Seite 1 von 1

Aufbruch nach Norden

Verfasst: Samstag 18. Juli 2026, 23:08
von Theia Talfaern
Einstiegspost

Es war noch früh; fahles, milchiges Licht, das sich nur zögerlich gegen die letzten kühlen Schatten der Nacht durchsetzte, hing über den Mauern Jorsas. Die Türme der Hauptstadt lagen hinter ihnen, noch nah genug, dass Theia sie hätte erkennen können, wenn sie sich im Sattel umgewandt hätte. Was sie nicht tat. Nein, auch am heutigen Morgen wollte sie nicht sehen, was sie hinter sich zurückließ. Die helle Silhouette der Mauern. Die Wachtürme. Das Versprechen einer Stadt, in der Menschen einander mit offenem Blick begegneten, in der die Händler vermutlich gerade ihre Stände öffneten, die Heiler bereits frisches Wasser erhitzten und Priester irgendwo im Tempel den Namen jenes Gottes vorbereiteten, dem dieser Tag gehören sollte. Also wandte Theia sich nicht um.
Stattdessen saß sie auf Niomas Rücken, die Zügel ordentlich zwischen den Fingern, den Blick nach vorn gerichtet. Die Stute schritt ruhig unter ihr, mit jenem gleichmäßigen, vertrauten Takt, der Theia normalerweise Trost und Sicherheit gespendet hätte, heute jedoch ... Das Leder in ihrem Griff knarrte leise, die Hufschläge drückten sich dumpf in den festgetretenen Weg, der aus der Hauptstadt hinaus und nach Norden führte. Hinter ihnen lag Jorsa. Vor ihnen der Auftrag. Theia atmete durch die Nase ein, langsam, wie Olesia es ihr beigebracht hatte. Sie hielt die Schultern gerade, den Rücken aufrecht. Ihre helle Reiserobe war unter dem Mantel sauber geordnet, die goldblonde Flechte lag schwer und sorgfältig gebunden über ihrer Schulter. Sie war vorbereitet. Das zumindest war es, was sie sich seit dem Aufbruch wieder und wieder sagte. Nioma schnaubte leise, und Theia senkte kurz den Blick auf den hellen Hals der Stute, auf die feinen Bewegungen der Muskeln unter Fell und Sattelzeug, die sie sanft beklopfte. Einen Moment lang regte sich dabei dieses Etwas in ihrer Brust, das bereits beim Abschied vom Anwesen unruhig gegen ihre Rippen gestoßen hatte. Vikram würde bei diesem Auftrag nicht dabei sein.
Dieser Gedanke begleitete Theia schon seit Tagen. Sie hatte gewusst, dass er nicht mitreiten würde. Natürlich hatte sie es gewusst. Vikram hatte ihr den Auftrag mit jener ruhigen Bestimmtheit übergeben, die keinen Widerspruch geduldet und kaum Raum für Fragen gelassen hatte. Bruder Calven würde sie begleiten. Vier schwer gerüstete Kämpfer der Bruderschaft würden an ihrer Seite sein. Nioma war verlässlich, der Weg besprochen, ihre Rolle klar umrissen. Alles war geordnet. Alles war vorbereitet. Sie war bereit. Und doch fehlte er. Nicht auf eine Weise, die Theia vor den anderen jemals offen hätte benennen dürfen. Sie war kein Kind mehr, das sich an Vikrams Mantel festhielt. Sie war achtzehn – Novizin der Lichtmagie, Klerikerin in Ausbildung und wohl mehr als alt genug, um nun endlich einen Auftrag auszuführen, ohne bei jedem Schritt nach ihrem Ziehvater zu sehen. Genau das war vermutlich ein Teil dieser Prüfung. Vielleicht hatte Vikram sie gerade deshalb geschickt. Vielleicht sollte sie beweisen, dass sie nicht nur in seinem Schatten stand. Dass sie mehr war als nur das halbelfische Mädchen, dem sein Name Schutz verlieh. Es hätte sie mit Stolz erfüllen sollen, mit vorfreudiger Aufregung. Heute aber wog der Gedanke - wog Vikrams Abwesenheit – unerwartet schwer. Möglicherweise, weil Vikram diese Art an sich hatte, die Welt einfacher erscheinen zu lassen. Nicht leichter, niemals leichter, aber doch wenigstens eindeutiger. An seiner Seite wusste Theia, welche Blicke sie auf welche Art zu deuten hatte, wann sie sprechen durfte, wann sie zuhören musste. Vikram war Strenge, ja. Er war Erwartung und Pflicht und Disziplin. Aber er war auch ... Heimkehr. Eine bekannte Stimme. War oft genug Wärme und Sicherheit in ihrem Rücken gewesen.
Theia presste die Lippen kurz aufeinander, richtete den Blick wieder auf die Straße. Schluss damit. Konzentration. Der Gedanke kam in Bruder Calvens nörgeliger Stimme. Dieser ritt nicht weit von ihr entfernt, eine dunkle, hagere Gestalt inmitten des kleinen Zuges, und im Moment wohl damit beschäftigt, sich mit einem der Kämpfer zu unterhalten, welche die Bruderschaft ihnen zur Verfügung gestellt hatten. Schwer gerüstete Männer, deren Gesichter Theia nur teilweise kannte, deren Namen ihr aber genannt worden waren und die sie sich pflichtbewusst gemerkt hatte. Jeder einzelne von ihnen trug seine Waffen mit jener Selbstverständlichkeit, die Theia immer zugleich beruhigte und befremdete. Als wären Klinge, Rüstung und der Gedanke an Gewalt die natürliche Erweiterung ihrer Körper. Selbst die Pferde unter ihnen wirkten kräftiger als Nioma es beispielsweise tat, schwerer, an Gewicht und Eisen gewöhnt. Manchmal schlug Sonnenlicht matt auf Metall, wenn einer der Kämpfer die Haltung veränderte.
Theia trug kein Schwert. An ihrem Gürtel hing lediglich ihr kleines Gebrauchsmesser, verborgen genug, um nicht aufzufallen, nützlich genug, um damit rasch Verbände, Seile oder Brot zu schneiden. Ihre eigentliche Aufgabe jedoch lag auch nicht im Kampf. Sie war nicht die Klinge dieses Auftrags, nicht das Urteil und nicht die Hand, die die Kette führte. Sie war Begleitung. Gebet. Versorgung. Eine angehende Klerikerin des Lichts, ausgesandt auf Geheiß ihres Ziehvaters, um Bruder Calven und die Kämpfer der Bruderschaft zu unterstützen. Der Auftrag? Ein Kriegsgefangener sollte an einem nördlichen Treffpunkt übernommen und zum geheimen Stützpunkt gebracht werden. Nach Hause.
Theia hatte diesen Gedanken seit der ersten Unterweisung zum Auftrag nicht gemocht. Das Anwesen, die streng geführten Räume, die Kapelle, die vertrauten Wege zwischen Stallungen, Unterrichtszimmern und Gebetsort — all das war längst Zuhause geworden. Zuhause auf jene Weise zumindest, die nach dem Verlust von allem möglich gewesen war. Ein Ort, an dem sie wusste, wo ihre Dinge lagen. Wo Grim vor den Türen lag, als gehöre ihr jede Schwelle. Und nun sollte ein Gefangener dorthin gebracht werden. Ein Kriegsverbrecher, hatte man gesagt. Ausgerechnet nach Jorsa. Ausgerechnet dorthin. Theia kannte keine Einzelheiten, nicht mehr als nötig. Das war nicht ungewöhnlich.
Dennoch hatte sie in der Nacht vor dem Aufbruch länger wachgelegen, als sie es sich selbst hätte gestatten wollen. Nicht aus Angst, natürlich. Nicht aus Zweifel. Sie hatte nur … nachgedacht.
Über die Reise.
Über den Treffpunkt.
Über Verwundungen, die ein solcher Gefangener vielleicht mit sich brachte.
Über Gebete, die man vor einer Hinrichtung sprach.
Und darüber, ob sie dann wohl ebenfalls würde anwesend sein müssen. Währenddessen.
Keine dieser Fragen hatte Theia letztlich zu Ende gedacht – und auch jetzt schloss sie lediglich die Finger fester um die Zügel. Ein Auftrag. Ein Treffpunkt. Ein Gefangener. Ein Rückweg. Mehr war es nicht. Mehr würde es nicht sein. Sie löste den Griff wieder, bevor Nio darauf reagieren musste, und zwang sich, den Blick im Hier und Jetzt zu ankern. Konzentrierte sich auf die Straße, auf den Klang der Hufen, auf das Gewicht des Gebetsbuches in ihrer Tasche und auf die gleichmäßige Bewegung der Reiter um sie herum.
Herr des Lichts“, murmelte sie dann kaum hörbar, mehr Atem als Stimme, so leise, dass der Wind die Worte sofort aus ihrem Mund stahl. „Lenke meinen Blick zur Wahrheit. Meine Hände zur Pflicht. Mein Herz zur Standhaftigkeit.

Re: Aufbruch nach Norden

Verfasst: Sonntag 19. Juli 2026, 13:50
von Erzähler
Der sechs Seelen starke Tross der Bruderschaft hatte im Morgengrauen erst das Anwesen und dann Jorsa verlassen. Im Schritt waren sie auf ihren Pferden die noch vom Nebel geküssten Felder entlang geritten auf denen die Bauern das Korn bestellten. Einige Köpfe hatten sich hier und da wi neugierige Robben aus dem Meer der goldenen Ähren erhoben und ihnen hinterher geblickt. Rote Tupfen von Mohn und blaue Kornblumen säumten die staubigen Wege auf denen kleine Windrosen zwischen den Hufen der Tiere tanzten. Es war die lange Zeit der Abendsonne in der die Temperaturen stetig stiegen. An manchen Tagen wurde es in manchen Gebieten Celcias so warm, dass Pflanzen zu verwelken drohten. Doch das Königreich Jorsan hatte eine gesegnete Lage für reiche Landwirtschaft und die nahen westlichen Dunsthügel schickten in den frühen Stunden noch ihre feuchte Luft über die weiten bunten Wiesen. Jene undurchdringlichen Schwaden waren wie eine nächtliche Erinnerung, die im Licht Lysanthors dann langsam zerfaserte und den Blick klar werden ließ. Die Tage wurden länger und könnten zu mehr Tätigkeiten genutzt werden, denn während dieser Jahreszeit hielt sich die Sonne am Liebsten oben am Himmel auf und erwärmte die Welt mit ihren hellen Strahlen. Daher bekam diese Jahreszeit auch ihren Namen, denn noch am Abend konnte man die warme Sonne genießen und wartete länger auf die Nacht. Jeder Tag war ein Geschenk Lysanthors! Und heute stand nicht eine Wolke am Himmel. Ihr Sonnengott versprach einen guten Tag.

Nachdem sie die Ausläufer der Stadt verlassen hatten drängte Bruder Calven zur Eile. Erst trabten sie eine Weile, dann ließen sie die Pferde in einen sanften Galopp fallen. Für Nioma war das eine wahre Freude. Theia konnte ihre Stärke fühlen und die Bewegungen ihrer Muskeln, wie sie sich unter ihr streckten. Immer wieder ließen sie die Pferde laufen und schnelle und gemächliche Phasen ihrer Reise wechselten sich ab. Zwei mal ließen sie die Pferde halten und grasen. Die zunehmende Hitze zwang Mensch und Tier zur Rast. Die Männer in ihren Rüstungen litten am meisten. Theia konnte es an den glitzernden Perlen auf ihren Schläfen und auf manch einer rasierten Oberlippe sehen. Ihre eigene Gewandung war luftiger. Selbst für diesen kleinen Ausflug hatte man gut vorgesorgt und in den Pausen ließen die Reiter ihre Tiere an einem kleinen Bach trinken. Das kühle Nass fand auch den Weg in die Hände und Nacken der überhitzten Krieger. Theia beobachtete die Männer einen Moment. Sie waren eine eingeschworene Gemeinschaft, aber die Stimmung war gereizt. Gewiss lag es an der Hitze. Die vier waren ihr am frühen Morgen eilig von Bruder Calven mit ihren Vornahmen vorgestellt worden. Sie alle waren im besten Mannesalter bis auf
Ritter Pablo, ein sonnengebräunter dunkelhaariger Mann von 40 Sommern oder mehr, mit einer schiefen Nase über einem gepflegten Spitzbart.
Ritter Elias, ein kleiner blondlockiger Mann mit ungewöhnlich vielen Leberflecken.
Ritter Matteo, ein Kerl mit braunen Augen und Haaren und mehr Muskeln als sie je gesehen hatte.
und Ritter Johan, groß und hoch gewachsen, etwas schlaksig aber mit extrem hellblauen wachen Augen und hellbraunem Haar.
Theia wusste, normalerweise schickte man Söldner der Bruderschaft oder Agenten auf solche Aufträge, aber das hier waren alle samt ausgebildete Ritter, bzw. die Paladine gehörten zu Jorsas Zweig der heiligen Inquisition und Vikram war erst seit ein paar Monaten ihr Kommandant. Seit sie Pelgar verlassen hatten baute Vikram die hiesige Einheit der Bruderschaft auf und verstärkte die Reihen. Sie hatte auch einmal eher unfreiwillig den Rest eines Gesprächs zwischen ihm und Bruder Calven belauscht in dem dieser die „lasche Moral“ des hiesigen Zweiges bemängelte und sich nach Pelgar zurück wünschte. Die Versetzung war damals nicht von allen gut angenommen worden. Aber mit der Zeit hatte man sich daran gewöhnt nun für diesen „seichten Seitenzweig“ der Glaubenskirche Lysanthors zu arbeiten. Eben jener unzufriedener Bruder trat jetzt aber gerade zu ihr. Der Stoff seiner Kutte raschelte leise und er fächelte sich mit seinem langen Ärmel etwas Luft zu.
„Du wirst den Gefangenen versorgen, sobald wir eintreffen.“
Sie kannte ihn schon lange und seine scharfe Zunge. Es war ein Befehl und etwas schien ihn auch zu beschäftigen. Die steile Falte zwischen seinen Brauen verriet es. In der Nacht zuvor, als sie nicht hatte schlafen können und sie Fragen wach gehalten hatten, da hatte sie Schritte auf den Gängen gehört, aber es nicht gewagt ihnen nachzugehen. War er es gewesen, der des Nachts durch die Gänge geschlichen war? Oder ein Bote? Bruder Calven sah müde aus und tiefe Schatten langen unter seinen wässrig blaugrauen Augen. Es wirkte fast, als sei er nicht ganz bei der Sache, als redete er garnicht wirklich mit ihr, sondern erteilte nur Befehle. Er hatte ihr beim sprechen auch nicht ins Gesicht geblickt sondern seinen Augen suchten den nördlichen Horizont ab.
„Er muss wach und vernehmungsfähig sein, wenn wir ihn übernehmen. Das ist deine Aufgabe.“
, verdeutlichte er ihr noch einmal eindringlich und schien sich über irgendetwas zu ärgern. Er hatte es ihr schon vor ihrem Aufbruch gesagt und er neigte auch sonst nicht dazu sich zu wiederholen. Seine Gedanken schienen ganz wo anders zu sein und dann war es besser ihn nicht zu unterbrechen. Dann drehte er sich auch schon wieder um und stieg auf sein Pferd. Sein Blick war unstet und wirkte fast fiebrig aber nicht von Krankheit, sondern... von etwas anderem.

