Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Hier lebt das einfache Volk Grandeas. Händler, Bauern, Handwerker und ärmere Bettler und verruchtes Gesindel wohnen hier Tür an Tür.
Benutzeravatar
Roac
Gast
Gast

Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Roac » Sonntag 7. September 2014, 20:45

Lautlos wie ein Schatten bewegte er sich über die ins silberne Mondlicht getauchten Schindeldächer der Stadt. Jede seiner gewandten Bewegungen schien wie angeboren zu wirken, jeder Schritt, jeder Sprung, jedes Abrollen wirkte natürlich und auf befremdliche Art anmutend. Er wusste nicht wohin es ihn trieb, doch er musste diesem Drang folgen, diesem tiefen Urinstinkt der ihn hierher geführt hatte. Obwohl seine Begleiter weder hören noch sehen konnte, wusste er, dass er nicht alleine war. Auch sie zog es zu dem selben Ort wie ihn, sie waren ihm gleich, seine Brüder in der Nacht. Vor ihm erschien auf einmal ein lange Gestalt im schwarzen Mantel. Das Silber des Mondes vermochte seine feuerroten Haare nicht zu verfärben, genauso wenig wie es sein Lächeln verbergen konnte. Der Mann streckte die Hand aus und er ergriff sie, im selben Moment spürte er wie es die anderen Schatten ihm gleich taten. Doch sobald ihre Handflächen sich trafen, verschwand der Boden unter ihren Füßen und sie fielen in die kalte Nacht hinein. Nur die Gestalt mit den roten Haaren verharrte am Dachrand, die Hand immer noch nach ihnen ausgestreckt, der Blick schmerzhaft in den Abgrund vor ihm gerichtet, den Abgrund den sie alle hinabfielen. Er verschwand genau so schnell wie er erschienen war. Zurück blieb nur das Gefühl des Fallens, der kühle Wind am Körper, das leise Zischen an den Ohren. Dazu mischten sich auf einmal Erinnerungen aus einer längst vergangenen Zeit. Bilder von Gesichtern, Gesichter der Schatten um ihn, die nicht länger Schatten waren. Einer nach dem anderen stürzten sie an ihm vorbei und verschwanden für immer aus seinem Blickfeld. So fiel er immer weiter, bis der Mond über ihm immer kleiner wurde und schließlich verschwand. In vollkommener Schwärze gefangen raste er die Dunkelheit hinab, dem unvermeidlichem Aufprall entgegen... bis er endlich mit einem lauten Knirschen aufschlug.

Mit einem Ruck schoss Roac aus dem Schlaf auf und verharrte dann kerzengerade und schwer atmend auf seinem verschwitztem Nachtlager. Die eisblauen Augen huschten wie wild in dem engen, dunklen Raum umher und beruhigten sich erst dann wieder, als er seine Umgebung erkannte. Mit einem leisen erleichtertem Seufzen ließ er sich wieder auf den nassen Strohsack fallen. Während er sich mit der Rechten die rabenschwarzen Haare aus dem Gesicht strich, wanderte seine linke Hand zu seinem Bein, dass wie jeden Abend schmerzhaft pochte. "Verfluchte Albträume..." Sich den linken Unterschenkel immer noch behutsam massierend, tastete er blindlings nach dem tönernen Becher, den er einige Stunden zuvor neben sich abgestellt hatte. Als er ihn zu seinen Lippen führte und trank, verzog er das Gesicht zu einer Grimasse. Der Wein schmeckte sauer und abgestanden, was auch das viele Wasser mit dem er ihn ohnehin mischte nicht zu ändern schien. Dennoch trank er ihn bis zum letzten Tropfen, stelle den Becher ab und hob den Oberkörper an, wobei er sich mit den Handflächen abstützte. Der Schmerz in seinem Bein war bereits der gewohnten Taubheit gewichen, die Gedanken an den Albtraum schwirrten ihm aber immer noch im Kopf herum. Sich den Mund mit dem Handrücken abwischend, ging sein Blick zu dem schmalen Fenster, das kühles Mondlicht in den kleinen Raum warf. Es war später Abend, der Himmel wolkenverhangen und düster. Einen Moment lauschte Roac auf die Geräusche des alten Hauses, das Knarren der Dielen, das leise Klappern der Schindeln direkt über seinem Kopf, das Klirren der Scheiben wenn der Wind sie in die Fenster presste. Dann erhob er sich ächzend von seinem Nachtlager und humpelte zu dem hölzernen Bottich in der Ecke des Raumes. Auf dem Weg musste er aufpassen nichts umzuwerfen, was mit seinem Bein, dass sich anscheinend dagegen entschieden hatte mit dem Rest seines Körpers aufzuwachen, keine leichte Aufgabe war. Sich im Zwielicht wie ein Blinder vorbei an ineinandergestellten Holzstühlen, verschnörkelten Kommoden und kunstvoll verzierten Truhen tastend, erreichte er schließlich sein Ziel und belohnte sich mit mehreren Spritzern Wasser in sein Gesicht. Als er den Kopf hob, sah er sich selbst aus einem verstaubtem Wandspiegel entgegen. Er verharrte einen Augenblick und musterte sei Gegenüber. Blasse Haut, eingefallene Wangen, Dreitagebart, eine scharfe Nase, zwei müde blaue Augen unter denen sich dicke Ringe abbildeten. "Siehst richtig scheiße aus..." Roac wandte kopfschüttelnd den Blick ab und wusch sich dann auch den restlichen Körper. Das Wasser fühlte sich gut auf seiner Haut an und entfernte den klebrigen Schweiß der sich die Nacht über gebildet hatte. Als er fertig war, hatten sich seine Augen bereits an die Dunkelheit gewöhnt. Noch immer humpelnd durchquerte er das Zimmer erneut und bückte sich nach dem ledernen Mantel der fein säuberlich neben dem Strohsack zusammengelegt war. Mit geschickten Handgriffen zog er ihn sich über und tastete kurz über seine Taschen, um zu Überprüfen dass ihr Inhalt über Nacht nicht verschwunden war. Beruhigt zog er sich den Kragen zurecht und öffnete die Tür, die knarrend den Weg in einen schmalen Treppenaufgang frei machte.

Vorsichtig, eine Stufe auf einmal nehmend tastete er sich voran. Links und rechts von ihm standen Porzellanvasen und Amphoren, metallene Pokale, silberne Platten und Teller die bei jedem Schritt leise schepperten. Sein Kopf streifte an Armbändern und Halsketten, Broschen und Gürtelschnallen die wie Spinnweben von der Dachschräge hingen und leicht glitzernd hin und herschwangen. Schließlich erreichte Roac die Eichentür am Ende der Treppe und drehte an ihrem Knauf, während er in einer seiner Manteltaschen herumfummelte. Die Tür schwang auf und Roac trat in einen weiteren Raum ein, der nicht weniger vollgeräumt war als die beiden zuvor, dennoch schien er etwas aufgeräumter zu sein als die vorherigen. Die Eichentür hinter sich schließen zog Roac eine Zunderbüchse aus seiner Tasche und griff nach einer Kerze auf einem der Regale neben ihm. Es dauerte einen Moment, dann erhellte der flackernde Lichtschein der kleine Flamme den Raum. Wenige Augenblicke später war sie nicht mehr allein. Ein verstaubter eherner Kronleuchter spendete genügend Licht um den Raum vollends auszuleuchten: An holzgetäfelten Wänden standen hohe Regale und Vitrinen, die mit Edelwaren aller Art gefüllt waren. Schmuck, Geschirr, Besteck, kostbare Bücher, kunstvoll verzierte Waffen, Gemälde und Bilder aller Art, Weine mit exotischen Namen, zusammengerollte Teppiche aus fernen Ländern und zahlreiche weitere Waren. Dementsprechend waren die Fenster seitlich verriegelt und zusätzlich mit Gitterstäben gesichert, sodass nur wenig von der so spät schon menschenleeren Straße sichtbar war. Roac trat an die schwere Tür, an der mehrere Schlösser hingen und die vier schwere Riegel fasste. Er seufzte, griff in die Tasche und machte sich an die Arbeit. Nach 3 Minuten etwa hatte er sie aufgeschlossen und eine angenehme Brise fuhr ihm über das Gesicht als er sie öffnete und auf die Straße trat. Er hob den Kopf und sah das Ladenschild über sich leise knarrend im Wind schaukeln. "Die Schwarze Feder" Was ihn auch immer dazu geführt hatte den Hehlerladen so zu benennen, er hatte es vergessen. Ob ihm der Name nun gefiel konnte er ebenfalls nicht sagen. Die Bude hatte einfach einen Namen gebraucht und dies war das erste, was ihm eingefallen war.

Als Roac Schritte weiter unten in der Gasse hörte, schloss er schnell wieder die Tür, ließ sie aber unversperrt, sodass potenzielle Kundschaft immer noch eintreten konnte. Sich mit einem Griff in die Manteltaschen versichernd, dass sowohl sein Knüppel als auch sein Dolch an Ort und Stelle waren, ging er mit steifen Schritt auf die Theke des Ladens zu, die an der Stirnseite des Raumes stand. Wie jede Nacht war er immer bereit für den Ernstfall, obwohl das Leben eines Hehlers normalerweise relativ ungefährlich war. Probleme mit Einbrechern gab es fast keine, was bei weiterem Nachdenken nicht verwunderlich war. Zwar bedeuteten die Waren hier für jeden Dieb ein gefundenes Fressen, doch waren sie ohne Hehler, der sie einem auch wieder abkaufen würde, vollkommen wertlos. Und jeder Langfinger, egal wie grün er auch hinter den Ohren war wusste, dass ein Hehler niemals von einem Dieb der einen weiteren Hehler bestohlen hatte kaufte. Was das für den armen Teufel dann bedeutete? Das sichere Ende seiner Karriere und jeglichem Kontakt zur ehemaligen Kollegschaft. Und die Wachen, von denen hatte Roac ebenfalls nichts zu befürchten. Solange er jeden Monat brav sein Schmiergeld ablieferte. Doch gerade dies konnte ihm bald zum Verhängnis werden...
Mit einer schwungvollen Bewegung ließ sich Roac auf den purpurnen Lehnsessel mit goldgestickten Quasten hinter der Ladentheke fallen. Sein linkes Bein hob er leicht zitternd vom Boden und ließ es mit einem entspanntem Ausatmen auf den dazu passenden Hocker nieder. Kurz sah er sich im Laden um, prüfte ob alles an seinem Platz stand. Dann schob er die Hand in die Hosentasche und zog seinen Geldbeutel hervor. Seine Miene verdüsterte sich, als er spürte wie leicht er sich anfühlte. Er löste die Kordel um das Leder und ließ die Münzen auf die Holzfläche vor sich fallen, dann begann er zu zählen. Seine Miene fror immer mehr ein, je weniger Münzen noch ungezählt blieben. "Drei-fünfundzwanzig, drei-sechsundzwanzig, drei-siebenunzwanzig..." Nachdem er sich vergewissert hatte, dass ihm nicht rein zufällig ein Haufen Drachmen unter den Tisch gerollt war, musste er sich mit der traurigen Wahrheit konfrontieren. "Drei Lysanthemer, 27 Füchse..." Er fluchte leise. Das war zu wenig, viel zu wenig. Damit würde sich die Wache diesmal nicht zufrieden geben. Mit wütendem Blick musterte er die Gegenstände um sich herum. "Edelwaren... hah, wertloser Scheiß!" Seine Worte hatten tatsächlich etwas Wahres. Obwohl die "Feder" wie er den Laden insgeheim nannte, randvoll mit Luxusgütern im Wert von mehreren Dutzend Drachmen war, nutzte ihm das im Moment nichts. Es war seine Arbeit, sie in Münzen zu verwandeln, Münzen die die Wachen versaufen und mit dem Rest er gerade so über die Runden kommen konnte. Es war kein einfacher Job, war es noch nie gewesen, vor drei Jahren nicht und auch nicht heute. Doch seit den letzten Wochen schien es, als hätte Roac endgültig das Glück verlassen. Die wenigen Kunden aus dem Innenring, niedere Adelige oder reiche Händler die ihren Schmuck billig im Außenring kaufen wollten blieben auf einmal aus. Die Handwerker und Großbauern, die für eine Hand voll Münzen etwas Luxus in Form von Geschirr oder Besteck suchten, kamen ebenfalls nicht. Es war wie verhext. Und dann kamen Gerüchte an sein Ohr, denen er zuerst nicht über den Weg getraut hatte: Es hieß, der König hätte dem dunklen Volk die Schlüssel zum Königreich übergeben. Heer und Adel standen nun unter dem Befehl der Orks und Dunkelelfen und wer wusste, was diese mit dem ohnehin schon so stark mitgenommenen Land für Schindluder treiben wollten. Roac hatte diese Geschichten für dummes Geschwätz abgetan. Dass der König ein dummes, dekadentes und volksfremdes Schwein war, war ihm nur zu gut bewusst. Für so einen Schwachkopf hatte er ihn dann aber doch nicht gehalten. Und trotzdem... alle Anzeichen deuteten darauf, das etwas nicht stimmte...

Mit dem Versuch seine Gedanken zu zerstreuen wandte er sich dem poliertem Schachbrett am rechten Rand der Theke zu. Er wusste nicht mehr wann dieses feines Stück in seinen Laden gelangt war, vielleicht war es sogar noch vor seiner Zeit gewesen. Tatsache war jedoch, dass das Schachbrett zu seinem persönlichem Favoriten geworden war. Er zog es zu sich heran und musterte die Aufstellung der Figuren. Tag für Tag war es das gleiche: Zug für Zug wechselte er die Farbe - von perlmuttweiß zu kirschrot - bis er auf einmal die Übersicht verlor und die Partie vorzeitig beenden musste. Er wusste nicht einmal ob er es richtig spielte, er hatte es sich vor langer Zeit selbst beigebracht. Mit einem Seufzer wischte er die Figuren vom Brett und begann sie wieder richtig aufzustellen: Turm, Springer, Läufer, Dame, König... davor die Bauern mit ihren runden polierten Holzköpfen. Die Zeit verstrich als er die Figuren über das Brett schob und die Nacht nun endgültig hereinbrach. "Ich habe noch ein paar Tage Zeit..." dachte er sich während sein Springer einen Bauern vom Feld fegte. "Irgendwie werd ich das Geld schon auftreiben" Der Ärger über den verlorenen Bauern mischte sich mit dem gewohnten Gefühl der Ausweglosigkeit, das ihm in den vergangenen drei Jahren ein ständiger Begleiter geworden war. "Und irgendwann..." Er hielt inne, sowohl in Gedanken als auch im Spiel. War er Schachmatt? Er überprüfte die Position der Figuren. Sein Gesicht verzog sich. Er hatte einen verbotenen Zug gemacht. Mit einem Schulterzucken schob er das Brett von sich, zurück auf den Platz wo er es vorgefunden hatte. An was hatte er gerade gedacht? Er hob die Brauen. Er hatte den Faden verloren...

