gekämpft hatte, um auf sich aufmerksam zu machen. Selbst das Ächzen schien er nicht zu hören.
Oder wollte er es nicht? Man konnte es ihm leider nicht ansehen.
Trotzdem griff er zu dem Becher und blickte hinein, als ob er dessen Konsistenz prüfen wollte, während hinter ihm gebettelt wurde.
Dann schlurfte er damit erneut zum Fenster, blickte im Sonnenlicht auf den Sud und nickte schließlich.
Ohne sein Gesumme zu unterbrechen, kam er auf Selim zu, half ihm in eine etwas noch aufrechtere Haltung und setzte ihm den Becher an die Lippen. "Kleine Schlucke.", mahnte er ihn mit einer Stimme, die an ein Reibeisen erinnerte, so krächzend war sie.
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Re: Verpflegung

Beitrag von Selim di Basra » Donnerstag 7. Oktober 2010, 09:12

Hätte er nicht solchen Durst gehabt, Selim hätte dem alten Mann wohl verbale Beine gemacht. Wie konnte man denn nur so langsam sein! Die Muße, mit welcher der Alte sich bequemte, in den Becher zu schauen, trieb Selim um ein Haar in den Wahnsinn. Er fuhr mit der Zunge über seine rissige Lippe, um sie in Vorfreude auf das kühle Nass zu benetzen, doch hatte er das Gefühl, mit Schmirgelpapier auf Stein zu reiben. Also ließ er es bleiben und begnügte sich stattdessen damit, sich in sein Schicksal zu fügen, denn er konnte sich ja nicht einmal selbst aufrichten und war wohl oder übel auf den Mann angewiesen. Es blieb ihm also nichts anderes übrig, als zu warten, bis der Alte seine Inspektion des Tasseninneren beendet hatte. Trotzdem ärgerte sich Selim. Er befand sich nicht gern in wirklicher Abhängigkeit. Andere glauben zu machen, dass er von ihnen abhängig war, war etwas ganz anderes und gehörte für einen guten Diener natürlich dazu. Fand er.

Animalische Gier leuchtete in Selims Augen auf, als der alte Kerl sich umwandte und auf ihn zu schlurfte. Hatte er ihn also doch gesehen! Doch statt zu ihm zu kommen, steuerte er das Fenster an. Hätte Selim seine Ellbogen nicht zur Stütze benötigt, so hätte er sich womöglich die Haare gerauft. Er wollte entrüstet schnauben, doch diese Bestrebung schlug so ziemlich fehl, und sein Schnauben klang mehr wie das Schnaufen eines altersschwachen, gestrandeten Walrosses. In Selim stieg die Frustration in ungeahnte Höhen – und das trug sich alles in wenigen Sekundenbruchteilen zu. Erst dann wurde alles fort geschwemmt von süßer Erleichterung, denn der Alte wandte sich nicht nur um, sondern gleichsam auch ihm zu, und überdies blickte er Selim nun an. Er ließ sich sogar neben ihm nieder. Gleichzeitig rückte der Becher – allem voran sein verlockender Inhalt – immerfort näher. Die Mahnung des Mannes, die er mit seiner Reibeisenstimme vortrug, vernahm Selim zwar, doch wäre er wohl kaum Selim di Basra gewesen, wenn er ihr Folge geleistet hätte. Nein, Selim griff, gestützt von dem Alten, der dahingehend erstaunlich kräftig war, direkt mit einer Hand nach dem Becher, umfasste die knöcherne, von Altersflecken überzogene Hand seines Retters und zog den Becher an seine Lippen. Dass er nicht das enthielt, was seine Fantasie ihm vorgaukelte, bemerkte er allerdings erst nach dem zweiten, natürlich viel zu hastigen Schluck. Selim riss die Augen auf, hustete und spuckte dem Alten einen feinen Nieselregen auf die Hand. Das Husten schmerzte unvorstellbar in seiner Brust, weshalb er gleich darauf eine Grimasse sondergleichen zog. Das war kein Wasser! Selims nächste Blick war vorwurfsvoll. Aber er war so durstig, dass er dann doch der Empfehlung Folge leistete und kleinere Schlucke nahm, wie widerlich und bittersüß dieses Gebräu auch sein mochte – und was immer es auch war. Die ganze Zeit über hielt Selim die Hand des alten Mannes und damit auch den Becher fest umschlossen.

Er leerte den Becher bis auf den letzten Tropfen und ließ sich dann, mit Hilfe, zurücksinken. Er hätte es sich ja eigentlich denken können. Der Kopf des Mannes neben ihm zog sich allmählig, verformte sich in die Länge und begann zu Strahlen. Kurioserweise taten es ihm die Kräutersträuße an der Decke gleich, und der schäbige Stuhl schien gar ein drittes Paar beine zu bekommen. Und wuchs da nicht ein Pferdehals aus dem Tisch? Selim blinzelte ungläubig. “Wa...wasch...war'n dasch....“ nuschelte er benommen, während das linke Auge bereits halb zuklappte und sein rechtes wirr in seiner Höhle herumrutschte. Noch bevor er feststellen konnte, dass es kein Heiltrank – oder zumindest nicht nur – gewesen war, sondern ein Schlaftrunk, war Selims Geist weit abgedriftet und schwelgte in traumloser, wattiger Schwärze.