Ihre Reise ging weiter. Als die Sonne ihren Zenit erreichte, erreichten sie auch ihr Ziel. Sie hatten die Hautstraße in Richtung Jersa dem Grenzdorf verlassen. Kurz bevor die ersten Dachspitzen und Befestigungsanlagen wirklich zu sehen waren, hatten sie einen schmaleren Pfad genommen und ritten durch ein kleines Waldstück. Die Baumkronen warfen ihren Schatten und die Luft war etwas kühler. Es roch nach süßem Baumharz und dunkler Erde, als sie eine Lichtung und ein darauf stehendes windschiefes Haus erreichten, welches schon bessere Tage gesehen hatte. Der untere Teil war aus massiven Feldsteinen gemauert und der obere aus dicken Stämmen erbaut. Das Dach hatte hölzerne Schindeln, war aber an einer Seite wohl einmal von einem umstürzenden Baum getroffen worden. Die Reste lagen noch neben den Mauern und die Natur hatte bereits begonnen sich ihr Reich zurück zu erobern. Drei Pferde waren im einstigen Vorgarten locker an die Reste des gefallenen Baumes gebunden, den man wohl aus den Trümmern gezogen hatte und knabberten an den saftigen Moosen. Dahinter stand ein kleiner Wagen, geschlossen und kaum mehr als eine Kiste mit zwei Rädern und zwei Deichseln dass man ihn an ein Pferd hängen konnte. Es hätte hier durchaus idyllisch sein können, wenn da nicht die dumpfen Schläge und das Keuchen gewesen wären, die Theias Ohren erreichten. Das wenige Elfenblut in ihr ließ sie manchmal ein wenig früher oder ein wenig mehr hören als es ein normaler Mensch konnte. Ihr Körper reagierte und schloss die Finger fester um die Zügel. Ein Auftrag. Ein Treffpunkt. Ein Gefangener. Ein Rückweg. Mehr war es nicht. Mehr würde es nicht sein. Sie löste den Griff wieder, bevor Nio darauf reagieren musste, und zwang sich, den Blick im Hier und Jetzt zu ankern. Sie konzentrierte sich auf den Weg, auf den Klang der Hufe, auf das Gewicht des Gebetsbuches in ihrer Tasche und auf die gleichmäßige Bewegung der Reiter um sie herum, während sie näher ritten.
„Herr des Lichts“
, murmelte sie dann kaum hörbar, mehr Atem als Stimme, so leise, dass der Wind die Worte sofort aus ihrem Mund stahl.
„Lenke meinen Blick zur Wahrheit. Meine Hände zur Pflicht. Mein Herz zur Standhaftigkeit.“
Bruder Calven war voraus geritten, hob nun den Arm zum Zeichen des Haltens und erhob seine Stimme:
„HEE da.“
Sofort wurde es leise im Haus. Kurz darauf war ein Klacken zu hören und die Tür schob sich in den Angeln leise quietschend auf. Eine Gestalt trat in den Schatten des verwitterten Vordachs und Theia konnte nicht viel sehen, da Bruder Calven und zwei der Ritter ihr die Sicht verdeckten. Sie konnte aber gut hören was vor sich ging.
„Seid ihr die Leute, die ihn abholen sollen? Wo ist unser Geld?“
Bruder Calvens Schultern zucken leicht.
„Lysanthors Segen wird euch entlohnen und...“
„HAHah! Das reiht mir nicht! Ich will Zaster sehen, bevor wir ihn übergeben!“
Noch einmal hoben und senkten sich die Schultern des in Geduld geprüften Bruders.
„...natürlich werdet ihr auch bezahlt.“
Der Kerl hatte ihn unterbrochen und so etwas mochte Bruder Calven garnicht. Von der Seite sah sie sein Gesicht beim absteigen und die zusammen gebissenen Kieferknochen. Ein paar Adern standen an den Schläfen hervor. Auch die anderen stiegen nun alle ab. Matteo und Pablo flankierten ihren in seine Kutte gehüllten Anführer und traten näher. Theia erinnerte sich einmal an Bruder Calvens Worte, dass sie stets die Sprache der Gemeinen, das Celcianische, verwenden sollte denn so erreiche man den einfachen Geist der Ungläubigen besser.
„Lasst uns hinein gehen und den Gefangen in Augenschein nehmen.“
Die Gestalt zog sich zurück und Calven winkte Elias zu sich. Johan und Theia gebot er mit einem Fingerzeig erst einmal draußen bei den Pferden zu bleiben. Folgsam wartete sie und half Johan die Pferde anzuleinen. Der sicherte dann die nähere Umgebung, sah sich um und schien keinen Hinterhalt zu entdecken. Zumindest wirkte er nicht beunruhigt. Sie selbst band Niomas Zügel an den Rest eines verwitterten Holzzauns, dann konnte sich einem der offenen Fenster nähern. Von der Zeit und dem Wind zerrissene Vorhänge schwangen leicht darin und verdeckten die Sicht. Der Stoff war löchrig und verblichen, aber erzählte von der verblichenen Vergangenheit dieses Hauses. Wer hier wohl einst gelebt hatte? Jetzt war es nur noch eine dem Verfall überlassene Ruine, ein geheimer Treffpunkt und... einer Folterkammer!
Ein erneuter dumpfer Schlag, gepaart mict einem Geräusch, dass Luft aus dem Brustkorb eines Mannes presste folgte und ließ Theia unwillkürlich zusammen zucken. Calvins etwas entfernte Stimme erklang:
„Haltet ein.“
Geraschel und ein unwilliger Laut der Unlust.
„Hier ist euer Lohn. Ihr könnt nun gehen.“
„Oh, man dankt. Ihr könnt diesen verschwiegenen Dreckskerl gerne haben. Hat ganz schön Ärger gemacht! Kurz hinter der Grenze ist er uns fast abgehauen. Wulfe hat ihn aber von hinten erwischt und dann war nichts mehr mit wegrennen! Ha! Das haben wir ihn bereuen lassen!“
Die Lust an der Folter war deutlich in dieser Stimme zu hören und das Gelächter von anderen stimmte mit ein. Schritte folgten, wie als wenn jemand ein paar steinerne Stufen erklomm. Kiesel knirschten unter Stiefeln.
„Die heilige Inquisition ist euch dankbar. Lysanthor wird ihn richten, da seid euch gewiss.“
„Wie auch immer.“
Eine andere Stimme fragte etwas unterwürfiger.
„Lysanthor vergibt mir meine Sünden, wenn ich was für ihn tue, ja?“
„Klar doch Wulfe! Er bezahlt uns sogar das nächste Bier und vielleicht auch einen guten Fick.“
Gelächter erklang und die Schritte näherten sich der Tür. Als diese aufschwang blickte Theia nacheinander in drei ungewaschene wilde Gesichter. Der erste starrte sie an und grinste, der zweite blieb sogar stehen und schaute irgendwie hungrig und der letzte schob alle beiden weiter zu ihren Pferden. Er hatte die wachsten Augen und begriff wohl nach kurzem Zögern, dass sie in der Unterzahl und bei weitem nicht so gut gerüstet waren, dass es sich lohnen würde eine Novizin von der Gruppe zu trennen. Als sie sich umsah, sah sie Johan hinter sich und bemerkte, dass er die Hand auf das Heft seines Schwertes gelegt hatte. Die drei Männer huschten zu ihren Pferden, und ritten eilig davon. Ein ungutes Gefühl blieb aber. Den drei sollte sie niemals allein begegnen!
„THEIA!“
, bellte scharf Calvins Stimme zu ihr hinaus. Johan blieb draußen, aber sie trat in den Schatten des windschiefen Hauses. Ihre Augen brauchten einen Moment um sich an das Halbdunkel nach all dem lichten Sonnenschein zu gewöhnen. Der Innenraum war einst noch durch eine Wand geteilt worden, aber diese war ebenfalls eingestürzt. Geröll und vom Wind herein getragene Blättern langen auf dem hölzernen Boden, der unter ihren Schritten quietschte. Die Luft war trotzdem stickig. Bald würde hier alles zu morsch sein und einbrechen. Sie erkannte die Umrisse von Elias vor sich und wie er eine kleine lose Luke im Boden aus ihrem Weg räumte. Die anderen waren zuvor darüber getreten. Dahinter führten ein paar Stufen ins Dunkel. Ein Kartoffelkeller, nahm sie an.
„Der Gefangene ist dort unten. Versorge ihn, damit wir ihn transportieren können.“
Damit wandte er sich schon wieder an Elias:
„Prüfe den Wagen. Nicht das er unterwegs auseinander fällt und irgendwie muss er ihn ja zwischendurch aufgekriegt haben, wenn er geflohen sein soll.“
„Jawohl.“
Theias Blick war auf die Kellerstufen gerichtet. Sie hatte noch einen Moment warten müssen, damit sich ihren Augen anpassten, aber nun konnte sie die steinerne Treppe betreten. Die Kanten waren von vielen Schritten abgerundet und alt. Zum Glück waren sie nicht feucht, sonst hätte sie auf ihnen ausrutschen können. Es gab zwar einst einen Handlauf, aber auch der lag zerbrochen mit einigen kleinen Zweigen am Fuß der Treppe. Als sie unten ankam bemerkte sie auch wie niedrig der Raum war. Die Männer konnten hier kaum aufrecht stehen, aber es war deutlich kühler und die Dunkelheit war fast ...angenehm. Einen winzigen Moment lang fühlte sie etwas, dass sie unmöglich nicht mit diesem Ort verbinden konnte...
Geborgenheit?
Sie blinzelte. Dann wurde ihr Blick klar und richtete sich auf die vor ihr liegende Wahrheit. Da war ein Geräusch in ihren Ohren. Ein Summen und Rauschen und Metall rasselte. Eisen schabte über Stein. Der Geruch von Gefangenschaft, Blut und Schmutz drang ihr entgegen. Und dort saß er. Halbnackt, in schwere Ketten gelegt. Rhaev. Und der grausame Scherz daran war für einen Moment so ungeheuerlich, dass Theia ihn schlichtweg nicht begreifen konnte. Theia stand ihrem Retter nun ein weiteres Mal gegenüber. Alt genug, um zu wissen, was die Bruderschaft von ihr erwartete. Alt genug, um zu begreifen, dass das Licht, dem sie diente, von ihr verlangte, jenen Mörder zur Hinrichtung zu begleiten, der sie einst durch die Dunkelheit getragen, sie im Arm gehalten und ernährt hatte. Ein Bild stieg in ihr auf. Flammen umrandeten ihre Sicht und inmitten des rot goldenen Leuchtens, da stand er. ER hatte sie unter dem Tisch entdeckt und etwas gesehen...
Genau der gleiche Blick traf sie nun unvermittelt.
Rhaev.
Kein Wort des Erkennens kam über seine Lippen, aber dieser Blick sprach in ihrer Seele.
Ich kenne dich.
Sie musste seine Gedanken nicht hören um es zu wissen. Er stand dort, von Rauch und Flammen umgeben, und wandte ihr den Kopf zu, langsam, als hätte er alle Zeit der Welt. Mara konnte kaum atmen, als sein Blick sie unter dem Tisch fand. Ein Arm legte sich um ihren Körper. Der harte Rand einer Rüstung an ihrer Wange. Der Geruch von Metall, Leder, Blut und kalter, klarer Nachtluft. Sie zitterte, vielleicht weinte sie sogar – ihr Mund war voller Asche. Alles kam mit einem einzelnen Herzschlag wieder hoch. Rhaev sprach nicht, er sah sie nur an. Nicht in jener Nacht und auch nicht in den Tagen danach, auch jetzt nicht. Er war nicht sanft. Er erklärte nichts, entschuldigte nichts. Er sagte ihr nichts. Verriet ihr nicht, warum er ausgerechnet sie gerettet hatte. Aber er ließ sie nicht frieren. Er gab ihr Wasser. Er teilte sein Essen mit ihr, trockenes Brot, dünne Brühe, etwas, das stark nach Kräutern schmeckte und ihren Magen beruhigte. Es war als könne sie die Kräuter jetzt riechen. Wenn sie vor Erschöpfung vom Pferd zu rutschen drohte, hielt er sie fest. Wenn sie nachts aus Albträumen hochfuhr, schreiend und blind vor Panik, war er da – mit einem Mantel um ihre Schultern, mit einem Arm, der sie daran hinderte, blindlings in die Dunkelheit zu stolpern, mit einer rauen, dunklen Stimme, die ihr befahl, ihn anzusehen, Luft zu holen, zu atmen. Sie hasste ihn. Sie fürchtete ihn. Da waren die Nächte unter freiem Himmel, in denen sie so nah bei ihm lag, wie sie es ertrug, ohne zu frieren. Rhaev verschwand wortlos aus ihrem Leben. In Maras Erinnerung war vor allem eines zurück geblieben: dass sie sich noch einmal nach ihm umgedreht hatte und nach ihm rief, dass sie weinte, weil er sie zurückließ. Diese Wahrheit war eine der grausamsten in Theias Erinnerung.
„Rhaev.“
Hatte sie das gerade laut ausgesprochen? Erschrocken über ihre eigene Stimme kam sie zurück in das Hier und Jetzt. Ihr Blick war aber immernoch auf ihn gerichtet, auch wenn ihre Sicht verschwommen war. Immer noch drangen unaufhaltsam Informationen in ihren gequälten Geist. Er sah so schrecklich aus!
Blut lief ihm aus dem linken Auge über die Wange. Die Braue darüber war fast zwei fingerbreit aufgerissen und das Oberlied furchtbar angeschwollen. Seine gebrochene Nase blutete sehr stark, so dass seine nackte Brust in der Dunkelheit feucht schimmerte und seine Lippen waren aufgeplatzt. Über seiner rechten Schläfe hatte er eine große Beule die seinen Schädel merkwürdig unförmig aussehen ließ. Das alles schien ihn aber weniger zu stören. Er kauerte in einer unwürdigen Position am Boden, stützte seinen Ellenbogen ab, damit sein Rücken weder Wand noch den Boden berührte. Es brauchte nur zwei Schritte und Theia sah warum. Unterhalb des Schulterblatts und dort wo sich die Muskeln seitlich am Rumpf gleich einer Säge ineinander verzahnten, dort waren zwei klaffende Wunden und zollte von dem „Glück“ was er gehabt hatte, als vermutlich ein Bolzen oder scharfer Pfeil ihn am Rücken gestreift hatte, ein und wieder ausgetreten war und dort das Fleisch zerrissen hatte. Ein kleines Stück heller Knochen schimmerte in der Tiefe der Austrittswunde und ließ ihren Atem stocken. Er war von hinten erschossen worden, wie sie das Gespräch belauscht hatte und der Bolzen war von seinen Rippen abgeglitten, bevor er zwischen den seitlichen Muskeln wieder ausgetreten war. Etwas... etwas störte sie aber an dem Winkel. Er kam zu sehr von oben, oder? Woran sich der Geist so aufhängt, wenn er unter Stress steht. Dann ließ ein einziges kratzendes, fast tonloses Wort von ihm ihre Welt still stehen.
„Mara.“