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4408
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Erzähler » Freitag 19. September 2014, 13:41

Roac Adair, oder auch der „Rabe“ genannt hatte seine einsame Partie Schach beendet. Das Schachbrett war noch aus Zeiten seines verstorbenen Vorgängers. Die kirschroten und schneeweißen Figuren warfen flackernde Schatten und hatten ihn von Anfang an sein Interesse geweckt. Auch wenn das Spiel sehr einseitig war, so vertrieb es doch die langen Wartezeiten auf einen Kunden. Die vergangenen Wochen und Monate hatten Roac gezeigt, dass sein unfreiwillig gewählter Beruf nicht sehr einträglich war, wenn eine Stadt in Angst erstarrt war. Seit dem die Dunkelelfen in die Stadt eingezogen waren, ihre Orkhorden vor der Stadt die Menschen terrorisierten und das dunkle Volk ihre Schatten in den Straßen ausbreiteten, hatten die Leute aufgehört zu kaufen. Früher war der Laden gut gelaufen, doch in letzter Zeit blieb er einfach auf seinen Sachen sitzen. Niemand kaufte in unsicheren Zeiten Kunst, schöne Möbel oder gar Schmuck. Die Waffenschmiede erfreuten sich hingegen laufend ansteigender Kundschaft. Im Innenring hielt man den Atem an, wenn die fremden Mächte vorbei schritten, aber hier im Außenring war es teilweise noch viel schlimmer. Auch wenn oberflächlich betrachtet die Stadtwache noch das Sagen hatte, so nahmen die Übergriffe der „Besatzungsmacht“, wie sie manche schon nannten, zu. Manch einer fragte schon hinter vorgehaltener Hand, wem die Stadt gehörte, dem König oder dem dunklen Lord?! Doch irgendetwas ging seit einiger Zeit vor sich. Ein steigende Unruhe hatte das dunkle Heer ergriffen und die Soldaten des dunklen Lords schienen sich auf etwas großes vorzubereiten. Diese Unruhe trug nur leider ebenfalls nicht zur Steigerung der Kaufkraft bei und sollte sich nicht bald etwas ändern, musste sich Roac etwas einfallen lassen um schleunigst zu Bargeld zu kommen. Der Strohsack auf dem er schlief, brauchte eine neue Füllung sonst würde er bald zu schimmeln beginnen und auf Pokalen und Schmuck schliefen bekanntlich nur Drachen und Zwerge wirklich gut. Er braucht Geld um die Wachen zu bestechen und die spärliche Ausbeute der letzten Woche würde sie wohl nicht zufrieden stellen.
Gerade als er sich, über seine Probleme nachsinnend, wieder in seinen liebsten Sessel gemütlich gemacht hatte, hörte er schnelle Schritte vor seinem Laden und dann sprang auch schon die Tür auf. Eine kleine Gestalt huschte herein und schloss die Tür wieder eilig. Der zottelige Kopf zuckte gehetzt umher, bis er den überraschten Ladenbesitzer in einer Ecke des Verkaufsraumes ausmachte. Der Junge, er war vielleicht acht oder zehn Sommer alt und hatte das Äußere eines typischen Straßenjungens. Mit der ungepflegten, löchrigen Kleidung konnte er Roac an seine eigene frühere Kindheit erinnern. Die Haare hingen ihn strähnig in die braunen Augen und der Mund stieß kurze, angestrengte Atemstöße aus. Er kam mit wenigen Sätzen auf ihn zu und ergriff mit seinen kleinen Händen Roacs Ärmel.
„Bitte, versteckt mich! Bitte!“
, flüsterte er. Der Blick war flehend und sein Kinn zitterte.
Bild

Benutzeravatar
Roac
Gast
Gast

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Roac » Samstag 27. September 2014, 14:43

Noch immer in trüben Gedanken über seine missliche Lage vertieft, schrak Roacs durch das Geräusch der Schritte vor der schweren Ladentür auf. Konnte es sein, dass seine Durststrecke zuletzt doch ein Ende finden würde? Vielleicht war es ein Großkunde, ein schmieriger Adeliger aus dem Innenring oder ein neureicher Handwerker mit vollen Taschen, der es sich leisten konnte in dieser schwierigen Zeit womöglich die eine oder andere Drachme liegen zu lassen. Und auch wenn es sich nur um einen armen Schlucker mit dem Wunsch nach einem eigenen Zinnbecher oder eine Dirne auf der Suche nach billigem Schmuck handelte - Geschäft war bekanntlich Geschäft. Doch viel wahrscheinlicher war es, dass seine Kundschaft anderer Natur war. Er schob heute eine Nachtschicht, egal wie derzeit die Lage in der Stadt aussah, die Nacht gehörte immer noch den Dieben. Daran würde sich auch durch die Bedrohung durch das dunkle Volk nichts ändern... so hoffte er zumindest. Zurzeit erlaubte sein Geldbeutel ihm nicht heiße Ware entgegen zu nehmen, egal wie vielversprechend sie sein würde. Aber vielleicht brauchten seine Kameraden ja neues Werkzeug: Dietriche, Messer zum Beutelschneiden, Dolche, Seile, Karten zu gewissen Stadtteilen... Ein schneller Griff unter die Theke und der gewünschte Gegenstand würde vor ihnen liegen.
Doch jegliche Aussicht auf ein paar Münzen verflog schlagartig, als die Tür aufsprang und ein kleiner, verdreckter Straßenjunge in den Laden stürzte. Bevor Roac reagieren konnte, war er schon auf ihn zu und um die Theke geflitzt. „Bitte, versteckt mich! Bitte!“ Roac blinzelte und sah auf den Jungen hinab, der ihn aus großen Augen hilfesuchend ansah. Erst dann realisierte er, was sein unerwartete Besucher gesagt hatte. „Was... hey, das geht nicht! Du kannst hier nicht...“ Sein Blick schoss zur Ladentür, die sich womöglich jeden Moment öffnen konnte. Wer wusste in welche Schwierigkeiten der Junge geraten und wer ihn nun auf den Fersen war. Hatte er sich beim Stehlen erwischen lassen? Hatte er sich mit der Stadtwache angelegt? Oder schlimmer noch, mit welchen vom Dunklen Volk? Roac fluchte und riss sich von den Händen des Jungen los, nur um ihn an seinem löchrigen Kragen zu packen. Sein Bein schmerzte, als er es zu vorschnell von dem gepolsterten Hocker fallen ließ und aufsprang, doch im Moment hatte er weitaus schwerwiegendere Probleme. „Hier wird niemand versteckt! Du gehst jetzt da raus und siehst zu das du verschwindest!“ Den sträubenden Jungen hinter sich herziehend, eilte er humpelnd durch den Raum. Egal was der Bursche auch verbrochen hatte, wenn man ihn hier finden würde, hätte auch er ein Problem. Sein kleines Abkommen mit der Stadtwache schützte ihn zwar vor den meisten Übergriffen, trotzdem konnte es schlimme Folgen für ihn haben, wenn sie ihn dabei erwischten, wie er "Feinde der Stadt" - ihre Bezeichnung für gewöhnliche Kleinkriminelle - unterstützte.
Er hatte die Tür fast erreicht, als er erstarrte. Zu spät, sie waren womöglich schon hier! Wenn er den Jungen jetzt hinauswerfen würde, würden sie ihn bereits sehen, eins und eins zusammenzählen und womöglich auf den falschen Schluss kommen. „Verdammt!“ Hektisch sah er zu den Jungen herab, der noch immer wild an seinem Arm zappelte. „Also gut Kleiner...“ Er machte auf den Absatz kehrt und zog den Knaben immer noch am Kragen mit sich mit, bis er vor einem schmalen Schrank mit abgeblätterten Intarsien hielt. „Rein da!“ Schnell öffnete er die Tür und schob den schmalen Straßenjungen ins enge Innere des Schrankes, welches er sich zusätzlich noch mit einem Stoß Silbergeschirrs, einem Kupfernen Topf und mehreren verzierten Krügen teilen musste. Roac hob den Finger an die Lippen und bedeutete ihn damit ruhig zu bleiben. „Keinen Mucks... sonst sind wir beide dran...“ Schnell schloss er die Tür hinter sich und blieb dann unschlüssig im Raum stehen. In was war er jetzt schon wieder hineingeraten?

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4408
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Erzähler » Sonntag 28. September 2014, 18:11

Er hatte die Tür fast erreicht, als er erstarrte. Draußen waren schwere Stiefel zu hören.
„Verdammt!“ Also gut Kleiner...“
Er machte auf den Absatz kehrt und zog den Knaben immer noch am Kragen mit sich mit, bis er vor einem schmalen Schrank hielt.
„Rein da!“
Schnell öffnete er die Tür und schob den schmalen Straßenjungen ins Innere des Schrankes, welches er sich mit einem Stoß Geschirr teilen musste. Roac hob den Finger an die Lippen und bedeutete ihn damit ruhig zu bleiben.
„Keinen Mucks... sonst sind wir beide dran...“
Schnell schloss er die Tür hinter sich und blieb dann unschlüssig im Raum stehen. In was war er jetzt schon wieder hineingeraten? Das kleine Rubinglasfenster mit den dicken Eisenstreben davor zeigte den schemenhaft, rot leuchtenden Umriss einer vorbei getragenen Fackel und im gleichen Moment schepperte es hinter ihm im Schrank. Roac blieb fast das Herz stehen. Hoffentlich hatten sie nichts gehört. Der Schein war schon verschwunden gewesen, doch jetzt kehrte er zurück und bewegte sich auf seinen Laden zu. Ein Mensch hätte womöglich nichts bemerkt, doch die schwarze Gestalt, dass nun die Tür auf stieß, gehörte keinem Menschen. Der Kopf des Dunkelelfen schob sich durch den Spalt, gefolgt von einem zweiten sehr viel Kleinerem. Die kleine Gestalt schob den Großen weg und trat äußerst resolut vor ihn. Eine sehr hohe, leicht quäkende und trotzdem als männlich zu identifizierende Stimme sprach etwas in einem Befehlston und die Mine des Dunkelelfischen Wächters verfinsterte sich.
„Macht Platz!“
Roac hatte vielleicht schon von Gnomen gehört, doch so aus nächster Nähe hatte er noch keinen gesehen. Das kleine Volk lebte vor allem in den großen Handelsstädten und war bekannt für ihre Bürokratie. Schriftführer, Schreiberlinge, Studierte, Magie-kundige gab es unter ihnen, doch in Grandea traf man sie erst vermehrt seit dem die dunkle Armee hier Einzug gehalten hatte. Gerade die hohen Offiziere hielten sie sich gerne als ihre Bediensteten, die ihnen den Schreibkram abnahmen. Der Wächter maß Roac mit einem geübten Blick und ließ die Hand am Heft seines Schwertes liegen. Er trug eine Art Wappenrock über seiner mit Dornen bestückten Rüstung, nur war darauf auf den ersten Blick hin nichts als Schwärze zu erkennen. Ein Helm umschloss passgenau seinen Schädel und gab ihm ein dämonisches Aussehen unter dem nur seine violetten Augen hervor funkelten.
Auch der Gnom trug diese merkwürdige, dunkle Kleidung, nur schien seine aus feinster Seide zu sein und fiel leicht um seine bucklige Gestalt. Einige schwer zu erkennende Formen waren in den teuren Stoff eingewebt. Auch trug der Gnom einige Ringe an den Fingern, Ketten um den Hals und an jedem Ohr bestimmt neun Ohrringe. Am auffälligsten war die goldene Schreibfeder, die an einer dünnen Kette vor seiner schmalen Brust baumelte. Er maß vielleicht gerade mal 1,10m in der Höhe und war dürr wie ein Zweig. Er hatte eine Nase, die wie eine Wendeltreppe sein gerötetes Gesicht verunstaltete. Sein Haar war schwarz mit ein paar grauen Strähnen und kurz geschoren. Gut sichtbar auf seinem Kopf hatte er zwei halbmondförmig, gezackte, hässliche, alte Narben, die bei längerer Betrachtung, den Eindruck eines Gebissabdrucks hinterlassen konnten. Als hätte etwas ihn vor geraumer Zeit in den Kopf gebissen, aber doch nicht fest genug. Seine kleinen schwarzen Knopfaugen musterten mit zusammengekniffenen Liedern den Inhaber der „Schwarzen Feder“. Er trug eine lederne Rolle unter dem Arm, die er seinem missgelaunten Wächter einfach in die Hand drückte und dann hielt er zielstrebig auf Roac zu.
„SIE! So spät noch wach?“
Seine kleinen Augen schwirrten wie Fliegen umher, ständig auf der Suche nach etwas.
„Haben sie vielleicht einen Jungen gesehen? So groß etwa. Starr vor Dreck. Er hat eine Schnittwunde in Höhe des linken Schulterblatts auf dem Rücken!“
Er zeigte erst die genaue Höhe des kleinen Herumtreibers mit seiner dürren Hand an, dann verdrehte er den Arm und zeigte auf die Stelle seines Rückens wo die Wunde sein sollte und fixierte dabei die ganze Zeit den Händler.
„Ich zahle gut für Informationen die zu seiner Ergreifung führen!“
Wie um seine Aussage zu untermauern griff er unter seinen Rock und holte einen Beutel hervor, in dem verheißungsvoll klimperte.“
Seine dürren Finger zogen wie beiläufig an dem Band und es schimmerte golden aus der Tiefe herauf. So nah am Tresen und nun im Licht des Leuchters konnte Roac auch die feinen, gewebten Linien im Stoff des Wappenrocks erkennen, doch trotzdem ergaben sie nicht wirklich einen Sinn. Die Muster sahen aus wie wahllos angeordnete Münder oder Augen, verbunden mit anderen dünneren Linien. Trotz allem war es eine sehr künstlerische Darstellung.
Bild

Benutzeravatar
Roac
Gast
Gast

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Roac » Sonntag 28. September 2014, 21:08

Roacs Herz setzte einen Schlag aus, als sich die Tür knarrend öffnete, der rötliche Schein der Fackel von der Straße in seinen Laden sprang und sich eine Gestalt langsam durch die Tür beugte. Ihr Kopf bewegte sich langsam, fast so als würde das Wesen den Raum mit seinen Blick durchleuchten und jeden Zentimeter davon mit den unheimlich schimmernden Pupillen abtasten. Der Hehler schluckte als sich der Kopf des Fremden ruckartig in seine Richtung drehte und ihn zwei purpurne Augen zu durchbohren schienen. „Ein Dunkelelf! Ich und mein verfluchtes Glück...“
Erst als sich eine gute Armlänge unter dem maskierten Gesicht des Elfen etwas regte, bemerkte er wie ein weiteres, nicht weniger fremdartig anmutendes Geschöpf den Laden betrat und seinem Begleiter etwas in einer fremden Sprache zuzischte.
„Macht Platz!“ Roac hob die Brauen und musterte das Wesen mit unverhohlener Verblüffung. Dies musste ein Gnom sein... oder ein zusammengestauchter, unterernährter Zwerg. Er war sich nicht ganz sicher. Zwar hatte er in seinem Leben im Außenring schon mehrere Vertreter anderer Rassen gesehen - Zwerge, Waldelfen und seit kurzem auch immer öfter ihre düsteren Verwandten aus dem Norden - doch auf einen Gnom war er noch nie getroffen.
Noch immer reglos verharrend und unsicher, wie er sich zu verhalten hatte, beobachtete er das seltsame Männchen, wie es seelenruhig seine Schriftrolle an den Dunkelelfen weitergab, die dieser mit einem grimmigen Funkeln in den Augen entgegennahm. Roac bemerkte mit gewissem Unbehagen, dass jener die Hand partout nicht von seinem Schwertgriff nehmen wollte, was ihn wiederum wünschen ließ, dass ihm seine beiden neuen "Kunden" nicht den einzigen Fluchtweg aus dem Laden versperren würden. Doch selbst wenn er sich in einem Stück an dem düsteren Wächter vorbeizwängen konnte, hätte er auf lange Sicht keine guten Karten. Sein linkes Bein würde ihn auf der Flucht viel zu sehr behindern...
„SIE! So spät noch wach?“
Roac schreckte auf und verwarf seine halbherzigen Fluchtgedanken, als ihn der kleine Wicht mit seiner schrillen Stimme direkt ansprach. Von der unerwarteten Frage und dem ungewohnten Umgangston des Gnoms mehr als nur etwas perplex, brauchte er einen Moment um eine passende Antwort auf Celcianisch zu finden.
„Ich...ja. Ich meine...“
Er hob die Hand und machte eine wage Geste mit der er den ganzen Raum umschloss.
„Ich mache eine Bestandsaufnahme. Gehe die Waren auf ihre Vollständigkeit durch...Ihr versteht.“
Sein Gegenüber schien ihn gar nicht zuzuhören, viel zu sehr war er von seiner Umgebung abgelenkt. Der Dunkelelf konnte ihn dafür für keine Sekunde aus den Augen lassen.
„Haben sie vielleicht einen Jungen gesehen? So groß etwa. Starr vor Dreck. Er hat eine Schnittwunde in Höhe des linken Schulterblatts auf dem Rücken!“
Als hätte er es verschrien, hatte Roac auf einmal wieder die ungeteilte Aufmerksamkeit des Gnoms. Sein Goldschmuck klimperte leise als er mit seinem dürren Ärmchen zappelnd auf seinen Rücken deutete. Sein seidenes Gewand waberte dabei wie Rauch um seinen Körper und verwischte seine abartigen Konturen. Roac biss sich unbemerkt auf die Lippen. Er musste jetzt vorsichtig sein. Ganz langsam, ohne die Aufmerksamkeit der beiden Fremden auf sich zu ziehen, zog er die rechte Hand, mit der er den Jungen am Kragen gepackt hatte hinter seinen Rücken während er aufrichtig über die Frage des Gnoms nachzudenken schien. Er hatte in den wenigen Sekunden, seit dem der Junge in den Laden gestürzt war nicht bemerkt, dass er anscheinend verletzt war. Wenn sie nun Blut an ihn, am Schrank oder am Boden finden würden...
„Wisst Ihr, meine Kundschaft besteht normalerweise nicht aus Kindern...“
Er verzog das Gesicht zu einem gequältem Grinsen und zwang sich nicht in die Richtung des Dunkelfen zu sehen.
„Ich zahle gut für Informationen die zu seiner Ergreifung führen!“
Roacs aufgesetzte Miene fror ein, als der kleine Wicht ihm einem prall gefüllten Geldbeutel vor die Nase hielt. Passend zu seiner Garderobe schien der Gnom nicht gerade ein armer Schlucker zu sein. Im Gegensatz zu ihm... Roac knirschte kaum merklich mit den Zähnen. Die Sache gefiel ihm nicht. Was der Junge auch ausgefressen hatte, der komische Zwerg, der kein Zwerg war und sein Bluthund von Dunkelelf meinten es ernst. Warum sonst wandten sie sich an einen Wildfremden wie ihn und machten keinen Hehl aus ihrem Vorhaben?
„Hmm... darf ich fragen was er verbrochen hat?“
Er hoffte, mit dieser Frage nicht das Misstrauen der beiden Fremden auf sich gezogen zu haben. Doch trotz der bedrohlichen Situation, in der er sich womöglich gerade befand, war er neugierig. Er war sich nicht sicher, wie er sich verhalten sollte. So grausam es auch klang - in erster Linie ging es ihn um seine eigene Haut. Warum sollte er für einen dahergelaufenen Straßenjungen sein Leben riskieren? In dem er den Burschen hinter sich im Schrank versteckt hielt, setzte er all das aufs Spiel was er sich in drei Jahren hier aufgebaut hatte. Und dafür kannte er ihn nicht einmal! Und trotzdem... konnte er ihn einfach so ausliefern? Dem Bluthund an der Tür praktisch zum Fraß vorwerfen? Es würde ihn nicht wundern, wenn seine Schnittwunde von dessen Klinge stammte. Und selbst wenn er ihn ausliefern würde... was gab ihm die Sicherheit, dass er nicht gleich mitkommen konnte?