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Re: Verpflegung

Beitrag von Gestalt » Freitag 29. Oktober 2010, 11:04

Wenngleich man es dem alten Mann nicht anmerkte, konnte er sich sehrwohl denken, wie durstig sein Patient sein mochte. Immerhin waren sie hier in einer Wüstenstadt mit einem trockenen, heißen Klima. Wer hatte in solch einer Umgebung nicht beständig das Verlangen, etwas zu trinken?
Allerdings kannte er auch die Wirkung seiner Rezepturen und hatte eine innere Uhr dafür entwickelt, wie lange sie brauchten, um alle Kräfte freisetzen zu können. Und je ausgedörrter der Körper war, desto besser würde es in diesem Falle sein. Wäre der Kranke ein Kind, dann hätte er sich die Mühe gemacht, Worte der Beruhigung zu finden. Doch so setzte er voraus, dass der Verletzte bereits Manns genug war, um das Leid zu ertragen, das notwendig war, um die Heilung rascher voran treiben zu können. Nur deswegen ignorierte er ihn derart vehement, während er sich um seine Kräuter und deren Trockenheitszustand kümmerte.
Bis sein Instinkt ihm schlussendlich verriet, dass es an der Zeit war. Also schlurfte er zu ihm hin und half ihm, von dem Sud zu trinken.
Dass seine Warnung nicht beherzigt wurde, entlockte ihm lediglich ein feines, amüsiertes Funkeln, das sich in seinen Augen widerspiegelte. Nun, er hatte sein Möglichstes getan und ihm gesagt, er solle langsam trinken. Wenn er nicht auf ihn als Arzt hörte, war es seine eigene Schuld und er würde es sogar recht bald bereuen. Denn bei seinem merklich ausgeprägten Durst war es alles andere als hilfreich, etwas sofort hinunter zu stürzen, obwohl einem der Körper gewöhnlich vorgaukelte, dass nichts anderes das Richtige war.
Erstaunlich rasch, was man aufgrund seiner sonstigen Bewegung kaum vermutet hätte, griff er nach dem Becher und hielt ihn außer Reichweite, damit er nicht umgestürzt werden konnte während des Hustenanfalls.
Ja, seine Medizin war dickflüssig und man verschluckte sich leicht daran, was nicht gerade angenehm sich anfühlen würde.
Die feinen Speicheltropfen bemerkte er nicht einmal, so empfindlich war seine Haut nicht mehr. Außerdem konzentrierte er sich auf seine Beobachtung der Bewegungen des verletzten Körpers und half ein bisschen mit, indem er relativ sanft zwischen die Schulterblätter klopfte. Natürlich darauf bedacht, nicht die Wunde zu erwischen.
In dieser, für den Patienten bestimmt ewig dauernden Situation ignorierte er geflissentlich den vorwurfsvollen Blick. Schließlich hatte er ihn gewarnt, somit war der Junge selbst schuld.
Sobald der Hustenanfall vorüber war, hielt der alte Mann ihm wieder den Becher vors Gesicht, in dem sicheren Wissen, dass sein Patient diesmal seine Worte beachten würde. Auch nahm er mehr die Hilfe an, indem er ihm das Geschirr in der Hand beließ und somit auch ein wenig die Kontrolle darüber, wie groß ein Schluck werden und wie rasch er auf den vorigen folgen konnte.
Schließlich konnte er den Boden des Bechers erkennen und half dem Verletzten, sich wieder hinzulegen. Was er auch bestimmt nötig hätte, da der Arzt wusste, wie rasch die Kräuter darin einen Rausch bewirken konnten. Da war es besser, man lag, damit man sich nicht noch mehr Wunden zufügen könnte.
Er stand auf und schlurfte ein paar Schritte auf die Tür zu, bis das Nuscheln an seine Ohren drang.
Kurz blieb er stehen und drehte den Kopf soweit, dass er über die Schulter zum Bett hin blinzeln konnte. Seine Lippen kräuselten sich zu einem freudlosen Lächeln. "Medizin.", erwiderte er schlicht und schlurfte hinaus, hinab in die Küche und von dort aus in einen kleinen, schmucklosen Raum.
Es war ein überdachter Brunnen, aus dem er seinen täglichen Wasserverbrauch schöpfen konnte. So auch jetzt holte er eine Kelle voll davon heraus und goss sie einfach in den schon benutzten Becher. Dadurch würde auch der letzte Rest des Heilmittels seinen geplanten Weg finden.
Damit bewaffnet, schlurfte er gemächlich zurück.
Ob sein Patient inzwischen eingeschlafen war? Nein, so schätzte er ihn nicht ein. Wenn er von seiner körperlichen Statur und der Fähigkeit, diese Verletzung eine gewisse Zeit lang unbehandelt zu überleben ausging, würde der Junge vermutlich noch ein paar Minuten dahin dämmern, bevor die Wirkung sich völlig entfalten würde. Demnach würde er auch jetzt noch einen Schluck trinken können, sollte er sich nicht irren.
Als er in das Zimmer zurück kehrte, führte sein Weg ihn sofort zum Bett.
Wieder setzte er sich so hin wie zuvor, half dem Verletzten etwas in die Höhe und legte ihm den Becher erneut an die Lippen. Er sparte sich die Warnung, da er darauf baute, dass der andere das letzte Mal noch im Geiste hatte oder schon zu benommen war, um sich gegen seine Führung zu wehren.
Der alte Mann schenkte der ausgedörrten Kehle ein paar kleine Schlücke erfrischendes Wasser.
Trotzdem blieb noch mehr als die Hälfte in dem Becher zurück, als er seinen Patienten ein weiteres Mal zurück legte, sich danach erhob und zu dem Tisch schlurfte.
Daraufhin drehte er sich um und beobachtete das Verhalten des Körpers. Zählte innerlich die Zeit, bis er endgültig in den heilenden Schlaf versinken würde, was er anhand der Atemzüge erkennen könnte. Das würde ihm bei seiner weiteren Dosierung helfen.
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Re: Verpflegung

Beitrag von Selim di Basra » Mittwoch 3. November 2010, 09:42

Mmmmmmhh....ediziiiin..... Selim blinzelte verträumt, während er sich fragte, wer das gerade gesagt hatte. Er befand sich, wie bereits erwähnt, schon mehr im Schlaf denn im Wachzustand. Sein Geist tappte in engen Kreisen um sich selbst herum, unfähig, etwas zu erfassen, dass über die ureigensten Empfindungen hinaus ging. Müde, ja, das war er. Und er wollte nur schlafen. Seltsamerweise blieb ihm dieser letzte Schritt über die Schwelle dorthin jedoch verwehrt. Mit ihm unverständlicher Klarheit gewahrte er die Schritte des alten Mannes, als er sich erhob und davonschlurfte, ein Wiehern unten im Hof, das heisere Krächzen eines Rabenvogels, der gewiss auf Beute aus war, die er stehlen konnte. Holz knarrte – vermutlich eine Treppenstufe, die unter dem Tritt des Alten ächzte – dann.....Stille. Selim war innerhalb weniger Augenblicke eingeschlafen.

Selim mochte wohl nicht schwächlich sein. Er war drahtig und hielt sich selbst für einen zähen Kerl. Und doch hatte er eine gefährliche Wunde davongetragen, die ihn um ein Haar das Leben gekostet hätte. Unter anderen Umständen hätte er selbst wohl gewettet, dass er sehr viel zäher war. So aber war er nicht einmal im Stande, überhaupt zu wetten, geschweige denn, etwas zu sagen. Als der Alte zurück kam, fand er Selim daher bereits schlafend, auch wenn dieser Schlaf weder tief noch erholsam war, sondern eine Kombination aus bodenloser Erschöpfung und dem Heilschlaf, den der Trunk herbeigeführt hatte.


Als Selim das nächste Mal erwachte, wusste er nicht, wie lange er geschlafen oder ob er zwischenzeitlich noch etwas getrunken hatte. Der Geschmack in seinem Mund war, gelinde gesagt, widerlich. Schlafsand hatte sich in seinen Augenwinkeln gesammelt und erschwerte ihm die Sicht, bis er träge den Arm hob und sich über die Augen fuhr. Doch es blieb dunkel, denn draußen war es ganz offensichtlich Nacht. Selims Brust schmerzte. Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse und schnaufte. Dann versuchte er, sich aufzusetzen was diesmal nicht unbedingt gut, aber immerhin besser gelang als...vorhin? Gestern? Nun, wann auch immer. Dass er beinahe zwei Tage lang geschlafen hatte, war ihm nicht bewusst, ebenso wenig wie der Umstand, dass er wohl das ein oder andere Mal im Halbschlaf etwas getrunken hatte. Durst hatte er jetzt auch, doch ein anderes Gefühl war sehr viel stärker. Selim hatte Hunger. Und zwar einen gewaltigen. Wie zur Bestätigung brüllte sein Magen in jenem Moment wie ein waidwundes Tier mit Aussicht auf fette Beute. Selim indes war wach genug um zu erahnen, dass sein Gönner wohl selbst schlief. Sofern sein Magenknurren ihn nicht aufgeschreckt hatte, hieß das. Nun, was sollte er also tun? Er konnte sich schlecht an den Vorräten des Alten zu schaffen machen, abgesehen davon, dass er weder wusste, wo er sie lagerte, noch selbst aufstehen konnte. Frustriert ob seiner Hilflosigkeit sah sich Selim im Raum um, soweit das bei der herrschenden Düsternis möglich war. Auf dem Tisch stand ein Krug, ob voll oder leer war nicht ersichtlich. Selim hatte sich inzwischen in eine sitzende Position hochgestemmt. Es ging erstaunlich gut, auch wenn seine Brust schmerzte und der frische Verband ihn einengte. Er beschloss, irgendwie an das vermeintliche Wasser heranzukommen.

Eine knappe Viertelkerze später zerschellte der Krug auf dem alten Dielenboden. Wasser bildete eine feuchte Pfütze, gespickt mit tönernen Scherben. Dicht daneben lag ein nasser Selim mit bedauerndem wie schmerzverzerrtem Gesicht. Er ärgerte sich maßlos, zum einen wegen des Lärms, zum anderen wegen des vergeudeten Wassers und nicht zuletzt wegen seiner demütigenden Unselbständigkeit. Hinzu kam, dass ganz dringend das hinaus wollte, was der Alte ihm in den vergangenen Tagen eingeflößt hatte.

