Schwarze Karten

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Re: Schwarze Karten

Beitrag von Erzähler » Montag 9. Juli 2007, 09:38

So wanderte er, der Barde, der Blinde. Und dennoch verließ ihn nicht der Mut, denn er hatte Pläne. Hatte Großes mit sich und der Welt vor. Morgeria, inmitten der Toten Ebene war sein neues Ziel und er würde es erreichen! Nur ein Schwur, still gegeben, konnte seinen Entschluss wohl noch bekräftigen.

Aber er war immer noch blind und der Weg weit. Wenn er die neugewonnenen, magischen Kräfte nicht als seltsame Hitze spüren würde, die scheinbar mit seinem Blut durch die Adern strömte und es in unregelmäßigen Abständen in Wallung brachte – er hätte Zweifel bekommen können.
Doch nicht Viktor, er würde alles bezwingen, fühlte sich trotz der Benachteiligung geradezu unverwundbar. Denn er hörte den Wind. Er spürte geradezu die Blätter, welche unter dessen Berührungen rauschten und nachgaben. Eine gute Orientierungshilfe, der Wind. So kam es, dass Viktor nur zweimal gegen einen Baum stieß. In einem kleinen Wäldchen war das wirklich eine gute Quote.

Schließlich aber gelangte er aus dem Hain heraus, aber wo genau stand er. <i>Nordwesten, folge mir</i>, vermeinte er den Wind zu hören. Er blies ihm um die Ohren, immer aus einer Richtung kommend. Warum also nicht? Er könnte ihm folgen, einfach loslaufen. Er würde sein Ziel schon erreichen.

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Re: Schwarze Karten

Beitrag von Erzähler » Montag 9. Juli 2007, 20:42

Drei Tage und drei Nächte waren vergangen – wenn Viktor richtig zählte. Die Zeit einzuschätzen war aufgrund der pechschwarzen Wolken schon schwer genug. Diese beeinflussten die innere Uhr, drehten an deren Zeigern und spielten mit den Zahnrädern. Und wenn man dann auch noch blind war, fiel es umso schwerer, die Dunkelheit von der weniger starken Dunkelheit zu unterscheiden.
So konnte Viktor lediglich vermuten, dass es drei Tage waren. Auch ob seine Richtung immer stimmte, ließ sich nicht sagen. War er wirklich nach Pelgar unterwegs?

Dass er den Fluss an einer Stelle überquert haben musste, stand zumindest fest – Viktor hatte so sehr dem Wind gelauscht, dass er prompt ins Nass getreten war. Beinahe hätte es ihn weit fortgespült. Durch Zufall gelang es ihm, etwas Festes zu greifen und sich ans Ufer zu ziehen.
Seine Kleidung war den restlichen Tag klatschnass gewesen und sein Proviant war nun ziemlich matschig, aber noch essbar.

Der weite Weg und die wenigen Rasten, die er einlegte, trugen auch nicht gerade dazu bei, ihn kraftvoll zu halten. Natürlich, er war noch immer mehr als zuversichtlich, aber sein Körper machte ihm nach und nach einen immer größeren Strich durch die Rechnung. Außerdem fühlte er sich ausgezehrter als sonst. Etwas nagte an seinem Geist und Viktor ahnte, was es war.
Diese lästige Magie, die er unbedingt hatte einverleiben wollen ... sie sträubte sich noch immer viel zu sehr gegen seinen Willen. Sie durchfuhr seinen Körper und erkundete ihn, lernte ihn kennen, wo er weiterhin nichts über sie erfuhr. Das Problem war: er besaß sie, hatte sie aufgesogen wie Wasser einen Schwamm.
Aber er konnte sie nicht wirklich kontrollieren ... sie war noch nutzlos für ihn wie für einen jungen Rekruten ein mannshohes Breitschwert. Allein das Festhalten fiel diesen unerfahrenen Burschen ja schon schwer.

Wie frustrierend, doch Viktor ließ sich nicht herunterziehen. Er würde sie beherrschen lernen, vielleicht, wenn er sein Ziel erreichte. Vielleicht würde in Morgeria ein Geistmagier gesprächiger sein als es Nathaniel war.