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4408
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Erzähler » Montag 29. September 2014, 17:20

„Wisst Ihr, meine Kundschaft besteht normalerweise nicht aus Kindern...“
Roac verzog das Gesicht zu einem gequältem Grinsen und zwang sich nicht in die Richtung des Dunkelelfen zu sehen, sondern schaute den Gnom auf seine komische Nase. Dieser kniff kurz die Augen abschätzend zusammen. Roacs aufgesetzte Miene fror ein, als der kleine Wicht ihm einem prall gefüllten Geldbeutel vor die Nase hielt. Trotz der bedrohlichen Situation, in der er sich womöglich gerade befand, war er neugierig und fragte genauer nach:
„Hmm... darf ich fragen was er verbrochen hat?“
„Dürft ihr nicht und meine Frage habt ihr auch nicht beantwortet! Ihr lügt wohl nicht gern … oder nicht gut.“
Er verschränkte die Arme vor der schmalen Brust, hob eine Hand zum Kinn und klopfte sich gegen die Unterlippe. Ohne Roac aus den Augen zu lassen, begann er sich langsam durch den Raum zu bewegen.
„Interessante Sachen die ihr hier so habt. Eure?“
Er schien keine Antwort zu erwarten, wenn gleich es unterstellte, was er wohl zu Recht vermutete. Der Hehlerladen war vollgestopft mit wild durcheinander gewürfelten, gestohlenen Gütern. Für einen Kramladen waren die "Fundstücke" jedoch zu hochwertig. Etwas umständlich hob er den Deckel einer großen Wäschetruhe und schaute beiläufig hinein. Der Inhalt war ihm offenkundig vollkommen egal. Anscheinend wollte er Roac testen, ob er irgendwo nervöser werden würde als wo anders. Ein paar Schritte weiter schaute er hinter einen hohen Standspiegel, der mit kunstvollen silbernen Ornamenten verziert war. Er taktierte weiter:
„Ich sehe schon, ihr seid vermutlich ein Mann mit Ruf und Ehre. Nun gut. Fragen wir also anders, damit ihr eurer Gesicht wahren könnt.“
Er hatte den Beutel mit den Drachmen offen auf dem Tresen liegen gelassen, so dass er weitere Einblicke und Verlockungen mit sich brachte. Gut 20 Münzen oder mehr glitzerten ihm entgegen.
„Welches Möbelstück würdet ihr mir empfehlen? Sagen wir, ich möchte mich neu einrichten und ein kleines Vermögen dafür investieren. Diesen Schrank dort, diese Truhe oder doch eher eine Kommode mit tiefen Fächern? Ich brauche viel Stauraum für meine Bücher.“
Fünf dieser goldenen Münzen würde ihn die Wachen einen Monat lang vom Hals halten. Fünf Drachmen verlangte die Stadtwache für gewöhnlich. Mehr nicht, da sie sonst in Erklärungsnot gerieten zu reich zu sein und nicht weniger, da ihr Hang zu leichten Frauen sonst ungestillt blieb. Der Gnom schien Roac inneren Widerstreit zu spüren.
„Lass mich euch ein Angebot machen, da ich wenig Zeit habe. Zeit ist Geld und Geld ist Macht.“
Er stand nun mit dem Rücken zu dem Schrank, in dem der Straßenjunge kauerte.
„Zehn Drachmen und ihr macht ein gutes Geschäft. ... Ich könnte auch heute Nacht meinen Wächter bei euch lassen. Quasi zu eurer Sicherheit, bis ihr euch entschieden habt, ob wir uns einig werden und damit er mein Hab und Gut bewacht. Dies ist eine gefähliche Gegend, wie mir scheint.“
Es stellte sich die Frage, hatte er schon mitbekommen, dass Roac den Jungen versteckte oder pokerte dieser kleine Wicht nur hoch?
„Was haltet ihr davon?“
Die schmalen Lippen zogen sich zu etwas auseinander, was wie ein Grinsen aussehen sollte.
Bild

Benutzeravatar
Roac
Gast
Gast

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Roac » Freitag 3. Oktober 2014, 21:14

Schweigend hatte Roacs aufmerksamer Blick den Gnom auf seiner Runde durch den Laden verfolgt, wissend, dass ebenso ein wachsames Paar purpurner Augen auf ihm ruhte. Sein aufgesetztes Lächeln hatte er schon längst fallen gelassen und zugunsten einer undeutbaren Miene eingetauscht, die er auch nicht ablegte, als der Gnom sich wieder zu ihm umdrehte.
„Was haltet ihr davon?“
Der bis jetzt still gebliebene Hehler wandte den Kopf und schien über den Vorschlag des Fremden ernsthaft nachzudenken.
„Lasst mich überlegen...“
Er hob eine Hand und strich sich übers Kinn, dann schritt er langsam und bedächtig auf die Ladentheke und dem sich darauf befindlichem, prall gefülltem Geldbeutel zu, den er mit gespreizten Fingern ergriff und mit etwas Abstand zu seinem Gesicht hochhob.
„Eine beachtliche Summe die Ihr bietet... wenn man bedenkt, dass es euch nur darum geht eure Bücher zu lagern.“
Behutsam schüttelte er das Leder und ein sattes Klirren und Klimpern ging durch den Laden. Für seine beiden nächtlichen Besucher unmöglich sichtbar, biss er sich dabei in die Innenseiten der Wangen. Dieses Geld konnte ihm all seine Probleme für die nächsten paar Monate mit einem Schlag vom Hals schaffen. Keine Durchsuchungen, keine Prügel durch zwangsentnüchterte Wachen mehr. Ein neuer Strohsack, vielleicht sogar mit einem Kissen mit Gänsefedern. Kein Wein mehr, der den Namen kaum mehr verdiente und schon fast Essig war. Er seufzte...
„Fangt!“
Ohne weitere Warnung holte Roac aus und warf den Beutel in hohen Bogen durch den Raum Richtung Gnom, der ihn mit Müh und Not noch mit den Fingerspitzen auffangen konnte. Die kurze Sekunde des Schrecks nutzend, überbrückte er die Distanz zwischen sich und dem Fremden, sodass er direkt vor ihm stand und auf ihn herabsehen konnte. Auch wenn Roac mit seinen 1,70 kein Riese war, überragte er den schmächtigen Gnom doch bei weiten.
„Ihr kommt hier rein und spielt euch auf als ob euch der Laden gehört, stellt hirnrissige Fragen und ignoriert meine Antwort darauf, ja nennt mich sogar einen Lügner.“
Er sprach ruhig doch bestimmt, mit einer Intensität die die Luft zwischen Ihnen zum Knistern bringen schien. Zur Untermalung des gesagten Nickte er zu dem Dunkelelfen rüber, der vermutlich gleich Anstalten machte einzuschreiten.
„Dann droht ihr mir noch mit eurem Freund da drüben, dessen Hand anscheinend mit dem Griff seiner Waffe verschmolzen ist. Und Ihr wollt ein Geschäft mit mir machen?!“
Roac musterte den Gnom eingehend, dann tat einen Schritt zurück bevor der Dunkelelf endgültig die Geduld verlor. Er hob die Hand und deutete auf die Tür, durch die seine beiden Freunde gekommen waren.
„Ich muss Euch bitten meinen Laden zu verlassen. Ich habe euren Jungen nicht gesehen, noch bin ich interessiert mit euch Geschäfte zu machen.“
Die Finger seiner Rechten Hand waren das einzige Merkmal, das seine Nervosität durch das entschlossenes Auftreten unscheinbar durchsickern lies. Sie klammerten sich um den für die beiden Fremden unsichtbaren Griff des Knüppels in seiner seitlichen Manteltasche.
„Zeit ist Geld sagt Ihr. Dann verschwendet nicht die meine noch die Eure. Geht.“

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4408
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Erzähler » Sonntag 5. Oktober 2014, 17:58

Der Gnom hatte erstaunlich flinke Reflexe und fing den Geldbeutel sicher. Kurz darauf stand auch schon Roac vor ihm und übergoss ihn mit seinem gerechten Missfallen. Die Miene des späten Gastes blieb jedoch ungerührt, fast genauso wie die seines Wächters, der nur einen Schritt nach vorne gemacht hatte. Der kleine Mann hob zu ihm beschwichtigend die Hand und als Roac geendet hatte, zuckte der Gnom mit den Schultern, steckte sein Gold wieder ein und wandte sich zur Tür. Das kleine Glöckchen über dem Rahmen kündete vom Öffnen und verharrte dann.
"Wie ich schon dachte. Ihr seid ein Mann mit Ruf und Ehre. Glaubt mir, diese Reaktion unter den hiesigen Einwohnern ist mir nicht fremd. Nun gut, vielleicht habt ihr ja wirklich nichts für mich. Ich gehe, wie ihr wollt."
Während er schon ging, ließ er noch einmal seinen Blick durch den Raum schweifen und schob dann fast schon den Dunkelelfenkrieger vor sich hinaus. Dieser hatte anscheinend deutlich mehr zu sagen gehabt, wenn es an ihm gewesen wäre, doch er war in diesem Schauspiel zu nützlichem "Zierwerk" degradiert worden. Seine violetten Augen fixierten Roac und eine unausgesprochenes Versprechen, dass man sich wieder sehen würde, lag im Raum. Beide hatten "die Feder" verlassen und Roac sah ihnen durch die offene Tür hinterher. Eilige kleine Schritte eilten ein Stück die Straße hinauf und blieben dann auf der gegenüber liegenden Seite stehen. Seine ehemaligen Gäste tauschten ein paar unverständliche Worte und dann lief der Gnom alleine weiter. Schnell war er hinter einer Biegung verschwunden und der dunkle Wächter blieb alleine zurück um den Laden zu beobachten. Eine Weile starrten sie sich an, doch dann schloss Roac die "Feder". Das Glöckchen gab ein zweites Mal sein Klingeln von sich und kaum hatte sich die Tür hinter sich ins Schloss gezogen, knackte etwas im Schrank. Klirren folgte und die Schranktür sprang nach außen auf. Der Junge fiel vor über aus dem Möbelstück auf die Nase, gefolgt von einigem polternden Geschirr und Scherben. Er atmete schwer und hatte, so verkrampft wie er da lag, wohl die ganze Zeit über einen kupfernen Krug halten müssen. Roac spähte alarmiert durch den Lärm durch den Fensterspalt noch einmal die Straße hinauf, aber der Wächter hatte seinen Posten nicht verlassen. Wieder einmal verfluchte er den Erbauer dieses Hauses, der schlicht den Hinterausgang vergessen hatte. Und selbst wenn es einen mal gegeben haben sollte, so hatten sich im Laufe der Jahrzehnte die benachbarten Häuser einfach den Raum genommen, der jetzt als Fluchtweg willkommen gewesen wäre. Es gab exakt nur einen Ein- und Ausgang für Erwachsene, Fenster zur Straße hin … und eine winzige, schmale Dachluke durch die eine Katze oder vielleicht ein Kind passen würde.„Das war … knapp.“
Die Stimme des Jungen brach und er verdrehte die Augen, so dass man kurz das Weiß seiner Augäpfel sehen konnte. Dann erschlaffte sein kleiner Körper an Ort und Stelle und der Krug rolle aus seinen ohnmächtigen Armen. Roac hatte nun also einen blutdürstigen Dunkelelfen vor seinem Laden und einen ohnmächtigen Straßenjungen in seinem Laden. Die Situation konnte kaum besser sein. Fehlten nur noch ein paar nüchterne Stadtwachen, die ihm ganz sicher den letzten Fuchs aus dem Leib prügeln würden. Und wenn das nicht reichte?
Bild

Benutzeravatar
Roac
Gast
Gast

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Roac » Dienstag 28. Oktober 2014, 06:01

Er hätte sich bereits denken können, dass sein plötzlicher Einschüchterungsversuch den Gnom kalt lassen würde. In welcher Position war er, dass er Forderungen stellen konnte? In der Tat, dies war sein Laden, doch was bedeutete das schon. Würde es ihn vor dem Schwert des Dunkelelfen retten, wenn sich dieser auf ein Fingerschnippen auf ihn stürzen würde? Höchst unwahrscheinlich. Und doch spürte Roac, wie ihm allmählich der Geduldsfaden riss. Er war es gewohnt unterdrückt, von oben herab behandelt zu werden. Wie ein folgsamer Hund der von seinem Meister regelmäßig verprügelt wird und nie den Mut gefasst hatte nach seiner Hand zu schnappen, genauso hatte er die letzen drei Jahre verbracht. Er lebte und atmete, und doch war er nichts anderes als ein Spielzeug der Wache, ein Mittel für ein paar einfache Münzen die schnell wieder ausgegeben waren. Man könnte fast meinen, dass er sich nach all dieser Zeit damit abgefunden, seine Lage akzeptiert und so gut es ging daran gewöhnt hatte. Doch nicht er. Roacs Hände zitterten immer noch jeden Stichtag, jedoch nicht vor Angst, sondern vor unterdrückter Wut...

"Wie ich schon dachte. Ihr seid ein Mann mit Ruf und Ehre. Glaubt mir, diese Reaktion unter den hiesigen Einwohnern ist mir nicht fremd. Nun gut, vielleicht habt ihr ja wirklich nichts für mich. Ich gehe, wie ihr wollt."
Erst glaubte Roac, der Gnom mache sich einen Scherz daraus ihn zu verhöhnen. Doch dann wandte er sich auch schon gleichgültig um und verließ den Laden, nicht ohne die flinken Augen noch einmal durch den Raum huschen zu lassen. Als der Dunkelelf sich anschickte ihm zu folgen, trafen sich ihre Blicke. Die Drohung, die in den dunklen, abgrundtief schwarzen Pupillen geschrieben stand benötigte keinen Übersetzer. Roac versuchte angestrengt nicht zu blinzeln und eine gleichwertig kühle Miene zu bewahren, ein Unterfangen dass auf einmal seine ganze Aufmerksamkeit erforderte. Dann waren die beiden Gestalten auch schon aus seinem Laden verschwunden. Er folgte ihnen noch hinaus auf die Straße, nur um sicherzustellen, dass sie auch wirklich gingen - oder sich zumindest die Mühe gaben es so aussehen zu lassen. Wie es aussah, war dem nicht der Fall: Der Gnom zog seiner Wege, doch Roacs neugewonnener Freund blieb ihm erhalten. Schnell ließ er die Tür hinter sich ins Schloss fallen und atmete aus.