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Re: Verpflegung

Beitrag von Gestalt » Freitag 5. November 2010, 18:39

Der alte Mann beobachtete seinen Patienten genau und nickte leise brummend.
Als der Junge eingeschlafen war, erhob er sich und schlurfte ein weiteres Mal hinaus, diesmal allerdings blieb er im selben Stockwerk. Sein Weg führte ihn zu einem gemütlich eingerichteten Raum, der sichtlich zum Arbeiten und Schreiben benutzt wurde.
Er ging hin zu seinem Schreibtisch, der vermutlich genauso alt war wie der Arzt selbst. Zumindest sah er so aus, das Holz war dunkel und alles knarzte und ächzte.
Aus einer der Laden holte er zielsicher ein Büchlein, das bereits halb zerfiel, wenn man es nur ansah.
Auf der Tischplatte klappte er es behutsam auf und blätterte die vergilbten Seiten durch, bis er zu einer noch nicht vollkommen beschrifteten gelangte. Diese behielt er und griff sich einen altmodischen Füller, um kratzend ein paar Notizen sich zu machen. Obwohl er oft und gerne sein Gedächtnis bemühte, um es aktiv zu halten, war es in einigen Punkten unerlässlich, dass er es auch schriftlich festhielt, um es nicht zu vergessen. So konnte er sich weitere Gedanken darüber machen und alles weitere berechnen.
Nachdem dies erledigt war, kehrte er zurück und beobachtete den schlafenden Verwundeten noch ein wenig, bevor er seinem Alltag soweit weiter nachging, wie ihm das in seinem Haus allein möglich war.
So verging die Zeit und er flößte ihm manchmal Wasser ein, selten war es mit zusätzlicher Medizin versetzt. Den Verband wechselte er zweimal am Tag und säuberte behutsam die Wunde, um Wundbrand und andere Entzündungen zu verhindern.

Als der Patient aufwachte, lag der Arzt bereits wirklich in seinem Bett und versuchte gerade, in seinen Schlaf zu finden. Er war etwas enttäuscht, denn eigentlich hätte der Verletzte bereits vor ein paar Stunden aufwachen sollen.
Hatte er die Zähigkeit und Kraft in dem Körper unterschätzt? Er machte sich viele Gedanken darüber, denn die Dosis war nicht zu hoch gewesen. Das hielt ihn davon ab, rasch ins Traumland zu gleiten, wie es sonst der Fall gewesen wäre.
Das Pferd hatte er wieder gut versorgt, er war sogar kurzzeitig außer Haus bei anderen Patienten gewesen, aber die meiste Zeit hatte er bei dem Jungen und seinen Notizen verbracht.
Und nun befand er sich auf dem Rücken liegend in seinem Bett und sank endlich in einen leichten Schlummer.
Als plötzlich Lärm ihn aufschreckte, sodass er aufrecht saß, den Blick in die Dunkelheit des Zimmers gerichtet. Unten im Hof schnaubte der Hengst ob dieses Lärms, der ihn gestört hatte.
Sonst jedoch war es wieder still, sodass es für diese Ruhestörung nur eine Erklärung geben konnte.
"Na endlich.", brummte der Alte und quälte sich aus dem Bett.
Er war nicht mehr der Schnellste und somit dauerte es recht lange, bis er mit einer kleinen Funzel als spärliche Lichtquelle in das Zimmer des Patienten geschlurft kam.
Dort sah er die Bescherung und starrte einige Sekunden lang schnaufend darauf. Das könnte er selbst nicht beseitigen, dazu war er bei aller Selbstständigkeit nicht mehr in der Lage. Oder eher, er könnte es schon, aber es würde Ewigkeiten dauern. Also müsste er seiner Nachbarin mal wieder Bescheid geben, die ihm öfters im Haushalt half.
Erst danach hob er seinen Blick und richtete ihn auf den Verletzten. "Immer diese Jugend, von Pünktlichkeit hält sie gar nichts oder von Nachtruhe.", murrte er zwar, meinte es allerdings nicht bösartig.
Stattdessen schlurfte er zu ihm hin und wollte ihn wieder ins Bett bugsieren. "Du bist stark verletzt, du sollst liegen bleiben.", brummelte er und redete so viel wie schon lange nicht mehr an einem Stück. Ein Umstand, der darauf zurück zu führen war, dass ihm sein Patient in den unzähligen Stunden immer mehr wie noch ein halbes Kind vorgekommen war. Entsprechend verhielt er sich instinktiv.
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Re: Verpflegung

Beitrag von Selim di Basra » Mittwoch 10. November 2010, 12:08

Wenn es ihn nicht derart geschmerzt hätte, dass ihm beinahe die Luft weggeblieben wäre, so hätte Selim sich daran gemacht, die Scherben zuwenigst zusammenzuschieben, wenn schon nicht gänzlich aufzulesen. So aber lag er halb am Rande, halb in der Wasserpfütze am Boden und lauschte auf das Rauschen in seinen Ohren und das Hämmern seines Herzens. Irgendwo wieherte ein Pferd, was Selim zum ersten Mal seit seiner Flucht an den stattlichen Rappen denken ließ, der ihn in die vermeintliche Freiheit getragen hatte. Kurze Zeit später ächzte ein Holzbalken, dann schoben sich schlurfende Schritte näher. Selims Ärger wuchs noch etwas weiter. Andererseits war er durstig und hatte gewisse andere Bedürfnisse, und so war er zugleich auch erleichtert. Und nicht zuletzt verwirrt darüber, dass vollkommen kontroverse Empfindungen in ihm wogten wie eine Brandung im Sturm. Eine Nebenwirkung dieses Blubberlutsches, den der Alte ihm verabreicht hatte, sagte er sich.

Als der Alte eingetreten war und sich die Bescherung besah, keimte überdies noch ein schlechtes Gewissen. ““Tut mir leid...“ Seine Stimme klang kratzig. Selim sah nicht viel, und das, was er sah, ermöglichte das einfallende Licht des zunehmenden Mondes und das gelbliche Licht der Kerze, die der Alte mitgebracht hatte. Jener schnaufte zunächst und erinnerte Selim obdessen an das altersschwache Kamel, das sie sich damals bei den Schaustellern gehalten hatten. Eine Ewigkeit schien es her zu sein. Erst die erstaunliche Redseligkeit des Alten, der ihn bisher meist angeschwiegen hatte, riss ihn aus diesen Erinnerungen und brachte ihn zurück in den kargen Raum mit dem zerborstenen Krug. Pünktlichkeit? Selims Gesicht musste Bände sprechen. Er hatte keinen blassen Dunst, was der Alte damit meinte. Selim erwiderte den Blick ein wenig ratlos, bis jener einen leicht trotzigen Beigeschmack erhielt – er hatte den Krug schließlich nicht absichtlich zerschlagen -, dann sah er weg, bis der Alte erneut seine Aufmerksamkeit einforderte, weil er ihn zurück auf sein Lager bugsieren wollte. Selim legte seine Hand auf die pergamentene, mit zahlreichen Altersflecken übersehte Haut seines Pflegers und hob den Blick. “Nein. Ich habe Durst und ich.. Naja, ein Nachttopf wäre nicht schlecht vielleicht.“ Selim war es ein wenig peinlich, aber es half ja doch nichts. “Und ich bin hungrig.“ Ein vages Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. “Bitte.“ Von Eloquenz oder Eleganz war in diesen Worten nicht sonderlich viel zu merken, was an sich indes auch kaum ein Wunder war, so ausgemergelt wie sich der Sarmaer fühlte – und in der Situation, in der er sich befand. Selim zog eine Grimasse, als er den Schmerz zu unterdrücken suchte, der ihn bei der stützenden Bewegung des Alten durchzuckte.