Re: Aufbruch nach Norden

Verfasst: Montag 20. Juli 2026, 19:52
von Theia Talfaern
Klar und herrlich kühl plätscherte das Nass des Baches zu Theias Füßen, wo es sich in flachen Wirbeln an den hellen Steinen, den Wurzeln und den schmalen Gräsern brach, einen angenehmen Geruch nach feuchter Erde mit sich tragend. Eine friedliche Rast, hätte man denken können. Notwendig, nicht nur für die Reiter ihres Trupps, denn auch Nioma senkte dankbar den Kopf, als Theia sie ans Ufer führte, damit sie dort mit tiefen, gleichmäßigen Zügen trinken konnte. Theia summte bestätigend, ließ ihre Hand an dem warmen Hals der Stute liegen, dort, wo unter dem kurzem Fell die kräftigen Muskeln spürbar wurden. Einen Moment lang still in sich hinein lächelnd. Der Ritt hatte Nioma nicht erschöpft. Im Gegenteil. Theia hatte unter sich gespürt, wie sehr die Stute es genossen hatte, laufen zu dürfen; die gestreckten, kraftvollen Bewegungen, das Arbeiten der Muskeln, das leichte Schäumen am Gebiss und jener wachen Freude in jedem Schritt, wenn die Zügel ihr genügend Raum ließen. „Nicht zu gierig ...“, murmelte Theia dennoch leise, mehr aus Gewohnheit als aus wirklicher Sorge, und strich Nioma mit den Fingern über die Mähne. Erst danach hob sie den Kopf, um sich umzusehen.
Die Männer nutzten die Rast allesamt auf ihre Weise. Ihre Rüstungen mussten die zunehmende Hitze des Tages schier erbarmungslos machen, und obwohl keiner der vier Ritter offen klagte, sah Theia doch genug, um zu wissen, dass sie darunter litten. Ritter Pablo kniete am Bach und schöpfte sich Wasser ins Gesicht, das über seine sonnengebräunte Haut und in den gepflegten Spitzbart rann. Seine schiefe Nase vermutlich ein Zeichen alter Gewalt, das Theia bereits zuvor aufgefallen war. Auch Ritter Elias hatte sich die blonden Locken aus der Stirn gestrichen und benetzte sich den Nacken, während Ritter Matteo, der Theias Empfinden nach schier zu groß für jede gewöhnliche Bewegung erschien, sich nun ebenfalls zum Wasser hinabbeugte. So deutlich spannten sich die Muskeln an seinem Hals, seinen Händen, dass Theia unwillkürlich den Blick wieder abwandte. Johan, wie sie entdeckte, blieb hingegen ein wenig länger stehen, ehe er sich selbst einen Schluck Wasser genehmigte. Seine hellblauen Augen wanderten zuerst über die Umgebung, über Weg, Böschung und Baumgrenze, bevor er sich die Rast zu erlauben schien. Ja, sie waren eine Gemeinschaft, diese Männer. Nicht unbedingt eine übermäßig freundliche, wie Theia feststellte, wohl aber eine geübte. Ihre Bewegungen griffen ineinander, ohne dass viele Worte nötig gewesen wären. Einer achtete auf die Pferde, einer auf die Straße, einer lockerte schweigend irgendeinen Riemen, während der andere den Wasserschlauch an ihn weiterreichte. Theia stand nicht außerhalb davon, nicht ganz. Sie war Teil dieses Trosses, dieses Auftrags, dennoch spürte sie deutlich, dass ihre Gegenwart eine gänzlich andere war. Sie trug kein Schwert, kein Eisen, das mit derselben Selbstverständlichkeit an ihrer Seite hing wie ein verlängertes Glied. Ihre Hände waren für andere Dinge bestimmt. Für Verbände, für Versorgung und Gebete, falls nötig. Wach und vernehmungsfähig. Der Satz lag ihr bereits im Sinn, noch ehe Bruder Calven ihn erneut hätte aussprechen können.
Theia bemerkte sein Herantreten. Der Stoff seiner Kutte raschelte leise, und sein langer Ärmel bewegte sich in kleinen, ungeduldigen Bewegungen, mit denen er sich Luft zufächelte. Allerdings war es wohl nicht die Hitze allein, die ihn angespannt wirken ließ. Theia kannte Bruder Calven lange genug, um die kleinen Unterschiede zu bemerken. Seine Strenge war ihr vertraut, seine scharfe Zunge ebenso. Auch seine Ungeduld war nichts Neues. Aber diese Fahrigkeit an ihm, dieses unstete Suchen seines Blickes, der nicht bei ihr blieb, sondern immer wieder über Weg, Baumlinien und Horizont glitt — das passte nicht ganz zu ihm. Dunkle Schatten lagen unter seinen wässrig blaugrauen Augen. Nicht nur Müdigkeit, dachte Theia, und verbot sie sich den Gedanken beinahe im selben Atemzug wieder. „Du wirst den Gefangenen versorgen, sobald wir eintreffen.“ Theia nickte. „Natürlich, Bruder Calven.“
Er sah ihr beim Sprechen kaum ins Gesicht. Auch das fiel ihr auf. Es hätte ihr nicht auffallen sollen. Oder vielmehr: Es hätte keine Bedeutung haben sollen. Bruder Calven war nicht verpflichtet, ihr seine volle Aufmerksamkeit zu schenken, wenn er ihr einen Befehl erteilte. Er war ihr Lehrer, ihr geistlicher Führer, eine Stimme der Ordnung in dieser Welt, die, wie er oft genug zu sagen pflegte, ohne Ordnung sofort zu Schwäche, Zweifel und Irrtum neigte. Wenn seine Gedanken bereits beim Ziel lagen, dann war das sein gutes Recht. Und dennoch. „Er muss wach und vernehmungsfähig sein, wenn wir ihn übernehmen. Das ist deine Aufgabe.“
Theia blinzelte. Einen flüchtigen Moment lang betrachtete sie die steile Falte zwischen seinen Brauen, seinen angespannten Kiefer, den Glanz von Schweiß an seinen Schläfen. Er wiederholte sich? Theia unterdrückte den Impuls, die Stirn zu runzeln. Bruder Calven wiederholte sich niemals, schon gar nicht aus Nachlässigkeit. Unwillkürlich dachte sie an die vergangene Nacht zurück. An die Dunkelheit im Anwesen, in der sie so lange wachgelegen hatte, die Hände über der Decke gefaltet, weil ihre eigenen Gedanken eine ganze Weile lang zu laut gewesen waren, um Schlaf zuzulassen. Sie hatte Schritte gehört. Leise, aber doch. Jemand war zu später Stunde im Anwesen unterwegs gewesen. Später, als es für gewöhnliche Pflichten passend gewesen wäre. War er es gewesen? Bruder Calven? Theia spürte, wie sie den Rücken durchdrückte, um sich zu besinnen. Diese Frage stand ihr nicht zu. Nicht jetzt. Vielleicht überhaupt nicht. Sie war hier, weil Vikram es so angeordnet hatte. Sie war hier, weil Bruder Calven sie führte. Ihre Aufgabe war klar, alles andere nur unnötige Grübelei. Also senkte sie schlussendlich den Blick gerade weit genug, um Gehorsam erkennen zu lassen. „Ja, Bruder Calven“, sagte sie, diesmal leiser als zuvor, aber immer noch fest genug. Auch diese Antwort schien Bruder Calven kaum wirklich aufzunehmen. Sein Blick war bereits wieder weitergewandert, hinaus über den Bachlauf, über die flimmernde Luft, über den Weg, der sie nach Norden führen würde. Dann drehte er sich ab, so abrupt, als hätte ihn ein anderer Gedanke plötzlich angestoßen, und kehrte zu seinem Pferd zurück. Theia blieb noch einen Atemzug stehen, während Nioma bereits den Kopf hob, um ihr das tropfende Maul zuzuwenden. Dann atmete sie langsam ein. Wenn Bruder Calven irgendetwas beschäftigte, hatte es vermutlich seine Gründe. Und wenn er ihr diese Gründe nicht nannte, dann waren sie schlichtweg nicht für ihre Ohren bestimmt. Zweifel war kein Werkzeug, das man ihr in die Hand gegeben hatte. Urteil ebenso wenig. Was ihr zustand, war die Pflicht. Und was sie kontrollieren konnte, war das, was besagte Pflicht betraf – ihre Hände, ihr Atem, ihr Beutel, ihre Aufmerksamkeit. Somit prüfte Theia, was sie ohnehin bereits geprüft hatte. Den Inhalt ihrer Satteltaschen. Leinentücher. Verbandsstreifen. Saubere Nadeln. Faden. Salbe. Kräuter. Wasser. Ein kleines Stück grober Seife. Alles an seinem Platz. Alles in Ordnung. Und als sie den Heilerbeutel wieder schloss, war ihre Miene erneut gesittet und ruhig.
In dem Moment, in dem sie ihr Ziel erreichten, hatte die Sonne längst ihren höchsten Stand gefunden. Die Hauptstraße lag inzwischen hinter ihnen, ebenso wie der offene Blick über die Felder. Kurz bevor sich in der Ferne die ersten Dachspitzen und Befestigungen hätten zeigen können, hatte Bruder Calven den Trupp auf einen schmaleren Pfad geführt, der sich zwischen Bäumen hindurchwand. Der Wechsel war sofort spürbar. Das Licht brach hier nicht mehr offen und hell über sie herein, sondern fiel in schmalen, flirrenden Bahnen durch die Kronen. Selbst die Luft war kühler, dichter, durchzogen vom süßen Geruch frischen Harzes und jener dunklen, feuchten Erde, die selbst an heißen Tagen die Erinnerung an Regen zu bewahren schien. Theia bemerkte auch den Augenblick, in dem die Stute unter ihr auf einmal aufmerksamer wurde. Erst war es nur ein Spiel der Ohren. Ein kurzes Zucken nach vorn, dann zur Seite, dann wieder nach vorn. Niomas Schritte blieben ruhig, aber ihre Aufmerksamkeit veränderte sich deutlich, wurde gespannter, wacher. Auch Theia hob den Blick.
Zuerst hörte sie ... Sie wusste nicht, was. Dumpf. Schläge? Ein Keuchen? Dann sah sie das Haus.
Windschief stand es auf einer Lichtung, müde, scheinbar in sich selbst zurückgelehnt, als hätte es vergessen, endgültig einzustürzen. Der untere Teil aus massiven Feldsteinen gemauert, darüber dicke, verwitterte Stämme, dunkel geworden von Zeit, Regen und Vernachlässigung. Sogar das hölzerne Schindeldach hing an einer Seite beschädigt herab; daneben lagen noch Reste eines gefallenen Baumes, halb zur Seite geschafft, halb von Moos, Gras und niedrigen Pflanzen zurückerobert. Früher einmal hätte es ein Zuhause gewesen sein können, ein einfaches vielleicht, ein raues, abgelegenes, aber dennoch eines, in dem irgendjemand einmal Feuer geschürt, Wasser geholt und Holz gestapelt hatte. Jetzt allerdings schien es nur noch ein Ort zu sein, den kaum jemand zufällig finden würde. Theia festigte den Griff um die Zügel. Im verwilderten Vorgarten standen drei Pferde, locker an die Überreste des gefallenen Baumes gebunden, gemächlich an Moos und niedrigen Gräsern rupfend, und dahinter – ein kleiner Wagen, geschlossen, niedrig, kaum mehr als eine grobe Kiste auf zwei Rädern, mit Deichseln, die man an ein Pferd hängen konnte. Theias Blick blieb daran hängen. Ob diese Kiste nicht zu klein wäre um–? Sie hatte keine Zeit, den Gedanken ordentlich zu Ende zu bringen. Erneut waren da diese ... Geräusche, dieser dumpfer Lärm, der kaum wahrnehmbar nach außen drang. Als Bruder Calven den Arm hob, hielt der Tross.
Zusammen mit Johan blieb Theia wie geheißen bei den Pferden zurück, woraufhin sie stieg abstieg, um zunächst Niomas Zügel an den Rest des verwitterten Holzzauns anzubinden, ehe sie auch die anderen Tiere geduldig zur Seite führte. Ihre Hand blieb an dem letzten Lederknoten liegen, den sie geknüpft hatte, prüfte ihn ein zweites Mal, dann ein drittes, obgleich er hielt. Dann erst trat Theia einen halben Schritt zurück. Stimmen drangen derweil aus dem Haus. Gedämpft durch Wände und Holz, aber nicht unverständlich.
„…die Leute, die ihn abholen sollen? Wo ist unser Geld?“
Theia hob den Blick. Bruder Calvens Stimme antwortete darauf, kontrolliert und scharf genug, dass selbst durch die Entfernung etwas von seiner gereizten Ungeduld hindurchschnitt. Lysanthors Segen, hörte sie. Entlohnung. Vergebung. Sünden. Irgendwann fiel noch ein anderes Wort. Eines, bei dem Theia unwillkürlich zusammenzuckte. Nicht merklich. Nicht so, dass Johan es hätte bemerken müssen, aber das Wort war ... Es klang hässlich aus diesem Mund, der es ausspuckte. Gierig. Grob. Vollkommen frei von jedweder Ehrfurcht. Und diese Männer ... Theia kam nicht umhin, bereits anhand des Gesprochenen zu bemerken, dass sie nicht wie Menschen klangen, die im Dienst der heiligen Inquisition dienten, nicht so, als würden sie einen Gefangenen übergeben, damit Recht gesprochen werden konnte. Nein, im Grunde klangen diese Stimmen nicht einmal nach Männer, die verstanden, dass Schuld und Strafe überhaupt Gewicht besaßen. Sie klangen, als lieferten sie Ware ab. Ärgerliche Ware. Beschädigte Ware vielleicht, und ... Theias Magen zog sich zusammen, ihr Blick wandte sich mit einem Mal vom Haus ab, glitt stattdessen zurück zu dem kleinen Wagen. Zu den Rädern. Zu der geschlossenen Kiste. Hände zur Pflicht. Sie atmete langsam ein. Blick zur Wahrheit. Sie atmete aus. Herz zur Standhaftigkeit. Dann schwang die Tür auf. Und Theia wurde still. Nacheinander blickte sie in die ungewaschenen Gesichter, die ihr entgegen kamen, jeden einzelnen Blick erwidernd, während ein klebrig-kühler Schauer um den nächsten über ihren Nacken kroch und sich zugleich etwas Kaltes, Stacheliges um ihre Rippen legte. Eine klare, scharfe Erkenntnis formte sich in ihr heran, so deutlich, dass sie keinen weiteren Gedanken daran würde verschwenden müssen. Diesen Männern sollte sie niemals allein begegnen. Nie. Dennoch weigerte sie sich, den Blick zu denken. Das war vielleicht das Einzige, was sie in diesem Moment wirklich kontrollieren konnte. Sie wich nicht zurück, machte sich nicht kleiner, hob aber auch nicht herausfordernd das Kinn. Sie stand einfach da, gerade, still, die Hände ordentlich vor ihrem Körper gehalten, als wäre ihr nicht bewusst, wie insbesondere dieser zweite Mann sie ansah. Als hätte sein Blick keine Stelle in ihr gefunden, die vor ihm zurückweichen, sich vor ihm verschließen, am liebsten klitzeklein zusammenrollen wollte.
Erst, als der Dritte die beiden weiter stieß, wagte Theia, weiterzuatmen. Es war ausgerechnet dieser, der die wacheren Augen besaß. Nicht freundlicher, nicht besser, nur wacher. Sein Blick glitt über Theia hinweg, an ihr vorbei, und tatsächlich bemerkte sie erst da den Ritter, der sich ihr in den Rücken gestellt hatte. Johan, dessen Hand schwer und ruhig auf dem Heft seines Schwertes lag. Theia sagte nichts, hielt nur den Rücken gerade, stocksteif geradezu, sodass die Haltung sie beinahe schmerzte, während sie beobachtete, wie die drei Männer auf ihre Pferde stiegen. Leder knarrte, Hufe scharrten, dann ritten sie auch schon davon, schneller, als sie gekommen waren, zwischen die Bäume zurück, hinaus aus der Lichtung. Das widerwärtige Gefühl jedoch, das sie hinterließen, blieb. Theia stand noch immer kerzengerade, als Bruder Calvens Stimme nach ihr rief. Ein scharfer, kurzer Laut — und Theia setzte sich in Bewegung, noch ehe sie bewusst darüber nachdenken konnte. Gehorsam hatte manchmal etwas Tröstliches. Er nahm einem für einen Augenblick die Entscheidung ab, was man tun, wohin die Füße gehen mussten. Trotzdem klopfte ihr Puls ungewöhnlich schnell.
Als Theia über die Schwelle des windschiefen Hauses trat, widmete sie dessen Innerem nur einen kurzen, knappen Blick. Mehr erlaubte sie sich nicht. Der Raum war stickig, vom Tag erwärmt. Dort, wo einst eine Wand gewesen sein musste, lagen Geröll, gesplittertes Holz und vom Wind hereingetragene Blätter auf dem Boden. Zerrissene Vorhänge bewegten sich träge vor einem offenen, möglicherweise längst zerbrochenen Fenster, löchrig und verblichen wie die letzten Reste eines Lebens, das hier einmal stattgefunden hatte. Dann fand ihr Blick die Luke im Boden. Lose. Zur Seite geschoben. Dahinter warteten Stufen. „Der Gefangene ist dort unten“, sagte Bruder Calven. „Versorge ihn, damit wir ihn transportieren können.“ Theia nickte nur, denn ihr Blick galt immer noch der den Stufen. Alt, schmal und abwärtsführend in ein Dunkel. Kurz presste sie die Lippen kurz aufeinander, kaum sichtbar, dann hob sie den Saum ihrer Gewandung zumindest so weit an, dass er ihr nicht unter die Schuhe geraten konnte, und setzte die ersten Schritte vorsichtig hinab. Die Luft wurde kühler, und vermutlich ... Es hätte unangenehm sein sollen. Ein Keller unter einer verfallenden Ruine, verborgen vor Sonne und Wind, zu niedrig gebaut für große Männer, zu dunkel, zu eng. Für den Bruchteil eines Atemzugs jedoch lag beinahe etwas Wohliges in diesem Abstieg. Die Hitze des Tages blieb über ihr zurück. Das grelle Licht, die staubige Straße, die Stimmen, die Blicke. Hier unten legte sich Dunkelheit über ihre Schultern wie ein schwerer, tröstlicher Mantel. Theia blinzelte irritiert unter dem Hauch Geborgenheit, den sie empfand. Gleich darauf allerdings traf sie auch schon der Geruch – Blut. Schmutz. Schweiß. Gefangenschaft. Darunter feuchte Erde und kühler, alter Stein.
Theia hob die Hand, hoch genug, dass das schwache, goldene Glimmen in ihrer Handfläche einen Teil der Finsternis weichen ließ. Ihr Licht, kaum heller als eine Kerze hinter dünnem Stoff verborgen, reichte aus, um Steine, Ketten und Schatten voneinander zu lösen. Zunächst ging ihr Atem noch ruhig, weil sie ihn dazu zwang. Dann allerdings fanden ihre Augen den Gefangenen.
Einen schier ewig andauernden Moment lang verstand Theia nicht, was sie sah.
Da waren zu viele Eindrücke auf einmal; ein Körper im Halbdunkel, halbnackt, in schwere Ketten gelegt, in einer Haltung, die nichts von Würde übrig ließ. Blutspuren, frisch, hellrot, aber auch altschwarz verklebt, zierte die dunkle Haut. Ein Gesicht zeichnete sich aus den Schatten heraus. Theia sah zuerst die angeschwollene Braue, die aufgeplatzte Lippen. Dann das wirre, schwarze Haar. Scharfe Gesichtslinien, selbst unter Blut und Dreck und Schmerz von eigentümlicher Schönheit.
Theias Hand erstarrte, alles an ihr erstarrte.
Das schwache Licht in ihrer Handfläche flackerte.
Das war ...
Vor lauter Schreck erlosch das Licht in ihrer Hand.
Schlagartig, als hätte Theia eine Flamme erstickt.
Dunkelheit schlug über dem Keller zusammen – schwarz, kühl, vollkommen - und Theia wich zurück, so heftig und unkontrolliert, dass ihr Rücken gegen die feuchte Steinwand stieß. Sie hielt die Luft an, starrte in die Finsternis. Einen Augenblick lang gab es nichts anderes mehr. Keinen Keller. Keine Ketten. Keine Bruderschaft. Keine Stufen neben ihr, keinen Bruder Calven über ihr, keinen Auftrag. Nur Dunkelheit und das Wissen, dass dort vor ihr etwas saß, das unmöglich dort sitzen konnte.
Etwas.
Jemand.
Ihre Augen gewöhnten sich an die kühle Schwärze. Langsam wurden aus dem Nichts Kanten. Dann Umrisse. Stein. Boden. Eisen. Ein Körper, ein gesenkter Kopf. Haare, lang und wirr, aber dunkel genug, um sie auch ohne Licht in der Finsternis erkennen zu können. Dann dieses Gesicht, zwischen schwarzen Strähnen hindurch, das Blut und Schatten zugleich trug. Rhaev. Sein Name löste sich in ihr, bevor sie begreifen konnte, dass sie ihn tatsächlich erkannte. Bevor sie verstand, dass seine Gestalt kein grausamer Irrtum ihrer Erinnerung war. Theia hörte ihre eigenen Gedanken nicht mehr. Hörte überhaupt nichts mehr außer einem dumpfen Dröhnen, das in ihrem Schädel anschwoll, in ihren Ohren hämmerte, ihr den Raum nahm, als wäre der niedrige Keller plötzlich noch enger geworden.
Hatte sie seinen Namen laut ausgesprochen?
Sie wusste es nicht.
Kein Sauerstoff gelang in ihre Lunge. Sie atmete nicht. Viel zu lange atmete sie nicht. Ihr Körper vergaß es einfach.
Erst seine Stimme brachte die Luft zurück.
Ein einziges Wort.
„Mara.“
Theia schnappte nach Atem.
Der Laut, der aus ihr herausbrach, war klein, erschrocken und fremd.
Und mit dem Atem kam alles andere.
Nicht nacheinander. Nicht geordnet. Es brach in sie hinein wie ein Rammbock gegen eine verriegelte Tür. Flammen. Rauch. Der Geschmack von Asche in ihrem Mund. Schreie, zu viele Schreie. Holz, das knackte und ächzte. Donnernde Hufen. Blut auf den Dielen. Der harte Rand einer Rüstung an ihrer Wange. Die eisig kalte Nachtluft in ihrer Kehle, die von der Hitze des Rauchs und dem Weinen ganz wund war. Eine dunkle Stimme, die ihr befahl zu atmen, genau in jenem Ton, der damals verhindert hatte, dass sie in die Dunkelheit davonlief.
Theia spürte mehr, als dass sie begriff, wie alles Blut aus ihrem Gesicht wich.
Dann drehte sich ihr Magen.
Sie wandte sich zur Seite, ihre Hände schlugen gegen die feuchte Mauer, ihre Finger spreizten sich auf altem Stein, während sie würgte. Krampfhaft, rau, aber leer. Ihr Körper bäumte sich gegen etwas auf, das nicht heraus konnte. Nichts kam. Ihr Magen gab nichts her.
Eine ganze Weile blieb Theia so stehen, gekrümmt, halb abgestützt an der Wand, die Stirn beinahe gegen den kühlen Stein gesenkt. Ihr Atem kam in flachen, abgerissenen Stößen. Zu schnell. Viel zu schnell.
Sie presste die Augen zusammen.
Einatmen.
Ausatmen.
Einatmen.
Ausatmen.
Nicht zu tief. Nicht zu flach.
Noch einmal.
Theia zwang Luft in ihre Lunge, zwang sie wieder hinaus, zwang ihren Körper zurück in etwas, das zumindest entfernt genug an Ruhe erinnerte. Ihr Puls raste überall zugleich. Unter ihrer Haut. In ihrem Hals. An ihren Handgelenken. Hinter ihren Augen und an den Rändern ihres Blickfelds. So viele Dinge empfand sie auf einmal, dass sie zusammengenommen nichts ergaben. Eine Taubheit, eine plötzliche Abwesenheit von allem. Eine Leere, die nicht wirklich leer war, sondern überfüllt, sodass nichts mehr darin Gestalt annehmen konnte.
Es gab nur einen Weg, dieses Chaos zu besänftigen.
Konzentration. Ordnung.
Theia biss fest die Zähne zusammen. Sie brauchte noch einige Atemzüge lang, doch die eiserne Starre ihres Kiefers sollte das Erste sein, das wieder ihr gehörte. Es folgten ihre Schultern. Dann ihre Händen, die sie langsam von der Wand löste. Sie richtete sich auf, noch immer schrecklich blass, aber wenigstens wieder aufrecht. Wieder gerade. Schließlich, als sie sich Rhaev erneut zuwandte, fühlte es sich seltsam entrückt an, wie sie ihn betrachtete. Fast, als sehe sie ihn nicht mehr mit ihren eigenen Augen. Dort saß er. Der Dunkelelf. Der Gefangene. Der Mann, der sie einst durch die Dunkelheit getragen hatte. Der Mann, den die Bruderschaft wach und vernehmungsfähig haben wollte. Theia sprach nicht, kein einziges Wort kam über ihre Lippen, als sie auf ihn zutrat. Ihre Schritte waren langsam, immer noch wackelig, aber nicht länger zögerlich. Sie hielt Abstand, gerade genug, um ihn nicht berühren zu müssen, noch nicht, noch nicht sofort. Stattdessen heftete sich ihr Blick an die einzelnen Wunden, eine nach der anderen, als könne sie sich selbst daran entlang aus dem Abgrund ziehen. Kopfverletzung. Beule an der Schläfe. Aufgerissene Braue. Stark angeschwollenes Lid. Gebrochene Nase, anhaltende Blutung. Fleischwunden am Rücken und am seitlichen Rumpf. Tief. Zerrissen. Verschmutzt. Verdacht auf Bolzenverletzung. Sichtbarer Knochen. Transportfähigkeit fraglich. Diesmal sah sie ihn an, ohne wirklich ihn zu sehen, nicht Rhaev. Noch nicht. Sie sah sein Zustandsbild, zwang tatsächlich jedes bisschen Aufmerksamkeit, das sich noch nicht in ihrer grausamen Erinnerung an Rauch und Feuer aufgelöst hatte, auf das, was vor ihr lag. Auf das, was man prüfen konnte. Was versorgt werden musste. Was sich benennen ließ.
Dann drehte Theia sich um, trat ohne ein weiteres Wort die Treppe wieder hinauf. Ihre Schritte vorsichtig, weil die Stufen alt waren, aber doch beinahe blindlings gesteuert, als bewege sie sich nicht selbst. Als werde sie von etwas geführt, das tiefer saß als ihr eigenes Bewusstsein. Oben trat sie dann geradewegs auf Bruder Calven zu. Automatisch. Pflichtbewusst. Ihre Hände waren kalt, aber ihre Stimme ruhig und geordnet. „Bruder Calven.“ Sie blieb vor ihm stehen, den Blick gehoben, auch wenn sie fürchtete, dass ihr Gesicht immer noch zu viel von dem Aufruhr verriet, der in ihr getobt hatte. Also hielt sie sich an die Worte. An Fakten. An das, was kein Zittern kannte, wenn man es nur knapp genug formulierte. Ganz genau so, wie sie es im Kottenhaus gelernt hatte. „Der Gefangene hat eine Kopfverletzung, seine Schläfe zeigt eine deutliche Schwellung, auch die Braue ist tief aufgerissen, das linke Auge zudem stark geschwollen. Die Nase scheint gebrochen und blutet weiterhin.“ Ihre Stimme war leise, aber klar. „Außerdem weist er zwei schwere Fleischwunden am Rücken und seitlichen Rumpf auf. Vermutlich durch einen Bolzen oder Pfeil verursacht. Die Wunden sind tief und verschmutzt. In einer davon ist Knochen sichtbar.“ Sie schluckte, dann fuhr sie fort: „Wenn möglich benötige ich heißes Wasser. Sauberes. Außerdem brauche ich Zeit, um die Blutungen zu versorgen und seinen Zustand zu beobachten. Besonders wegen der Kopfverletzung.“ Einen Moment lang hielt Theia inne. „Wenn sein Bewusstsein eintrübt, während er in den Wagen gesperrt wird, bemerken wir es womöglich zu spät. Ich halte es für unklug, ihn sofort abzutransportieren.“ Unklug. Nicht falsch. Es lag nicht an ihr, Entscheidungen zu treffen.
„Er soll wach und vernehmungsfähig sein“, wiederholte sie, und in diesem Satz lag Bruder Calvens eigener Befehl, sauber zurückgereicht. „Das kann ich nicht gewährleisten, wenn ich ihn nicht wenigstens einige Stunden beobachtet habe.“ Ihr Herz schlug noch immer zu schnell, dennoch wartete Theia nicht länger, als der Gehorsam es verlangte. Ob Bruder Calven ihren Einwand billigte, verwarf oder nur schweigend zur Kenntnis nahm — ihre Aufgabe blieb prinzipiell dieselbe. Also wandte sie sich ab, trat hinaus zu den Pferden und öffnete mit fahrigen, aber zielgerichteten Fingern die Satteltaschen an Niomas Seite. Sie suchte zusammen, was sie benötigte, dann schloss die den Heilerbeutel fester, als nötig gewesen wäre.
Schlussendlich wandte sie sich wieder dem Haus zu.
Hinab, dachte sie, und trat dann erneut über die Schwelle, durch den stickigen Raum, an der losen Luke vorbei und die alten Stufen hinab. In ihrer Handfläche sammelte sich wieder ein schwaches, goldenes Glimmen. Diesmal flackerte es nicht. Nein, diesmal durfte es nicht flackern. Wenn Bruder Calven ihrer Einschätzung folgte, würden die Ritter Feuer machen müssen. Wasser erhitzen. Nichtsdestotrotz würde sie Rhae– ... Den Gefangenen. Den Gefangenen würde sie nun zumindest einmal erstversorgen müssen.
Wie durch Wasser, wie durch Wolken bewegte sich ihr Körper und tat dabei alles, was er tun musste. Ihre Finger hielten den Heilerbeutel. In ihrer Handfläche glomm ein sanftes, goldenes Licht, gerade hell genug, um den Weg und später die Wunden erkennen zu können. Selbst ihr Atem ging nun wieder ruhig, weil sie ihn dazu zwang. Sie sagte zunächst nichts. Worte hätten Vorbereitung verlangt, und dafür hatte Theia keine Zeit gehabt. Nicht, als sie die Satteltaschen geöffnet hatte. Nicht, als sie Leinentücher, Verbandsstreifen, Salbe, Öl, Wasser, Nadel und Faden zusammengesucht hatte. Nicht, als sie wieder über die Schwelle des Hauses getreten war. Es gab keine richtigen Wörter für diesen Augenblick. Also kniete sie in angemessenem Abstand vor dem Gefangenen nieder und begann, ihre Utensilien auf einem sauberen Tuch auszubreiten. Ordnung. Leinen links. Wasser daneben. Öl. Salbe. Faden. Weitere Tücher, falls die Blutung stärker wurde. Alles sichtbar. Alles erreichbar. Alles dort, wo es sein musste.
Erst dann hob sie den Blick.
„Ihr habt mich verwechselt.“
Der Satz kam ganz von selbst – nüchtern und streng. Und vollkommener Blödsinn.
Sie erlaubte sich nicht, darüber nachzudenken, wieso sie das behauptete.
Nicht jetzt.
„Ihr habt eine Kopfverletzung“, fuhr sie fort, und diesmal klang ihre Stimme fester. „Ihr seid dehydriert. Erschöpft. Womöglich verwirrt. Ihr kennt mich nicht.“
Theia griff nach einem angefeuchteten Tuch und rückte näher, gerade so weit, wie es notwendig war. Ihre Hand zögerte nur einen winzigen Herzschlag lang, bevor sie einiges von dem Blut, das sein Gesicht zeichnete, entfernte. Anders ging es jedoch nicht. Sie musste wissen, womit sie es zu tun hatte.
„Ich werde Euch jetzt versorgen“, sagte sie. „Und Ihr werdet mich lassen und auf meine Fragen antworten, Dunkelelf.“
Sie führte das goldene Glimmen ihrer Hand seitlich vor seine Augen, prüfte, soweit Schwellung und Halbdunkel es zuließen, ob seine Pupillen auf das Licht reagierten. Sein linkes Auge war durch die Verletzung kaum brauchbar, die geschwollene Braue verzerrte die Haut darüber – dennoch schien die Reaktion, soweit Theia sie zumindest erkennen konnte, nicht auffällig genug, um sie sofort schlimmeres befürchten zu lassen. Ein wenig später tasteten ihre Finger auch schon behutsam die Beule an seiner Schläfe ab, ohne Druck, nur mit der Vorsicht einer Heilerin, die wissen musste, wo Schwellung und Schmerz begannen. Danach betrachtete sie den Riss an der Braue genauer, seine aufgesprungenen Lippen, die gebrochene Nase, deren Blut sich bereits dunkel über Mund, Kinn und Brust gezogen hatte. Schließlich wanderte ihre Hand zu seinem Kiefer, nicht sanft, sondern prüfend, um den Winkel seines Gesichts und die Beweglichkeit zu beurteilen.
„Ist Euch schwarz vor Augen? Seht Ihr doppelt? Ist Euch übel?“ Die Fragen kamen ganz sachlich. Immerhin musste sie wissen, ob sie sich tatsächlich zuerst seinem Kopf widmen musste - oder ob sie sich in ihrer außerklinischen Aufmerksamkeit bereits der (prinzipiell leichter zu versorgenden, wenn zugleich auch wesentlich imposanteren) Wunde an seiner Körperseite zuwenden konnte.