Die Ruhe hielt nicht lange an. Roac zuckte zusammen als sich ohne Vorwarnung ein Schwall aus Geschirr und anderen zerbrechlichen (heute schien wirklich nicht sein Tag zu sein) Gegenständen aus dem Schrank ergoss und mit einem ohrenbetäubenden Scheppern und Klirren auf dem Boden zerbarst. Der Verantwortliche dafür lag inmitten der Scherben und wandte schwankend den Kopf zu seinem Retter. Sein Gesicht war blass und er wirkte noch mitgenommener, als Roac ihn in Erinnerung gehabt hatte.
„Das war … knapp.“
Nachdem er sich hektisch nach dem Dunkelelfen umgesehen hatte - wie durch ein Wunder schien er von dem Tumult nichts gehört zu haben - hinkte Roac schnaubend auf den Jungen zu.
"Bist du verrückt du Idiot! Weißt du wie vie... hey!"
Er konnte ihn gerade noch an den Haaren fassen bevor sein Kopf bewusstlos auf eine besonders unschön gezackte Porzellanscherbe sinken und ihm das Gesicht zerschneiden konnte. Zögernd schüttelte er ihn.
"Hey Kleiner! Nicht schlappmachen..."
Er schlug ihm ein paarmal mit der flachen Hand auf die Wange. Keine Reaktion. Mit dem Daumen hob er vorsichtig ein Lied an und musterte das darunter liegende Auge, dass ihn glasig und leblos anstarrte. Er verharrte für einen Moment auf den Knien, unsicher was er tun sollte. Dann griff er den Jungen an der knöchigen Hüfte und den schmalen Schultern und hob ihn sich über die Schulter. Er wog erschreckend wenig, nicht mehr als ein Sack Weizen. Dennoch begann augenblicklich Roacs protestierender Knöchel stechende Schmerzen durch sein linkes Bein zu schießen.
"Ich kehr das nicht auf, das wird er schon selber müssen..."
Durch die vor Schmerzen zusammengepressten Zähne leise ächzend, umrundete er den Scherbenhaufen und machte sich an die Treppe in das obere Stockwerk zu erklimmen. Die schmalen Stufen bereiteten ihn oft schon alleine Schwierigkeiten, mit dem Jungen am Rücken grenzte der Aufstieg fasst an einer akrobatischen Meisterleistung. Und doch schaffte er es irgendwie die lange Stiege hinauf und durch das Zimmer unter dem Dach in dem er schlief. Mit einem Arm wischte er grob über die Fläche eines alten Holztisches, das links und rechts der Staub in grauen Wolken davon flog. Hustend legte er den Jungen darauf ab und trat dann einen Schritt zurück.

Wer war der Kleine? Er sah aus wie ein gewöhnlicher Straßenjunge, ungepflegt, verdreckt, das ganze Paket eben. Doch warum zum Harax war der Gnom bereit gewesen so viel für ihn springen zu lassen - tot oder lebendig? Roac tippte immer noch darauf, dass er etwas gestohlen hatte, vermutlich mehr als nur Geld oder einen einfachen Wertgegenstand. Vielleicht hatte er es ja noch bei sich... Roac strich sich über das Kinn, dann hielt er inne. Der Straßenjunge vor ihm regte sich nicht. Er erinnerte sich an das, was der Gnom gesagt hatte, als er ihm den Jungen beschrieben hatte.
"...so groß etwa. Starr vor Dreck. Er hat eine Schnittwunde in Höhe des linken Schulterblatts auf dem Rücken..."
Er trat an den leblosen Körper heran und legte zwei Finger an seinen Hals um auf dessen Puls zu horchen. Wenn er festgestellt hatte, ob er nun doch wohl oder übel die Scherben selbst wegkehren müsse oder nicht, würde er den Jungen durchsuchen. Und danach... das kam ganz darauf an.
Zuletzt geändert von Roac am Dienstag 28. Oktober 2014, 19:11, insgesamt 1-mal geändert.

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4408
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Erzähler » Dienstag 28. Oktober 2014, 09:57

Das der Elf vom Krach nicht angelockt worden war, konnte nur bedeuten, dass er seine Befehle sehr wörtlich nahm. Roac hatte den schlaffen Kinderkörper die Treppe hinauf gewuchtet. Sein Knie brannte, aber seine Neugierde lenkte zum Glück gut von den schmerzenden Muskeln ab. Dieser kleine Wicht musste etwas bei sich haben, was dem Gnom gehört hatte, da war er sich schnell sicher. Vorsichtig überprüfte er den Puls des Jungen. Flach, aber hartnäckig fühlten seine Finger die kleinen Stoßwellen unter der dünnen Haut. Langsam begann er den Jungen zu untersuchen. Dafür entzündete er eine Lampe und sehr bald entdeckte er unter dem ganzen Dreck einen fiesen Schnitt auf seinem Rücken, der den Jungen wohl in die Ohnmacht befördert hatte. Die Aufregung und Anspannung im Schrank hatten wohl ihr übriges gegeben.
Dann untersuchte er seine Taschen und zauberte aus diesen ein paar rostige, verbogene Nägel, vermutlich selbstgemachte Dietriche, ein Stück Schnur, einen Rest angenagtes Trockenfleisch, eine Murmel so groß wie eine Kastanie, eine Zwille und ein paar spitze Steine hervor. Er legte alles auf einen kleinen Extratisch und betrachtete es nachdenklich. Der Kleine versuchte sich als Dieb, so viel stand fest. Alles ähnelte seiner eigenen Ausrüstung, die er in diesem Alter besessen hatte … oder nicht? Ein leises Stöhnen ließ ihn erst einmal wieder zum Jungen blicken. Er musste sich entscheiden. Wollte er das Kind wieder aufpäppeln? Er war verletzt, aber nicht zwangsläufig tödlich. Mit einem sauberen Verband und vor allem etwas Nahrung könnte man das kleine Unkraut vielleicht retten, doch es bedeutete Aufwand und Gefahr. Wenn er ihn einfach in einer Seitengasse entsorgte, sobald sich die Aufregung gelegt hatte, der kleine Leichnam gefunden werden würde, würde mit ihm sicher auch bald das Interesse an seiner Person verschwinden. Was also tun?
Bild

Benutzeravatar
Roac
Gast
Gast

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Roac » Sonntag 2. November 2014, 00:04

Roacs Augen ruhten gedankenverloren auf dem erbärmlichen Häufchen Elend vor ihm. Der Junge zitterte leicht, fast unmerklich rollten seine Augen unter den flatternden Lidern umher und zeugten von einem fiebrigen Traum. Die Wunde am Rücken war nicht mehr als ein gezackter Schnitt, nicht besonders tief doch die Ränder begannen sich unter all dem Staub und Dreck der Straße schon schwarz zu färben. Sie musste dem Kleinen bereits ziemliche Schmerzen bereiten. Doch das war nichts im Vergleich zu den Schmerzen die auftreten würden, wenn sie weiterhin unbehandelt blieb.
Geistesabwesend griff der Hehler nach einem der rostigen Nägeln während es hinter seiner Stirn zu arbeiten schien. Er musste verrückt sein, wenn er den Straßenjungen auch nur eine Stunde länger bei sich behalten würde. Nicht weil er ihm in den wenigen Minuten ihrer flüchtigen Bekanntschaft bereits Geschirr im Wert von mehreren Lysanthemern zerdeppert hatte, das scherte Roac offen gesagt herzlich wenig. Aber er kannte die Geschichten die man sich über das dunkle Volk erzählte. Geschichten von finsteren Verliesen, in denen sie ihre Gefangenen folterten und quälten. Geschichten von schwarzer Magie, so mächtig und abgrundtief böse, dass sie Menschen in den Wahnsinn trieb. Geschichten von Orks, die wahllos mordend und brandschatzend durch das Land zogen. Und Geschichten von den Dunkelelfen, die den boshaftesten Dämonen aus dem Harax Konkurrenz zu machen schienen. Bisher hatte Roac diese Geschichten nur als das gesehen was sie waren - Geschichten eben. Doch ein Blick in die kalten Augen des Schwertträgers hatte gereicht um ihn die Angst spüren zu lassen, die hinter all diesen Erzählungen stand. Er war nicht stolz darauf, doch auch in diesem Augenblick konnte er die Furcht vor der dunklen Gestalt vor seiner Ladentür in den Knochen spüren...
Es knackte leise und Roac fühlte einen schmerzhaften Stich in seinem Daumen. Er blinzelte und sah auf seine Hand herab. Ein dicker, roter Blutstropfen fiel von seiner Fingerkuppe, hinab auf den zerbrochenen Nagel am Boden. Er wischte sich die Hand an der Hose ab, sein Blick huschte wieder zu dem Jungen. Er fragte sich wie alt er war, woher er kam. Seine Beine bewegten sich wie von selbst, als er zum Wasserbottich ging und einen nassen Fetzen zum Reinigen der Wunde holte. War der Kleine alleine unterwegs gewesen, als man ihn erwischt hatte? Es sah nicht so aus als würde er zu einer Bande gehören. Auf einmal lag die dünne Felddecke auf dem Tisch und bevor er sich fragen konnte, wie sie dorthin gekommen war, zerriss er sie schon in Streifen, für einen Druckverband. Nach wenigen Minuten in denen er die Wunde versorgt hatte, wickelte er den Rest der Decke um den Jungen, hob ihn hoch und legte ihn vorsichtig auf dem Strohsack ab. Danach trat er unentschlossen einen Schritt zurück und horchte in sich hinein. War er sich sicher? "Keine Sorge, ich lass dich nicht hängen Kleiner..." Die gemurmelten Worte waren mehr an ihn selbst gerichtet als an den Jungen. Er war sich sicher. Warum wusste er nicht. Er wusste nur, dass ihn dieser wildfremde Straßenjunge an jemanden erinnerte, an den er schon seit Jahren nicht mehr gedacht hatte..

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4408
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Erzähler » Dienstag 4. November 2014, 09:24

Angst war nicht immer etwas schlechtes. Angst konnte einem das Leben retten und der Hehler ahnte, dass es eben jene gewesen war, die diesen kleinen Jungen zu ihm geführt hatte. Ohnmächtig lag das magere Bündel vor ihm und er hatte ihn so gut es ging versorgt. Aus seiner Zeit als Dieb, kannte er so machen Trick um wenigstens zu überleben. Marvin, der einstige Schlosser mit den bemerkenswert dichten Brauen, hatte ihm gezeigt wie man sich verhielt, wenn man verletzt wurde. Er war bei weitem kein Heiler, aber er hatte geschickte Hände die einen Verband gut anlegen konnten. Nachdem Roac sein Werk betrachtete, kamen die Erinnerungen wieder hoch. Verbluten würde der Junge jetzt nicht mehr, aber die gezackten Wundränder machten ihm Sorgen. Er würde sicher Fieber bekommen und ohne einen Heiler, half da nur Holundertee, wie er aus eigener Erfahrung nur zu gut kannte.
"Keine Sorge, ich lass dich nicht hängen Kleiner..."
Die gemurmelten Worte waren mehr an ihn selbst gerichtet als an den Jungen. Er war sich sicher. Er würde ihm helfen, doch dafür musste er etwas riskieren. Einen Heiler ins Haus zu bringen würde dem Dunkelelfen draußen vor der Tür sicher sofort auffallen, mal ganz abgesehen, dass Roac ihn im Moment kaum bezahlen könnte. Vielleicht mit Tauschhandel, aber sein Geldbeutel war noch immer gefährlich leer. Wenn er den Laden verließ, dann bei Tag, wenn die Leute auf der Straße seinen Bewacher an einem offensichtlichen Einbruch hindern würden und dann musste er schnellstens die Beeren besorgen. Zu dieser Jahreszeit fanden sich auch noch immer Sträucher vor der Stadt, aber es gab auch Händler die fertige Teemischungen günstig im Äußeren Ring verkauften und ein Laden war nicht weit. Sehr viel musste bedacht werden. Würde der Dunkelelf ihn wohl möglich sogar angreifen? Wie lange würde er dort stehen und auf ihn lauern können? Mussten diese Kerle nicht auch irgendwann schlafen?
Einige Stunden vergingen in denen Roac immer wieder abwechselnd nach dem Jungen und seinem Schatten auf der Straße sah. Lange Stunden des endlosen Wartens, der nervenaufreibenden, kreisenden Gedanken und des Beobachtens. Roac hatte den Vorteil, dass er, kurz bevor das alles geschehen war, geschlafen hatte und seine eigenen vier Wände um sich hatte. Der Dunkelelf hatte das wohl nicht, denn nachdem die Sonne wieder aufgegangen war und die Menschen langsam die Straßen bevölkerten, da begannen sich erste Mündigkeitserscheinungen bei dem Wächter zu zeigen. Er trat häufiger von einem Bein auf das andere und wirkte noch grimmiger als zuvor. Wahrscheinlich hatte er Hunger, oder die Notdurft rief. Als pensionierter Dieb achtete und kannte er die Zeichen für Unaufmerksamkeit von Wachhabenden. Roac musste noch etwas warten, also sah er einmal mehr nach seinem kleinen Patienten. Als er das Dachzimmer betrat, schauten ihn zwei kleine braune, glasige Augen aus einem blassen Gesicht an, auf dem Schweißperlen glitzerten. Fieber!
„Wo...? Was … was ist passiert?“
Er sah sich orientierungslos um und versuchte sich seitlich hoch zu stemmen, doch klappte sofort wieder zusammen. Nach einem schmerzverzerrten Atem-Anhalten kam verzögert ein verbissenes:
„Au!“
aus seinem Mund und er kniff die Augen zusammen. Dann schien er sich wieder zu fangen.
„Ihr seid der Ladenbesitzer, oder?“
Seine Lider flackerten leicht zu Roacs Gesicht empor.
„Es tut mir leid! Ich werde verschwinden! … sobald ich kann. Ich ...*schluck*... Tschuldigung!“
Tränen standen in den Kinderaugen, doch er weigerte sich sie laufen zu lassen. Es wirkte, als ob er bald wieder ohnmächtig werden würde. Wenn Roac ihn etwas fragen wollte, dann war jetzt der Zeitpunkt gekommen.
Bild

Benutzeravatar
Roac
Gast
Gast

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Roac » Donnerstag 6. November 2014, 21:05