Mit diesen Gedanken legte er sich schließlich hin, aber nicht freiwillig. Eine Wurzel? Ein Stein? Etwas hatte ihn zum Stolpern und schließlich zum Stürzen gebracht.
Nun lag er da, aber das war im Grunde auch keine schlechte Idee. Ein wenig Schlaf würde gut tun. Doch kaum, dass Viktor sein geistiges Auge geschlossen hatte – mit den richtigen sah er ohnehin nichts mehr – schreckte ihn eine Stimme auf. Warum hatte er niemanden herbei schleichen hören?

"Ich grüße Euch. Was treibt Ihr denn hier am Waldrand? Es wird kühl und zwischen den Bäumen ist es geschützter. Die Zeiten sind im Augenblick gefährlich, man muss sich hüten."
Eine männliche Stimme, aus der die Weisheit des Alters sprach. Dieser Fremde, der sich in seienr Nähe befinden musste (irgendwo rechts von ihm), war eindeutig älter als er. Aber mehr konnte Viktor schon nicht in Erfahrung bringen.

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Re: Schwarze Karten

Beitrag von fremder Mann » Dienstag 10. Juli 2007, 09:52

Viktor sprang zurück, die bereitgelegten Waffen in Händen. Seine milchigen Augen fixierten – Nichts. Dennoch blickte er starr darauf, um das Nichts, welches er nicht einmal sah, nieder zu ringen.
Wer immer ihn da aus dem Schlaf gerissen hatte, dem er nicht einmal voll und ganz beiwohnen konnte, er würde sich dieser Gestalt erwehren! Auch wenn er dabei drauf ginge, so wäre es kein unehrenhafter, feiger Tod. Nein, Viktor hätte ruhmreich und verbissen gekämpft. Das war es, was einfache Menschen von Helden unterschied, die er schon so manches Mal besungen hatte: die Kühnheit und Entschlossenheit, nicht kampflos unterzugehen.

<i>"Wer seid Ihr?"</i>, fragte Viktor.

Ein Lachen war die Antwort. Es klang sehr herzlich. "Legt die Waffen nieder, Freund. Ich will Euch nichts Böses. Mein Name ist Thallas Tevris. Ich bin auf der Durchreise und wollte mich hier im Eldoras ein wenig ausruhen. Das seltsame Wetter ringsum behagte mir nicht. Da entdeckte ich Euch und fragte mich nur, wie ein Mann auf die Idee kommen mag, sich vor dem Wald zur Ruh' zu legen, wo es doch zwischen den Bäumen sicherer ist. Das ist alles. Werdet also nicht zum Mörder und setzt Euer eigenes Leben aufs Spiel, indem Ihr versucht, mich aufgrund dieser Kleinigkeit zu töten. Ich würde mich mit allen Mitteln wehren – so wie Ihr, nehme ich an."

Thallas lachte erneut. Seine Stimme klang trotz des Brummigen darin wohl und sehr angenehm. Er musste ein sympathischer Mann mit Ausstrahlung sein, wenn das Erscheinungsbild zu dieser Stimme passte.
"Und nun senkt Eure Waffen, ich bitte Euch."

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Re: Schwarze Karten

Beitrag von fremder Mann » Dienstag 10. Juli 2007, 21:06

Thallas Tevris lachte. Es klang voll und herzlich. Eine starke Stimme. Ob er auch Barde war? Vielleicht auch nur ein einfacher Sänger oder mit einer guten Stimme gesegnet – von welchen Göttern auch immer. "Ja, frische Luft ist auch gesund."
Viktor hörte Schritte. Der Mann näherte sich. Im Hintergrund rauschten die Blätter. Wind kam auf.

Thallas meldete sich wieder zu Wort: "Um Eure Frage zu beantworten ... Ich reise, wohin mich meine Füße tragen und genieße Gesellschaft. Vielleicht habe ich Euch gerade deshalb geweckt. Entschuldigt noch einmal dafür, Viktor. Wenn Ihr nichts dagegen habt, könnten wir ein Stück zusammen reisen. Ich kenne mich etwas in der Umgebung aus und würde mich über einen Gesprächspartner freuen."