Re: Aufbruch nach Norden

Verfasst: Dienstag 21. Juli 2026, 18:21
von Erzähler
„Mara.“
Dieses einzelne Wort erschütterte Theias Welt. Alles brach über sie herein und erstickte die Lichtmagie in ihr. Gleich einer Welle aus Asche fluteten die Erinnerungen ihre Gedanken, begrub ihre Konzentration unter dem Chaos der Vergangenheit. Das Glimmen ihrer Handfläche flackerte und erlosch, hüllte sie in Dunkelheit, als könnte sie so die Augen vor der einfachen Wahrheit verschließen. Ein tröstlicher Gedanke in all dem Chaos was in ihr wütete. Rhaev war wieder in ihr Leben getreten. Wie lange war das her, dass er sie gerettet hatte? Sechs Jahre?
Einatmen.
Ausatmen.
Nicht zu tief. Nicht zu flach.
Noch einmal.
Sie brauchte Konzentration und Ordnung.
Einatmen.
Ausatmen.
Theia biss fest die Zähne zusammen. Dort saß er. Der Dunkelelf. Der Gefangene. Die Verkörperung von all dem Schlechten, den dunkeln Einflüsterungen der Welt, der Ketzerei. Dunkelelfen glaubten an Manthala und Faldor und fraßen die Herzen kleiner Kinder, was es ihre Macht mehrte. Sie wirkten Blutmagie und verkauften ihre Seelen an Dämonen und an den Tod selbst. Nekromantie, unheilige Rituale und die Magie der Schatten waren ihnen zu eigen. Ihre Getreuen, die grausamen und brutalsten Wesen auf Celcias Weiten waren die Orks und diese fraßen sogar einander. Kannibalistische Rieten in denen sie die Kraft ihrer Opfer in sich aufnahmen und die wildesten Triebe waren ihnen zu eigen. Das Dunkle Volk bestand allesamt aus Sadisten, Mördern und Ketzern. Sie vergifteten ganze Landstriche, wenn es ihren Zielen diente, oder vielleicht auch nur aus Freude am töten. Sie nährten die Angst unter den anderen Völkern und ein Bündnis mit ihnen war wie ein Packt mit dem Harax selbst. Theia hatte im Kottenhaus einige Studenten von vergangenen Tagen flüstern gehört in denen eine Krankheit im Königreich Jorsan ausgebrochen war: Morgerias Hauch. Sie hatte sich nicht getraut tiefer nachzufragen, aber alles was aus dieser „Richtung“ kam, MUSSTE Verderben mit sich bringen. Morgeria war der Ursprung allen Übels und die Heimat der Dunkelelfen, der Moloch der Finsternis und gehörte vom Antlitz der Erde getilgt, wenn es nach der heiligen Inquisition ging. Nach ihren Lehren war alles was dort seinen Ursprung hatte böse und verderbt. So wie... Rhaev.
...
Rhaev - Der Mann, der sie einst durch die Dunkelheit getragen hatte. Der Mann, den die Bruderschaft wach und vernehmungsfähig haben wollte.
...
Theia musste sich konzentrieren um ihre Aufgabe erfüllen zu können. Eine sachliche Bestandsaufnahme würde Ordnung in ihren Geist bringen, also skizzierte sie gedanklich die Karte der Verletzungen des Patienten. Das war es was sie sah, nicht die Flammen in ihrem Geist, nicht die gemeinsame Zeit an seiner Seite. Das hier, dieses mentale schematische Bild, damit konnte sie umgehen und die gesammelten Informationen übermitteln, also drehte sie sich um und ging die Stufen wieder nach oben, wo ihr die Hitze und die Sonne ins Gesicht schlug, als wolle sie Lysanthor selbst wach rütteln. Ihr Pflichtbewusstsein übernahm und steuerte ihr Handeln. Alles andere, wie Meinungen und die Doktrin die ihr eingebläut worden waren, musste warten. Selbst die systematische Lehrmeinung, das theoretisches Prinzip, bzw. die feste politische Leitlinie, die sie verinnerlicht hatte, floss wie dampfender Teer durch ihre Venen und Gedanken und rückten in den Hintergrund. Die Dogmen erhoben Anspruch auf allgemeine Gültigkeit und dienten der heiligen Institution, bzw. der ganzen Ideologie des Lysanthor-Glaubens als verbindliche Handlungsanweisung, entbanden Individuen von Verantwortung und Kreativität in der Auslegung. Es war einfacher zu gehorchen, zu funktionieren im Angesicht des Lichtbringers. So konnte Theia ihre inneren Flammen zurück drängen, denn ihre eigenen Erinnerungen mussten schweigen, damit sie sprechen konnte:
„Bruder Calven.“
Sie blieb vor ihm stehen und erstattete Bericht. Kurz und knapp, genau so, wie sie es im Kottenhaus gelernt hatte. Vielleicht klang sie etwas mechanisch:
„Der Gefangene hat eine Kopfverletzung, seine Schläfe zeigt eine deutliche Schwellung, auch die Braue ist tief aufgerissen, das linke Auge zudem stark geschwollen. Die Nase scheint gebrochen und blutet weiterhin. Außerdem weist er zwei schwere Fleischwunden am Rücken und seitlichen Rumpf auf. Vermutlich durch einen Bolzen oder Pfeil verursacht. Die Wunden sind tief und verschmutzt. In einer davon ist Knochen sichtbar. Wenn möglich benötige ich heißes Wasser. Sauberes. Außerdem brauche ich Zeit, um die Blutungen zu versorgen und seinen Zustand zu beobachten. Besonders wegen der Kopfverletzung.“
Einen Moment lang hielt Theia inne. Sie musste die Folgen der Verletzungen mit dem Auftrag abgleichen und in Verbindungen bringen. Es gab zu hohe Risiken.
„Wenn sein Bewusstsein eintrübt, während er in den Wagen gesperrt wird, bemerken wir es womöglich zu spät. Ich halte es für unklug, ihn sofort abzutransportieren.“
Sie wählte ihre Worte gut, denn Bruder Calven durfte sich nicht kritisiert fühlen.
„Er soll wach und vernehmungsfähig sein“
, wiederholte sie, und in diesem Satz lag Bruder Calvens eigener Befehl, sauber zurückgereicht. Sein Blick verriet, dass er mit der Gesamtsituation eher unzufrieden war. Theia wusste, in dieser Stimmung fielen so manches mal seine Worte zu scharf aus und er neigte dann zu harten Strafen und den männlichen Novizen gegenüber sogar zur Geißelung. Bisher war sie dieser Art von Strafe entgangen. Seine eigenen Worte zu verwenden war schlau und auch wenn sein Kinn zitterte, so ließ er sie ohne Unterbrechung weiter sprechen.
„Das kann ich nicht gewährleisten, wenn ich ihn nicht wenigstens einige Stunden beobachtet habe.“
Er atmete tief durch und schien sie nachdenklich zu mustern. Dann legte er zu ihrem Erstaunen eine Hand auf die Schulter, eine Geste des Vertrauens, die er nur sehr selten verteilte:
„Du wirkst erschüttert. Das kann ich verstehen.“
Wahrscheinlich hatte er ihre Blässe bemerkt und deutete sie ein bisschen anders als es den Tatsachen entsprach. Er knirschte mit den Zähnen und fuhr fort:
„Hab keine Furcht und Vertrauen in unseren Herrn. Sein Licht wird dich leiten und dir Stärke im Angesicht des Feindes offenbaren. Nicht jede unschuldige Seele verkraftet den Anblick des Übels in den Augen eines Ketzers. Seine Dunkelheit darf dich nicht berühren! Hab kein Mitleid! Vollbringe deine Aufgabe mit Würde, Strenge und sprich nur das nötigste. Der Feind hat immer Hintergedanken!“
, waren seine mahnenden Worte die er der Novizin mit auf den Weg gab. Dann wandte er sich ab und befahl Elias Wasser abzukochen und eine Öllampe nach unten zu bringen. Theia trat hinaus zu den Pferden und öffnete mit fahrigen, aber zielgerichteten Fingern die Satteltaschen an Niomas Seite. Das Tier spürte ihre Gemütslage und legte die Ohren an. Sie wurde unruhig, senkte den Kopf und wob ihn hin und her. Dabei verlagerte sie das Gewicht auf die Vorderbeine. Es war eine typische Ersatzhandlung, die sie manchmal machte, wenn ihr etwas nicht gefiel, aber wenn Theia sie beruhigte, hielt es nie lange an. Nur dieses Mal war Theia derart in Gedanken versunken, dass sie es selbst kaum bemerkte. Sie suchte zusammen, was sie benötigte und wandte sie sich wieder dem Haus zu. Sie trat dann erneut über die Schwelle, durch den stickigen Raum, an der losen Luke vorbei und die alten Stufen hinab. Diesmal fand sie eine Lampe am Fuß der Treppe stehen, die ihr warmes Licht verbreitete. Eine kleine Flamme, die ihr den Weg leuchtete, ein Licht das ihr Halt gab. Sie sagte zunächst nichts. Worte hätten Vorbereitung verlangt, und dafür hatte Theia keine Zeit gehabt. Nicht, als sie die Satteltaschen geöffnet hatte. Nicht, als sie Leinentücher, Verbandsstreifen, Salbe, Öl, Wasser, Nadel und Faden zusammengesucht hatte. Nicht, als sie wieder über die Schwelle des Hauses getreten war. Es gab keine richtigen Wörter für diesen Augenblick. Also kniete sie in angemessenem Abstand vor dem Gefangenen nieder und begann, ihre Utensilien auf einem sauberen Tuch auszubreiten. Schwarze Augen glitzerten glatt wie geschliffener Onyx in der Dunkelheit und verfolgten jeden ihrer Handgriffe.
Ordnung! Leinen links. Wasser daneben. Öl. Salbe. Faden. Weitere Tücher, falls die Blutung stärker wurde. Alles sichtbar. Alles erreichbar. Alles dort, wo es sein musste. Erst dann hob sie den Blick.
„Ihr habt mich verwechselt.“
Ein minimales Neigen des Kopfes war die Antwort.
„Ihr habt eine Kopfverletzung. Ihr seid dehydriert. Erschöpft. Womöglich verwirrt. Ihr kennt mich nicht.“
Vielleicht hätte er eine Braue gehoben, wenn es möglich gewesen wäre. So war es abermals nur eine winzige Richtungsänderung seines Hauptes, ein Zeichen seiner Aufmerksamkeit und vielleicht seines Unglaubens. Theia griff nach einem angefeuchteten Tuch und rückte näher. Ihre Hand zögerte nur einen winzigen Herzschlag lang, bevor sie einiges von dem Blut, das sein Gesicht zeichnete, entfernte. Hier unten konnte sie sogar die Wärme spüren, die von seinem Körper abstrahlte wie als wäre er seine eigene kleine Sonne, als trüge er Lysanthors wärmende Flammen in sich. Was für ein romantischer Gedanke.
Oder war das beginnendes Fieber?
Die Kiefermuskulatur spannte sich unter ihrer Berührung an. Er litt Schmerzen. Anders ging es jedoch nicht. Sie musste wissen, womit sie es zu tun hatte.
„Ich werde Euch jetzt versorgen. Und Ihr werdet mich lassen und auf meine Fragen antworten, Dunkelelf.“
Wieder keine Antwort, aber seine Lider senkten sich ein klein wenig. In einer anderen Situation, bei einem anderen Patienten, da hätte sie das goldene Glimmen ihrer Hand genutzt. Ein kleiner Zauber, der ihr schon seit Jahren leicht von der Hand ging. Doch jetzt funktionierte er einfach nicht. Warum?! Ihre Konzentration war doch stark genug, ihr Glaube fest! Sie wollte doch ihre Aufgabe erfüllen und ihren Mentor stolz machen. Vikram. Der Gedanke an ihn half ein wenig. Einatmen, Ausatmen und sein Gesicht im Geiste fokussieren. Seine blauen klaren Augen die niemals zweifelten, das golden umrahmte strenge Gesicht, dass doch so manches Mal so etwas wie Wärme für sie übrig hatte. Na bitte, ihre Handfläche flackerte. Aber war es auch ausreichend? Die Lampe würde ebenso diesen Zweck erfüllen, wenn sie sie seitlich vor seine Augen hielt und prüfte, ob seine Pupillen auf das Licht reagierten.
Ja, taten sie. Also war eine größere Verletzung des Gehirns auszuschließen. Vielleicht eine leichte Erschütterung. Bisher hatte er sich auch nicht übergeben und war auch nicht ohnmächtig geworden. Aber Theia blieb wachsam und achtete auf jedes Detail. Alles konnte wichtig sein und sie durfte nichts übersehen. Sein linkes Auge war durch die Verletzung kaum brauchbar, aber diese Verletzung war aktuell nicht lebensbedrohlich. Mit guter Behandlung war sein Augenlicht auch nicht gefährdet. Es würde mit etwas Zeit und kühlenden Kompressen abschwellen. Vielleicht könnte sie sich eine breitere Klinge als ihre eigene von den Paladinen borgen um den Bluterguss zu mindern. Durch die Kälte zogen sich die Blutgefäße zusammen, wodurch die Schwellung reduziert und der Austritt von Blut ins Gewebe verringert wurde. Dann tasteten ihre Finger auch schon behutsam die Beule an seiner Schläfe ab, ohne Druck, nur mit der Vorsicht einer Heilerin, die wissen musste, wo Schwellung und Schmerz begannen. Der Schädel darunter war intakt, aber ihr Patient stöhnte leise. Ein Laut, der sie fast wieder aus dem Konzept brachte, denn er klang so merkwürdig... vertraut. Danach betrachtete sie den Riss an der Braue genauer. Dafür musste sie sich ihm nähern und auch wenn sie sich weigerte ihm in die Augen zu sehen, fühlte sie seinen Blick unbarmherzig auf sich ruhen. Die Wunde musste genäht werden. Seine aufgesprungenen Lippen öffneten sich leicht, als sie sie untersuchte und sein Atem entwich etwas stockend. So nah wie sie ihm war, konnte sie ...Kräuter! Diese Kräuter! Diese Mischung, sie erinnerte sich an ihren Duft. Konzentration! Die Lippen des Patienten würden mit etwas Salbe von selbst heilen. Seine gebrochene Nase, deren Blutung sich bereits dunkel über Mund, Kinn und Brust gezogen hatte, saß schief und müsste gerichtet und tamponiert werden. Kopfwunden und Nasen bluteten immer viel, aber waren meist recht leicht zu behandeln, sonst würden viel mehr Kneipenschlägereien ernste Opfer verlangen. Schließlich wanderte ihre Hand zu seinem Kiefer, nicht sanft, sondern prüfend, um den Winkel seines Gesichts und die Beweglichkeit zu beurteilen. Dunklere Verfärbungen verrieten noch ein paar mehr Blutergüsse. Die Männer hatten ihn ordentlich verdroschen. Aber er ließ sich lammfromm von ihr führen, drehte den Kopf mal hier mal da hin, wo sie ihn eben haben wollte.
„Ist Euch schwarz vor Augen?“
Minimales einmaliges Kopfschütteln.
„Seht Ihr doppelt?“
Kopfschütteln.
„Ist Euch übel?“
Noch mal.
Also konnte sie sich seiner seitlichen Wunde widmen. Sie rutschte um ihn herum und hockte dicht neben ihm. Folgsam hob er langsam mit einem leichten Stöhnen seinen Arm um sich ihrer Untersuchung zuzuwenden. Und während sie das tat, musterten sie diese schwarzen Augen aufmerksam. Manchmal zuckten leicht seine straffen Bauchmuskeln. Hatten alle Männer einen solchen Körper? Erwischte sie sich, wie sie ihn etwas länger hier und da betrachtete? Dort wo das Blut an ihm herab gelaufen war, hatte es schwarze Schlangenzeichnungen hinterlassen. Schlangen die sich in den Vertiefungen trafen, miteinander tanzten, sich liebten und verbanden und dann in dem Leder seiner Hose...
Etwas Luft entwich ihm zwischen den zusammen gepressten Zähnen, aber sonst gab er keinen Laut von sich. Das gab ihr Zeit sich zu sammeln, sich zu konzentrieren. Bis zu einem Moment, in dem sie sich schon fast sicher geglaubt hatte. Ihre Hände kannten die Tätigkeit, waren vertraut mit den Griffen, den Abläufen und das tat gut. Außerdem war der Patient fügsam und werte sich nicht. Sie konnte einfach ihre Arbeit machen. Es war angenehm in seiner Nähe, kühl nach der Hitze des Tages und ruhig. Sie dufte sich ganz auf ihn - nein, ihr Handeln konzentrieren. Niemand sah ihr prüfend über die Schulter, wie es im Kottenhaus fast immer der Fall war. Dort waren oft die Magister der Akademie zugegen oder wie in ihrem Fall Magistra Olesia Vasileos. Sich vorzustellen die ältere Frau würde ihr zur Seite stehen, hatte aber vielleicht sogar etwas beruhigendes. Hier aber war sie allein und ganz auf sich gestellt. Nur sie und der Patient ...nur Rhaev ...und die einzelne kleine hinter Glas gefangene ruhige Flamme.
Seine leise Stimme war wie das dunkle sanfte Streicheln von Samt, wie ein fast vergessener Traum, als sie über ihre Schulter weiter über die Stelle nah an ihrem Hals glitt, dort wo eine verirrte Strähne ihres Haars ihre Haut berührte, bewegt von seinem Atem:
„Und wer bist du jetzt?“
Ein sanftes Kitzeln. Eine Frage, die sowohl ihren Verdrängungsmechanismus unterwanderte, wie auch akzeptierte, dass ihr Weg sich stark verändert hatte. Sie mochte nicht mehr Mara sein – das Mädchen, was sich nachts an ihn gekuschelt hatte um Körperwärme erbetteln, aber seine Worte zeigten sein Wissen um ihre tief verborgene Wahrheit. Er hatte sie nie belogen und würde es auch jetzt nicht tun. Aber er akzeptierte, dass sie sich verändert hatte. Sie hatten sich getroffen als sie am verletzlichsten war, als ihre Seele offen lag, wie eine rohe Wunde. Er war für sie da gewesen.
Vielleicht war es sogar Lysanthors Wille der sie prüfen wollte? Oder war es ihr Schicksal? Wenn es so etwas gab, dann sprachen die Lehren davon, dass Gleiches mit Gleichem vergolten werden musste. Sogar ihr Glaube vergalt gutes mit gutem. War er denn gut zu ihr gewesen? War es gut, dass er sie gerettet hatte? Schuldete sie ihm etwas, weil er sie in den kalten Nächten gewärmt hatte? Zweifel... zu viele Zweifel! Gab es jemanden mit dem sie darüber reden könnte? Unwillkürlich sah sie auf und sein dunkler Blick versank in ihrem, tief, endlos mit einem Vertrauen, dass man durchaus als unangebracht bezeichnen konnte. Da war keine Spur von Falschheit in diesem Blick. Offen und klar schaute er sie an, während sich das Licht der kleinen Flamme in seinen Augen spiegelte. Was hatte er noch mal gefragt?
Ach Ja - Wer war sie jetzt?