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Re: Verpflegung

Beitrag von Gestalt » Montag 15. November 2010, 18:49

Auch wenn der Arzt wusste, dass manchmal jede Sekunde zählte, war er inzwischen in einem Alter, in dem es nicht mehr schneller ging. Und es brachte nichts, wenn er sich hetzte und somit ebenfalls außer Atem war, wenn er bei seinem Patienten ankam. So kam er auch gar nicht auf den Gedanken, dass sich jemand daran stören konnte. Noch dazu, wo ihm eigentlich jeder in diesem Viertel, den er kannte und bestimmt irgendwann behandelt hatte, Respekt entgegen brachte und selbst nicht auf die Idee gekommen wäre, ihn zu einer Eile anzutreiben, zu der sein Körper nicht mehr fähig war.
Nun jedoch war er in dem Zimmer angekommen und sah die Bescherung, die ihm alles andere als gefiel.
Warum auch musste diese Jugend heutzutage sich einbilden, zu den unmöglichsten Zeiten sein Eingreifen zu fordern? Das hätte es in jener Zeit, zu der er jugendlich gewesen war, nicht gegeben, da waren die Körper anders beschaffen gewesen. Oder er bildete es sich zumindest ein, da in der Hinsicht seiner Erinnerung nicht zu hundert Prozent zu trauen war, obwohl er das selbstverständlich niemals zugegeben hätte.
Zu der kratzigen Entschuldigung schnaubte der Alte nur und stellte die Kerze weg, um nicht auch noch einen Brand auszulösen.
Erst danach kümmerte er sich darum, dass der Junge nicht mehr am Boden in einer feuchten Lacke herum lag und sich womöglich zusätzlich zu den ganzen Verletzungen eine Erkältung einfing. Das wäre alles andere als zuträglich für die Heilung des Körpers. Zwar fiel es ihm, wie schon vor wenigen Tagen, als er den Fremden vom Hof bis hier her geschleppt hatte, recht schwer und er schnaufte noch stärker als sonst, doch er kämpfte weiter.
Ein bisschen Hilfe bekam er von dem Jüngelchen, der sich probierte, selbst auf den Beinen zu schaffen, und somit schafften sie es mehr schlecht, als recht, ihn wieder in Richtung des Bettes zu befördern.
Dass er auf seine Worte über die Pünktlichkeit ziemlich verdutzt reagierte, ignorierte der Mann, denn er hatte ohnehin eher mit sich selbst, denn mit dem anderen gesprochen. Außerdem brauchte er seine Kraft und wollte sie nicht wieder mit unnützem Gerede verschwenden.
Etwas lauter schnaubte er kurz darauf bei der leichten Gegenwehr und brummte:"Ins Bett!" Diese knappe Bemerkung duldete merklich keinen Widerspruch und somit drückte er weiter, bis der Patient auf der Bettkante saß.
Wenn er es schaffte, so zu bleiben und nicht umzukippen, dann wäre schon viel gewonnen an Fortschritt.
Er brauchte einige Sekunden, bevor er zu Atem gekommen war und wieder in Richtung des Tisches schlurfte. "Ja, ja, bring ich gleich.", murrte er und bewegte sich wieder mit dem dürftigen Licht hinaus.
Ein anderes hatte er nicht und er hatte nicht vor, im Dunkeln durch sein Haus zu gehen, auch wenn er es im Schlaf kannte. So ein Risiko wollte und würde er nicht eingehen.
Zuerst holte er aus einem Nebenraum, der für solche Dinge zum Aufbewahren gedacht war, einen Nachttopf und brachte ihn zu dem Jungen.
Ohne abzuwarten, machte er erneut kehrt und holte endlich eine zweite Lampe. Diese Zeit wollte er seinem Patienten geben, um selbst festzustellen, ob er sich schon alleine erleichtern konnte oder nicht. Immerhin wusste er, wie unangenehm so etwas sein konnte, für ihn als Arzt genauso wie für den anderen, und er wollte ihn obendrein fordern. Dieses Jüngelchen sollte nicht glauben, er könne sich auf die faule Haut legen, nur weil er verletzt war!
Nach etwas mehr als zwei Minuten kam er ein weiteres Mal in den Raum geschlurft und stellte beide Lämpchen, die brannten und somit eine Spur mehr Licht spendeten, auf den Tisch in Sicherheit.
Die Scherben beachtete er noch immer nicht weiter, sondern blickte fragend sowie ärztlich interessiert zum Bett hin, ob sich etwas getan hatte oder nicht. Über Essen und Trinken wäre nachher noch zu reden.
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Re: Verpflegung

Beitrag von Selim di Basra » Montag 22. November 2010, 16:28

Selim wäre blind und taub gewesen, hätte er nicht die Anstrengung bemerkt, mit der der Alte ihn zurück zu seinem Lager transportiert hatte. Dabei hatte sich der junge Mann schon große Mühe gegeben, sein Gewicht allein und selbststndig zu tragen, was ihm allerdings nicht zur Gänze gelungen war. Ächzend war er zurück auf das Lager gesunken, sitzend, hatte den Alten neugierig angesehen und vwohl zum ersten Mal mit unbenebeltem Geiste wahrgenommen. Altersflecken prägten das Aussehen des Mannes, Falten und unzählige Runzeln zierten die Haut und legten Zeugnis ab von der Zeit und dem Leben, das verstrichen war. Wie alt sein Retter war, wusste Selim nicht zu benennen noch zu schätzen. Sein Alter musste weit jenseitg der sechzig Sommer liegen, vielleicht gar noch mehr Jahre zählen, und doch war dies nicht mehr als eine Vermutung. Selims Rechte lag auf dem Verband, über seinem Herzen, und er gab sich große Mühe, weder wehleidig noch scherzerfüllt auszusehen, obgleich er für beide Empfindungen genug Potential in sich barg. Tief atmete er ein, der Verband spannte; dann ließ er die Luft wieder hinaus, langsam diesmal und mit geschlossenen Augen. Schon damals hatten ihm diese einfachen Atemübungen Ruhe geschenkt, und so war es auch heute noch.

Selim schaffte es, in dieser Position zu bleiben. Er war nun mehr als wach, und Hunger, Durst, sowie ein anderes Bedürfnis trugen ihren Teil dazu bei, dass für ihn an Schlaf nicht mehr zu denken war. Wohl bemerkte er, dass der Alte nicht eben begeistert über seine Wünsche schien. Und obgleich es nicht mehr als die Grundbedürfnisse waren, denen er Ausdruck verliehen hatte, so hatte Selim doch augenblicklich ein schlechtes Gewissen. Der Alte verließ en Raum und ließ nichts als spärliche Licht des Mondes zurück. Selim saß im Halbdunkel und hatte nicht viel mehr zu tun, als zu warten und auf die Geräusche zu lauschen, die entfernt zu ihm drangen. Etwas klapperte dumpf, dann war ein Schaben zu hören, dann....Stille. Kurz darauf schlurfte der Alte mit einem Nachttopf heran. Zum ersten Mal fragte sich Selim, ob er sich eingenässt hatte, während er hier gelegen und die Gastfreundschaft des alten Mannes genossen hatte. Er sah an sich herab - Selim trug dieselben Kleider wie an dem Tag, an dem man ihn niedergestochen hatte. Er war dreckig, fleckig und roch nicht gut. Einzig der Riss in seiner Tunika blieb verborgen, verdeckt von dem Verband, den der Alte ihm angelegt hatte. Selim begann, sich unwohl zu fühlen. Er sehnte sich danach, sich zu waschen. Ein gutes Zeichen, vermutlich, denn ein Sterbender sorgte sich wohl kaum um seine Körperhygiene.