Er hielt Viktor die Hand hin, aber dieser konnte es nicht sehen. "Na, seid Ihr blind oder was?" Thallas schaute seinem Gegenüber wohl scheinbar zum ersten Mal in die Augen. "Bei den Göttern, Ihr seid <i>tatsächlich</i> blind! Hmmm." Mehr sagte er dazu nicht, verfiel für einen langen Moment in Schweigen. Schließlich erhob sich seine Stimme jedoch wieder.
"Ihr seid auch auf der Durchreise. Habt Ihr schon ein Ziel vor Augen? Eine Stadt vielleicht? Ich könnte mal wieder die Füße auf einen Tavernentisch legen und ein kühles Bier vertragen."

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Re: Schwarze Karten

Beitrag von fremder Mann » Mittwoch 11. Juli 2007, 12:30

Thallas nickte zufrieden, wo Viktor es nicht sehen konnte. Er stemmte die Arme in die Seiten, stellte sich breitbeinig hin und lachte schallend. Er war ein mehr als gut gelaunter Zeitgenosse.

"Die nächste Stadt ist wohl Eldar, da wir uns direkt am Waldrand befinden. Die Elfen machen kein schlechtes Bier, aber sie legen deutlich mehr wert auf ihre Speisen. Oh, wir werden schlemmen wie Könige!"

Thallas Tevris marschierte los, doch schließlich erinnerte er sich an Viktors kleines <i>Problem</i>. So blieb er nach nur wenigen Schritten stehen, wandte sich um und schaute zu seinem neuen Reisekameraden zurück, der ein wenig Fehl am Platz vor den Bäumen stand.
"Schändlich sowas. Sagt, wie kam es dazu, dass Ihr blind wurdet?" Thallas kehrte zurück, umfasste Viktors Schulter und führte ihn ein Stück in den Wald hinein.

Nach ein paar Metern blieb er stehen, beugte sich herab und schon hielt Viktor etwas Hölzernes in der Hand. "Das wäre ein guter Blindenstock, dann findet Ihr euch vielleicht besser zurecht", schlug der Mann vor. Viktor aber hatte nachgedacht. Ein Liedchen war ihm in den Sinn gekommen, ein einfacher Vers, der ihn jedoch mehr als erschaudern ließ. Rasch zog der seine Kapuze tief ins Gesicht. Er stockte, atmete tief ein und aus. Schließlich fragte er, ob Thallas Sänger sei.

Der Mann lachte erneut. "Es liegt an meiner Stimme, nicht wahr? Ja, meine Mutter sagte schon, dass sie für den Gesang wohl bestens geeignet wäre. Meinen Vater interessierte dies jedoch weniger und so sorgte er dafür, dass ich weder Spielmann noch Sänger wurde. Nein, ich bin ein einfacher Jäger. Ich suche meine Beute, jage und erlege sie mit Fallen oder Pfeil und Bogen. Schlussendlich bring ich sie in die nächste Stadt, ausgenommen ung gehäutet selbstverstädnlich. Ja, so verdiene ich mir meinen Lebensunterhalt, aber vielleicht hätte ich auch Sänger werden können.
Welchem Beruf geht Ihr denn nach, guter Freund?"

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Re: Schwarze Karten

Beitrag von fremder Mann » Donnerstag 12. Juli 2007, 09:54

Es ging tiefer in den Wald hinein. Viktor roch nicht nur das Harz an seinem neuen Blindenstock, sondern nun auch Moose und Rinde, hörte das Rauschen der unzähligen Blätter über seinem Kopf und schmeckte die Frische in der Luft. Nie zuvor waren ihm seine übrigen Sinne so stark aufgefallen. Sie prägten sich aus, weil sie es mussten. Sie mussten das verlorene Augenlicht ausgleichen.

Während Thallas und Viktor durch den Wald gingen, traten sie über Stock und Stein, Wurzel und Geäst. Ohne den Blindenstab wäre der Barde wohl ständig gestolpert oder gar gestürzt. So aber war es erträglich, hin und wieder strauchelte er nur leicht.
Thallas schwieg darüber, lauschte lieber Viktors Erklärungen, ließ hin und wieder ein bestätigtes Brummen von sich hören.