Re: Aufbruch nach Norden

Verfasst: Sonntag 26. Juli 2026, 13:38
von Theia Talfaern
„Und wer bist du jetzt?“
Theia hielt in ihrer Bewegung inne. Nicht lange, nur einen halben Herzschlag lang, nicht sichtbar genug, dass man es von oben hätte bemerken können, wäre jemand an der Luke gestanden und hätte zu ihnen hinabgesehen. Hier unten aber, in diesem engen Keller, im Kreis des warmen Lampenlichts, zwischen feuchtem Stein, Eisen und Blut und auf diese Nähe hin ... Hier reichte selbst die Dauer dieses halben Herzschlag aus, um zu viel zu sein. Ihre Finger lagen noch immer nahe seiner seitlichen Wunde, ein angefeuchtetes Tuch zwischen ihnen, eine dunkle Mischung aus Wasser, Öl, Blut und Schmutz daran. Eben erst hatte sein Atem eine verirrte Strähne an ihrem Hals bewegt, und Theia ... beim gnädigen Licht, sie hasste es, dass ihr Körper darauf reagierte, ehe ihr Geist das hätte verbieten können. Wer war sie jetzt?
Nicht Mara. Der Gedanke kam schnell und scharf. Nicht Mara Auenruh, nicht das Mädchen, das geweint hatte, als ein Dunkelelf sie in einem Kloster zurückgelassen hatte. Nicht das Kind, dessen Mund nach Asche geschmeckt hatte, dessen kleine, zerrüttete Seele offen gelegen war wie eine tiefe Wunde, zu roh, zu schmerzhaft, um zu begreifen, wer Feind, wer Rettung war. Theia presste die Lippen gnadenlos fest aufeinander. Bruder Calvens Hand lag nicht mehr auf ihrer Schulter, dennoch spürte sie den Druck und Gewicht seiner Berührung. Dieser seltene Geste, der Vertrauen, Mahnung und Anspruch zugleich inne gelegen hatte. Hab keine Furcht. Vertraue in unseren Herrn. Seine Dunkelheit darf dich nicht berühren. Hab kein Mitleid. Kein Mitleid. Theia hielt den Blick auf Rhaevs Wunde gerichtet. Konzentration. Fokus. Kaputtes Fleisch verlangte Reinigung. Druck. Ruhe. Beobachtung. Es verlangte, dass man sah, was vor einem lag, nicht hinter einem. Theia weigerte sich, den Blick zu heben, ihren Patienten anzusehen, obwohl sie wusste, dass dieser sie unentwegt beobachtete.
„Nicht Ihr stellt hier die Fragen, Dunkelelf.“ Die Worte kamen kühl heraus, fest. Gut. Kälte war nützlich. Strenge war nützlich. Beides waren Wände, waren sauber hoch gezogene Mauern. Theia setzte den Lappen erneut an, ließ ihre Hände weiter arbeiten. Von innen nach außen. Nicht reiben. Tupfen. Druck nur dort, wo Druck sein musste. Eine ganze Weile sprach sie nicht. Und vielleicht hätte sie es dabei belassen sollen. Vielleicht wäre das klüger gewesen. Doch der Name, den er zuvor so plötzlich, so gewaltsam aus ihr herausgerissen hatte, hing noch immer zwischen ihnen. Mara – dieses scheußliche Wort, einer geöffneten Tür in ein brennendes Haus gleich. Und so biss Theia erneut die Zähne zusammen, bevor ...
„Theia Talfaern", sagte sie schließlich doch noch, ein wenig zögerlicher jetzt. „Das ist mein Name. So werdet Ihr mich ansprechen. Theia.“ Danach schwieg sie, wandte ihre ganze Aufmerksamkeit wieder seiner Versorgung zu, als könne sie sich selbst in die Reihenfolge ihrer Handgriffe zurückzwingen. Der Bolzen hatte nicht sauber durchbohrt; er hatte gerissen, unregelmäßige Wundränder hinterlassen, die nun gereizt waren von Bewegung, Schmutz und Gewalt.
„Hier, ihr werdet den Arm so halten“, forderte sie, ihre Stimme nun wieder klar und fest, während sie seine linke Hand vorsichtig zur rechten Schulter führte. „Nicht ruckartig bewegen. Wenn Euch schwindlig wird, sagt Ihr es sofort.“ Rhaev hatte auf ihre Fragen geantwortet, wenn auch nur mit kleinen Bewegungen. Kein Schwarzwerden vor Augen. Kein Doppeltsehen. Keine Übelkeit. Die Pupillen hatten reagiert. Nicht perfekt zu prüfen, nicht unter idealen Bedingungen, aber doch genug, um die schlimmste unmittelbare Befürchtung ein wenig zurückzudrängen. Nur ein wenig. Kopfverletzungen waren heimtückisch. Theia wusste das. Patienten konnten sprechen und dennoch wenig später in die Dunkelheit sinken. Eine Schwellung des Gehirns konnte wachsen, das Bewusstsein eintrüben, die Atmung verändern. Sie würde ihn beobachten müssen. Stundenlang, wenn man ihr diese Zeit ließ. Falls Bruder Calven ihr diese Zeit ließ. Kurz dachte Theia an dessen Blick, an das Zähneknirschen ihres Lehrmeisters und die tiefliegenden Schatten unter seinen Augen. Dachte an seine Worte von Ketzern und Hintergedanken. Daran, wie erleichtert ein Teil von ihr gewesen war, als er Ritter Elias angewiesen hatte, Wasser abzukochen und eine Lampe zu bringen. Er hatte ihrer Einschätzung zugestimmt. Zumindest vorerst. Das war alles, was zählte.
Ein weiteres Mal tauschte Theia den Lappen, ihre eigenen Hände mittlerweile ebenfalls vom Blut des Dunkelelfen benetzt. Das wird schmerzen, hatte sie gesagt. Eine dumme Warnung, immer noch. Trotzdem war sie froh, sie ausgesprochen zu haben. Rhaevs Bauchmuskeln zuckten, als sie begann, die Wunde auszuspülen. Nur ein kurzer Reflex, ein wenig Luft entwich ihm zwischen den Zähnen, doch er riss nicht an den Ketten, wehrte sich nicht, schlug nicht nach ihr, obwohl sein Körper groß und kraftvoll genug wirkte, dass Theia ... Just in diesem Moment wurde ihr bewusst, wie wenig Raum zwischen ihr und dem Gefangenen lag.
Hatten alle Männer einen solchen Körper?
Auch dieser Gedanke kam ... unerwartet, ließ Theia beinahe nochmals erstarren. Die Bewegungen des Verletzten fielen klein aus, wirkten von Schmerz und Erschöpfung gebremst, trotzdem spannte sich Rhaevs Körper unter ihrer Hand auf eine Weise an, die Theia einen Atemzug lang geradezu irritierend deutlich wahrnahm. Ihre Finger hielten inne. Nur ... kurz. Rhaev war verletzt, halbnackt, verschmutzt, in Ketten gelegt — dennoch lag unter all dem eine Härte und Anspannung, eine Kraft, die sich nicht verbergen ließ. Seine Muskeln zuckten, wenn der Schmerz durch ihn hindurch fuhr. Rippen und Flanken arbeiteten mit jedem kontrollierten Atemzug unter seiner dunklen Haut. Auch das Blut, das an ihm herabgelaufen war, hatte sichtbar seine Bahnen gezogen; über seine Brust, seine Seite, seinen Bauch, sich in Vertiefungen sammelnd und Linien folgend, die Theia gar nicht erst hätte bemerken wollen. Was folgte, war ein jäher Stich aus Scham, Verwirrung und Empörung über sich selbst. Theia hatte Männerkörper gesehen. Natürlich hatte sie das! Im Kottenhaus hatte sie etliche Verwundete versorgt, hatte etliche Fiebernde gewaschen und dutzende Verbände gewechselt, ohne sich von Haut, Atem oder Nacktheit aus dem Konzept bringen zu lassen. Körper waren Körper. Fleisch war Fleisch. Daran gab es nichts, worüber man hätte erröten müssen. Theia griff also nach einem frischen Tuch, um es sogleich mit einem leisen Räuspern entschlossener anzusetzen. Ihr Kiefer war hart vor Anspannung, doch ihre Bewegungen blieben vorsichtig. Gerade diese Vorsicht ärgerte sie nun ebenfalls. Sie hätte gern gröber sein wollen, kälter, unberührter. Stattdessen wusste sie bei jedem Handgriff genau, dass hier ein lebendiger Körper unter ihren Fingern lag, ein leidender Körper — und dass ihr diese Erkenntnis nicht einmal im Ansatz so gleichgültig war, wie er es vermutlich hätte sein soll.
Selbst, als sie Rhaevs Hitze bemerkte ... Theia spürte sie nicht ausschließlich nur an ihren Händen, nein, sie spürte sie mittlerweile auch überall sonst, wo sie ihm nahe genug kam, um von ihr berührt zu werden. Seine Wärme stieg ihr entgegen, so deutlich, als trüge sein Körper unter all dem Blut, Schmutz und Eisen eine eigene, verborgene Glut in sich. Fieber, entschied sie streng. Eine logischer Schluss, der gezwungener Maßen auf Verletzung, Schmutz und Erschöpfung folgte. Nichts, mit dem sie nicht gerechnet hatte, und doch ... Weidenrinde hätte sie vielleicht einem anderen Patienten geben können. Einem mit Fieber und Schmerzen, aber klarerem Kopf. Nicht ihm also. Nicht jetzt. Es würde bei Wasser, Leinen, Öl, Schafgarbe und Honig bleiben, einstweilen zumindest. Schafgarbe für die Wundränder. Honig dünn auf das Tuch, das die Wunde bedeckt hielt, nicht in die Tiefe selbst. Kein Beinwell, nicht bei einer Verletzung, die innen noch schmutzig war und deshalb nicht zu früh verschlossen werden durfte. Einen Teil des Wassers, das sie von Ritter Elias zur Verfügung gestellt bekam, würde sie dennoch für einen milden Aufguss zurückhalten: Holunderblüte, Lindenblüte, ein wenig Schafgarbe. Etwas gegen die Hitze in ihm, ohne jedoch seinen Geist zu verschleiern. Schmerzstillende Kräuter würden jedenfalls nicht in Frage kommen. Noch nicht. Nicht, solange der Status seiner Kopfverletzung weiterhin unklar war. Theia musste beurteilen können, ob seine Antworten langsamer wurden, ob sein Blick eintrübte oder Übelkeit einsetzte. Ob er schläfrig wurde oder ihr sein Bewusstsein entglitt. Alles, was ihn benebelte, alles, was Schmerz, Reaktion und Wachheit zu sehr glättete, würde ihr genau jene Zeichen nehmen, auf die sie angewiesen wäre, sollte es zum schlimmsten kommen.
Theia legte die sauberen Leinen an, umwickelte, so gut es eben ging, seinen Oberkörper damit. Erst als der Verband vermutlich zumindest vorläufig halten würde, wandte sie sich wieder seinem Gesicht zu. Braue und Nase. Seiner Schläfe. Seinem Atem. Seinen Augen.
„Seht mich an, auf meine Nasenspitze“, sagte sie, und nachdem sie erneut geprüft hatte, ob sein Blick klar blieb, hob Theia ihr Handgelenk an seine Stirn. Nicht die Handfläche, sondern das Innere ihres Handgelenks. Eine Hautstelle, die empfindlicher und ehrlicher auf Temperaturunterschiede reagierte. Sie hielt es kurz an seine Stirn, dann an seine Wange, schließlich nahe an seinen Hals, wo der Puls knapp unter der Haut schlug. Zu schnell, zu warm. „Ihr beginnt zu fiebern.“ Bei Lysanthor, das hier würde schlimmer werden. Nicht für ihn, für sie. Wildes, kaputtes Fleisch konnte man betrachten, ohne dass es zurückblickte. Ein Gesicht nicht. Theia nahm ein frisches Tuch, benetzte es mit Wasser, dann hob sie die Hand an seine Schläfe.
„Ich werde Eure Nase richten. Und Eure Braue nähen.“ Zuerst allerdings würde sie sein Gesicht wieder lesbar machen müssen, also löste sie zunächst das Blut von Stirn und Wange. Nicht allzu gründlich, aber doch sorgfältig. Blut und Staub hatten sich überall in seiner Haut festgesetzt, zeichneten die Ränder seiner Nase, seinen Mund, sein gesamtes linkes Auge.
Theia legte den Lappen ab, führte dann sein Kinn leicht nach vorn, damit das Blut nicht zurück in seinen Rachen lief. Ihre Finger prüften den Nasenrücken nur flüchtig. Schief. Geschwollen. Gebrochen, sehr wahrscheinlich. Zuerst die Blutung. Sie formte einen schmalen Streifen sauberen Leinens, feuchtete ihn an und legte ihn vorsichtig dort an, wo das Blut weiter austrat. Nicht tief, nur genug, um den Fluss zu bremsen. Danach griff sie nach einem weiteren Tuch, faltete es mehrfach und hielt es ihm hin. Ein Angebot, damit er etwas zwischen die Zähne nehmen konnte, falls der Schmerz ihm unwillkürlich einen Laut entriss. „Nicht zurückweichen“, ermahnte sie leise, aber eindringlich. „Nicht den Kopf fortreißen. Wenn Ihr Euch bewegt, mache ich es vielleicht schlimmer.“

Re: Aufbruch nach Norden

Verfasst: Sonntag 26. Juli 2026, 17:56
von Erzähler
Der Umgang mit diesem Patienten stellte sich als echte Prüfung heraus!
Sein Blick, die Wärme seiner Haut, selbst diese männlichen Muskeln, die sie eigentlich nicht derart verwirren sollten wie sie es aber tatsächlich taten. Das alles brachte Theia ganz schön aus dem Gleichgewicht. Rhaev war eben kein Fremder. Einen Fremden hätte sie ohne jegliche Regung überall berühren können, doch bei ihm war alles einfach etwas anderes. Warum konnte sie nicht gleichgültiger sein? Im Kottenhaus hatte sie dazu eine der Magistra aus der Akademie des Lichts belauscht, als sie mit ihren Schülern sprach und mahnte, dass die Behandlung und Betreuung von Angehörigen oder Menschen die einem etwas bedeuteten wenn möglich an andere Heiler abgegeben werden sollten. Nur hatte Theia hier niemanden, der ihre Aufgabe übernehmen konnte. Es war verständlich, dass ein Mann seine Frau nicht versorgen sollte, wenn seine Liebe ihn davon abhielt auch schmerzhafte aber notwendige Schritte zu gehen. Selbst die Entfernung eines verklebten Verbandsstreifens konnte da zum ernsthaften Problem werden. Liebende, sei es nun Familie oder Partnerschaft, zögerten zu lange, wenn es darum ging Schmerzen zu bereiten. So lange, dass es den Patienten das Bewusstsein oder auch das Leben kosten konnte. Freunde mussten oft der Behandlungszimmer verwiesen werden, da sie aus lauter Sorge um ihre Liebsten störende oder sogar gefährdende Dinge taten. Sie hatte sogar einmal gesehen, wie ein wütender Vater der Pflegerin sein blutendes Kind aus den Armen riss, weil er einfach nicht verstand, was sie tun musste. Unwissenheit und Gefühle waren in solchen Situationen eine gefährliche Mischung.
Gefühle...
Warum machte es sie also so nervös in seiner Nähe zu sein? Hatte sie denn Gefühle für ihn? Wenn ja, dann sickerten sie fast gänzlich unbemerkt und so langsam in ihr Bewusstsein, dass sie sie leicht verdrängen konnte. Wie Nebel der in Kleidung zog und ihn klamm werden ließ, so legten sie sich auf ihre Haut, dass sie noch nicht einmal benennen konnte was es war. Es machte sie empfänglicher für sein Leid, sensibler. Ja, er litt. Rhaev hatte Schmerzen, auch wenn er nicht viel davon mitteilte. Sein Körper verriet aber genug über seinen bedenklichen Zustand und die Hitze seiner Haut, stellte sich schnell als Fieber heraus. Die dünne Haut an ihrem Puls brannte, als sie ihn berührte. Gewarnt von all diesen Zeichen wusste die junge Novizin aber auch sofort was zu tun war und was sie meiden musste. Das Bewusstsein eintrübende Substanzen und Kräuter die schläfrig machen könnten wären jetzt ein großer Fehler gewesen und ihre gute Auffassungsgabe, sowie ihr Fleiß beim lernen halfen ihr nun wichtige Entscheidungen zum Wohle des Patienten zu treffen. Sie würde nicht zulassen, dass Rhaev unter ihren Händen starb. Leider war diese Möglichkeit noch recht wahrscheinlich, aber sie reagierte konzentriert. Ein weiterer Punkt auf der Liste der notwendigen Dinge war, dass sie sein Gesicht besser lesen musste, was unter all dem Blut und dem Schmutz kaum möglich war. Noch hatte der fiebernde Glanz seine Augen nicht voll eingenommen, aber sollte er anfangen zu schwitzen, so sah man das schnell auf Nase, Stirn und Oberlippe. In seinem Fall war alles davon verkrustet, also musste sie ihn reinigen. Schlimmer wäre dann nur noch das unkontrollierte Zittern von Schüttelfrost und das Krampfen seiner Muskeln. Meistens befanden sich dann die Patienten aber bereits nahe eines wahnhaften Zustandsbildes, dass kaum mehr zu bekämpfen war. Und das hier war ein Kampf! Ein Kampf gegen die Zeit und mit seinen Reserven. Sie hatte gerade seinen Brustkorb umwickelt, da kam ihr ein Gedanke.
Wann hatten sie ihm eigentlich das letzte Mal etwas zu essen oder zu trinken gegeben? Nicht nur seine Wunden brauchten frisches Wasser! Erst einmal war sie aber gerade dabei sein Gesicht zu reinigen, als ein weiteres Mal eine seiner Reaktionen etwas in ihr anrührte, was sie besser unter Verschluss gehalten hätte. Sie hatte ihn angewiesen, auf ihre Nasenspitze zu sehen und kurz hatte er das auch getan, mit einem Mundwinkel leicht gezuckt...warum auch immer... und dann doch wieder ihr in die Augen gesehen.
„Ihr beginnt zu fiebern.“
War ihre einfache Diagnose. Er seufzte leise...resigniert. Etwas in seinem Gesicht veränderte sich, aber unter den Krusten war es schlecht zu lesen. Wusste er was das bedeutete? Theia nahm ein frisches Tuch, benetzte es mit Wasser, dann hob sie die Hand an seine Schläfe.
„Ich werde Eure Nase richten. Und Eure Braue nähen.“
Zuerst allerdings würde sie sein Gesicht wieder lesbar machen müssen, also löste sie zunächst das Blut von Stirn und Wange. Nicht allzu gründlich, aber doch sorgfältig. Blut und Staub hatten sich überall in seiner Haut festgesetzt, zeichneten die Ränder seiner Nase, seinen Mund, sein gesamtes linkes Auge. Eine Erinnerung schlich sich von hinten an und wollte die dünne Membran des Vergessens durchstechen. Ein Bild unter Asche und Dunkelheit verborgen aus den ersten Stunden ihrer gemeinsamen Zeit. Da war ein kühlender Lappen, der ihr Gesicht streichelte, der das Brennen in ihren Augen linderte. Sie war so erschöpft gewesen, dass sie es ganz vergessen hatte, wie sanft er zu ihr gewesen war. Wie diese kraftvollen Hände ihren kleinen Körper umsorgt hatten, sie gepflegt hatten... wie sie es jetzt auch bei ihm tat. Die Erinnerung zupfte nervend an ihr, wollte sie auf etwas aufmerksam machen, dass sie nicht wahr haben wollte.
Theia legte den Lappen ab, führte dann sein Kinn leicht nach vorn, damit das Blut nicht zurück in seinen Rachen lief. Auch seine Hände hatten ihr Gesicht gehalten. Ihre Finger prüften den Nasenrücken nur flüchtig. Schief. Geschwollen. Gebrochen. Zuerst musste die Blutung gestoppt werden. Sie formte einen schmalen Streifen sauberen Leinens, feuchtete ihn an und legte ihn vorsichtig dort an, wo das Blut weiter austrat. Nicht tief, nur genug, um den Fluss zu bremsen. Danach griff sie nach einem weiteren Tuch, faltete es mehrfach und hielt es ihm hin. Ein Angebot, damit er etwas zwischen die Zähne nehmen konnte, falls der Schmerz ihm unwillkürlich einen Laut entriss. Sie würde ihm nun weh tun müssen. Sie durfte nicht zögern oder Mitleid haben.
„Nicht zurückweichen“
, ermahnte sie leise, aber eindringlich. Er blinzelte nur, da er nicht wirklich nicken konnte, lehnte sich etwas in ihre Berührung und biss auf das Tuch.
„Nicht den Kopf fortreißen. Wenn Ihr Euch bewegt, mache ich es vielleicht schlimmer.“
Seine Lippen öffneten sich noch einmal kurz und das weiß seiner Zähne stand im starken Kontrast zu seiner sonst dunklen Erscheinung. Er hielt den Knebel kurz beiseite.
„Ich vertraue dir, Theia.“
Seine Stimme war immernoch rau und leise. Er vertraute ihr! Er begab sich ohne jegliches Zögern in ihre Hände. Er hielt still, das war gut. Aber er vertraute ihr! War das gut? Er biss wieder in das Tuch und atmete einmal tief durch. Seine schönen Augen schlossen sich und er machte sich bereit für den Schmerz.
Jetzt!
Ein beherzter Ruck!
Jetzt und ohne Zögern, denn sie empfand ja nichts für diesen Dunkelelfen! Oder? Theias Unterbewusstsein hatte in nächster Zeit auf jeden Fall einiges aufzuarbeiten! Könnt sie sich mit jemanden darüber unterhalten? Wenn ja, mit wem? Wäre eine Beichte befreiend? Bruder Calven kam dafür nicht in Frage. Als Lehrmeister stand er ihr zu nah. Ginge Vikram? Oder hätte Magistra Olesia ein offenes Ohr für ihre Sorgen und Probleme? Konzentration auf das Hier und Jetzt! Sie spürte wie der Knochen unter ihren Fingern sich bewegte.
Es war gelungen.
Der Knochen saß wieder da wo er sein sollte und Rhaevs Stöhnen war vom Knebel erstickt worden. Dafür flossen rannen jetzt Tränen über seine schwarzen Obsidiane. Er hatte die Augen kurz weit aufgerissen. Niemand konnte diese Tränen unterdrücken, es war physikalisch nicht möglich, aber trotzdem rührte es abermals etwas in Theia an. Wie eine wiederholt angeschlagene Stimmgabel wurde das Gefühl langsam deutlicher. Er presste gerade noch seine Lider fest aufeinander, arbeitete gegen den Schmerz an mit gepressten Atemzügen, die seine lädierten Rippen dehnten. Sein ganzer Körper war angespannt wie eine Bogensehne und Adern traten auf seinen Schläfen heraus. Sie gab ihm einen Moment um sich zu sammeln. Die Nase danach zu tamponieren war jetzt deutlich leichter zu bewerkstelligen und schnell geschafft. Nach ein paar langen Atemzügen durch den Mund und einem Moment der Ruhe, lehnte er sich wieder vor und seine Lider hingen auf Halbmast. Er war erschöpft und sicher wollte er schlafen, aber das durfte er jetzt auf keinen Fall. Also schnell weiter machen und ihn damit wach halten! Vielleicht wäre es hilfreich, wenn er etwas von sich erzählen würde? Wie es ihm wohl in den vergangenen Jahren ergangen war? Ihre Neugierde meldete sich leise.
Jetzt war erst mal die Braue an der Reihe und Theia griff zu Nadel und Faden. Er zuckte kurz. Echt jetzt? Männer konnten solche Weichlinge sein. Sie schwangen tödliche Klingen aber zuckten vor einer kühn geführten Nadel zurück. Als sie sich seinem Gesicht näherte tat er dann doch etwas unerwartetes. Er sprach:
„Theia...“
Kurz hielt sie automatisch inne. Ihr Name aus seinem Mund klang so ganz anders. Vielleicht lag es an der Andersartigkeit seiner Muttersprache, oder daran, dass er die Silben hauchte wie eine sinnliche Berührung – was sie sich sicher nur einbildete. Aber Mara hatte sie nicht mehr von ihm genannt werden wollen! Doch war Theia jetzt wirklich besser? Es fühlte sich noch näher an – realer.
Er atmete durch und senkte den Kopf etwas, damit er die Nadel nicht kommen sah. Dann redete er jedoch weiter:
„Ich habe nur eine Frage.“
Sie hob den aufgeworfenen Wundrand an und führte die Nadel hindurch, dann durch den zweiten. Seine Kiefermuskulatur spannte sich an.
„Was erwartet mich?“
Der gegenüberliegende Wundrand fügte sich mit sanftem Zug wieder an seinen angestammten Platz und verband die Haut. Haut, an die sich in der Nacht manchmal gekuschelt hatte, die warm war und Trost spendete. Noch vier oder besser fünf Stiche, insgesamt sechs und die Wunde würde genug Zug haben um zu verheilen. Also was erwartete ihn? Theia konnte nur mutmaßen und sich aus dem wenigen was man ihr gesagt hatte etwas zusammen reimen. Seine Vernehmungsfähigkeit war gefordert worden, was ihm etwas Zeit verschaffen würde, bevor sie ihn t...
Ihre Hand zitterte.
Warum zitterte ihre Hand.
Theia sah auf ihre Finger, die das glitzernde kleine spitze Werkzeug hielten. Die Nadel rutschte ihr aus der Hand, während sie hinsah. Ihre Finger krampften. Warum? Der Herr des Lichts war bei ihr. Waruuuuum? Panik drohte in ihr aufzusteigen.
WARUM?
Wärme umschloss ihre plötzlich kalten Finger. Wärme drang in sie ein und sie sah auf größere stärkere Hände die sie hielten... die einfach da waren. Die früher schon für sie da gewesen waren. Flackern... Plötzlich blendete etwas in ihrem Augenwinkel. War war das? Ohne sich weiter zu rühren, wandte sich ihr Kopf zur Seite dort hin wo das Licht her kam. Sie träumte! Das MUSSTE es sein! Die Öllampe glühte regelrecht und ihr Licht erfüllte nun den ganzen Raum. Dann sprang die kleine Tür auf und eine kleine Flamme hüpfte heraus, klein wie das Licht einer Kerze. Das Leuchten im Gesamten nahm wieder etwas ab, als hätte die Lampe die Flamme geboren und war nun wieder zu ihrem normalen Zustand zurück gekehrt. Theia bemerkte nur nebenbei, dass auch Rhaevs Kopf sich der Lampe zugewendet hatte. Das kleine Licht hüpfte weiter und weiter, fast wie ein lebendiges Wesen und hinterließ kleine Freunde auf seinem Weg in einem Halbkreis um sie herum. Dann kam es näher und sprang unvermittelt auf ihre verbundenen Hände. Es war warm, aber verletzte nicht. Es schwebte so breit wie ein Fingernagel über ihrer Haut und flackerte dann noch einmal. Rhaevs Gesichtslinien zeigten Überraschung, aber nicht so sehr wie bei es Theia wohl der Fall war.
„Ich wusste schon immer, dass du besonderes bist.“
Er lächelte. Warum lächelte er jetzt?! Was ging hier vor? Theia spürte unwillkürlich ihr Herz in ihrer Brust schlagen. Es war viel zu schnell und auch ihr Atem war aus dem Takt geraten. Und warum sah Rhaev sie so wissend an?
„Du erinnerst dich nicht, oder?“
WAS? WORAN? Warum fielen ihr in solchen Momenten nur immer solch merkwürdige Details auf. Da baumelte noch der Faden vor seinem Auge und die Nadel auf Höhe seiner Wange. Sie hatte vergessen den Faden abzuschneiden. Sie wusste blind wo ihre Schere lag, aber dann müsste sie ihre Hände aus seinen lösen und da war diese kleine Flamme. Sie hatte kein Gesicht, aber wirkte trotzdem so schrecklich lebendig. Was nun? Alles drehte sich in ihrem Kopf und tatsächlich wirkte Rhaevs Gesichtsausdruck gerade etwas besorgt.
„Du wirst doch jetzt nicht ohnmächtig?
Seine Stimme wurde leiser und warum rauschte es so laut in ihren Ohren? Und die kleinen Lichter um sie herum, waren die auch wieder ausgegangen? Es wurde dunkel.



