Aufbruch nach Norden
Verfasst: Samstag 18. Juli 2026, 23:08
Einstiegspost
Es war noch früh; fahles, milchiges Licht, das sich nur zögerlich gegen die letzten kühlen Schatten der Nacht durchsetzte, hing über den Mauern Jorsas. Die Türme der Hauptstadt lagen hinter ihnen, noch nah genug, dass Theia sie hätte erkennen können, wenn sie sich im Sattel umgewandt hätte. Was sie nicht tat. Nein, auch am heutigen Morgen wollte sie nicht sehen, was sie hinter sich zurückließ. Die helle Silhouette der Mauern. Die Wachtürme. Das Versprechen einer Stadt, in der Menschen einander mit offenem Blick begegneten, in der die Händler vermutlich gerade ihre Stände öffneten, die Heiler bereits frisches Wasser erhitzten und Priester irgendwo im Tempel den Namen jenes Gottes vorbereiteten, dem dieser Tag gehören sollte. Also wandte Theia sich nicht um.
Stattdessen saß sie auf Niomas Rücken, die Zügel ordentlich zwischen den Fingern, den Blick nach vorn gerichtet. Die Stute schritt ruhig unter ihr, mit jenem gleichmäßigen, vertrauten Takt, der Theia normalerweise Trost und Sicherheit gespendet hätte, heute jedoch ... Das Leder in ihrem Griff knarrte leise, die Hufschläge drückten sich dumpf in den festgetretenen Weg, der aus der Hauptstadt hinaus und nach Norden führte. Hinter ihnen lag Jorsa. Vor ihnen der Auftrag. Theia atmete durch die Nase ein, langsam, wie Olesia es ihr beigebracht hatte. Sie hielt die Schultern gerade, den Rücken aufrecht. Ihre helle Reiserobe war unter dem Mantel sauber geordnet, die goldblonde Flechte lag schwer und sorgfältig gebunden über ihrer Schulter. Sie war vorbereitet. Das zumindest war es, was sie sich seit dem Aufbruch wieder und wieder sagte. Nioma schnaubte leise, und Theia senkte kurz den Blick auf den hellen Hals der Stute, auf die feinen Bewegungen der Muskeln unter Fell und Sattelzeug, die sie sanft beklopfte. Einen Moment lang regte sich dabei dieses Etwas in ihrer Brust, das bereits beim Abschied vom Anwesen unruhig gegen ihre Rippen gestoßen hatte. Vikram würde bei diesem Auftrag nicht dabei sein.
Dieser Gedanke begleitete Theia schon seit Tagen. Sie hatte gewusst, dass er nicht mitreiten würde. Natürlich hatte sie es gewusst. Vikram hatte ihr den Auftrag mit jener ruhigen Bestimmtheit übergeben, die keinen Widerspruch geduldet und kaum Raum für Fragen gelassen hatte. Bruder Calven würde sie begleiten. Vier schwer gerüstete Kämpfer der Bruderschaft würden an ihrer Seite sein. Nioma war verlässlich, der Weg besprochen, ihre Rolle klar umrissen. Alles war geordnet. Alles war vorbereitet. Sie war bereit. Und doch fehlte er. Nicht auf eine Weise, die Theia vor den anderen jemals offen hätte benennen dürfen. Sie war kein Kind mehr, das sich an Vikrams Mantel festhielt. Sie war achtzehn – Novizin der Lichtmagie, Klerikerin in Ausbildung und wohl mehr als alt genug, um nun endlich einen Auftrag auszuführen, ohne bei jedem Schritt nach ihrem Ziehvater zu sehen. Genau das war vermutlich ein Teil dieser Prüfung. Vielleicht hatte Vikram sie gerade deshalb geschickt. Vielleicht sollte sie beweisen, dass sie nicht nur in seinem Schatten stand. Dass sie mehr war als nur das halbelfische Mädchen, dem sein Name Schutz verlieh. Es hätte sie mit Stolz erfüllen sollen, mit vorfreudiger Aufregung. Heute aber wog der Gedanke - wog Vikrams Abwesenheit – unerwartet schwer. Möglicherweise, weil Vikram diese Art an sich hatte, die Welt einfacher erscheinen zu lassen. Nicht leichter, niemals leichter, aber doch wenigstens eindeutiger. An seiner Seite wusste Theia, welche Blicke sie auf welche Art zu deuten hatte, wann sie sprechen durfte, wann sie zuhören musste. Vikram war Strenge, ja. Er war Erwartung und Pflicht und Disziplin. Aber er war auch ... Heimkehr. Eine bekannte Stimme. War oft genug Wärme und Sicherheit in ihrem Rücken gewesen.