Der Alte kehrte kurz darauf mit einem Nachttopf zurück. Er stellte ihn hin und wandte sich augenblicklich wieder ab, um den Raum wieder zu verlassen. Selim sah ihm nach, beäugte dann den Topf. Sollte er....? Er entschloss sich, sich zu setzen. Lange dauerte es ohnehin nicht, dafür füllte er den Topf mit einer durchaus stattlichen Menge an Flüssigkeit. Und kaum, dass er sich erleichtert hatte und sich ebenso fühlte, versuchte er, sich wieder zurück aufs Lager zu wuchten. Es kostete ihn so viel Kraft, dass er um ein Haar gestürzt wäre. Doch es gelang ihm, sich zurück in eine sitzende Position zu wuchten, wenngleich seine Beine und der rechte Arm danach erheblich zitterten und er am Ende seiner Kräfte angelangt war. Traurig! Doch es hatte sich gelohnt. Selim wäre es wie ein peinliches Eingeständnis vorgekommen, hätte er nicht einmal allein pinkeln können! Das wäre ja noch schöner gewesen!

Es dauerte nicht lange, bis der Alte wieder kam und sogar ein zweites Licht mitbrachte. Aufmerksam betrachtete er Selim, und jener sah aufmerksam zurück. Schließlich war er es, der das Schweigen brach. Er deutete mit dem Kinn flüchtig auf den Topf. “Danke“, sagte er und betrachtete dann den Alten wieder, der immer noch neben dem Tisch bei den Scherben stand. Es war Selim peinlich, den Krug zerbrochen zu haben. Vermutlich geschah es ihm ganz recht, wenn er deswegen nun fasten musste. Wie auf Kommando knurrte sein Magen, und Selim suchte diese erneute Peinlichkeit mit einem Räuspern zu übertönen - was ihm, leicht verspätet, auch gelang. “Wie kann ich Euch nennen?“ fragte er höflich.

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Re: Verpflegung

Beitrag von Gestalt » Freitag 26. November 2010, 19:59

In der Tat war der Arzt schon lange ein alter Mann, ausreichend lange, dass man es ihm nicht mehr wirklich ansehen konnte. Viele seiner Patienten, die durch ihre Armut früh Nachwuchs bekamen und auch früh starben, kannten ihn nur so, wie er jetzt aussah. Seine Jugend schien Ewigkeiten zurück zu liegen und trotzdem schien er noch immer ausreichend geistig und körperlich kräftig zu sein, dass er nicht sabbernd in seinem Ohrensessel saß und auf den Tod wartete.
Das hätte auch nicht zu seiner Mentalität gepasst. Es dauerte bei ihm zwar alles länger, aber das war bekannt und somit stellte man sich darauf ein oder mahnte die Kinder, nicht ungeduldig zu sein. Bei Notfällen, die allerdings Schnelligkeit erforderten, kam jemand zu ihm gerannt, er gab die ersten Anweisungen und während er sich auf den Weg machte, konnte bereits die gröbste Versorgung stattfinden. Oder diese Kranken oder Verwundeten wurden gleich zu ihm gebracht, das kam auch oft vor. Er verschloss seine Türen diesen Leuten nicht, die seine Hilfe brauchten, denn er war der einzige Arzt in diesem Viertel und er verlangte auch kein Geld dafür.
Davon hatte er bei weitem genug und stattdessen wurde er anderweitig versorgt. Mal wurde ihn ein wenig von dem kargen Essen gegeben, mal wurde ihm im Haushalt geholfen. Kinder schickte er öfters, dank ihrer guten Augen und ihrer ehrlichen Herzlichkeit, die sie ihm entgegen brachten, los, seine Kräuter zu besorgen. So lernten sie gleich etwas fürs Leben, denn er erklärte ihnen dann immer ausführlich, wie die Sachen aussahen und wozu sie taugten oder wann sie gefährlich wären. Damit half er ihnen, sich bei Kleinigkeiten selbst zu versorgen.
Nur, was nach seinem Tod geschehen würde, das stand in den Sternen. Doch daran wollte er auch nicht denken, er war dem Leben noch zu stark verhaftet.
Dass er nicht begeistert war, jetzt noch im Haus herum hantieren zu müssen, war ob der Uhrzeit garantiert zu verstehen, trotzdem murrte er mehr, als dass er sich ernsthaft dagegen wehrte. Denn er hatte sich natürlich ein wenig Sorgen gemacht, weil es so lange gedauert hatte, bis der Junge aufgewacht war. Das verbarg er jedoch sehr erfolgreich.
Genauso wie er über sämtlich körperliche Schwächen schweigen würde, die passiert sein könnten in den letzten Tagen. Es war zwar alles andere als angenehm für ihn, jemanden säubern zu müssen, nicht einmal notdürftig, aber er war Arzt und es somit gewohnt. Außerdem waren die Exkremente stets ebenso aufschlussreich. Deswegen würde er nachher auch den Nachttopf ansehen müssen. Doch reden darüber war für ihn tabu.
Schließlich kam er mit dem zweiten Licht zurück und stellte es so auf, dass sich die Augen des Patienten daran gewöhnen konnten, ohne beständig gereizt zu werden.
In der Luft lag ein neuer, intensiver Geruch, der ihm bereits alles sagte. So etwas wie ein Anflug eines zufriedenen Ausdrucks huschte über das faltige Gesicht, als er den Verwundeten musterte.
Ein Nicken war die Bestätigung für den Dank und er schlurfte zum Bett, um den Nachttopf in Sicherheit zu bringen, zu dem Tisch. Das Magenknurren währenddessen hörte er laut und deutlich und an sich hatte er auch vor, ihm nachher etwas dagegen zu beschaffen. Er hatte sogar schon etwas vorbereitet, allerdings wäre es inzwischen kalt, jedoch das war Pech. Er würde erst zu Mittag wieder eine warme Mahlzeit machen.
Aber zuerst hatte er auf alle Fälle prüfen wollen, ob der Junge es alleine schaffen würde sich zu erleichtern oder er würde helfen müssen. Immerhin hatte er es geschafft und auch der Geruch war intensiv, doch aufbauend für seine Erfahrung.
So wollte er bereits sich auf den Weg in die Küche machen, als die Frage ihn zurück hielt und dafür sorgte, dass er sich noch einmal zu seinem Patienten umdrehte.
Eine Art Lächeln schlich sich in seinen Blick, ließ ihn etwas weniger mürrisch aussehen. "Man ruft mich gewöhnlich Meister Volrad. Und du spar dir deinen Atem, Jüngelchen. Ruh dich aus, bis dahin bring ich dir was."
Er hätte die Frage auch zurück geben können, aber das sparte er sich vorerst auf. Dafür war außerdem später noch genug Zeit, wenn der Patient wieder genug Kraft hatte. Durch seine Erfahrung konnte er in etwa einschätzen, wie es dem anderen nun ging. Da war jedes Wort zu viel und nicht gerade hilfreich für die Genesung.
Somit schlurfte er hinaus, ließ ein Licht, den Nachttopf und den Verwundeten zurück in dem Zimmer.
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Re: Verpflegung

Beitrag von Selim di Basra » Mittwoch 1. Dezember 2010, 09:57

Selim war dem Alten dankbar, dass er den Nachttopf vorerst ignorierte und nicht herbei gestürzt kam, um zu begutachten, was sich ergeben hatte. Wäre es ihm möglich gewesen, hätte er nicht nur das Malheur aufgeräumt, sondern auch den Topf selbstständig entleert. Sicherlich hatte der Alte hinter dem Haus eine Grube, in die er seinen Unrat kippte, und wenn nicht, blieb immer noch die Entleerung in den Rinnstein, wie es viele machten in Sarma - mit ein Grund, aus dem bestimmte Viertel gar widerlich stanken.