„THEIA! Novizin Theia Talfaern!“
Etwas, nein Jemand rüttelte an ihr. Flackernd kam die Realität durch ihre blinzelnde Lider zurück. Das Gesicht über ihr kam ihr entfernt vertraut vor. Ach ja, Elias. Ritter der Bruderschaft des Lichts und sie war Theia Talfaern. Sie lag auf dem Boden. Der Raum war heller als in ihrer letzten Erinnerung. Oh! Ja sie erinnerte sich an alles. Und jetzt lag sie oben in diesem verlassenen Haus zwischen Steinen und der Ritter schaute sie besorgt an. Wie er es wohl gewohnt war, dachte er sich wohl ihr Bericht zu erstatten wäre das beste, damit sie wieder richtig zu sich kam. Wo war Bruder Calven eigentlich? Sie waren allein und Elias räusperte sich gerade:
„Geht es euch gut? Bruder Calven ist ...ähm... austreten.“
Er nickte kurz in Richtung des Ausgangs.
„Ich habe ein dumpfes Geräusch von unten gehört und dann hat der Gefangene gerufen. Es war stockdunkel da unten. Ich musste eine Fackel holen. Es hätte ja auch eine Falle sein können. Ihr lagt auf dem Boden und anscheinend war die Lampe ausgegangen.“
Er senkte seine Stimme ein wenig:
„Hat der Gefangene euch etwas getan?“
Kurz funkelte sein Blick gefährlich, als erhoffte er sich ein „Ja“ von ihr. Etwas wildes lag im Blick dieses blond gelockten kleinen Mannes, oder bildete sie sich das ein? Theia befühlte ihren Hinterkopf. Sie musste ohnmächtig geworden sein und vermutlich nach hinten umgefallen. Rhaev Ketten hatten verhindert, dass er sie auffangen konnte, also hatte sie sich den Kopf gestoßen. Nicht schlimm, aber eine kleine Beule war Zeuge. Anders konnte es nicht gewesen sein.
„Soll ich besser mit runter kommen? Oder ist eure Aufgabe erfüllt?“
Nachdem sie sich gesammelt hatte, fühlte sie sich körperlich gut genug um weiter zu machen. Sie erinnerte sich an das Pendel, was sie vor Rhaevs Auge hinterlassen hatte. Oder brauchte sie eine Pause?

Re: Aufbruch nach Norden

Verfasst: Montag 27. Juli 2026, 19:23
von Theia Talfaern
Man rief nach ihr, aus großer Entfernung. Ein Ruf, nicht mehr als ein Laut in dunklem Wasser, wie eine Stimme, die durch Schichten tiefster Schwärze und einem fernen, dumpfen Rauschen zu ihr hindurchdrang – ohne Bedeutung zunächst, ohne Form. Theia wusste nicht, wo sie war, als der zweite Ruf folgte, dringlicher diesmal, schärfer. Dann riss die Welt plötzlich auf.
Theia schnappte nach Luft, ein scharfer, erschrockener Atemzug, der ihr weh tat, als sie die Augen aufschlug. Selbst ihr Herz schlug hämmernd gegen ihre Rippen, so hart, so schnell, dass es sich im ersten Augenblick wie Schmerz anfühlte. Theia blinzelte ins Tageslicht. Einmal. Zweimal. Die Umrisse über ihr schwammen auseinander, fügten sich wieder zusammen, verloren erneut ihre Form. Staub. Zerrissene Vorhänge. Ein beschädigtes Dach. Geröll auf altem Boden. Ein Gesicht über ihr, zu nah. Blonde Locken. Leberflecken. Elias. Ritter Elias. Das windschiefe Haus. Der Keller. Die Erinnerungen folgten Schlag auf Schlag. Dann: Rhaev. Theia spürte, wie ihr gesamter Körper sich anspannte, als sie in eine aufrecht sitzende Position schoss. Schwankend zunächst, weil ihr Schädel so schrecklich dröhnte. Die Nadel. Der Faden vor seinem Auge. Seine Hände um ihre Finger. Die Lampe, die viel zu hell gebrannt hatte. Dann diese kleine Flamme, dieses ... Licht, wie es tänzelnd über Stein und Haut gehüpft war ... Ich wusste schon immer, dass du besonders bist. Und: Du erinnerst dich nicht, oder?
Sofort kippte der Raum wieder ein Stück zur Seite. Ihr Magen zog sich zusammen. Einen entsetzlichen Atemzug lang glaubte Theia, erneut zu fallen, erneut in die Dunkelheit zu driften, doch ihre Finger krallten sich in Staub und kleine Steinchen, zwangen den Boden unter ihr, fest zu bleiben. Sie war oben. Nicht mehr unten im Keller. Sie lag auf den alten Dielen des Hauses, zwischen Geröll, Holzsplittern und altem Laub, während Elias über ihr kniete und sie mit einer Sorge betrachtete, derer sie sich erst jetzt so richtig bewusst wurde. Theia erwiderte den Blick des Ritters, brauchte aber einen Moment, um zu begreifen. Sie war ... ohnmächtig geworden. Die Erkenntnis traf sie scharf und so beschämend klar, dass ihr Herz einen weiteren schmerzhaften Schlag tat. Während ihrer Aufgabe. Mit einer halb genähten Wunde, mit Blut an den Händen, vor einem Gefangenen, vor Rhaev, der fieberte, blutete und wach bleiben musste. Sie wusste nicht, was passiert war, aber sie hatte ... die Kontrolle verloren. Sichtbar. Körperlich. Vollständig. Ihr Mund war trocken, die Zunge klebte ihr am Gaumen fest.
„Ich…“, begann sie, aber ihre Stimme blieb kaum hörbar. Sie brach ab, schluckte gegen die Trockenheit an und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, auch wenn ihr Kopf ihr nicht gehorchen wollte. Da war immer noch dieses Hämmern unter ihrer Schädeldecke, an ihren Schläfen, an jener Stelle am Hinterkopf, die nun ebenfalls zu pochen begann. Theia hob eine Hand, langsam, vorsichtig, und tastete nach der empfindlichen Stelle, die sie zuerst gar nicht wahrgenommen hatte. Eine Beule. Keine offene Wunde. Gut. Sie zwang sich, Ritter Elias anzusehen. „Ich bin wach. Verzeiht.“
„Ich habe ein dumpfes Geräusch von unten gehört und dann hat der Gefangene gerufen. Es war stockdunkel da unten. Ich musste eine Fackel holen. Es hätte ja auch eine Falle sein können. Ihr lagt auf dem Boden und anscheinend war die Lampe ausgegangen.“ Der Gefangene hatte gerufen. Etwas in Theia zog sich zusammen. Rhaev hatte gerufen. Nicht für sich. Wegen ihr. Und sie wusste, sie durfte diesem Gedanken keinen Raum geben, durfte ihm eigentlich gar nichts geben, aber– ... „Hat der Gefangene Euch etwas getan?“
Theia hob abermals den Blick; zu Elias, der noch immer neben ihr kniete, eine Hand nahe ihrer Schulter, als rechne er damit, sie noch einmal auffangen zu müssen.Sie bemerkte die helle Falte zwischen seinen Brauen, den raschen Blick zu ihrem Hinterkopf, zu ihren Händen, zu ihrer blassen Miene. Er schien sich zu sorgen, grundehrlich. Doch darunter, unter dieser Sorge, da lag noch etwas anderes. Etwas Härteres. Etwas, das bereits gespannt war.
Theia sah es in seinem Blick.
Die aufspringende Bereitschaft.
Den Funken, der auf trockenes Holz wartete.
„Nein.“ Das Wort kam rau heraus.
Sie räusperte sich. Der Versuch, deutlicher zu sprechen, schmerzte in ihrer trockenen Kehle.
„Nein“, wiederholte sie, klarer diesmal. „Er hat mir nichts getan.“
Ihre Ohnmacht durfte nicht zu Rhaevs Schuld werden, nur weil es einfacher war, einem gefesselten Dunkelelfen üble Absichten zu unterstellen als einer Novizin schiere Überforderung. Rasch wandte sie den Blick ab, betastete erneut die kleine Beule an ihrem Hinterkopf. Ihr Schädel pochte beleidigt, heiß und stumpf, und ihr entfuhr ein leises Zischen, ehe sie es unterdrücken konnte.
„Ich bin nur. ... gestürzt. Glaube ich. Oder ausgerutscht."
Rhaevs Hände hatten ihre gehalten. Sie erinnerte sich.
Vor Schreck zog Theia ihre eigene Hand nun vielleicht etwas zu schnell zurück, doch sie sammelte sich, zog die Schultern trotz des Schwindels ein Stück gerader und zwang die nächste Erklärung in eine brauchbarere Form.
„Unten war es dunkel. Ich muss beim Zurückweichen oder Aufstehen das Gleichgewicht verloren haben.“
Ob sie sich das vielleicht auch selbst noch würde einreden können?
„Es ist jedenfalls nur eine Beule“, fügte sie dann noch an, mehr zu sich selbst als zu Elias. „Nichts Ernstes. Bitte verzeiht, dass ich Euch Sorgen bereitet habe. “
„Soll ich besser mit runter kommen? Oder ist Eure Aufgabe erfüllt?“
Erfüllt? Theia erhob sich, klopfte Staub und Dreck von ihrer Gewandung. Die Aufgabe war nicht erfüllt. Rhaevs Braue war nur halb genäht, vermutlich immer noch mit einem baumelnden Faden behangen. Seine Nase war gerichtet, aber frisch tamponiert. Seine Seitenwunde nur vorläufig versorgt. Er fieberte. Er war dehydriert. Er hatte eine Kopfverletzung und sollte nicht einschlafen. Beim gnädigen Licht, sie hatte ihn in einer offenen Behandlung, mit Faden und gelöschter Lampe im Dunkeln des Kellers zurückgelassen — und war oben auf dem Boden erwacht wie ein hilfloses, kleines Kind, das an seiner allerersten Prüfung zerbrochen war. Nein. Keine Pause.
„Ich muss nochmal hinunter. Und ich danke Euch, aber Ihr müsst nicht mitkommen. Der Raum ist niedrig. Eng. Ihr würdet nur Rückenschmerzen bekommen. Außerdem, vermutlich würde ein weiterer Körper dort unten auch nur die Versorgung erschweren.“ Das war wahr. Nicht die ganze Wahrheit, aber wahr genug. Theia richtete sich auf, den Rücken begradigt, bevor sie Ritter Elias einen Herzschlag lang fest in die Augen sah, in diese gefährlich funkelnden, hellen Augen, die sie selbst so freundlich betrachteten, in denen jedoch noch immer etwas darauf zu warten schien, entfesselt zu werden. Sie wagte, eine Hand auf seinen Unterarm zu legen, ein zaghaftes Lächeln auf den Lippen. „Ich wollte Euch wirklich keine Umstände machen“, sagte sie schließlich noch, leiser, ein wenig beschämt, dann allerdings griff sie auch schon nach dem Rand ihres Heilerbeutels und einem scheinbar frisch gefüllten Wasserschlauch, der neben ihr lag. Die Bewegung brachte erneut eine Welle von Erinnerung mit sich: Faden. Nadel. Dieses lebendige kleine Licht. Rhaevs Hände. Du erinnerst dich nicht, oder? Woran? Woran sollte sie sich erinnern?
Theias Herz klopfte fest in ihrer Brust, die Frage jedoch schob sie mit aller Gewalt fort. Was sie gesehen hatte, konnte ein Trugbild gewesen sein. Ein Schwächeanfall. Übermüdung. Die Folge von ... Blut und ... Anspannung. Vielleicht hatte ihre eigene Magie verrückt gespielt und ihre Furcht hatte den Rest getan. Vielleicht hatte die Öllampe nur geflackert. Vielleicht hatte Elias recht, und die Lampe war einfach nur ... ausgegangen.
Vielleicht.
Vielleicht.
Vielleicht.
Theia hasste dieses Wort.
Sie zog die Nadeldose aus dem Beutel, prüfte mit fahrigen Fingern, ob noch alles da war, was sie brauchte. Eine zweite Nadel. Schere. Frisches Leinen. Ihre Hände zitterten, also ballte sie sie kurz zu Fäusten. Von unten kam kein Licht mehr herauf. Nur einen halben Herzschlag lang verharrte Theia am oberen Rand der Treppe, den frisch gefüllten Wasserschlauch, den sie mit nach unten nehmen würde, fest gegen ihre Seite gedrückt. Ihr Herz schlug noch immer zu fest, jeder Schlag schmerzhaft deutlich gegen die Innenseite ihrer Rippen, und für diesen einen, winzigen Augenblick wollte ihr Körper nicht weiter. Nicht zurück in diesen Keller. Nicht zurück zu der Lampe. Nicht zurück zu dieser halb vollendeten Naht, zu Rhaevs Händen, zu dem, was da unten geschehen war. Und wieder: Du erinnerst dich nicht, oder? Theia schloss die Finger fester um den Wasserschlauch, als sie die Treppen schließlich hinabstieg. Holz und Stein unter ihren Füßen knarrten leise. Schritt für Schritt.
Auf halber Höhe hob Theia die freie Hand. Einen schier ewig andauernden Atemzug lang geschah nichts. Dann flackerte ein schwaches, goldenes Glimmen in ihrer Handfläche auf. Nicht ruhig, nicht besonders gehorsam. Es zitterte über ihrer Haut wie ein Licht, das sich vor ihr fürchtete — oder vor sich selbst. Theia presste die Lippen zusammen und zwang es, wenigstens lange genug durchzuhalten, um sehen zu können, wohin sie stieg. Unten zeichnete es den Keller in unsicheren Rändern nach: die Ketten an der Wand, die Tücher auf dem Boden, das dunkle Wasser in der Schale, die Nadeldose. Und Rhaev. Er saß noch dort, wo sie ihn zurückgelassen hatte. Was nichts zu bedeuten hätte, wenn ... Sie kniete sich rasch bei der Öllampe nieder, tastete nach Feuerstein und Zunder und mühte sich mit viel zu steifen Fingern darum ab, die gewöhnliche Flamme zurückzuholen. Eine richtige Flamme. Eine begreifbare. Eine, die Docht, Öl und Funken brauchte. Erst als besagter Docht endlich Feuer fing, atmete Theia langsam aus. Das Licht war klein, aber warm – es würde reichen. Somit konnte sie sich jetzt ... Theia wandte sich Rhaev zu. Sie trat näher, vorsichtig, den Wasserschlauch in beiden Händen, als könnte dieses einfache, praktische Ding sie vor allem schützen, was hier unten keinen Namen hatte. Vor ihm ließ sie sich in die Knie sinken.
„Dunkelelf.“ Ihre Stimme war zu leise, zu rau vom Staub. Sie würde ihn deutlicher ansprechen müssen, lauter.
„Rhaev. Seid Ihr wach? Seht mich an.“ Die Stille fühlte sich zu groß an, nahm ihr beinahe den Atem.
Wasserschlauch und Heilerbeutel landeten neben ihr, stattdessen fasste Theia nun beherzt nach dem Gesicht des Dunkelelfen. Vorsichtig zunächst noch, denn Lysanthor bewahre, sie wollte ihm wirklich nicht wehtun müssen, aber ...