Langsam schloss Roac die Tür hinter sich und wandte sich dann nach dem Jungen um. Er musterte seinen Patienten mit einem durchgehenden Blick. Dieser schien dadurch nur noch mehr verunsichert zu werden. Er öffnete den Mund, doch bevor er einen weiteren wirren Schwall an Fragen und Entschuldigungen loswerden konnte, drückte ihm Roac ein hölzernes Tablett in die Hände. Darauf stand ein tönerner Krug mit Regenwasser und einen schlecht abgewaschenen Teller mit Brot und Käse. "Iss." Einen Moment schien der Junge zu zögern, dann gewann der Hunger die Überhand. Käse und Brot verschwanden binnen weniger Augenblicke geräuschvoll vom Tablett, während Roac an das Fenster ging und einen vorsichtigen Blick auf die Straße warf. Er spürte dabei die Blicke des Straßenjungen in seinem Rücken, doch er ließ sich nichts anmerken.
Wie erwartet stand sein dunkelelfischer "Freund" immer noch vor dem Laden Wache, auch wenn er seit gestern Abend mehrere Male die Position gewechselt hatte. Seine Ausdauer war beeindruckend, doch den Hehler konnte er nicht täuschen. Schlafmangel, Kälte, Hunger, Notdurft... kein Wunder, dass er noch finsterer als sonst dreinblickte. Mittlerweile war er auch nicht mehr gerade alleine auf der Straße. Grandeas einfaches Volk presste sich in diesen frühen Morgenstunden bereits lautstark durch die engen Gassen und ging ihrem täglichen Geschäft nach. Ein bettelnder Greis, den Gebären nach vermutlich blind, griff bittend nach der Hand des Schwertträgers. Was dann geschah konnte der Hehler nicht erkennen, da ihm ein vorbeifahrender Karren mit Hühnerkäfigen die Sicht versperrte. Erst als der Wagen mit seiner wild gackernden Fracht um die Häuserecke verschwunden war, fand er den alten zusammengerollt am Boden wieder. Ob er verletzt war konnte er auf diese Entfernung nicht erkennen, doch er schien in Ordnung zu sein, da er sich kurz darauf wieder aufraffte und wie vom Teufel gehetzt die Gasse entlang stolperte. Als sich der Kopf des Elfen in seine Richtung wandte, wich Roac wieder vom Fenster zurück. Einen Moment blieb er so stehen, die bleichen Hände an den Fensterrahmen gelehnt, eine schmale Silhouette vor der noch schwachen Morgensonne. Dann bemerkte er, dass die Kaugeräusche hinter ihm aufgehört hatten.
"Fertig?" Ohne auf eine Antwort zu warten drehte er sich um und nahm das Tablett entgegen. Er hob überrascht die Brauen, sagte jedoch nichts und stellte es schweigend am Tisch ab. Der Teller war nicht einfach leer, sondern blank geleckt worden. Schlagartig erinnerte er sich an seine Tage auf der Straße zurück. Im Angesichts des Hungertods legten die wenigsten Wert auf gute Tischmanieren.
Er zog sich einen der verstaubten Stühle heran und setzte sich, das Gesicht zu dem Straßenjungen gerichtet. Als er bemerkte, dass dieser sein komisch verdrehtes Bein betroffen anstarrte, schnalzte er laut mit der Zunge. Das knallende Geräusch zerschnitt die Stille und ließ den Burschen auffahren.
"Wie steht's mit deinem Verband? Ist er noch fest? Kann nicht behaupten, dass ich sowas allzu oft mache..."
Roac wartete, bis sich der Junge die versorgte Wunde angesehen hatte und nutzte die Zeit, um selbst ein Auge auf den Zustand seines Patienten zu werfen. Es ging ihm den Umständen entsprechend gut. Er war wach und hatte gegessen, auch wenn er offensichtlich noch mehr vertragen hätte. Seine Verwirrung war ebenfalls normal für die Tatsache, dass er vor wenigen Minuten in einem vollkommen fremden Zimmer von einer vollkommen fremden Person aufgeweckt worden war. Doch was Roac nicht gefiel, waren die ersten Anzeichen eines herannahenden Fiebers, die sich in seinen Augen, dem kalten Schweiß auf der Stirn und der bleichen Verfärbung im Gesicht abzeichneten. In nur wenigen Stunden würde sich sein Zustand drastisch verschlechtern. Und mit den Dingen, die der Hehler im Haus hatte, konnte er dem Jungen nicht weiter helfen.
"Hör mir zu, ich halt dich hier nicht fest..." Roac beugte sich vor und sah seinem Gegenüber direkt in die Augen, während er über die richtigen Worte nachdachte. "Aber so wie du aussiehst, machst du's nicht mehr lange." Die Wahrheit war in seinen Augen immer noch die einfachste Methode - wenn auch nicht unbedingt kindgerecht. "Deine Wunde hat sich entzündet Junge. Du wirst Fieber kriegen und nach ein, zwei Tagen war's das" Er achtete auf den Gesichtsausdruck des Jungen während er sprach. Seine Worte zeigten ihre Wirkung. "Oder..." fuhr er nach einer kurzen Pause fort, "...du machst was dagegen. Schlürfst ein wenig Holundertee. Schläfst dich in Ruhe einmal aus... hört sich doch gut an, oder?" Er zeigte ein schiefes Grinsen und nickte seinem Schützling zu. "Ich persönlich wäre ja für letzteres. Vor allem, nachdem ich dir schon meine letzten Vorräte verfüttert habe..." Der Junge war Roacs makaberen Humor offensichtlich nicht gewohnt.
"Was ich damit sagen will..." Augenblicklich wurde er wieder ernst. Er wollte sein Gegenüber nicht verstören, im Gegenteil. "Was ich damit sagen will ist, dass ich dir helfen kann. Aber dafür musst du mir helfen... und mir erzählen, was es mit der ganze Sache auf sich hat. Warum du gesucht wirst." Er deutete mit einem Kopfnicken auf das Fenster, an dem er kurz zuvor noch Ausschau nach dem Elfen gehalten hatte. Dann kam ihm die Frage in den Sinn, die ihn der Junge zu Beginn gestellt hatte. "Ich bin Roac." Er hielt ihm die Hand hin. "Und du bist...?"

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4408
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Erzähler » Freitag 7. November 2014, 10:15

"Fertig?"
Viel zu schnell war der Teller leer gewesen! Dann beobachte der Junge seinen Gastgeber und starrte auf sein seltsam verdrehtes Bein, als dieser sich setzte und laut mit der Zunge schnalzte. Das knallende Geräusch zerschnitt die Stille und ließ den Burschen auffahren.
"Wie steht's mit deinem Verband? Ist er noch fest? Kann nicht behaupten, dass ich sowas allzu oft mache..."
Der Junge versuchte seinen Kopf zu drehen um sich die Wunde anzusehen, doch zuckte in der Bewegung zusammen. Der Verband auf seinem Rücken war für ihn unerreichbar, also sah Roac sich seinen kleinen Patienten noch einmal genau an. Er war wach und hatte gegessen, auch wenn er offensichtlich noch mehr vertragen hätte. Seine Verwirrung war ebenfalls normal für die Tatsache, dass er vor wenigen Minuten in einem vollkommen fremden Zimmer von einer vollkommen fremden Person aufgeweckt worden war. Doch was Roac nicht gefiel, waren die ersten Anzeichen eines herannahenden Fiebers, die sich in seinen Augen, dem kalten Schweiß auf der Stirn und der bleichen Verfärbung im Gesicht abzeichneten. In nur wenigen Stunden würde sich sein Zustand drastisch verschlechtern. Und mit den Dingen, die der Hehler im Haus hatte, konnte er dem Jungen nicht weiter helfen.
"Hör mir zu, ich halt dich hier nicht fest..."
Roac beugte sich vor und sah seinem Gegenüber direkt in die Augen, während er über die richtigen Worte nachdachte. Die großen, runden, braunen Kinderaugen schauten aufmerksam zurück.
"Aber so wie du aussiehst, machst du's nicht mehr lange."
Die Wahrheit war in seinen Augen immer noch die einfachste Methode - wenn auch nicht unbedingt kindgerecht.
"Deine Wunde hat sich entzündet Junge. Du wirst Fieber kriegen und nach ein, zwei Tagen war's das"
Er achtete auf den Gesichtsausdruck des Jungen während er sprach. Seine Worte zeigten ihre Wirkung. Entsetzten breitete sich schlagartig in den jungen Zügen aus.
"Oder..."
fuhr er nach einer kurzen Pause fort,
"...du machst was dagegen. Schlürfst ein wenig Holundertee. Schläfst dich in Ruhe einmal aus... hört sich doch gut an, oder?"
Er zeigte ein schiefes Grinsen und nickte seinem Schützling zu, der erleichtert aufatmete.
"Ich persönlich wäre ja für letzteres. Vor allem, nachdem ich dir schon meine letzten Vorräte verfüttert habe...Was ich damit sagen will..."
Augenblicklich wurde er wieder ernst. Er wollte sein Gegenüber nicht verstören, im Gegenteil.
"Was ich damit sagen will ist, dass ich dir helfen kann. Aber dafür musst du mir helfen... und mir erzählen, was es mit der ganze Sache auf sich hat. Warum du gesucht wirst."
Er deutete mit einem Kopfnicken auf das Fenster, an dem er kurz zuvor noch Ausschau nach dem Elfen gehalten hatte. Dann kam ihm die Frage in den Sinn, die ihn der Junge zu Beginn gestellt hatte.
"Ich bin Roac."
Er hielt ihm die Hand hin.
"Und du bist...?"
„Hase.“
antwortete der Junge prompt und versuchte sich in einem frechen Lächeln, bei dem er sich den letzten Krümel gründlich von den Lippen leckte.
„Nen anderen Namen hab ich nie gehabt, aber ich kann gut Haken schlagen. Vielleicht bin ich deswegen noch hier. Der doofe Kerl hat mich nur am Rücken erwischt, nachdem ich dem Kleinen den Beutel geschnitten habe.“
Es klang ein wenig so, als wollte er mit seiner Tat angeben, wie gut er doch war, doch man spürte gleichzeitig die nackte Angst in seiner Stimme.
„Ich bin schnell und … und bisher hat mich keiner erwischt. ...“
Jetzt wurde er ernster.
„ … bisher. Na ja, war schon komisch.“
Er wischte sich mit dem dreckigen Ärmel den Schweiß von der Stirn und hatte danach dort einen breiten dunklen Streifen. Roac sah ihn aufmerksam an und lauschte seiner Geschichte.
„Ich stand in meiner Nische an meinem Stammplatz. Ich steh da immer, schon eine Ewigkeit!“
In seinem Alter bedeutete „eine Ewigkeit“ so maximal zwei oder drei Wochen.
„Ist in der Nähe von dem Alten, der die Fenster und Glasdinge macht, da wo das kaputte Haus auf der Ecke steht.“
Roac erkannte die notdürftige Beschreibung der Gegend um die es sich handelte. Ein alter Glasbläser hatte dort seine Werkstatt.
„Na ja, ich hab da also gestanden und Ausschau nach was lohnendem gehalten. Reicher Leute und so, da kam der Kleine vorbei, sein Wächter im Schlepp. Der Große hat draußen gewartet und der Kleine ist rein. Hab gewartet. Dann ist der Kleine raus und der Große ist rein. Da hab ich meine Chance gesehen. Bei so viel Glitzerkram, dachte ich, würde dem ein Loch im Beutel nicht schaden. Ich hab also gewartet bis er so beim umhergehen ganz nah an meinem Versteck vorbei kam und hab zugeschlagen. Er hat's gemerkt und nach mit gegriffen, doch ich war flinker! Hab sogar mein Messer dabei verloren. Hab gegriffen was fiel und bin gerannt. Der Kleine hat irgendetwas geschrien. Ich bin gerannt, dann kam der Große hinter mir her. Man, war der schnell! Ich bin um ein paar Ecken und durch einen Regenwasserkanal geflüchtet, aber er hat mich am Rücken erwischt. Ich bin klein, er war zu groß, aber die Klinge war lang. Fieser Kerl!“
Er wischte sich erneut übers Gesicht und legte sich erschöpft vom Reden auf die Seite.
„Der war mächtig sauer! Hab gewartet und bin weiter gekrochen, wo anders raus und wieder gerannt. Hab gedacht die hätten aufgegeben. War wohl nicht so. Hab den Kleinen wieder gesehen und dann bin hier gelandet. Das ist alles. Weiß selbst nicht, was ich da gemacht hab und warum die sich so aufregen! Hätte halt seinen Beutle unterm Mantel tragen sollen, so wie jeder vernünftige Mensch.“
Er wirkte verwirrt und wütend zu gleich. Eine gefährliche Mischung die einen schnell zu voreiligen Handlungen verleiten konnte, wie Roac vielleicht noch nur zu gut von sich selbst kannte. In seiner Jugend war er auch meistens nicht schlau, sondern eher übermütig gewesen. Doch jetzt begann das Fieber die Oberhand zu gewinnen und „Hase's“ Lider flackerten wie eine Kerze kurz vor dem erlöschen.
„Danke, Roac! Ehrlich! Hab nicht gedacht, das ich den Tag heut überlebe! … Ich werd doch nicht sterben … oder? Das war doch nen Witz?“
Müde zogen sich die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Er dämmerte zusehends weg.
Bild

Benutzeravatar
Roac
Gast
Gast

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Roac » Sonntag 9. November 2014, 22:49

"Hase..." Roac schüttelte innerlich den Kopf, während er seinem neuen Schützling, der trotz seines Zustands scheinbar nicht auf den Mund gefallen war, zuhörte. Diebe und ihre Spitznamen...manche Sachen würden sich wohl nie ändern. Zumindest bestätigte der Junge seine Vermutung: Er war ein stinknormaler Beutelschneider - wenn auch kein besonders geübter.
"Du bist nicht gerade der Hellste, oder?" Der Hehler unterbrach ihn unwirsch und fuhr sich mit einem verärgertem Gesichtsausdruck durch die schwarze Haarmähne. Auch wenn er bereit war dem Burschen einer für ihn immer noch nicht nachvollziehbaren Eingebung nach zu helfen, hieß das noch lange nicht, dass er ihm die missliche Lage in die der Kleine ihn gebracht hatte, ohne weiteres verzeihen würde. "Wenn du schon siehst, dass dein Ziel einen Leibwächter hat - einen verdammten Dunkelelfen nochmal...!" Er schüttelte den Kopf. "Aber nein, du musst dir ja unbedingt den am besten bewachten Beutel aussuchen... und ausgerechnet in meinen Laden kommen. Und ich Idiot deck dich auch noch..." Jetzt da er es aussprach, fragte Roac sich erneut zum gefühltem hundertsten Mal, warum er den Kleinen in Schutz genommen hatte.
Er war Grandessaner und natürlich kannte er die haarsträubenden Anekdoten die man sich außerhalb des Reiches über sein Volk erzählte. Dass sie alle egoistische und verräterische Untermenschen waren, kalt und herzlos nur ums eigene Wohl bedacht. Doch was hatte man auch von Menschen zu erwarten, die täglich um ihr Überleben kämpfen mussten? Großmut und Güte konnten sich die Jorsaner leisten, mit ihren Schulen und Krankenhäusern, öffentlichen Bädern und einem König, der sich anscheinend wirklich noch um seine Leute scherte. Hier im Außenring galten andere Regeln. Und auch wenn es Roac immer noch besser getroffen hatte als die vielen Bettler und Obdachlosen, die sich nachts auf dem kalten Stein der Straße zu Ruhe legen mussten, hieß das nur, dass er noch mehr zu verlieren hatte. Und all das setzte er jetzt aufs Spiel, weil ein kleiner Junge einen Fehler gemacht hatte.
Roac lehnte sich wieder zurück und bemerkte die Erschöpfung in Hases Augen. Es nütze ihm nichts, wenn er ihm jetzt Vorwürfe machte, er konnte sowieso nichts mehr an der Situation ändern. Er dachte an das Schachspiel unten am Ladentisch. Zug für Zug...
"Du bist ein Dummkopf..." Wie aus dem Nichts tauchte auf einmal ein Bild vor seinem geistigen Auge auf. Ein kleiner Junge mit rabenschwarzen Haaren, wie von Dämonen verfolgt die Straße entlang flitzend, unter beiden Armen Körbe randvoll mit Würsten und Lammkeulen und hinter ihm ein Ketzer und Mordio schreiender Metzger mit hochroter Miene und nach ihm schwingendem Hackbeil. Roac räusperte sich und kratzte sich den Nacken. "...aber ich schätze, das waren wir alle mal..." Er schwieg einen Moment, riss sich dann aber wieder am Riemen. Dies war nicht der Moment um in Gedanken zu schwelgen. Er hätte sich schon längst auf den Weg machen sollen. Umso schneller er die Sachen für den Jungen besorgt hatte, desto früher war er wieder zurück.
"Übers Sterben mach ich keine Witze Kleiner, merk dir das." Roac stand auf und warf noch einmal einen prüfenden Blick aus dem Fenster. Hatten Dunkelelfen eine Blase aus Stahl? "Du hast doch gerade erzählt, dass du mit einer offenen Wunde durch einen Abwasserkanal gekrochen bist, oder?" Er griff nach seinem Mantel, den er am Tisch abgelegt hatte und zog ihn sich über. "Du brauchst was gegen das Fieber. Und selbst dann wird es kein Spaziergang für dich werden..." Roac erinnerte sich an die Wochen nach seinem Sturz, in denen er im Delirium gelegen hatte. Fiebertraum und Realität waren nahtlos ineinander übergegangen und hatten ihn mehrmals an den Rand des Wahnsinns getrieben. "Ist nicht schön sowas... kannst mir glauben." Automatisch tasteten seine Hände nach den vertrauten, von Außen nicht sichtbaren Ausbuchtungen in seinem Mantel - Knüppel und Dolch. Das sie da waren beruhigte ihn ein wenig, dennoch hoffte er inständig, dass er sie nicht brauchen würde. Es war schon eine Ewigkeit her, dass er eine Waffe geschwungen hatte. Roac blieb dann einen Moment stehen und überlegte, wie er die Sache am besten angehen sollte. Wenn er den richtigen Augenblick abwartete, nämlich dann, wenn genug Menschen auf der Straße waren und dem Elfen die Sicht auf den Laden verdeckten, hatte er gute Karten den Laden unbemerkt zu verlassen. Doch was dann? Sein Hinken würde doch bestimmt auf ihn aufmerksam machen? Er verschob den Gedanken. Erst einmal musste er nach draußen.
"Ich mach mich jetzt auf den Weg. Du solltest..." Doch Hase schien schon zu schlafen. Der Kleine zitterte wieder, Roac trat an ihn heran und legte die Hand auf seine Stirn. Sie fühlte sich heiß an. Er fluchte leise, dann zog er dem Jungen die Decke bis zum Kinn. Wenn er noch länger warten würden, würde sein Fieber nicht besser werden. Und wer wusste, wie lange der Dunkelelf da draußen noch stehen würde? "Halt die Ohren steif Kleiner..." Sich selbst über die Besorgnis in seiner Stimme wundernd, verließ er das Zimmer und schloss leise die Tür hinter sich.
Zuletzt geändert von Roac am Dienstag 11. November 2014, 23:42, insgesamt 1-mal geändert.