Fast wäre der Alte schon aus dem Raum getreten, und Selim hätte es nicht weiter verwundert, wenn er ihm eine Antwort auf seine Frage vorerst schuldig geblieben wäre, doch dann wandte er sich noch einmal um und blickte Selim freundlich entgegen. Die Stimme war scharrend, doch in gewisser Weise beruhigend, und die Worte enthielten die gewünschte Information. Meister Volrad also. Selim nickte, einerseits zum Zeichen, dass er verstanden hatte, andererseits zum Dank für die Antwort, und eigentlich auch beipflichtend, was den letzten Teil der Worte des Alten anbelangte. Ausruhen. Ja. Selim war zwar nicht mehr müde - kein Wunder, so lange, wie er geschlafen hatte - doch war er erschöpft und fühlte sich schrecklich ausgelaugt. Und was blieb ihm auch anderes übrig? Also blieb er hocken, wo er saß, folgte Volrad nur mit Blicken und sah sich danach im Zimmer um, das spärlich erhellt wurde von dem flackernden Licht der einzelnen, zurückgebliebenen Kerze.

Es dauerte eine Weile, bis er wieder Schritte vernahm. Es klang auch ganz so, als schnaufte Volrad unter Anstrengung. Selims schlechtes Gewissen wuchs ins Unermessliche. Er bemerkte die Schale in der Hand seines Retters, als jener eintrat. Augenblicklich begann sein Mund zu wässern. Auch Durst verspürte er noch, doch wollte er nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen und ließ dieses weitere Bedürfnis vorerst wieder unerwähnt. Ob es ein Brei oder eine Suppe war, konnte Selim noch nicht ausmachen, doch es roch bereits köstlicher als ein gefüllter Fasanenbraten oder gar geschmorter Kamelrücken an Maronen. Selim musste mehr als einmal schlucken.

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Re: Verpflegung

Beitrag von Gestalt » Sonntag 5. Dezember 2010, 17:43

Natürlich wollte er den Inhalt des Nachttopfes noch begutachten, er würde ihm als Arzt bestimmt einiges verraten. Aber vor allem hatte er bereits an dem intensiven Geruch das Nötigste erkannt, sodass der Rest warten konnte, eventuell sogar bis zum Sonnenaufgang, wenn das Licht besser werden würde. Das musste er sich noch überlegen, einen Deckel gäbe es notfalls auch dafür. Er hätte sich viel auffälliger und beunruhigter verhalten, wäre die Duftnote eine andere oder gar nicht vorhanden gewesen, wenn der Patient es nicht von allein geschafft hätte.
Doch so war für ihn vorerst alles in Ordnung und er konnte sich anderen Bereichen widmen, die vermutlich dem Jüngelchen ganz gut tun würden. Wie etwas Brei zu holen, auch wenn dieser kalt sein und voraussichtlich nicht ganz so gut schmecken würde. Allerdings wäre es Nahrung und diese sollte man in vielen Formen zu sich nehmen, wenn man sie bekam, dem Magen würde es nicht schaden.
Zuvor hatte er noch eine Frage zu beantworten, was er ausnahmsweise schon jetzt tat, um dem Verwundeten etwas Zeit zu geben. Er hatte keine Ahnung, woher der andere kam und was genau ihm zugestoßen war.
Zwar war das Pferd sehr wohl genährt und die Kleidung im Prinzip von teurer Machart gewesen, jedoch in einem Viertel und Zeitalter wie diesen hatte das nicht viel auszusagen. Würde er aber sich erinnern und mit seinem Namen etwas anfangen können, wüsste der Alte zumindest eines: Der Bursche wäre ursprünglich aus dem Viertel hier. Alle kannten ihn oder hatten wenigstens von ihm gehört, er hatte einen gewissen Ruf und sogar die Dunkle Armee verschonte ihn weitest gehend, um Epidemien in dieser Gegend zu vermeiden. Ohne ihm wäre es allen bestimmt um einiges schlechter ergangen, ohne dass er sich darauf etwas einbilden müsste. Es war eine Tatsache, die er wusste und trotzdem nicht extra betonte, wenn es nicht vonnöten war.
Da ihm allerdings klar war, dass die Kräuter noch nachwirken und die Schnelligkeit der Gedanken beeinflussen konnte, hatte der Junge so wenigstens ausreichend Zeit zum Überlegen und könnte es ihm nachher dann sagen. Wenn nicht, wäre es im Grunde auch egal, denn auch Kontakte in andere Kreise waren mitunter sehr vorteilhaft. Sofern es nicht solche Leute betraf, die eine Hilfeleistung mit der Genesung wieder vergaßen.
Danach schlurfte er hinunter in die Küche mit seiner Kerze in der Hand, die noch ein paar Stündlein spärliches Licht spenden sollte.
Auf der Anrichte befand sich eine abgedeckte Schüssel. Den oberen Teil nahm er ab und sofort stieg ihm ein feiner, wohltuender Geruch in die Nase von den wenigen Kräutern, die er wegen der besseren Verträglichkeit hinein gemischt hatte in den Brei. Es sah zwar nicht sonderlich appetitlich aus, aber für einen Patienten mit solch einer Vorgeschichte und Verletzung war es das Beste, was er wusste. Das würde zur Stärkung beitragen, satt machen und vielleicht sogar ein wenig, trotz der Kälte, schmecken.
Meister Volrad nahm einen Holzlöffel heraus und steckte ihn in die Masse.
Daraufhin griff er auch nach einem Becher und füllte ihn zur Hälfte mit relativ frischem Wasser. Zum Brunnen würde er jetzt gewiss nicht gehen, aber er sorgte gewöhnlich dafür, dass er einen kleinen Vorrat davon in der Küche geschützt stehen hatte über Nacht.
Die Sachen stellte er auf ein kleines, altes Holztablett, dessen ursprüngliche Farbe man gar nicht mehr ausmachen konnte, platzierte auch die Lampe daneben und machte sich an den Rückweg.
Wie viel Zeit er gebraucht hatte dafür, wusste er nicht und es hätte ihn auch nicht sonderlich gekümmert, da es so oder so nicht rascher gegangen wäre. Doch all die Dinge hatten ein gewisses Eigengewicht, deswegen wurde sein Atem eine Spur schneller und schnaufender, als er die Stufen mit der ihm eigenen Gemächlichkeit bewältigte. Wobei ein Beobachter bestimmt bei jedem Schritt Angst gehabt hätte, er würde stolpern, so passgenau setzte er seine Bewegungen.
Er lebte in diesem Haus schon seit mehr Jahren, als der Großteil seiner Patienten an Lebenszeit zählte, da wusste er sehr gut, was wo auf ihn wartete und wo es Hindernisse gab, wie hoch die waren und dergleichen.
Schließlich hatte er es geschafft und betrat das Zimmer wieder, in dem er sofort von der verbliebenen, feinen Duftwolke aus dem Nachttopf eingehüllt wurde. In seinem Gesicht regte sich darüber nicht ein Muskel, er hatte sich längst an so etwas gewöhnt.
Leicht keuchend trat er zu dem Tisch und stellte das Tablett darauf ab, befand sich nun zwischen diesem und dem Bett.
Es dauerte einige Sekunden, bis er soweit seine Kraft gesammelt hatte, dass er die Schüssel nahm und zu dem Patienten hin schlurfte. Ihm drückte er sie in die Hand.
"Kleine Bissen... gleich wieder da... dann erzählst... von Träumen...", bestimmte er etwas kurzatmig und machte sich dann mit seinem Licht auf einen weiteren Weg, um einen Deckel für den Nachttopf zu holen.
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Re: Verpflegung