Re: Aufbruch nach Norden

Verfasst: Dienstag 28. Juli 2026, 13:30
von Erzähler
Du erinnerst dich nicht, oder?
Was für ein einfacher Satz. Was für eine einfache Frage! Aber sie brachte Theias Weltbild ins wanken, säte Zweifel, verunsicherte, raubte ihre Konzentration und damit leider nicht nur ihre Magie, sondern auch ihr Kreislauf wankte. Was sollte sie auch antworten? Nein, sie erinnerte sich an nichts! Winzige Fragmente, eher Gefühle oder kurze Eindrücke waren wie Blasen in einem Teich voller Schlick und Algen vom Grund ihrer Kindheit herauf gestiegen, um an der Oberfläche sofort zu zerplatzen. Sie hatte diesen Teil ihres Lebens vergessen wollen, doch seine Hände, sie hatten damit etwas zu tun. Sie hatte sich erinnert, dass er ihr das Gesicht gewaschen hatte. Da waren Gefühle und dann...
Er hatte ihr eine Frage gestellt, deren Antwort...
Da war es wieder! Dieses Gefühl im Nacken, heiß und kalt und kribbelnd...
Was erwartet mich?
Er hatte eine Vergangenheit – mit ihr. Sie hatten eine Vergangenheit, aber er hatte keine Zukunft, wenn sie nichts ...
Diese vielen losen Enden in ihrem Kopf waren schlimmer als Filzgarn. Sie verhedderten sich ständig neu, waren wie heiße Nächte kurz vor einem Gewitter statisch aufgeladen und es zog sie immer wieder zueinander. Theias Schritte, ihre Aufgabe zogen sie wieder in diesen kleinen dunkeln Kartoffelkeller, ihren persönlichen Harax, die schwerste Prüfung, die sie bisher hatte bestehen müssen. Rhaev war das gefährlichste Wesen, dem sie bisher begegnet war! Und das nicht, weil er stark war, oder ein Feind, noch ihr nach dem Leben trachtete. Er war gefährlich, weil er das alles eben NICHT war. Er war geschwächt und ihre Aufgabe war es ihn zu heilen, obwohl es für ihr Seelenheil gewiss besser wäre, wenn es schnell vorbei wäre. Aber das Schicksal gewährte ihr keine Pause. Sie selbst gewährte sich keine Pause. Er war nicht der Feind – nicht für sie. Sie wusste es und sah es in seinem Verhalten, doch sie konnte es auch verdrängen. Aber er würde ihr niemals etwas antun, sondern sorgte sich um sie, rief die Wachen, wenn sie ohnmächtig wurde. Es war einfach schrecklich! Er war gefährlich, aber nur für SIE!
Auf halber Höhe der Treppe nach unten hob Theia die freie Hand. Einen schier ewig andauernden Atemzug lang geschah nichts. Ihre Magie ließ sich Zeit. Es schien immer schlimmer zu werden. Erst nach zwei tiefen langen Atemzügen flackerte ein schwaches, goldenes Glimmen in ihrer Handfläche auf. Nicht ruhig, nicht besonders gehorsam. Überhaupt nicht gehorsam! Es zitterte über ihrer Haut wie ein Licht, das sich vor ihr fürchtete — oder vor sich selbst. Theia presste die Lippen zusammen und zwang es, wenigstens lange genug durchzuhalten, um sehen zu können, wohin sie stieg. Sie musste nur wenigstens diese vermalledeite Lampe finden, oder zurück und Elias um die erwähnte Fackel bitten: eine Flamme, groß und hell – Nein! Das nicht!
Das Licht ihrer Hand flackerte heftig, glomm auf und ab und erlosch fast vollständig, als sie die unterste Stufe erreichte. Theia blieb einen Moment an die Wand gelehnt stehen und schloss die Augen.
Konzentration!
Hinter ihren Lidern dämmerte es rötlich. Licht und Feuer hatten eines gemeinsam. Es sah hinter geschlossenen Augen gleich aus. Kurz drängten sich ihr einige schreckliche Fragen auf:
War es Licht oder Feuer was zu ihr zurück kehrte? Hatte sie etwa diese tanzende lebendige Flamme erschaffen? War es Rhaev gewesen? War es ein Trick des Feindes um sie zu verwirren? Wollte er sie benutzen um zu fliehen? Sie riss die Augen wieder auf und ihre Handfläche leuchtete wieder halbwegs stabil. Es zeichnete den Keller in unsicheren Rändern nach: die Ketten an der Wand, die Tücher auf dem Boden, das dunkle Wasser in der Schale, die Nadeldose. Und Rhaev. Er saß noch dort, wo sie ihn zurückgelassen hatte. Sie kniete sich rasch bei der Öllampe nieder, tastete nach Feuerstein und Zunder und mühte sich mit viel zu steifen Fingern darum ab, die gewöhnliche Flamme zurückzuholen. Erst als besagter Docht endlich Feuer fing, atmete Theia langsam aus. Theia wandte sich Rhaev zu. Sie rutschte näher, vorsichtig, den Wasserschlauch in beiden Händen, als könnte dieses einfache, praktische Ding sie vor allem schützen, was hier unten keinen Namen hatte. Vor ihm ließ sie sich in die Knie sinken.
„Dunkelelf.“
Ihre Stimme war zu leise, zu rau vom Staub. Sie würde ihn deutlicher ansprechen müssen, lauter.
„Rhaev. Seid Ihr wach? Seht mich an.“
Die folgende Stille fühlte sich zu groß an, nahm ihr beinahe den Atem. Hatte sie versagt?Wasserschlauch und Heilerbeutel landeten neben ihr, stattdessen fasste Theia nun beherzt nach dem Gesicht des Dunkelelfen und hob es an. Er zuckte leicht, dann öffneten sich träge seine Lider. Er war tatsächlich eingenickt. Schläfrig und leider auch etwas glasig um die Augen sah er sie und... lächelte! Verdammter Mistkerl!!! Er lächelte, weil er sie sah und es machte diese farblosen Gesichtszüge schön. Er war ein Mann, der aussah, als hätte man ihm jegliche Farbe geraubt, als hätte Manthala höchst selbst ihn mit ihrer immerwährenden Nacht berührt. Er war wie glänzendes Silber, wertvoller Obsidian und seine Tränen waren wie Diamanten auf schwarzen Samt und er war am Leben! Theia war erleichtert. Sie wusste nicht wie lange sie ohnmächtig gewesen war und sie hatte auch nicht danach gefragt. Sie hatte einfach schnell wieder an ihre Aufgabe gehen wollen. Moment! Tränen? Sie hatte Tränen auf seinen Wangen gesehen. Seine lächelnden Lippen verzogen sich und er flüsterte:
„...wunderschön!“
Delirium!
Sonst würde er nicht so einen Unsinn reden. Theias Hände brannten auf seinen Wangen. Er schwitzte und als sie seinen Puls fühlte schlug dieser zu schnell. Er musste dringend trinken und sie brauchte für ihren Patienten kalte Wickel. Warum versagte ihre Heilmagie ausgerechnet jetzt?!!? Wut kitzelte an ihrer Selbstbeherrschung. Plötzlich kam Bewegung in ihn und er wollte wohl ihr Gesicht berühren, doch der Ruck der Ketten hielt seine Hände kurz vor ihrem Gesicht zurück. Verwirrt starrte er auf seine Fesseln und ließ sie dann kraftlos sinken. Wusste er nicht mehr wo er war? Rhaev wirkte zunehmend desorientiert. Sie hatte zwar eine Schädelverletzung ausschließen können, aber nun schlug das Fieber zu. Er sah wieder zu ihr auf und meinte:
„Süße Mara. So klein und so mächtig. Was hab ich getan, dass du mich jetzt in meinen Träumen heimsuchst!“
Er hatte sie verlassen!
Leider nannte er sie nun auch wieder bei ihrem alten Namen. Er hob noch einmal die Hände, doch kam nicht weit. Er sah sie voller Begeisterung an und sprach nun auch lauter:
„Sieh dich nur an, wie wunderschön du geworden bist, kleine Mara!“

„Mara?“
Theia zuckte zusammen.
„Wer soll das sein? Phantasiert er?“
, erklang erneut die Stimme Bruder Calvins hinter ihr. Er trug keine schweren Stiefel wie die Ritter, sondern weiche Sandalen und Theia war auch zu abgelenkt gewesen um ihn zu hören. Jetzt kam er noch näher und wollte wohl den Gefangenen persönlich begutachten. Dabei musterte er Theia von der Seite.
„Ritter Elias berichtete mir von deiner kleinen … Unpässlichkeit.“
Nur Bruder Calven, ihr Mentor Vikram und nun auch Rhaev sprachen sie so persönlich an. Aber gerade war ihm diese Nähe und das Thema eher unangenehm. In seinem Blick lag mehr Argwohn um den Erfolg ihrer Mission als Sorge um sie.
„Könnt ihr hier weiter machen?“
Rhaev ließ seinen Blick von ihr zum Bruder wandern und verzog das Gesicht.
„Wer ist der Mann?“
Bruder Calven bellte:
„SCHWEIGT Ketzer!“
Rhaev zuckte merklich zusammen. Auch Theias Ohren klingelten ein wenig. Hier unten und so nah neben ihr so zu brüllen war schmerzhaft für ein feines Gehör.
„Ihr befindet euch in der Obhut der Bruderschaft des Lichts und Lysanthor wird euch für eure Vergehen verdammen!“
Rhaev schien entweder nicht zu verstehen, oder er war bereits tiefer ins Delirium gerutscht als angenommen, denn er sagte zu ihm:
„Ich muss pissen.“
„WAS?“
Bruder Calven wollte hoch schnellen doch ein Balken der die niedrige Decke stützte, bremste abrupt sein Vorhaben.
*Klong!*
„Arrrg... Theia!“
, schnauzte er angeschlagen, da er sich den Kopf gestoßen hatte. Als wenn es ihre Schuld gewesen wäre? War heute Tag der Beulen?
„Braucht das noch lange?!?“
Es war keine wirkliche Frage. Er war einfach wütend. Bruder Calven drehte sich um und ging die Treppe wieder hinauf. Theia hörte noch seine Stimme, wie er rief:
„Elias! Holt einen Eimer, oder etwas vergleichbares für seine Notdurft und bringt ihn nach unten!“
Eilige schwere Schritte ließen die Dielen über ihrem Kopf knarren. Es dauerte ein bisschen Zeit, in der Theia dem Gefangenen etwas Wasser einflößen konnte. Dann kam Elias tatsächlich mit einem Eimer, sehr alt und an einer Seite war ein Stück abgebrochen.
„Entschuldigung. Etwas besseres konnte ich nicht finden.“
Selbst die Futtersäcke für die Pferde wären besser gewesen, aber es hatte einfach niemand damit gerechnet, dass man den Gefangen länger versorgen musste. Bruder Calven hatte Ritter Elias als Theias persönlichen Assistenten abgestellt und für alle Belange des Gefangenen. Er selbst hielt sich weitestgehend fern und die anderen sicherten wohl die nähere Umgebung. So war Theia erst einmal weiter mit dem Dunkelelfen im Delirium allein. Wenn sie Hilfe brauchte, musste sie nur fragen. Elias würde ihr helfen. Vielleicht mehr als nötig. Als sie nach dem Aufwachen ihre Hand auf seinen Oberarm gelegt hatte, da war ihr sein sich verändernder Blick aufgefallen. Erst war da dieses Lauern gewesen, was sich in Richtung des Gefangenen fokussiert hatte, aber davon hatte sie ihn erfolgreich abgelenkt. Doch dann hatte sie etwas anderes in seinem Blick gesehen. Etwas dass ihn irritiert und verwirrt hatte und dann hatte er schnell weg gesehen. Seine Kiefermuskulatur hatte gearbeitet. War er wütend... auf sie oder auf sich selbst? Es war nur eine Sekunde gewesen und er hatte sich schnell abgewandt. Jetzt hatte er ihr diesen alten hölzernen Eimer gebracht und beobachtete sie eine Weile. Er hockte hinter ihr und seine Präsenz im Nacken war nicht wirklich entspannend. Irgendwie hatte er etwas von einem Geier, der seine Beute belauerte.
„Was macht ihr da?“
, stellte er zwischendurch eher unnötige Fragen nach ihren Handlungen und Handgriffen und kommentierte ihre Aussagen mit einem leisen:
„Hmhm.“
Er glotzte, anders war das kaum zu nennen und hier unten, auf diesem beengten Raum war sie sich seiner Gegenwart zu sehr bewusst. Sie roch seinen Schweiß merkwürdiger Weise mehr als den des Dunkelelfen, obwohl dieser sicher länger keine Möglichkeit mehr gehabt hatte sich zu waschen. Rhaev roch einfach nach Rhaev, Blut und Staub. Menschen konnten sehr unterschiedlich riechen, was an der Ernährung und an vielen anderen Faktoren liegen konnte. Elias roch scharf, wie Käsefuß und ein bisschen wie ranziges Fleisch. Leider versperrte er mit seinem Körper auch den Ausgang, so dass auch die Luftzirkulation hier unten sich verschlechterte. Außerdem war er einfach zu nah! Vielleicht sollte sie Elias irgendwie beschäftigen. Sie konnte weder vor noch zurück. Vielleicht könnte sie ihn Kamillenblüten sammeln lassen? Das Kraut war allgemein sehr bekannt und blühten fast überall am Wegesrand.
„Wäre es nicht besser ihn oben zu versorgen? Hier ist es zwar kuschelig, aber da hättet ihr mehr Platz.“
Oben war es deutlich wärmer, was dagegen sprach. Auch wenn der Raum klein und staubig war, so hatte der kühlende Felsboden auch seine Vorteile. Rhaev vor ihr war derweil ruhiger geworden. Das trinken half etwas, aber sie musste es dosieren, da er etwas zu gierig begonnen und sich prompt verschluckt hatte.

Sobald sie Elias los geworden war, konnte Theia Rhaev weiter befragen und das Delirium öffnete erstaunlicher Weise seine aufgesprungenen Lippen für sie und die Wahrheit, sie sie ihm entlocken könnte. Nur was genau wollte sie von ihm wissen? Dieser Zustand würde nicht lange anhalten, wenn sie ihn korrekt behandelte und das musste sie, wenn er nicht vorzeitig sterben sollte. Die Wahrscheinlichkeit, dass er die nächsten Tage, die hochnotpeinliche Befragung, oder Lysanthors Urteil über ihn nicht überleben würde, war hoch. Allein der Gedanke an seinen Tod ließ dieses Kribbeln unter ihrer Haut neu entfachen, als tummelten sich hunderte Funken darunter. Was war nur los mit ihr?! Sie musste ihn so bald wie möglich soweit stabilisieren, dass er den Transport in dieser unsäglichen Kiste überstand. Zuhause, bzw. im Unterschlupf der Bruderschaft, da könnten sich erfahrene Heiler um ihn kümmern. Heiler, deren Magie in seiner Nähe nicht versagte.

Re: Aufbruch nach Norden

Verfasst: Mittwoch 29. Juli 2026, 10:30
von Theia Talfaern
Rhaev lächelte sie an, und– „... wunderschön!“
Oh, beim gnädigen Licht! Theia unterdrückte den Impuls, die Augen zu verdrehen, und das nicht einmal besonders erfolgreich, denn für einen winzigen Moment zuckte doch tatsächlich so etwas wie eine höchst eigentümliche Mischung aus Überforderung und schamhafter Empörung in ihrer Miene. Was für ein Unsinn. Was für ein vollkommen unpassender, fieberverbrannter Unsinn! Da hockte dieser Mann in Ketten vor ihr, blutend und erschöpft, halb ausgetrocknet, mit einer frisch gerichteten Nase, einer nur halb beendeten Naht auf der Stirn und steigendem Wundfieber im Körper, und fand ausgerechnet jetzt Anlass, derlei Worte von sich zu geben?! Das lag am Fieber, das wusste Theia. Am Fieber und der Dehydrierung. Nichts weiter. Es war ein kritischer, krankhafter Zustand, in dem sich der Dunkelelf momentan befand, hervorgerufen durch die ersten Anzeichen einer Entzündung, die sich vermutlich bereits heiß und gierig durch seinen Körper fraß. Fiebernde sagten oft seltsame Dinge, das hatte sie im Kottenhaus mehr als einmal erlebt. Es machte aus erwachsenen Männern kleine Kinder, die nach ihren toten Müttern riefen. Aus gebrechlichen Alten junge Soldaten, die mit ihren Kameraden sprachen, die niemand außer ihnen selbst im Raum sehen konnte. Ebenfalls hatte sie Fiebernde erlebt, die nach Häusern suchten, die schon seit Jahren nicht mehr standen. Und doch ... Und doch. Wunderschön. Das Wort blieb an ihr haften, fand irgendeine Stelle tief unter ihrer Haut, an der keine Lehre, keine Gebetsformel, kein theoretisches Wissen sie jemals zuvor berührt hatte.
„Ihr phantasiert“, sagte sie, schärfer als nötig. Bei aller Güte, warum versagte ihre Heilmagie ausgerechnet jetzt!? Oh, sie hätte wütend werden wollen! Sie hatte doch gelernt! Sie hatte geübt, hatte sich die Finger wund gearbeitet! Und nun, hier und jetzt, wo der Augenblick zählte, zitterte ihr Licht wie ein verängstigtes Tier?! Theia griff nach einem frischen Tuch, wrang es mit grober Entschlossenheit aus. Gut! Fein! Dann würde sie eben ohne Magie arbeiten! Licht verlässt die Würdigen nicht. Der Gedanke kam so plötzlich, dass ihr vor Scham beinahe schlecht geworden wäre. Nein, nicht jetzt ... damit würde sie sich nicht jetzt beschäftigen. Auch Hände waren Werkzeuge Lysanthors! Wasser war ein Werkzeug. Leinen. Nadel. Faden. Kräuter. Alles davon! Und was Rhaev betraf – ihren höchst verwirrten Patienten, der, wie sie soeben bemerkte, gerade versuchte, nach ihrem Gesicht zu fassen – solange er delirierte, würde sie nichts von dem ernst nehmen müssen, was er sagte. Nichts davon!
„Sieh dich nur an, wie wunderschön du geworden bist, kleine Mara!“
„Ja, ja … schon gut.“
„Mara?“
Theia zuckte zusammen; ein winziger Ruck, der durch ihre Schultern ging.
Beinahe entglitt der Lappen ihren Händen.
Bruder Calven.
Lysanthor bewahre, sie hatte ihn nicht gehört.
Keine schweren Stiefel. Keine knarrende Rüstung. Nur weiche Sandalen auf alten Stufen und ihre eigene jämmerliche Unaufmerksamkeit, weil sie zu sehr auf Rhaevs Unsinnigkeiten geachtet hatte. Langsam wandte Theia den Kopf. Bruder Calvens Umriss stand am Fuß der Treppe, halb im Schatten, halb im warmen Schein der wieder entzündeten Lampe. Sein Blick lag nicht auf Rhaev, sondern auf ihr. Auf ihr.
„Wer soll das sein?“, fragte er. „Phantasiert er?“
Theias Herzschlag geriet ins Stolpern, als er näher trat. Sie bemerkte, wie sein Blick an ihr entlang glitt, von ihrem Gesicht zu ihren Händen, zu dem feuchten Tuch, zu Rhaevs fiebrig glänzenden Augen – und wieder zurück zu ihr. Nicht offen misstrauisch. Nicht direkt anklagend. Aber prüfend genug, dass Theia unwillkürlich den Rücken durchdrückte und die Schultern nach hinten zog.
„Ritter Elias berichtete mir von deiner kleinen … Unpässlichkeit.“
Das Wort traf sie härter, als es sollte.
Unpässlichkeit.
Theia spürte, wie ihr die Peinlichkeit heiß und klebrig in den Nacken kroch. Calvens Aufmerksamkeit galt nicht ihrer Blässe, das wusste sie, nicht dem Schmerz an ihrem Hinterkopf, nicht dem Umstand, dass sie bewusstlos gewesen war. Er maß sie an etwas anderem. An ihrem Nutzen. Ihrer Standhaftigkeit. An der Mission.
„Könnt ihr hier weitermachen?“
„Ja, Bruder Calven, ich–“
„Wer ist der Mann?“
Rhaev!
„SCHWEIGT, Ketzer!“
Der Ruf schlug gegen die niedrige Kellerdecke, gegen Stein und Holz – und direkt gegen Theias Schädel, wie es schien.
„Ihr befindet Euch in der Obhut der Bruderschaft des Lichts und Lysanthor wird Euch für Eure Vergehen verdammen!“
Calvens Stimme war nun nicht mehr ganz so laut, aber immer noch scharf genug, dass jedes Wort spürbar blieb. Obhut. Bruderschaft. Vergehen. Verdammen. Die Begriffe standen im Raum wie Fackeln, grell und heiß, und doch schien Rhaev sie nicht richtig zu erfassen. Sein Blick glitt von Calven zu Theia zurück, dann wieder an Calven vorbei, als suchte er etwas in diesem Keller, das ihm vertrauter war als dieser wütende Priester unter dem zu niedrigen Balken.
Seine Lippen öffneten sich.
Theia spannte sich unwillkürlich an.
Bitte nicht ...
„Ich muss pissen.“
Sie blinzelte. Ihr Geist, ohnehin schon überreizt, übermüdet und bis zum Zerreißen gespannt, weigerte sich für diesen winzigen Moment, die Worte sofort zu begreifen.
„WAS?“
Bruder Calven fuhr hoch.
Oder versuchte es.
Klong!
Der Laut des Schädels gegen den tragenden Balken war laut, dumpf – und erschreckend hohl. Als hätte jemand mit einem Holzhammer gegen eine leere Truhe geschlagen. Theia zuckte erneut zusammen, diesmal nicht nur wegen des Geräusches, sondern auch wegen der völlig unpassenden Erkenntnis, die ihr durch den Kopf schoss: Heute muss wohl Tag der Beulen sein. Sie hasste sich sofort dafür. Bruder Calven indes stieß einen höchst ungehaltenen Laut aus, halb zornig, halb schmerzgeplagt.
„Arrrg ... Theia!“
Natürlich.
Als hätte sie den dämlichen Balken dort angebracht!
„Braucht das noch lange?!?“

Theia beobachtete noch das übereilte Abrauschen ihres Lehrmeisters – die Situation allerdings besserte sich kein Stück weit, als es schließlich nur noch Ritter Elias sein sollte, der in ihrem Rücken lauerte ...