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4408
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Erzähler » Dienstag 11. November 2014, 10:23

Roac hatte sich gut vorbereitet. In seinen Taschen rollten zwei einsame Lysanthemer und 27 Fuchsmünzen herum. Das musste für die Teemischung und vielleicht etwas Salbe reichen. Dolch und Knüppel waren griffbereit. Er kannte den schnellsten und den besten Weg zum Heilerladen. Jetzt musste er nur noch …
Draußen ging etwas vor sich. Roac war gerade am Fenster entlang gegangen, hatte das vertraute Bild seines Schattens gesehen und bemerkte die Veränderung im Bild. Der Dunkelelf unterhielt sich gerade mit einem anderen teilnahmslos wirkenden Mann seiner Rasse. Er steckte ihm etwas zu, hielt ihm kurz etwas unters Kinn und verschwand dann die Straße hinunter. Vermutlich tat er dies um sich bald zu erleichtern und schnell etwas zu Essen zu besorgen. Roac wusste sofort, wenn nicht jetzt dann nie! Der neue Wächter kannte sein Gesicht nicht und wenn der alte Wächter von seiner Pause zurück war, wäre er schon über alle Berge. Die Schlösser an seiner Ladentür waren leider nicht al zu schnell zu öffnen uns zu schließen, also drängte ihn die Zeit. Roac atmete tief ein und aus, dann passte er einen Moment ab, in dem gerade eine Gruppe Passanten die Straße entlang flanierten. Er wusste, stand er still vor der Tür, würde er zwischen den sich bewegenden Leuten schnell auffallen, also passte er seinen Körper an den Blickwinkel des neuen Wächters an und schaukelte hin und her. Ein Raubtier konnte schlecht ein einzelnes Opfer in der Menge ausmachen und diesen Effekt nutzte der erfahrene Dieb. Fast wäre ihm sein Schlüssel aus der Hand gefallen. Dann war es geschafft und er mischte sich gerade noch rechtzeitig unter die Menschenmenge, bevor diese sich wieder lichtete. Händler, Kunden, eilige Bedienstete, Botenjungen, alles war zu dieser Stunde auf den Straßen Grandeas unterwegs. Nach zwei Biegungen erlaubte sich Roac eine Pause und beobachtete die Straße hinter sich. Niemand schien ihm zu folgen. Die erste Hürde war geschafft, jetzt musste er sich beeilen und so tauchte er wieder im geschäftigen Strom ein in Richtung seines Ziels.

Weiter bei: Der Apotheker
Bild

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4408
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Erzähler » Montag 1. Dezember 2014, 17:57

Roac kommt von: Der Apotheker

Er war nicht da.
Sein treuer Bewacher, sein feindlicher Beobachter stand nicht auf seinem Posten. Sofort huschte Roacs Blick zu seinem Laden hinüber. Die Tür wirkte verschlossen und der Laden brannte auch nicht. Kein Fenster war erleuchtet, also alles so wie er es zurück gelassen hatte. Hatte er vielleicht ausnahmsweise Glück? Gerade in diesem Augenblick kam eine Gruppe von sechs Dunkelelfen und zwei Orks die gegenüberliegende Straße hinunter und bogen in die seine ein. Mindestens einer sah ihn, wie er so schief an der Hauswand lehnte und um die Ecke gespäht hatte. Ihm blieben nur zwei Optionen. Entweder er schauspielerte was das Zeug her gab, oder er zog schleunigst den Rückzug an und versteckte sich. Gesehen war er schon worden, aber noch gab es die Flucht nach vorne oder durch die Schatten der Stadt.
Bild

Benutzeravatar
Roac
Gast
Gast

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Roac » Samstag 6. Dezember 2014, 04:25

Für einen Moment drohte er in Panik zu geraten. Die Hand, noch immer an die Wand gedrückt, krallte sich in den bröckligen Verputz und ließ feinen Staub auf seine Stiefel rieseln. Scheiße! Er war wie erstarrt, konnte sich nicht bewegen während sich der Trupp Soldaten ihm näherte. Roac spürte die käferbraunen Augen eines Orks auf sich und war sich bewusst, welches Bild er abgeben würde. Er überlegte hektisch, noch immer unfähig sich von der Wand zu lösen.
Womöglich hatte er gar keine Grund zur Sorge. In diesen Tagen war es schließlich keine Seltenheit mehr Vertreter des dunklen Volkes in großer Zahl auf den Straßen wiederzufinden. Die fremde Besatzungsmacht schien besonderen Wert auf die Überwachung der Bevölkerung zu legen, wie sonst ließen sich die häufigen Patrouillen im Außenring erklären? Nach was die Dunklen Ausschau hielten oder auf welche Zeichen sie befohlen waren einzugreifen schien niemand genau zu wissen, was nicht hieß, dass nicht genügend Vermutungen darüber kursierten. Doch im Allgemeinen ließen sie einen in Ruhe, wenn man ihnen rechtzeitig aus dem Weg ging.
Aber was war mit dem Gnom aus Roacs Laden? Seine Bekleidung, der prallgefüllte Geldbeutel und die Art wie er mit seinem Wächter gesprochen hatte wies darauf hin, dass er wohl ein Würdenträger war - oder zumindest einem diente. Er hatte bereits einen Posten die ganze Nacht über den Hehlerladen bewachen lassen, einen zweiten hatte der Hehler heute früh gesehen. Was würde den kleinen Bastard davon abhalten, weiteren Soldaten den Auftrag zu geben, die Augen offen zu halten? Roac hatte sich gestern verdächtig gemacht, als er ein Angebot ausgeschlagen hatte, bei dem kein anderer Händler zweimal nachgedacht hätte. Vielleicht wurde seit gestern nicht nur mehr nach dem Jungen, sondern auch nach ihm gesucht...
Unter dem Schatten der Kapuze schloss Roac die Augen. Langsam zog er die Hand von der Mauer zurück und steckte sie locker in die seitliche Manteltasche. Er versuchte sich zu beruhigen, atmete regelmäßig und hörte auf seinen Herzschlag, der ihm in den Ohren dröhnte. Es ist genauso wie damals, weißt du noch? Schlagartig setzte er sich in Bewegung. Er drehte dem Laden den Rücken zu, wandte sich stattdessen in Richtung einer engen Seitengasse, die sich wie ein schmaler Riss zwischen den Häusern auftat. Die Gruppe Soldaten zu seiner linken war nur noch wenige Meter entfernt. Nicht auffallen. Nichts anmerken lassen. Nicht erwischt werden. Roac würde kein Risiko eingehen. Er konnte nicht in den Laden, zumindest nicht solange sie ihm dabei sahen. Genauso wenig würde er darauf setzen, dass sie ihn nicht weiter beachten würden. Hatten sie ihn einmal aufgehalten, war es vorbei.
Mit aller Kraft spannte er den lädierten Muskel seines linken Beines an und drehte seinen Fuß gegen die unnatürliche Position in die er nach seinem Unfall verblieben war. Es schmerzte höllisch doch sein Hinken verschwand dadurch. Nach einem Dutzend Schritte biss er die Zähne zusammen. Die Patrouille war nun schon so nahe, dass er ihre rauen Stimmen hören konnte. Wollten sie ihn auffordern stehen zu bleiben?
Doch dann hatte er schon die dunkle Gasse erreicht. Sie war eng, der Boden mit Unrat übersät. Die schmutzigen Wände reichten hoch in den Himmel, blockierten das Sonnenlicht und tauchten den Weg vor ihm in Schatten. Zuerst kehrte sein Humpeln wieder zurück, dann begann Roac zu rennen. Seine ungleichmäßigen Schritte hallten die Gasse entlang, die sich wie eine Schlange durch die Dunkelheit schlängelte. Er warf einen Blick über die Schulter. Seine Augen schienen sich bereits an die Finsternis gewöhnt zu haben. Auf einmal war sein Angst verflogen. Hier können sie mir nichts anhaben... Als dieser irrwitzige Gedanke in ihm aufkam, klammerte er sich an ihn fest und hinterfragte ihn nicht weiter. Er wusste nicht, woher dieses plötzliche Gefühl der Sicherheit kam. Seine Hände kribbelten merkwürdig. Wie damals...
Zuletzt geändert von Roac am Montag 8. Dezember 2014, 21:53, insgesamt 1-mal geändert.

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4408
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Erzähler » Montag 8. Dezember 2014, 16:34

Roac biss die Zähne zusammen und verschwand, so aufrecht wie es eben ging in der Seitengasse. Seine vernarbten Knochen rieben aufeinander, als hätte ihm jemand Glassplitter in die Gelenke gestreut. Sobald er außer Sicht war, musste er sich einen Moment an einer Hauswand abstützen, damit ihn der Schmerz nicht in die Knie zwang. Er war gerannt und keuchend rang er nach Atem. Das hier war seine Heimat und die Schatten spendeten Sicherheit. Er wartete bis sein Herz sich beruhigt hatte und lauschte. Nichts war zu hören, keine Schritte die ihm folgten, kein verräterisches Knirschen auf dem steinernen Untergrund. Sie waren weiter gegangen. Nicht weit hinter ihm öffnete sich ein Fenster und jemand entleerte seinen Nachttopf in den Rinnstein. Selbst diese Frau mit der verrutschten Haube, sah ihn nicht. Langsam ging er humpelnd weiter. Er kannte die Stadt wie nur wenig Andere. Das war sein Vorteil. Er war in dieser Zwischenwelt aufgewachsen. War immer zwischen den Wänden, zwischen den Häusern, zwischen den Schatten der Stadt gegangen. Er kannte jede Nische, jedes Versteck, jede Abkürzung und fand seinen Weg zielsicher und lautlos zurück zur Hauptstraße, dorthin, wo er eine Stelle kannte, wo er seinen Laden beobachten konnte ohne gesehen zu werden. Die kleine Gruppe war nirgends mehr zu sehen, aber dafür stand sein Bewacher wieder auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf seinem Posten. Ungesehen konnte er nun nicht mehr in die schwarze Feder zurück gelangen, aber musste er das überhaupt? Was wenn er einfach offensichtlich zurück kehren würde und diesem Decksack unter die Nase reiben würde, dass er doch nicht so perfekt war, wie er dachte. Roacs widerspenstiger Geist flüsterte ihm diese Überlegungen ein, genauso wie der Wind den Duft des Unrats mit sich trug. War das zu gefährlich? Wie würde der Dunkelelf reagieren? Konnte Roac es wagen? Wann und war es besser auf Passanten zu warten, die wenigstens ein bisschen Schutz versprachen. Würde er sich davon abhalten lassen oder ihm in aller Öffentlichkeit die Kehle aufschlitzen? Roacs Gedanken kreisten, verirrten sich im Nebel der Möglichkeiten. Hatte der Kerl überhaupt den Befehl ihn zu töten? Tod nützte er ihnen nichts, wenn sie hinter dem Jungen her waren. Der Junge, Hase, er wartete. Vielleicht ging es ihm schlechter, vielleicht brauchte er ihn? Es war schon einige Zeit vergangen und viele Ressourcen hatte das Kind nicht um solch eine Verletzung unbehandelt zu überstehen. Warten und auf Sicherheit setzten, oder Mut beweisen und das Schicksal heraus fordern? Gerade als Roac sich entscheiden wollte, kam eben erwähntes Schicksal ihm in Form einer schönen Frau zu Hilfe. Es war eine Dunkelelfe in langen fließenden Gewändern, die mit zwei gepanzerte Wächterinnen die entfernte Hauptstraße kreuzte. Der Hehler konnte sehen, wie sein Beobachter sich die Lippen leckte und langsam ein paar Schritte auf sie zu und von ihm Weg machte. Da Roacs Laden nicht weit von der Hauptstraße in einer Seitengasse lag, musste er also ihr bis zur Ecke folgen um ihr noch eine Weile hinterher schauen zu können, was der Dummkopf auch tat. Gleichzeitig kam ein rumpelnder Wagen die Hauptstraße entlang gerollt und übertönte so jeden Schritt des Hehlers, der seine Chance sofort nutzte.
Erst als die Ladentür sich hinter seinem Rücken wieder geschlossen hatte, hatte er Zeit sich ein wenig zu entspannen. Sein Herz hämmerte hinter seinen Rippen, als wollte es hinaus. Er hatte es geschafft und hielt seine Beute fest unter dem Mantel. Jetzt musste er schnell nach dem Jungen schauen und die Kräuter vorbereiten. Als Roac nach oben in seine Kammer ging, fand er den Jungen schlafend vor.
Bild

Benutzeravatar
Roac
Gast
Gast

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Roac » Freitag 2. Januar 2015, 00:47