Beitrag von Selim di Basra » Dienstag 21. Dezember 2010, 09:53

Volrad schien komplett außer Atem zu sein, kaum dass er das Zimmer erreichte, in dem sich Selims Lager befand. Die Höflichkeit gebot ihm, nicht allzu gierig aus der Wäsche zu schauen oder gar etwas zu sagen, um die Bewegungen des Heilers vielleicht zu beschleunigen und somit eventuell eher an die Schale heranzukommen - und doch fiel es Selim ungeheuer schwer, den Mund zu halten und zumindest den Anschein von Unbeteiligung zu erwecken. Er hatte einen Hunger, dass es sich anfühlte, als sei er kurz davor zu sterben. Nachdem der Alte das Tablett auf dem Tisch platziert hatte, stand er noch einige wenige Augenblicke untätig herum. Selims Magen fühlte sich schon an, als würde er sich vor lauter Hunger selbst verzehren, da griff der Alte endlich nach der Schale und kam zu ihm herüber, um sie ihm zu reichen. Noch bevor er sie zur Gänze in Händen hielt, hatten Selims Finger bereits den Holzlöffel ergriffen. Einige graugrünliche Krümel waren dem sämigen Brei beigemengt. Appetitlich sah anders aus, doch Selims Hunger war so groß, dass er sich keine Gedanken um die Inhaltsstoffe des Breies machte. Er zog den Löffel durch die pampige Masse und steckte ihn in den Mund, um kurz darauf ein wenig das Gesicht zu verziehen. Nun, Zucker war teuer; und so war es wohl nicht verwunderlich, dass der Alte daran gespart hatte und der Brei eher bitter und nach Kräutern schmeckte denn nach süßem Brei. Der Hauptbestandteil mochte Hirse sein, doch auch das war Selim gänzlich gleichgültig. Er schaufelte einfach weiter, wider besseren Wissens viel zu schnell, und nickte lediglich auf die Worte seines Retters hin.

Kurz darauf war der Alte auch schon wieder verschwunden und hatte Selim abermals allein gelassen. Während er die Holzschüssel mit ihrem - im Verglech zu seinem Hunger - viel zu geringen Fassungsvermögen leerte, dachte er über die Worte des Alten nach. Er sollte ihm von seinen Träumen berichten... Selim schob sich einen weiteren überladenen Löffel in den Mund und überlegte. Er erinnerte sich nicht wirklich an einen Traum, den er gehabt hatte. Da waren Nebelschlieren, und überhaupt schien alles in sehr weiter ferne zu liegen und ihn gar nicht zu tangieren. Selim verzog den Mund: Einzig seine Verletzung fühlte sich wahr an, so real wie sie schmerzte. Vor allem, wenn er sich bewegte. Zum ersten Mal seit seiner überstürzten, aber erfolgreichen Flucht, dachte er über das nach, was eigentlich geschehen war. Dieser Bastard hatte ihn tatsächlich niedergestochen. Feige und undankbar, wie der Sohn seines Herrn gewesen war. Shamsul. Selim verzog das Gesicht, als er an ihn dachte, gerade, als der Alte zurück kam. Dem Verletzten war gar nicht aufgefallen, dass noch ein gutes Drittel der Schale gefüllt war, so angestrengt hatte er nachgedacht über das, was geschehen war.

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Re: Verpflegung

Beitrag von Gestalt » Dienstag 28. Dezember 2010, 22:51

Innerlich zollte der Arzt dem Jüngelchen ein gewisses Maß an Anerkennung. Er hatte schon einiges erlebt, von Ohnmachtsanfällen vor Hunger, Flehen und Betteln sowie Versuche, ihm entgegen zu kommen, um rascher das Essen zu gelangen. Dann schlangen diese Leute meistens zu gierig, mit dem Ergebnis, dass sie sich übergeben mussten.
Zwar mahnte er jedes Mal zur Mäßigung, obwohl er trotzdem verstehen konnte, dass man möglichst schnell den Hunger befriedigen wollte. Nur wusste ein ausgezehrter Körper nicht mehr, was gut für einen war.
Die Frage war demnach lediglich, würde ein Patient auf ihn hören oder selbst leiden müssen, so wie es auch dieser hier bei dem Sud getan hatte, indem er zu schnell getrunken hatte. Nun ja, er müsste so oder so in der Früh zu seiner Nachbarin gehen und sie um Hilfe bitten, dass sie ihm sauber machte, da war die Menge dann schon egal.
Dennoch musste er leicht schmunzeln, da er dem anderen ansehen konnte, wie unruhig er wegen des Hungers war, wenngleich er sich bemühte, sich nichts anmerken zu lassen oder es wenigstens zu unterdrücken. Anscheinend hatte er ein bisschen eine Erziehung genossen und konnte wohl kaum aus dieser Gegend stammen. Immerhin kannte er von den Bewohnern dieses Viertels keine Zurückhaltung, nicht einmal in der Mimik, da sie so oder so fast ständig ausgehungert waren.
Und hätte der Junge versucht, ihn zur Eile zu gemahnen oder zu bitten, hätte das nicht sonderlich viel gebracht, denn er konnte ohnehin nicht schneller oder würde sich hetzen lassen.
Schließlich war es geschafft und er konnte dem Jüngelchen die Schüssel mit dem Brei reichen. Dass sie ihm fast aus der Hand gerissen wurde, überraschte ihn nicht, sodass er mehr oder weniger darauf vorbereitet gewesen war.
Ein angedeutetes, mildes Lächeln umspielte flüchtig seinen Mundwinkel, während er keuchend sowie kopfschüttelnd ein paar Schritte zurück trat. "Nicht zu hastig, das verträgt der Magen nicht.", bemerkte er mit einem noch leisen Schnaufen in der Stimme, auch wenn er sich denken konnte, dass es vermutlich umsonst wäre.
Trotzdem versuchte er es und hatte sogar die kleine Hoffnung, dass der Patient diesmal auf ihn hören würde nach der Erfahrung, die er bereits gesammelt hatte. Jedoch... es half so gut wie nichts. Da waren es eher die körperliche Schwäche und die Dicke des Breis, die ein bisschen zur Langsamkeit führten. Er hatte den anderen gewarnt und mehr konnte er nicht tun.
Später würde der Magen voraussichtlich rebellieren und wenn er großes Pech hatte, würde er sich wieder völlig entleeren, sodass der Brei und seine kräftigenden Inhalte umsonst verbraucht worden wären.
Stattdessen sammelte er wieder seine Kräfte, wandte sich ab und machte sich auf seinen nächsten Weg. Wohin dieser ihn zu führen hatte, wusste er, ohne nachdenken zu müssen. Wenigstens das blieb ihm erspart, langes Zögern, um die richtigen Gegenstände zu finden.
Sein derzeitiger Patient war nicht der erste, den er bei sich versorgt, sodass ihm das geläufig blieb. Außerdem hielt er seine ganz persönliche Ordnung und das schon seit Jahrzehnten, vermutlich mehr als doppelt so viele wie dieser Junge alt war.
Somit dauerte es lediglich wegen seines Schritttempos relativ lange, bis er erneut in das Zimmer zurück kehrte und den Nachttopf endlich abdecken konnte. Gegen den starken Geruch konnte er nichts mehr unternehmen, dieser hatte sich bereits erfolgreich in dem Raum verbreitet.
Um dagegen zumindest ein wenig anzukämpfen, öffnete er einen der Fensterläden und warf einen Blick nach draußen. Die Nacht war sternenklar, herrlich kühl und es wehte kein Lüftchen. Perfekt, um keinen unnötigen Sand in den eigenen vier Wänden zu riskieren.
Also konnte er das Fenster auch etwas offen lassen, um frische Luft herein kommen zu lassen.
Danach wandte er sich wieder um, nahm die inzwischen leere Schüssel an sich und schlurfte zum Tisch zurück.
Dort stellte er sie ab, griff sich den Becher und brachte ihn seinem Patienten.
Erst dann konnte er sich, endlich, hinsetzen und zu Atem kommen. Dabei sah er keuchend den anderen an. Auffordernd und wartend auf die Antwort, die er zuvor in Auftrag gegeben hatte.
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Re: Verpflegung