"Ich bin keinerlei Scherz abgeneigt, guter Freund. Ob Euer Humor nun auf die Obrigkeit oder einen einfachen Bauern stößt, ist gleich, solange es ein gut gespickter Humor mit einer extravaganten Pointe ist."

So würde Viktor wohl noch den Grund erzählen können, weshalb er seiner üblichen Arbeit nicht ganz hatte nachgehen können. Zunächst stand ihm jedoch der Sinn nach einem Liedchen. Es sprang von seinen Lippen wie ein mutiger Mann, der sich von Klippen ins Meer stürzt und die kühle des Wasser beim Aufprall erwartete.

Schließlich hielt er aber in seinem Lied inne. Wollte mehr über den Beruf des Jägers wissen und wie Thallas seine Beute erledigte.
"Nun, das ist im Grunde leichter als die meisten glauben. Mit den Jahren erlangt man Übung darin und ich muss zugeben, dass mir bisher keines meiner erwählten Beutestücke entkommen konnte. Hin und wieder schnappe ich auch das eine oder andere Nebenprodukt, aber das bringt mir nur einen höheren Gewinn, also schlage ich es nicht aus, wenn sich mir die Chance bietet.
Tja, jagen ist einfach. Man muss nur eine Menge Geduld haben – und vielleicht etwas Fingerspitzengefühl, wenn man mit Fallen arbeiten will. Diese stelle ich im Wald auf und klettere auf einen Baum, um nur ein Beispiel zu nennen. Dann warte ich. Warten gehört zum Jägerdasein und ich warte eine ganze Weile. Irgendwann taucht die Beute auf und geht sie nicht in die Falle, greife ich auf Pfeil und Bogen zurück. So einfach ist das."

Die beiden waren schon ein ganzes Stück vorangekommen. Der Wind pfiff hier im Wald deutlich schwächer, kam kaum durch das Laubdach der Bäume hindurch.
Seltsam war jedoch, dass sich Tierlaute in Grenzen hielten. Nur wenige Vögel zwitscherten und noch weniger raschelte im Gesträuch.

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Re: Schwarze Karten

Beitrag von Erzähler » Freitag 13. Juli 2007, 12:21

Ob Thallas seinen Erzählungen aufmerksam lauschte, konnte Viktor nicht sagen. Jedenfalls verhielt sich sein Reisegefährte ruhig, während er die kleine Geschichte von ihm, Elwin und dem Bürgermeister von Andunie zum besten gab. Es war eine wirklich interessante Geschichte und scheinbar hatte Thallas tatsächlich zugehört. Am vorläufigen Ende der Erzählung lachte er jedenfalls lauthals und klopfte sich hörbar auf den Schenkel.

"Der Bürgermeister scheint mir ein rechter Narr zu sein ... oder aber Ihr seid wortgewandt genug, um Glauben schenken zu lassen, ein solcher Harfner zu sein. Weiß der Mann denn nicht, dass diese Leute nur Gerüchte sind. Wer weiß schon, ob es sie gibt. Haha, ich nicht!"

So setzten sie eine Weile ihren Weg fort. Thallas' Schritte wurden dabei immer achtsamer und ruhiger. Als Viktor schließlich den Hinweis gab, wie still es im Grunde in diesen Wäldern war, so nickte der Mann nur. Schnell erinnerte er sich jedoch an die Blindheit seines Gefährten und meinte: "Ja, das ist nun schon eine Weile so. Die Tiere fürchten das Wetter. Ist ihnen auch nicht zu verübeln. Aber dennoch ... heute habe ich ein merkwürdiges Gefühl. Als würden wir beobachtet."

"Vermutlich Einbildung", tat der Jäger es nach einer Weile einfach ab und berührte Viktor stattdessen am Arm. "Vor uns liegt Eldar. Jetzt gehen wir einen heben und uns die Bäuche vollschlagen."


<i>[weiter in Der Wald Eldoras -> Das Dorf Eldar]</i>

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