Nach all diesen Strapazen hätte es Erleichterung sein müssen, die der Hehler empfand, als er seinen Laden unbeschadet und den Jungen noch immer schlafend in der Dachkammer vorfand. Doch dem war nicht so. Er schien die allgemeine Anspannung und Furcht von der Straße draußen mit sich gebracht zu haben, welche sich fest an ihn klammerte und ihn auch hier, in seinen gewohnten vier Wänden nicht loslassen mochte.
"Hey, alles klar?"
Roac beugte sich über den Jungen, der daraufhin träge die Augen öffnete. Er antwortete ihm nicht. Sein Zustand schien sich nicht allzu sehr verändert zu haben, was nicht unbedingt etwas schlechtes sein musste. Verband und Schlaf hatten dem Fieber bis jetzt Einhalt geboten, doch bessern würde es sich allein dadurch nicht.
"Da draußen ist die Hölle los. Kannst keinen Schritt machen, ohne dass dir ein verdammter Elf oder Ork übern' Weg läuft..."
Er sprach mehr zu sich selbst als zu dem Jungen, der in seinem Dämmerzustand die Worte vermutlich sowieso nicht verstand. Seine Hand verschwand in den Innentaschen seines Mantels und zog den Jutebeutel aus dem Laden des Apothekers hervor. Den ins Pergament eingewickelten Klumpen Brei legte er neben den Kopf des Jungen, dann öffnete er einen der verstaubten Wandschränke und holte unter lautem Scheppern und Poltern eine mitgenommene Holztasse und einen kleinen schäbigen Kessel hervor,den er mit Wasser aus dem Bottich füllte. Er ging hinkend zu der kleinen Feuerstelle im Raum und ließ sich ächzend nieder. Der Korb mit Holzstücken war noch halb voll, er hatte Glück gehabt, dass es bis jetzt ein verhältnismäßig lauer Winter gewesen war - letztes Jahr hatte er wohl oder übel einen seiner Stühle für ein warmes Feuer opfern müssen. Roac nahm die Zunderbüchse in die Hand. Nach wenigen Minuten hatten die sprühenden Funken eine knisternde Glut entfacht. Darüber hängte er nun den Kessel und wartete, bis das Wasser zu kochen begann.
Während er wartend dasaß und in das Feuer starrte, merkte er, wie sich allmählich die Müdigkeit in seinen Gliedern ausbreitete. Er hatte seit gestern nicht mehr geschlafen, nicht mehr seit Hase urplötzlich in seinen Laden gestürmt war. Und auch so war der Tag ein ereignisreicher gewesen. Seit zwei Wochen war er wieder das erste Mal im Freien gewesen und das länger, als seit Monaten. Er konnte sein linkes Bein kaum spüren und wäre froh darüber, wenn er es nicht besser wissen würde und auf die kommenden Schmerzen in den darauf folgenden Tagen wartete. Doch im Moment tat ihm die Nähe zum warmen Feuer gut. Als das Wasser zu Blubbern begann, kramte er die gekauften Teeblätter hervor und streute sie in den Kessel. Das Wasser verfärbte sich sofort grünlich und ein angenehm würziger Geruch stieg von ihm auf. Nach einer Weile goss etwas von dem Tee in die hölzerne Tasse und stand auf. Sofort spürte er wie sein Bein protestierte doch er schaffte es zurück zum Bett, ohne allzu viel von dem Gebräu zu verschütten.
"Hier."
Er hielt Hase die Tasse hin und bemerkte, dass dieser wieder eingeschlafen war. Mit der Linken rüttelte er ihn unsanft wach.
"Trink das. Und bleib wach, ich muss mir deine Wunde nochmal ansehen."
Roac griff nach dem Arm des Kranken und hob den Oberkörper des Straßenjungen in eine aufrechte Position. Hase schwankte und drohte wieder umzukippen doch er hielt ihn fest bis er aus eigenen Kräften sitzen konnte.
"Reiß dich zusammen."
Während Hase den augenscheinlich bitteren Tee schlürfte - er verzog angewidert das Gesicht - hob Roac das Hemd des Jungen an und musterte den dunklen Schnitt der sich deutlich von der bleichen Haut abhob. Er betastete ihn vorsichtig, dann nahm er das Pergamentkügelchen zur Hand und tauchte die Finger in den matschigen Brei. Er zerrieb ihn zwischen Daumen und Zeigefinger, bis die bröckelige Masse zu einer Art Paste wurde, mit der er die Wunde bestrich. Zwischendurch hielt er inne, um auf die Reaktionen des Jungen zu achten. Als er mit seiner laienhaften Behandlung fertig war, steckte er den Rest des Breis wieder ein und stand auf.
"So... ich hoffe das hilft. Für zehn Füchse solltest du eigentlich jetzt schon wieder auf den Beinen sein..."
Er ging zum Tisch und lehnte sich dagegen, musterte Hase mit einem schiefen Grinsen, wie er seinen Weidentee trank. Hinter seine Miene begann es jedoch zu arbeiten. Was nun? Im Grunde hatte sich nichts verändert. Die Straßen waren immer noch voller Dunkler und er bot weiterhin jemandem Zuflucht, dem sie wohl nur zu gerne tot sehen würden. Er war kein Heiler, aber selbst mit der Medizin würde Hase noch ein, zwei Tage unfähig sein auf eigenen Beinen zu stehen - geschweige denn davon vor dem dunklen Volk zu fliehen. Aber je länger er hier war, umso höher war auch die Gefahr entdeckt zu werden. Was würde die Besatzer daran hindern seinen Laden zu durchsuchen wenn sie es verlangten?
Ich muss ihn hier wegbringen. Es ist eines, niedrige Preise zu verlangen oder die Wache zu belügen. Aber mich für jemanden aufknüpfen zu lassen, geht zu weit.
Roac knirschte mit den Zähnen. Er hatte sich damals geschworen, den Dieben Grandeas erhalten zu bleiben. Er war mehr als nur ein Hehler, sie wussten, dass sie sich im Ernstfall auf ihn verlassen konnten. Und auch wenn er in den vergangenen Wochen nicht viel vom Untergrund gehört hatte, hatte sich im Grunde nichts daran geändert. Er half wenn er konnte, und das war wohl Grund für das letzte Bisschen Stolz, das er sich nach den Jahren noch bewahren hatte können. Aber er war kein Held, kein selbstloser Märtyrer und er hatte auch keinerlei Verlangen zu einem zu werden. Vielleicht hätte er den Jungen erst gar nicht bei sich aufnehmen dürfen. Wenn er ihn einfach ausgeliefert hätte... kein Mensch hätte davon erfahren.
Müde strich er sich durch die zerzausten Haare. Es brachte nichts, die Vergangenheit zu bereuen. Auch wenn er darin mittlerweile ganz gut war.
"Kleiner, hör zu. Ich hab dir bis jetzt geholfen, hab dich gedeckt und deinen Schnitt versorgt, so gut es eben ging. Aber ich... Du kannst hier nicht bleiben."
Es war nur gut und fair, dass er ihm die Wahrheit sagte. Er, Roac, war ihm nichts schuldig. So funktionierte das nicht. Und das wusste Hase genauso gut wie er. Der Hehler seufzte und schloss die Augen.
"Hast du sonst niemanden, zu dem du gehen kannst? Gehörst du zu einer Gang oder... irgendwer?"

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4408
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Erzähler » Freitag 2. Januar 2015, 15:31

Als Roac seinen Laden betreten hatte, war ihm nicht aufgefallen, dass sich eine kleiner Haufen Unrat vor einem seiner Schränke in der Auslage gehäuft hatte. Ihm fiel auch nicht die kleine Rußspur auf, die von trippelnden Rattenfüßchen durch seinen Laden ging. Nicht einmal das Fehlen eines seiner Amulette erweckte seine Aufmerksamkeit. Er hatte auch nicht bemerkt, dass es anfing zu schneien, oder ein heller Stern am Himmel sein Strahlen den Menschen schenkte. Das Glockengeläut war im Trubel der Stadt sowieso unter gegangen und dass ihm ein Strohhalm am Schuh klebte, war auch kaum bemerkenswert. Also eilte er nach oben um sich um seinen kleinen Gast zu kümmern.

Roac hatte gute Arbeit geleistet an dem Jungen. Heilpaste und Tee fanden ihr Ziel und entfalteten tatsächlich recht flott ihre Wirkung, denn der kleine Dieb schlug bald die glasigen Augen auf. Ein paar Mal knirschten seine Zähne, als Roac seine Wunde mit der Salbe einrieb, aber es kam nur ein leises unterdrücktes Wimmern über seine fest zusammengekniffenen Lippen.
"So... ich hoffe das hilft. Für zehn Füchse solltest du eigentlich jetzt schon wieder auf den Beinen sein..."
So langsam wurde der Junge wieder wach und blinzelte ihn aus seinen braunen Knopfaugen an. Roac musterte Hase mit einem schiefen Grinsen, wie er seinen Weidentee trank. Müde strich er sich durch die zerzausten Haare. Es brachte nichts, die Vergangenheit zu bereuen, erst Recht nicht, wenn man sie nicht ändern konnte.
"Kleiner, hör zu. Ich hab dir bis jetzt geholfen, hab dich gedeckt und deinen Schnitt versorgt, so gut es eben ging. Aber ich... Du kannst hier nicht bleiben."
Es war nur gut und fair, dass er ihm die Wahrheit sagte. Er, Roac, war ihm nichts schuldig. So funktionierte das nicht. Und das wusste Hase genauso gut wie er. Der Hehler seufzte und schloss die Augen.
"Hast du sonst niemanden, zu dem du gehen kannst? Gehörst du zu einer Bande oder... irgendwem?"
Der Junge sagte nichts. Erst als der Hehler seine Augen wieder auf machte, sah er das Hase die Tränen über die Wangen kullerten und helle Striemen auf seinen Wangen hinterließen. Auch das noch! Er hatte diesen Tag schon viel ertragen müssen, aber jetzt auch noch einen heulenden, kleinen Jungen zu beruhigen? Das grenzte schon an Götterschikane! Womit hatte er das nur verdient?!
„Ich hab … niemanden.“
, schniefte Hase und hob den rot geäderten Blick zu ihm auf.
„Mein Pa hat meine Ma geschlagen und ist dann abgehaun. Ma ist tot und Geschwister hab ich nicht. Hab ne Weile im Haus meiner Eltern gelebt, bis sie kamen und mich raus geholt haben. Das Heim war scheiße! Danach hab ich mich … allein durchgeschlagen.“
Der erste Teil der kurzen Geschichte mochte vielleicht sogar wahr sein, aber das kurze Zögern im zweiten Teil, ließ Roac aufhorchen. Er kannte dieses Verhalten von sich selbst nur zu gut. Man hatte dem Jungen anscheinend ebenso wie ihm beigebracht seine Freunde nicht zu verraten und niemals, nein, niemals würde er freiwillig seinen geheimen Unterschlupf preis geben! Wollte er mehr erfahren, musste er sein Vertrauen gewinnen. Das er ihm quasi das Leben gerettet hatte, dass er selbst ein ehemaliger Dieb und Hehlerladenbesitzer war, war anscheinend im Kopf des Kindes noch nicht angekommen. Vielleicht war es auch das Fieber, dass aus seinen glasigen Kulleraugen sprach, aber derzeit war das Kind sowieso nicht ganz bei der Sache. Hase sah sich um und wunderte sich vermutlich wie er hier her gekommen war. Dann sah er wieder Roac an und wurde Bierernst. Es war schon fast zum Lachen wie er die kleinen Fäuste ballte und feierlich verkündete:
„Die zehn Füchse zahl ich zurück!“
Der Stolz der Diebe war also schon auf ihn übergegangen. Roac griff vielleicht grade nach dem Jutesack, der die Utensilien für die Behandlung des Jungen beinhaltet hatte, als ein weiterer kleinerer Gegenstand vom Beistelltisch fiel und fast auf seinem Fuß landete, wo das Stroh klebte. Es war ein kleiner gewachster schwarzer Stoffbeutel mit rotem Verschlussband und einem Zweig mit getrockneten Kirschblüten als Inhalt.
Vielleicht hatte ihm der Apotheker eine kleine Zugabe angedeihen lassen? Doch nur wozu? Es war kein Zettel für die Anwendung dabei und Roac kannte sich mit Kräutern nicht mal ansatzweise gut aus. Es war auch fraglich, ob er die getrockneten Blüten einem Kirschbaum zuordnen konnte, oder ob es ein anderer wäre. Auf jeden Fall war er hübsch anzusehen.

Du wurdest gewichtelt!
Bild
Bild

Benutzeravatar
Roac
Gast
Gast

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Roac » Montag 5. Januar 2015, 01:22

Zu dem stetig stärker werdendem Gefühl der Müdigkeit gesellte sich allmählich ein erster Anflug von Kopfschmerzen. Wahrlich, heute war nicht unbedingt Roacs Tag. Hases Reaktion auf die Frage des Hehlers war absehbar gewesen und er war deshalb nicht allzu überrascht, dass er keine befriedigende Antwort erhielt. Als er dann aufblickte und die ersten Tränen in dessen Augen sah, gefolgt von einem kleinen emotionalen Ausbruch bei dem er über den Hintergrund des verdreckten Straßenjungen erfuhr, spürte er seit langem wieder echtes Mitgefühl. Er bereute sein harsches Auftreten, doch musste er auch an sich und seine verzwickte Lage denken. Wenn die Situation eine andere wäre, wenn das dunkle Volk die Stadt nie heimgesucht hätte, wenn der Junge nicht gesucht und Roacs Taschen nur ein wenig voller wären, hätte er ihn ohne zu zögern bei sich aufgenommen. Natürlich nur so lange, wie es auch unbedingt nötig war. Aber da sich die Schlinge des Henkers aus gegebenem Anlass bald auch um seinen Hals ziehen konnte, musste er kühlen Kopf bewahren und sein Mitleid im Zaum halten. Die erste Regel des Außenrings war eindeutig: Überlebe. Alles andere hatte Nachrang.
"Hör auf zu weinen."
Seine Stimme war vielleicht eine Spur zu forsch, doch schien dies zumindest zum erwünschten Erfolg zu führen. Der Junge zog die Nase hoch und sah ihn aus großen, wässrigen Augen an. Roac war froh darüber. Das leise Schluchzen hatte begonnen ihn auf die Nerven zu gehen, was er seiner Erschöpfung zusprach. Sein Bein war taub, er war hungrig und sehnte sich nach nichts mehr als ein paar Stunden Schlaf. Kein Wunder, dass seine Geduld darunter litt.
Schließlich stand er unschlüssig auf und ging zum Fenster. Natürlich hatte sich draußen nichts verändert: Ein anderer, nicht unbedingt freundlicher dreinschauender Dunkelelf hatte seinen Kameraden abgelöst. Oder war es immer noch der selbe? Roac konnte es nicht sagen. Was machte das auch für einen Unterschied?
"Weißt du, wir haben einiges gemeinsam, du und ich..." Der Hehler sprach ohne sich umzuwenden, weshalb Hase sein Gesicht gegen die sonnenbeschienene Scheibe nicht ausmachen konnte. "Wir haben beide Väter, die nichts taugen...so wie's aussieht sind wir nicht gerade vom Glück verfolgt..." Er richtete sich auf und ließ die müden Gelenke knacken. "...und im Moment könnten wir beide eine Portion Schlaf gebrauchen, oder? Ich zumindest..." Der Kessel schlug blechern gegen die Kaminwand, als ihn Roac vom Feuer nahm und auf dem schiefen Tisch neben dem Strohballen abstellte. "Trink ihn solang er noch heiß ist." Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, hinkte er zur Tür und ließ den verdutzten Hase hinter sich zurück. Als er sie schon hinter sich zuziehen wollte, besann er sich noch einmal um. "Und das mit den Füchsen vergiss erstmal. Wenn du noch einen Dunklen bestielst, werd' ich dir deinen Arsch nämlich höchstpersönlich aufzurren! Verstanden?" Er lächelte müde, wurde dann aber wieder ernst. "Ich werd Morgen sehen, ob ich einen Ort finde, wo man dich fürs erste verstecken kann. Ich kenn' da noch ein paar Leute von früher, Kollegen von dir..." Er wunderte sich insgeheim, ob dem Jungen bewusst war, in welcher Art Laden er blindlings hineingestürmt war. Spätestens jetzt würde er eins und eins zusammenzählen können. "Bis dahin...bist du hier sicher." Der Hehler nickte, wie um sich selbst der Wahrheit seiner Worte zu versichern. Dann schloss er die Tür hinter sich und stieg die Stufen in den Ladenraum hinunter.
Nachdenklich betrat Roac die Feder und sah sich um. Es war noch alles so wie er es zurückgelassen hatte - auf den ersten Blick. Zurzeit hatte er kein Auge für den verdächtigen Dreck samt Spuren auf den Dielen oder gar dem Verlust des Amuletts. Um ehrlich zu sein, war ihm sein Geschäft im Moment ziemlich gleichgültig. In den vergangenen Monate hatte es öfters solche Phasen gegeben, in denen ihm danach war die Regale umzukippen und all das Geschirr, den Schmuck und die anderen Gegenstände auf die Straße zu werfen. Es waren die Augenblicke in dem ihm bewusst wurde, welche unwichtige Rolle er in diesem Jahrzehnte alten, vermutlich sogar Jahrhunderte alten Spiel spielte. Die Diebe stahlen von den Adeligen und Wohlhabenden, hatten jedoch für ihre Ausbeute absolut keine Verwendung. Wer brauchte schon Kunst- und Wertgegenstände wenn es einem an Essen fehlte? Also verscherbelten sie es für eine Hand voll Münzen an die Hehler, die die Waren sammelten und warteten. Auf wen? Natürlich auf den Adel, die Großhändler, die einzigen, die Verwendung für all den Plunder hatten. Sie schickten ihre schmierigen Handelsvertreter, die den ehemaligen Besitz ihrer Nachbarn, Freunde oder Bekannten für einen Spottpreis erstanden. Und so begann das Spiel von neuen. Es war ein ewiger Kreislauf der sich selbst erhielt, ein Spiel, dass er einst beherrscht hatte. Doch damals war auch alles anders gewesen...
Nach einem kleinen Abstecher in die Speisekammer, die sich mit gähnender Leere nicht besonders einladend auftat, saß Roac mit dem letzten Kanten Brot und einem kleinen, verschrumpelten Apfel in seinem Lehnsessel hinterm Ladentisch. Da der Essigwein zur Neige gegangen war, hatte er kurzentschlossen eine der teuren Flaschen aus dem Regal geholt und nahm nun einen großen Schluck. Der Wein schmeckte fruchtig und süß, kein Vergleich zu dem sauren mit Wasser gepanschtem Zeug das er sonst soff. Bei Kennern würde der Wein gutes Geld einbringen, doch er scherte sich nicht darum. Bei ihm wäre sie höchstens für ein paar Füchse über die Theke gegangen - wenn einmal ein Kunde auftauchen würde.
Durch den Wein schon leicht berauscht, schweiften seine Gedanken ab. Er dachte an den verletzten Jungen im Zimmer über ihn. Entgegen seines Vorsatzes hatte er ihn nicht rausgeworfen. Mittlerweile bezweifelte er, dass es dazu überhaupt noch kommen würde. Aber der Kleine musste weg - früher oder später. Er dachte an das Versprechen, dass er Hase gegeben hatte und wunderte sich, ob er es überhaupt einhalten konnte. Natürlich hatte er Kontakte zur Unterwelt - manche von seiner Zeit als Dieb und manche aus den letzten drei Jahren. Aber was hieß das schon? Selbst wenn er mit einer Bande oder Diebesgruppe Kontakt aufnehmen konnte, wer garantierte, dass sie den Jungen Unterschlupf gewähren würden?
Er lehnte sich zurück und legte den Fuß auf den Tisch. Die Geräusche von der Straße verebbten allmählich als die Nacht über die Stadt einbrach. Geistesabwesend fummelte er an dem kleinen schwarzen Beutel mit den rosa Blütenblättern - woher kamen die denn eigentlich? - und spürte wie seine Augenlider schwer wurden. Er wusste, wo er Morgen zu suchen beginnen musste. Es gab nur einen Ort, an dem sich die Diebe Grandeas versammelten, wo sie tranken, hurten und sich über ihre bevorstehenden Coups austauschten. Vielleicht würde ihm ja ein Besuch in der Schenke zum Bettler weiterhelfen. Mit diesem Gedanken schlief er ein, während draußen der Schnee auf das schmutzige Straßenpflaster fiel und eine weit entfernte Glocke ihren vollen Ton über das Land schickte. Das Licht eines bis zu diesem Zeitpunkt vollkommen unbekannten Sternes schien durch die vergitterten Fenster und erhellte den Raum, in dem ein einzelner goldener Strohhalm vom leichten Durchzug erfasst über den Boden schwebte.