Beitrag von Selim di Basra » Freitag 27. Januar 2012, 15:20

Selim wurde allmählich ein wenig flau im Magen. Wie lange hatte Volrad doch gleich gesagt, war er weg gewesen? Mit einem Blinzeln schob er den Gedanken beiseite und schaufelte sich den Rest Brei in den Mund. Immerhin war er ein Kostverächter, und zwar mochte ihm flau sein, doch fühlte er sich gleichsam ausgehungert. Es klapperte leise, als der Topf seinen Deckel erhielt, und Selim, dessen Hand die inzwischen leere Schale hielt, wandte seinen aufmerksamen Blick dem Retter zu. Jener trat eben ans Fenster, schob knarzend die Läden zurück und lud die kühle Nachtluft ein in den kleinen Raum. Selim atmete tief durch, das heißt, er versuchte es. Abermals zügelte ihn der straffe Verband, diesmal verbündet mit einem stechenden Schmerz, und erneut verzog er das Gesicht und stieß die wenige Luft in einem kaum als tief zu bezeichnenden Seufzer aus.

Der Alte wandte sich bald um, nahm Selim die Schale fort und tauschte sie mit dem Wasserbecher. Selim zog dankbar einen Mundwinkel hinauf, sagte aber nichts. Er hatte das Gefühl, dass Volrad mit Worten ohnehin auf Kriegsfuß stand - oder aber sich schlicht und ergreifend den Atem sparen wollte. Vielleicht setzte man im Alter einfach andere Prioritäten, überlegte er. Nun setzte sich der alte Mann ächzend. Selim betrachtete ihn interessiert. Er sah aus, als ob er auf etwas warten würde, nur auf was? Ach ja! Die Frage nach seinen Träumen. Auf Selims Stirn bildeten sich vage Falten. Er konnte sich ja selbst kaum erinnern, was sollte er da groß erzählen? Zumal Volrad ihm ganz offensichtlich die volle Dröhnung verpasst hatte. Selim hob die Hand mit dem Becher und nippte kurz daran, um Zeit zu schinden. Dann hob er kurz eine Schulter. “Ich-“ begann er und erschrak vor seiner eigenen Stimme. Er klang so...anders. Heiser und rauchig. Ein Gedanke zuckte durch seinen Verstand: Verrucht... Selim räusperte sich. ““Ich erinnere mich gar nicht richtig... Selbst in seinen eigenen Ohren klang das nach einer Ausrede. Er runzelte die Stirn. Wie viel konnte er dem Alten erzählen? “Da waren Schatten. Es war nass und klebrig. Und...ach, das bringt doch nichts“, endete er abrupt und schüttelte unwirsch den Kopf. Wozu sollte das führen? Da schlug er lieber eine andere Richtung ein. “Wann kann ich wieder gehen?“ Hm, das wiederum klang sehr undankbar. “Ehm, also...wann bin ich wieder...gesund?“

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Re: Verpflegung

Beitrag von Gestalt » Mittwoch 8. Februar 2012, 21:53

Der Arzt war sichtlich erschöpft, ohne zu murren oder es sich bewusst anmerken zu lassen. Seinen Zustand konnte er nicht verbergen, das brachte allein schon sein Alter mit sich, jedoch suhlte er sich auch nicht darin und wies seinen Patienten an, mehr Rücksicht auf ihn zu nehmen. Das wäre schließlich auch die falsche Rollenverteilung in dieser Situation.
So gestand er es sich lediglich zu, sich endlich hinzusetzen und noch immer durch die leicht geöffneten Lippen mit leisen, keuchenden Lauten zu atmen, während er abwartend dem Jüngelchen zusah, wie dieser sich über den Brei hermachte.
Dass sein Tempo ihm bald Unannehmlichkeiten bereiten würde, war vorherzusehen und die Warnung des Alten wurde auch kaum beachtet. So wenig es ihm zu verdenken war, war Volrad zu sehr Mediziner, als dass er es verstehen wollte. Oft genug wollten die Leute seinen Rat und dann gab er ihn ihnen, nur, damit sie erst recht nicht darauf achteten. Es war ja doch immer das selbe...
Mit einem schnaufenden Seufzen schüttelte er zu seinen Gedanken den Kopf, ehe er sich der derzeitigen Situation wieder widmete. Der Bursche war schon fertig mit dem Brei, was ihm ein weiteres Kopfschütteln entlockte.
"Ungestüm... immer sind sie zu ungestüm...", brabbelte er für sich selbst, hatte ihm aber trotzdem den Becher in die Hand gedrückt, die Schale hingestellt. Nun hieß es für ihn erst einmal ausruhen.
Die angenehm kühle Nachtluft kam durch das geöffnete Fenster, verdrängte den beißenden Gestank und erleichterte das Atmen. Wenigstens ging keine Brise, sodass kein störender, lästiger Sand mit herein dringen konnte.
Mit seinen alten, müden Augen betrachtete er in dem spärlichen Licht der Kerze seinen Patienten. Wenigstens war er wach und hatte den Brei seit mehr als zwei Minuten in sich. Das war ein gutes Zeichen, zwar noch nicht so vorteilhaft, wie es sich ein Arzt wünschen konnte, aber es war ein vielversprechender Anfang. Schließlich war dieser Bursche hier noch sehr jung, der Körper würde sich schneller erholen als in zehn Jahren unter den gleichen Bedingungen, und solange es kein bedrohliches Fieber gäbe oder gar Wundbrand, waren die Hoffnungen berechtigt.
Unter diesen Umständen konnte sich Volrad die Zeit nehmen, die er brauchte, ohne das Gefühl haben zu müssen, zu spät bei der Versorgung dran zu sein. Er war immerhin inzwischen in einem Alter, in dem Minuten und Stunden an Bedeutung verloren hatten, er konnte warten und war mehr als geduldig. So auch jetzt, wo er der Antwort auf seine Frage harrte.
Es arbeitete hinter der anderen Stirn, das war deutlich an den Falten zu erkennen, die scheinbar mit jenen des alten Mannes konkurrieren wollten. Doch das war auch gut so, es zeigte ihm als Arzt, dass sich sein Schützling allmählich sogar konzentrieren konnte, sich sein Geist wieder klärte nach der Zeit der Bewusstlosigkeit.
Das erste Anheben und gleich wieder Unterbrechen ließ er unkommentiert, blieb geduldig und verharrte mit allmählich leiser werdendem Keuchen in seiner sitzenden Position.
Erst der zweite Versuch entlockte ihm einen missbilligenden Laut. Also wirklich, das Lügen musste dieses Jüngelchen eindeutig noch üben. Genauso wie die Erfahrung sammeln, dass man nicht die Sturheit eines alten Mannes unterschätzen sollte.
Wenigstens probierte er es trotzdem noch einmal, noch bevor Volrad nachhaken oder eine neue Anweisung geben musste, nur brach er es selbst wieder ab.
Erneut kam dieses missbilligendes Geräusch aus der Kehle des Arztes und er drückte sich ächzend in die Höhe. "Das wird dauern. Genug Zeit zum Erinnern.", gab er kurz angebunden, ganz seiner Art gemäß, zurück, nahm die Holzschüssel an sich und wollte seinen Patienten erneut allein lassen, damit er sich weiter erholen konnte.
Er schlurfte zur Tür, ohne ihm vorerst eine weitere oder präzisere Erklärung geben zu wollen.
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