„Wäre es nicht besser, ihn oben zu versorgen? Hier ist es zwar kuschelig, aber da hättet Ihr mehr Platz.“
Kuschelig. Theia wollte die Augen schließen. Nur kurz. Nur, um den Impuls zu unterdrücken, etwas vollkommen Unangemessenes zu erwidern. Kuschelig. Beim gnädigen Licht, wenn dieser Mann noch ein einziges überflüssiges Wort in diesen Keller hineinwarf, würde sie ihm womöglich eigenhändig den alten Eimer über den Kopf stülpen. Natürlich tat sie nichts dergleichen. Natürlich nicht. Stattdessen hielt sie Rhaevs Braue auch weiterhin mit zwei Fingern gespannt, führte die Nadel erneut durch den aufgeworfenen Wundrand und zwang ihre Stimme zur Ruhe.
„Oben ist es wärmer“, erwiderte sie lediglich, ohne sich nach Elias umzusehen. „Er fiebert. Wärme wäre im Augenblick nicht hilfreich.“ Der Faden glitt anstandslos durch die dunkle Haut. Rhaevs Kiefer spannte sich, aber er blieb still. Wenigstens einer, dachte Theia und schämte sich sogleich für die Undankbarkeit dieses Gedankens. Elias war auf Bruder Calvens Geheiß hier. Vermutlich. Um ihr zu helfen. Vermutlich. Doch bei aller Gnädigkeit! Selbst die Luft hatte sich verändert, seit der Ritter mit ihr hier unten saß. Nicht nur, weil er den schmalen Raum mit seinem Körper ausfüllte. Nicht nur, weil sein Schweiß derart scharf und ranzig in der kühlen Dunkelheit hing, unangenehm menschlich, schwerer zu übergehen als Blut, Kellerfeuchtigkeit und Rhaevs eigener ungewaschener Körpergeruch. Sondern weil seine Aufmerksamkeit plötzlich überall war. Auf ihren Händen. Auf Rhaevs Gesicht. Auf dem Faden, auf den Tüchern, auf dem Wasser, auf ihrer Nähe zu dem Gefangenen. Auf ihr. Ritter Elias sah ihr nicht bloß nur zu. Nein, er glotzte. Anders ließ sich das kaum nennen. Seine Fragen kamen oft, waren unnötig, und seine Blicke ... sie waren aufdringlich, wanderten über Theias Haut beinahe wie die Krabbelbeinchen irgendeines Käfers, den sie nicht abschütteln durfte.
„Ich werde wohl Kamille brauchen“, sagte sie dann. Der Gedanke hatte sich gerade erst geformt, und doch griff Theia nach ihm, als hätte Lysanthor selbst ihn ihr gereicht. „Kamillenblüten. Also ... Könntet Ihr vielleicht ...? Wenn Ihr welche findet ...?“ Sie hielt sich Rhaev zugewandt, als wäre dies nur eine weitere Bitte, ein weiteres Anliegen für ihre gemeinsame Mission – und kein Versuch, den Ritter endlich aus ihrem Rücken zu bekommen. „Sie wächst häufig am Wegesrand, auf trockenen Stellen, dort, wo der Boden gestört ist. Weiße Blütenblätter, gelbe Mitte, der Geruch ist eindeutig. Ich kann daraus einen milden Aufguss bereiten und Tücher tränken. Für die Haut, für die Wickel." Dann fügte sie hinzu, weil Männer wie Elias möglicherweise lieber liefen, wenn man ihnen eine Aufgabe gab, die nach besonderer Wichtigkeit klang: „Es würde helfen, das Fieber zu senken. Ich wäre Euch sehr dankbar.“
Die Kellerluft veränderte sich abermals, als Elias aufstand. Holz knarrte. Der Ausgang wurde frei. Ein kühlerer Hauch glitt die Treppe hinab, nicht viel, kaum mehr als eine Andeutung, aber Theia merkte erst jetzt, dass sie die ganze Zeit die Schultern hochgezogen gehalten hatte. Sie wartete, bis seine Schritte über ihr verklungen waren. Erst dann atmete sie aus.
Rhaev sah sie an.
Der fiebrige Glanz schimmerte in seinen schwarzen Augen.
Möglicherweise wollte er wieder irgendetwas sagen, vielleicht, vielleicht auch nicht, bevor es jedoch dazu hätte kommen können, griff sie nach seinem Kinn. Nicht sanft. Nicht grob. Führend. Sie begutachtete ihr Werk an seiner Braue, während sie sprach:
„Ihr werdet mir jetzt zuhören.“
Rhaevs Lider hingen schwer, doch er schien zumindest wach genug, um sie wahrzunehmen. Wach genug, dass Theia wenigstens darauf zu hoffen wagte, ihre Worte würden irgendwo ankommen, selbst wenn das Fieber bereits begonnen hatte, seinen Verstand weich und ungenau zu machen.
„Ihr werdet klug genug sein, um zu schweigen“, sagte sie leise. „Vielleicht träumt Ihr. Vielleicht wisst Ihr gerade nicht, wo Ihr seid. Vielleicht verwechselt Ihr Zeiten, Namen und Gesichter.“ Ihre Finger hielten sein Kinn noch immer, damit sein Kopf nicht wieder sank. „Aber Ihr werdet auf mich hören.“
Von der Naht an seiner Braue glitt ihr Blick nun wieder direkt zu seinen Augen.
„Wenn Ihr sprechen müsst, sprecht Ihr mit mir“, fuhr sie fort.
Da war er, dieser gefährliche Satz. Theia bereute ihn beinahe sofort, doch sie nahm ihn nicht zurück. Stattdessen machte sie daraus eine Regel, einen Rahmen, etwas, das sich in ihren Ohren vernünftig anhörte, immerhin musste sie sicherstellen, dass ihre Bemühungen, sein Leben zu retten, nicht umsonst gewesen waren. „Aber nicht mit den Männern. Und nicht in ihrer Anwesenheit.“ Ihr Blick hob sich kurz zu seinen Augen. „Vor den Männern schweigt Ihr. Ist das klar?“
War es klar? Konnte es überhaupt klar sein, wenn sein Blick so fiebrig auf ihr lag und sein Atem so flach über seine aufgesprungenen Lippen ging? Theia wusste es nicht. Sie wusste nur, dass sie ihn warnen musste. Dass jedes falsche Wort, jeder falsche Name, jedes falsche Fragment aus einer Vergangenheit gefährlich werden konnte.
Und auch jetzt, als Theia befürchtete, er könnte etwas sagen, vielleicht eine Antwort, vielleicht auch nur wieder einen dieser fiebernden Sätze ... Sie ließ es nicht zu. Stattdessen nahm sie ein feuchtes, kühles Tuch und legte es ihm quer über die Stirn.
„Nicht sprechen, wenn es nicht nötig ist.“
Da fiel ihr plötzlich ein, was er sie gefragt hatte. Nicht gerade eben. Nicht jetzt. Vorher. Was erwartet mich? Theias Kehle schnürte sich zu, selbst in ihrer Brust wurde es eng, so plötzlich, dass sie für einen Moment nicht schlucken konnte. Verhör. Und zwar nicht die einfache Befragung eines Mannes, der freiwillig Antwort gab. Die Bruderschaft hatte andere Wörter dafür. Notwendigkeit. Wahrheitsfindung. Läuterung durch Schmerz. Folter. Und schließlich: Tod. Theia presste die Lippen zusammen. Nein. Das würde sie ihm nicht sagen.
Nicht jetzt, zumindest. Nicht, während er fieberte, die Welt ohnehin nicht begreifen konnte. Nicht, während insbesondere auch seine Augen sie ansahen, als hätte sie mehr Macht über sein Schicksal, als sie tatsächlich besaß. Oder als sie besitzen wollte.
„Ihr müsst ruhen“, sagte sie schließlich noch. „Nicht schlafen, aber still sein. Wach bleiben. Atmen. Trinken, wenn ich es Euch sage.“ Theia griff nach dem kleinen Beutel mit Kräutern, den sie neben einem Leinen abgelegt hatte. Ihre Bewegungen wurden sorgfältiger, ruhiger, sobald sie wieder eine Aufgabe hatten. Holunderblüte. Lindenblüte. Ein wenig Schafgarbe. Nichts Schweres. Nichts, das ihm die Wachheit nahm, die sie beobachten musste. Der Aufguss würde nicht heilen, aber vielleicht konnte er die Hitze dämpfen, seinen Körper unterstützen, ihm Feuchtigkeit und Bitterkeit geben. Sie goss das noch übrige, warme Wasser ab, fügte einem ersten Becher die Kräuter zu und beobachtete dann, wie sich die Blüten dunkel verfärbten. Der Duft würde sich nur langsam gegen Blut, Schweiß und Kellerluft behaupten. Mild. Pflanzlich.
The wusste, dass sie ihn hätte befragen können. Sein Fieber hielt die Türen geöffnet. Nicht weit. Nicht zuverlässig. Aber genug, dass Wahrheit und Erinnerung durcheinander an die Oberfläche trieben. Sie könnte nach allen möglichen und unmöglichen Dingen fragen. Nach dem, was vorhin geschehen war. Danach, warum er sie gerettet hatte. Warum er sie verlassen hatte. Woran sie sich nicht erinnern konnte. Die Fragen steckten in ihr wie heiße Splitter. Klein. Tief. Unmöglich herauszuziehen, ohne noch mehr Fleisch aufzureißen. Als Theia sich Rhaev erneut mit dem Wasserschlauch zuwandte, sah sie ihn an. Er war fiebrig. Verwundet. Erschöpft. Gefesselt. Ihr ausgeliefert. Und genau deshalb durfte sie es nicht tun. Das wäre nicht richtig.
Sie ließ Rhaev einen kleinen Schluck trinken und zog ihn wieder fort, ehe er erneut zu gierig werden konnte.
„Ich werde Euch etwas erzählen“, sagte sie dann.
Die Worte überraschten sie selbst.
„Damit Ihr wach bleibt.“
Das war die Begründung. Eine gute sogar. Eine heilerische Maßnahme. Ihre Stimme als Anker, ihre Worte gegen geistiges Wegtreten. Eine einfache, beruhigende Erzählung, damit sein verwirrter Geist sich an etwas entlanghadern konnte, ohne sich in Fieber und Vergangenheit zu verlieren. Nur gab es ein Problem. Theia war nicht gut im Geschichten erzählen. Also nicht, dass sie es jemals schon ausprobiert hatte, aber ... Alles, was sie kannte, waren Gebete. Lehrsätze. Heilabläufe. Namen von Kräutern und Knochen, von Tugenden und Sünden. Sie kannte die Litaneien Lysanthors, die Chroniken der Bruderschaft. Aber Geschichten? Echte Geschichten?
Unschlüssig strich ihr Daumen den Rand des Bechers entlang, in dem der Aufguss zog.
„Ich weiß allerdings nicht ...“, sagte sie nach einem Moment, steifer, als sie wollte, „Also ... Ich kenne keine guten Geschichten. Glaube ich.“
Ein schmaler, beinahe trotziger Atemzug.
Dann sah sie ihn wieder an.
„Also werdet Ihr mir sagen müssen, was Ihr hören wollt.“
Sofort hob sich ihr Zeigefinger an.
„Nichts Persönliches aber!“

Re: Aufbruch nach Norden

Verfasst: Donnerstag 30. Juli 2026, 09:12
von Erzähler
„Mara?“
Bruder Calven.

Der Moment, da ihr Lehrmeister den Namen ihrer Geburt in den Mund nahm, würde sie gewiss noch in einigen Träumen verfolgen. Sein fragender Blick auf ihr, seine forschende Aura – Es kam einem Albtraum gleich! Zum Glück erkannte er nichts von dem was in ihrem Kopf vor ging, sondern nahm an, dass der Gefangene phantasierte und so war es ja auch. Doch Rhaevs Fieber hatte auch etwas gutes, denn er war so ungefiltert gerade heraus, dass sein körperliches Bedürfnis nach einer Notdurft den Bruder eine Beule verpasste und angeekelt vertrieb. Leider blieben sie nicht lange allein und Ritter Elias Gegenwart war erdrückend. Sein Geruch war schon schwer zu ertragen, aber schlimmer war seine Neugierde und seine überflüssigen Fragen. Was wollte dieser Kerl damit erreichen? Sollte sie denken, er interessiere sich ernsthaft für ihre Aufgabe? Die Vorstellung ihm den gebrachten Eimer über den Kopf zu stülpen war verlockend und das Bild in Theias Kopf ein Ventil um ihre aufsteigende Wut zu kanalisieren. Ein zweites Mal hatte sie Glück, denn der Paladin Lysanthors kannte das Kraut, was sie verlangte und machte sich auf den Weg.
„Wenn Kamille sein Fieber senkt, dann kommen wir schneller hier weg, richtig?“
Sie nickte.
„Dann bekommt ihr Kamille!“
In seiner Stimme klang eine Ernsthaftigkeit mit, als wenn er in eine Schlacht ziehen würde. Er verließ den Keller und damit kehrte auch Ruhe und frische Luft zurück in den kleinen Raum, der einfach nicht dafür ausgelegt war, dass hier mehrere Personen sich aufhielten. Zu dritt war es wirklich schon sehr „kuschelig“ gewesen, da hatte Elias recht. Eine vierte Person würde nur noch hinein passen, wenn Theia ihre Heilutensilien weg räumte und man dicht an dicht beieinander saß. Allein die Vorstellung konnte bei manch einem Angstschweiß produzieren.
Als der Besuch gegangen war, da entspannte sich auch wieder ihr Körper. Theia merkte erst dann, dass sie die ganze Zeit die Schultern hochgezogen gehalten hatte. Sie wartete, bis seine Schritte über ihr verklungen waren. Erst dann atmete sie aus.
Rhaev sah sie an.
Der fiebrige Glanz schimmerte in seinen schwarzen Augen. Sie griff nach seinem Kinn. Nicht sanft. Nicht grob. Führend. Sie begutachtete ihr Werk an seiner Braue, befand es für gut, während sie leise sprach:
„Ihr werdet mir jetzt zuhören.“
Auch wenn das Fieber bereits begonnen hatte, seinen Verstand weich zu machen, so hoben sich für einen Moment seine Lider.
„Ihr werdet klug genug sein, um zu schweigen. Vielleicht träumt Ihr. Vielleicht wisst Ihr gerade nicht, wo Ihr seid. Vielleicht verwechselt Ihr Zeiten, Namen und Gesichter. Aber Ihr werdet auf mich hören.“
Von der Naht an seiner Braue glitt ihr Blick nun wieder direkt zu seinen Augen und ihr Blick traf sich.
„Wenn Ihr sprechen müsst, sprecht Ihr mit mir“
Rhaev nickte unmerklich, was sie vor allem an ihrer Handfläche spürte.
„Aber nicht mit den Männern. Und nicht in ihrer Anwesenheit. Vor den Männern schweigt Ihr. Ist das klar?“
Er nickte abermals. Sie wusste, jedes falsche Wort, jeder falsche Name, jedes falsche Fragment aus einer Vergangenheit gefährlich werden konnte – auch für sie. Sie nahm ein feuchtes, kühles Tuch und legte es ihm quer über die Stirn.
„Nicht sprechen, wenn es nicht nötig ist.“
Sein linker Mundwinkel hob sich. DAS amüsierte ihn? Echt? Ja, er redete ohnehin nicht viel. Da fiel ihr plötzlich ein, was er sie gefragt hatte.
Was erwartet mich?
Theias Kehle schnürte sich zu, selbst in ihrer Brust wurde es eng, so plötzlich, dass sie für einen Moment nicht schlucken konnte. Rhaev sah die Veränderung in ihrem Gesicht und jedes Lächeln erlosch ohne Wiederkehr. Sie sprach nicht, aber ihr Blick hatte sich verändert und auch wenn sein Verstand fieberte, so war seine Emotionalität noch vorhanden. Patienten die verwirrt waren konnte man immernoch mit Empathie erreichen. Allein langsam und ruhig gesprochene Worte, eine Geborgenheit spendende Berührung erreichten dann mehr als jede Erklärung. So war es auch bei Rhaev. Er sah ihre Gefühle und spiegelte sie. War sie aufgebracht und ängstlich, so war er es auch und sorgte sich. Also musste sie ruhig und selbstsicher auftreten, selbst wenn sie es nicht war. Theia fand in diesem Moment Halt in ihrem Wissen und ihrer ausgezeichneten Ausbildung.
„Ihr müsst ruhen. Nicht schlafen, aber still sein. Wach bleiben. Atmen. Trinken, wenn ich es Euch sage.“
Er nickte abermals und sie ließ ihn los. Theia griff nach dem kleinen Beutel mit Kräutern, den sie neben einem Leinen abgelegt hatte. Ihre Bewegungen wurden sorgfältiger, ruhiger, sobald sie wieder eine Aufgabe hatten. Bald erfüllte ein wohltuender Geruch nach Holunderblüte, Lindenblüte, und wenig Schafgarbe den Raum. Theia wusste, sie könnte ihn in diesem Zustand nach allen möglichen und unmöglichen Dingen fragen, aber sie tat es nicht. Es wäre nicht richtig. Sie ließ Rhaev einen kleinen Schluck trinken.
„Ich werde Euch etwas erzählen.“
, sagte sie dann. Die Worte überraschten sie selbst und auch der Dunkelelf vor ihr neigte neugierig den Kopf zur Seite.
„Damit Ihr wach bleibt.“
Das war die Begründung. Aber was? Unschlüssig strich ihr Daumen den Rand des Bechers entlang, in dem der Aufguss zog. Seine Augen verfolgten gebannt die Bewegung.
„Ich weiß allerdings nicht ...“
, sagte sie nach einem Moment, steifer, als sie wollte und er sah wieder von ihren Händen auf.
„Also ... Ich kenne keine guten Geschichten. Glaube ich.“
Ein schmaler, beinahe trotziger Atemzug. Dann sah sie ihn wieder an. Da war er wieder dieser glühende Blick aus zwei Teichen der perfekten Dunkelheit. Das Fieber schimmerte wie eine leichte Brandung an den Ufern und unter dem langen Schilf seiner Wimpern. Theia riss sich los.
„Also werdet Ihr mir sagen müssen, was Ihr hören wollt.“
Sofort hob sich ihr Zeigefinger an.
„Nichts Persönliches aber!“
Rhaev dachte nach. Man sah es deutlich und er brauchte etwas Zeit. Manchmal schüttelte er sogar plötzlich leicht den Kopf und verwarf die ein oder andere Frage, die er sonst wohl gestellt hätte. Da waren so viele Fragen hinter der wie von Tau benetzten Stirn. Fragen die sie erahnen könnte, die logisch gewesen wären und mit ihrer letzten Bitte abgeschmettert hatte:
Wie stehen wir zueinander? Wie war dein Leben, seit ich dich in die Obhut des Klosters gegeben habe? Wie ist es dir ergangen? Wie kamst du in diese Gegend, so weit fort von deiner Heimat und seinen gefallenen Mauern? Wie führte dich dein Weg ins Königreich Jorsan? Wann bist du so schön geworden? So wunderschön! Seit wann arbeitest du als Heilerin? War das Lichtmagie, was sich da vorhin gesehen habe und warum nutzt du kein Feuer mehr? Hast du keine Erinnerungen an unsere Zeit? Wo ist deine Leidenschaft geblieben? Wo ist das magisch begabte Kind, dass ich unter diesem Tisch gefunden habe? Was machen diese Männer bei dir? Was meinte der Kerl mit „Vergehen“? Was wird mit vorgeworfen? Wo sind diese Kerle, die mir den Schädel fast eingeschlagen haben? Sind sie weg? Wohin werde ich jetzt gebracht? Was erwartet mich?
Doch nichts von alledem kam über seine Lippen, nichts was sie persönlich berühren konnte. Er atmete tief und blinzelte ein paar Mal gegen das Fieber an. Dann stellte er seine Frage:
„Was ...ist die ...Bruderschaft des Lichts? Und... kann ich kurz den Eimer haben?“