Benutzeravatar
Erzähler
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 4408
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:11
Lebensenergie:

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 8. Januar 2015, 23:03

"Und das mit den Füchsen vergiss erstmal....“
Hase öffnete den Mund.
„Wenn du noch einen Dunklen bestiehlst, werd' ich dir deinen Arsch nämlich höchstpersönlich aufzurren! Verstanden?"
Hase schloss den Mund.
Roac lächelte müde, wurde dann aber wieder ernst.
"Ich werd Morgen sehen, ob ich einen Ort finde, wo man dich fürs erste verstecken kann. Ich kenn' da noch ein paar Leute von früher, Kollegen von dir..."
Spätestens jetzt würde er eins und eins zusammenzählen können, sofern sein Fieber ihn nicht zu sehr das Hirn vernebelte.
"Bis dahin...bist du hier sicher."
Zuversicht war in diesen Zeiten eine kostbare Gabe. Kostbarer als jeder Tand den der Hehlerladen zu bieten hatte. Wenn Roac schon den Jungen am Hals hatte, dann konnte er vielleicht mit ein wenig Hoffnung und Zuversicht ihm zu einer schnelleren Genesung verhelfen. Es brachte schließlich nichts, wenn er ihm die kalte Wahrheit an den Kopf warf. Womöglich würde Hase es sogar zu Dummheiten anstiften, wenn er ihm gestand, wie die Lage wirklich war. Der Junge schien außer Dreck und Flausen noch eine gehörige Portion Mut im Leib zu haben. Er würde es als Dieb weit bringen können, vorausgesetzt er wurde alt genug. Vielleicht erinnerte er Roac auch ein wenig an sich selbst. Er verließ die Dachkammer und genehmigte sich einen der letzten Äpfel aus seiner Kammer. Draußen vor den Fenstern des Ladens schwebten dicke weiße Flocken vorbei. Die Stadt begann ihr Gesicht zu pudern und legte ihre weiße Maske an. Grandea war in diesen Tagen kein schöner Ort für Obdachlose oder kleine Diebe, doch hatte der Anblick immer wieder etwas melancholisches an sich. Die Stille des Abends ließ einem Raum um die Vergangenheit zu besuchen. Meist lagen dort gute und auch schlechte Erinnerungen nahe bei einander und wärmten sich im sanften Licht der Sterne. So legte Roac die Füße hoch, schloss seine Augen und ließ das hier und jetzt hinter sich.

Vielleicht hatte er sogar geträumt, aber hatte keine Zeit darüber nachzusinnen. Auf jeden Fall hatte ihn etwas geweckt. Vielleicht war es das Herannahen von Schritten, dass ihn hoch fahren ließ, kurz bevor jemand laut gegen die Tür hämmerte.
„Adair! Macht auf!“
Beim Klang der Stimme kroch Roac die Galle bitter den Hals hinauf. Es war Rudlof, einer der Stadtwächter, denen er regelmäßig Geld zahlte, damit sie sich in seinem Laden nicht zu genau umsahen. Insgesamt waren es drei, die ihn regelmäßig besuchten, doch Rudlof war ihr Anführer. Er war derjenige mit der größten Gier. Die anderen beiden, Brun und Gernot waren die Männer fürs Grobe und erfreuten sich nur zu gern an „Versäumnis- Zuschlägen“. Alle drei waren dem Alkohol und leichten Frauen verfallen und waren anscheinend in Feierlaune, denn man konnte Gernot lallen hören:
„Ih will no zu meiner Vroni.“
Wie es sich anhörte hatten sie schon ordentlich vor gefeiert und wollten ihre nächtliches Saufgelage noch ausweiten. Noch konnte er so tun, als sei er nicht da, aber dann würden sie jedoch jeden Tag wieder kommen, bis sie ihr Geld hätten oder ihm doch irgendwann den Laden ausräumen und ihn in den Kerker werfen würden, wie versprochen. Andererseits hatte er ohnehin kaum noch Bares bei sich, beherbergte einen Gast und Betrunkene waren nicht gerade für ihre Geduld bekannt. Vielleicht zogen sie von sich aus weiter, wenn er nicht reagierte?
Bild

Benutzeravatar
Roac
Gast
Gast

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Roac » Donnerstag 15. Januar 2015, 01:40

„Adair! Macht auf!“
Schlagartig fuhr Roac aus seinem Schlaf hoch und sah sich benommen um. Es war immer noch Nacht. Zwischen den Gitterstäben des Fenster strömte silbernes Licht des neugeborenen Stern in den Raum. Er blinzelte und rieb sich verwirrt die Augen. Wie lange hatte erschlafen? Erneut wurde hart an die Tür geschlagen und mit einem Mal war der Hehler hellwach.
Scheiße, Scheiße, Scheiße!
Sich mit den Händen an den Lehnen des gepolsterten Stuhls hochstemmend, hievte er seine Beine vom Tisch und sprang hektisch auf. Eine halbleere Weinflasche fiel polternd zu Boden und rollte über die staubigen Dielen. Für einen Moment flimmerten kleine, bunte Lichter vor Roacs Augen auf und sein Kopf schien sich wild im Kreis zu drehen. Er griff sich ächzend an die Stirn, tat unschlüssig einen Schritt nach vorn - und wäre dabei beinahe flach auf den Boden aufgeschlagen da sein linkes Bein ihm nicht gehorchte. Er fing sich jedoch im letzten Augenblick indem er sich an der Tischkante festklammerte. Dort verharrte er, bis die Lichtkugeln aus seinem Blickfeld verschwanden und sein Kopf wieder etwas klarer wurde.

Es war Zahltag - ohne Zweifel. Er kannte die Männer vor seiner Ladentür, kannte sie gut. Es waren die selben , die ihn einst an seinem ersten Arbeitstag hier im Laden "eingewiesen" hatten. Und auch über die vergangen Jahre hatten sie ihn nicht vergessen. Regelmäßig besuchten sie ihn um sich zu vergewissern, dass er das Gelernte nicht vergessen, seinen Teil der Abmachung immer noch einhielt. In der Regel ging die Übergabe reibungslos vorüber. Ein paar Beleidigungen durften dabei natürlich nicht fehlen, Roac kannte sie mittlerweile schon alle. "Krüppel", "Krummbein", "Krückenkrähe", ... den Wachsoldaten schien es eine Freude zu sein ihre Kreativität durch das Erfinden neuer Spitznahmen für ihn auszuleben. Doch die konnte er ohne weiteres wegstecken. Ihre Bestrafungen bei der Abweichung oder Nichterfüllung ihres Abkommens hingegen hinterließen ihre Spuren. Jedes Mal...

Noch immer hinkend eilte der Hehler zur Tür die in den engen Stiegenraum führte und zog sie leise zu. Sie hatte kein Schloss. Und auch wenn sie eines gehabt hätte, es würde jetzt keinen Unterschied mehr machen. Die wenigen Zentimeter Holz würden den im Obergeschoß schlafenden Jungen nicht schützen. Das lag allein an ihm. Roac schluckte und versuchte sein pochendes Herz zu beruhigen. Dann trat er auf die Eingangstür zu und kramte den eisernen Ladenschlüssel hervor.
"Ich öffne die Tür!"
Es hatte keinen Zweck. Er musste ihnen aufmachen. Würde er es darauf anlegen und die Wache einfach draußen stehen lassen, konnte das sein Ende bedeuten. Rudolf wusste genau, dass er den Laden so gut wie nie verließ. Zudem hatte er sich durch die lauten Geräusche bereits verraten. Und auch wenn er ihn schon beinahe vergessen hatte - der Dunkelelf an der Ecke der Straße stand bestimmt noch immer an seinem Posten und beobachtete die Feder. Er konnte es sich nicht leisten, den ohnehin schon vorhandenen Verdacht zu schüren. Und drei Vertreter des Gesetzes, die betrunken vor seinem Laden randalierten, würde für eine Hausdurchsuchung mehr als ausreichen...
Vorletztes Monat: Vier Drachmen, drei Lysanthemer, zwölf Füchse. Sie haben mich verprügelt und mir dabei zwei Rippen und einen Finger gebrochen...
Das letzte Schloss war geöffnet und Roacs Hände legten sich um den groben Holzbalken der die Tür zusätzlich sicherte.
Letztes Monat: Zwei Drachmen, siebzehn Lysanthemer, neun Füchse. Wieder Prügel. Gernothat meinen Kopf solange unter Wasser gehalten, bis mir Schwarz vor Augen wurde. Dann hat Brun mein Bein bearbeitet. Konnte danach zwei Wochen lang nicht mehr aufrecht gehen...
Mit aller Kraft stemmte er sich gegen den Balken und hob ihn an. Als er nicht mehr länger im Weg war, streckte er die Hand nach der Türklinke aus.
Dieses Monat: Null Drachmen. Drei Lysanthemer. Siebzehn Füchse...
Der Hehler zögerte. Dann drückte nach unten und mit einem Klicken schwang die Ladentür auf. Obwohl die Gasse vor seinem Laden in Schatten getaucht war, komte er die Umrisse der drei Männer vor sich deutlich erkennen. Jeder mindestens einen Kopf größer, schauten sie mit ihren schwarzen Gesichtern auf ihn herab. Roac roch den Alkohol und den unangenehmen Geruch von Schweiß in der Luft. Es gab kein Entkommen vor ihnen. Kein Weglaufen. Keinen Kampf mit einer Aussicht auf Erfolg. Nicht für ihn...
Manthala du launisches Weib... wenn es dich gibt, dann brauch ich dich jetzt...
Zuletzt geändert von Roac am Donnerstag 15. Januar 2015, 20:07, insgesamt 1-mal geändert.

Benutzeravatar
Soldat/in
Nicht-Spieler-Charakter
Nicht-Spieler-Charakter
Beiträge: 61
Registriert: Montag 4. Januar 2010, 20:18
Lebensenergie:

Re: Hehlerladen "Zur schwarzen Feder"

Beitrag von Soldat/in » Donnerstag 15. Januar 2015, 17:34

Kaum war die Tür geöffnet drängten auch schon die drei Stadtwachen herein. Mit ihnen glaubte Roac kurz den Duft von Rosen in der Nase zu haben, der dann aber leider schnell von anderen viel zu starken Aromen überdeckt wurde. Ihre Schultern und Häupter schüttelnd und klopfend brachten sie jede Menge Schnee und Schlamm der Gasse mit in die Schwarze Feder. Schnell breitete sich eine schmelzende Wasserlache zu ihren Füßen aus. Brun schüttelte grade so heftig seinen Kopf, dass er das Gleichgewicht verlor und gegen den Schrank stieß, der vor nicht all zu langer Zeit einem kleinen Gast als Versteck gedient hatte. Es klirrte leise und Brun stemmte sich grob von der Milchglasscheibe ab, dass diese nur so knirschte. Er war der größte der drei und hatte auch die meiste Muskelkraft. Heute Nacht war er aber auch, der mit Abstand trunkenste der drei. Seine geweiteten , glasigen Augen waren nicht einmal mehr richtig in der Lage Roac länger als eine Sekunde zu fixieren. Trotzdem war er es, der gleich an dem Hehler vorbei zu dem Sessel torkelte, sich dort geräuschvoll nieder ließ und erfolglos nach der umgestürzten Weinflasche hangelte. Die blutrote Lache am Boden verströmte ihren süßen Duft und vermochte leider doch nicht ganz den verschwitzen Gestank der Männer zu überdecken.
„Naaa endlisch!“
Rudlof packte Roac an der Schulter, wohl um sich auch ein wenig auf ihm abzustützen. Es gab keinen Ausweg. Gernot kam als letzter herein und hinter ihm konnte Roac den misstrauischen Blick des Dunkelelfe auf der anderen Straßenseite auffangen. Er wunderte sich sichtlich über den nächtlichen Besuch der Stadtwache. So mochte die Anwesenheit der drei doch ihr gutes haben, denn der Dunkelelf zog den Mantel enger und verließ seinen Posten. Stadtwache und die Soldaten der dunklen Armee mochten sich nicht al zu sehr. Vielleicht wollte er auch nur nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wenn er immer noch draußen stand, wenn sie den Laden wieder verlassen würden. Obwohl es höchst fraglich war, ob die drei überhaupt Irgendetwas mitbekamen in ihrem Zustand. Dann donnerte Gernot auch schon die Tür ins Schloss und lallte:
„Herrrrliche Nacht, mein Bester, nicht waaar?“
Roac hatte die drei selten so betrunken erlebt. Entweder hatten sie etwas zu feiern oder versuchten etwas im Suff zu ertränken. Dabei war es gleich ob es nur einen betraf oder alle. Sie taten ohnehin fast alles gemeinsam. Brun murmelte von hinten.
„Macht hinnnne! Isch will weidder!“
Rudlof hielt mahnend die Hand in die Höhe und den Zeigefinger an die Lippen.
„Sssschhhh … noch nisch! … schhhhh … warted! ...“
Alle drei hielten in der Bewegung die sie gerade taten inne und rissen die Augen weit auf.
„Gleisch....“
Gernot wollte den Mund auf machen, aber sein Anführer brachte ihn zum Schweigen, in dem er ihn etwas unkoordiniert die freie Hand auf Augen und Nase patschte.
„Gleisch ...“
Dann hörte man in der Ferne eine Turmglocke schlagen.
Mitternacht!
„Jetscht isch Zahltag! *Hiks*“
Brun hangelte immernoch erfolglos nach der am Boden liegenden Weinflasche, während die anderen beiden sich nun Roac zuwandten. Gernot lallte und ein Speichelfaden lief ihm dabei über sein stoppeliges Kinn:
„Losch! Mach de Taschen leehr.“
Rudlof grinste und rieb sich seine rote Nase. Plötzlich ertönte hinter ihnen ein schallend lauter, lang gezogener Ton und ließ alle zusammen zucken und die Hände an die Ohren reißen. Brun hatte ein Jagdhorn gefunden und mit aller Kraft hinein geblasen. Der Ton, den das fein verzierte Instrument von sich gab, hätte womöglich sogar schön klingen können, wäre der Musiker weniger betrunken gewesen. So zerriss nach einer Sekunde ein schreckliches Quietschen den vollen Klang und wandelte sich danach in ein hohles, jaulendes Aushauchen. Danach herrschte Stille. Alle starrten ihn an. Irgendwo auf der Straße heulte ein Hund und das Scheppern eines Nachttopfs mit den entsprechenden Flüchen folgte. Gewiss war die halbe Nachbarschaft geweckt worden! Brun saß grinsend da und meinte nur:
„Dad will isch haben!“
„Escht jetzt?!?“
Rudlof sah seinen Untergebenen fassungslos an. Der stand auf, schwankte und drückte das Horn liebevoll an seine breite Brust.
„Japp, scho is es!“
Gernot brummte voller Missfallen etwas davon, dass sie doch noch ins Freudenhaus hatten gehen wollen, aber nur sehr leise. Rudlof schüttelte resignierend den Kopf und sah dann den Hehler abschätzend an. Er nahm Brun das Instrument ab und wog es prüfend in den Händen. Sein Blick fiel missmutig auf die goldenen Applikationen, das feine Bein aus dem es geschnitten worden war und die samtenen Bänder, die es verzierten. Roac wusste, dass er das Stück für sechs bis acht Drachmen weiter verkaufen konnte, wenn mal ein Kunde käme. Er musste jetzt schnell und geschickt taktieren, damit er einen guten Handel machte. Noch sah es so aus, als dachte Rudlof ernsthaft darüber nach ihm das Ding abzukaufen.
Bild

Antworten

Zurück zu „Wohnviertel des Außenrings“