Theia presste die Lippen kurz aufeinander, richtete den Blick wieder auf die Straße. Schluss damit. Konzentration. Der Gedanke kam in Bruder Calvens nörgeliger Stimme. Dieser ritt nicht weit von ihr entfernt, eine dunkle, hagere Gestalt inmitten des kleinen Zuges, und im Moment wohl damit beschäftigt, sich mit einem der Kämpfer zu unterhalten, welche die Bruderschaft ihnen zur Verfügung gestellt hatten. Schwer gerüstete Männer, deren Gesichter Theia nur teilweise kannte, deren Namen ihr aber genannt worden waren und die sie sich pflichtbewusst gemerkt hatte. Jeder einzelne von ihnen trug seine Waffen mit jener Selbstverständlichkeit, die Theia immer zugleich beruhigte und befremdete. Als wären Klinge, Rüstung und der Gedanke an Gewalt die natürliche Erweiterung ihrer Körper. Selbst die Pferde unter ihnen wirkten kräftiger als Nioma es beispielsweise tat, schwerer, an Gewicht und Eisen gewöhnt. Manchmal schlug Sonnenlicht matt auf Metall, wenn einer der Kämpfer die Haltung veränderte.
Theia trug kein Schwert. An ihrem Gürtel hing lediglich ihr kleines Gebrauchsmesser, verborgen genug, um nicht aufzufallen, nützlich genug, um damit rasch Verbände, Seile oder Brot zu schneiden. Ihre eigentliche Aufgabe jedoch lag auch nicht im Kampf. Sie war nicht die Klinge dieses Auftrags, nicht das Urteil und nicht die Hand, die die Kette führte. Sie war Begleitung. Gebet. Versorgung. Eine angehende Klerikerin des Lichts, ausgesandt auf Geheiß ihres Ziehvaters, um Bruder Calven und die Kämpfer der Bruderschaft zu unterstützen. Der Auftrag? Ein Kriegsgefangener sollte an einem nördlichen Treffpunkt übernommen und zum geheimen Stützpunkt gebracht werden. Nach Hause.
Theia hatte diesen Gedanken seit der ersten Unterweisung zum Auftrag nicht gemocht. Das Anwesen, die streng geführten Räume, die Kapelle, die vertrauten Wege zwischen Stallungen, Unterrichtszimmern und Gebetsort — all das war längst Zuhause geworden. Zuhause auf jene Weise zumindest, die nach dem Verlust von allem möglich gewesen war. Ein Ort, an dem sie wusste, wo ihre Dinge lagen. Wo Grim vor den Türen lag, als gehöre ihr jede Schwelle. Und nun sollte ein Gefangener dorthin gebracht werden. Ein Kriegsverbrecher, hatte man gesagt. Ausgerechnet nach Jorsa. Ausgerechnet dorthin. Theia kannte keine Einzelheiten, nicht mehr als nötig. Das war nicht ungewöhnlich.
Dennoch hatte sie in der Nacht vor dem Aufbruch länger wachgelegen, als sie es sich selbst hätte gestatten wollen. Nicht aus Angst, natürlich. Nicht aus Zweifel. Sie hatte nur … nachgedacht.
Über die Reise.
Über den Treffpunkt.
Über Verwundungen, die ein solcher Gefangener vielleicht mit sich brachte.
Über Gebete, die man vor einer Hinrichtung sprach.
Und darüber, ob sie dann wohl ebenfalls würde anwesend sein müssen. Währenddessen.
Keine dieser Fragen hatte Theia letztlich zu Ende gedacht – und auch jetzt schloss sie lediglich die Finger fester um die Zügel. Ein Auftrag. Ein Treffpunkt. Ein Gefangener. Ein Rückweg. Mehr war es nicht. Mehr würde es nicht sein. Sie löste den Griff wieder, bevor Nio darauf reagieren musste, und zwang sich, den Blick im Hier und Jetzt zu ankern. Konzentrierte sich auf die Straße, auf den Klang der Hufen, auf das Gewicht des Gebetsbuches in ihrer Tasche und auf die gleichmäßige Bewegung der Reiter um sie herum.
„Herr des Lichts“, murmelte sie dann kaum hörbar, mehr Atem als Stimme, so leise, dass der Wind die Worte sofort aus ihrem Mund stahl. „Lenke meinen Blick zur Wahrheit. Meine Hände zur Pflicht. Mein Herz zur Standhaftigkeit.“
Es war noch früh; fahles, milchiges Licht, das sich nur zögerlich gegen die letzten kühlen Schatten der Nacht durchsetzte, hing über den Mauern Jorsas. Die Türme der Hauptstadt lagen hinter ihnen, noch nah genug, dass Theia sie hätte erkennen können, wenn sie sich im Sattel umgewandt hätte. Was sie nicht tat. Nein, auch am heutigen Morgen wollte sie nicht sehen, was sie hinter sich zurückließ. Die helle Silhouette der Mauern. Die Wachtürme. Das Versprechen einer Stadt, in der Menschen einander mit offenem Blick begegneten, in der die Händler vermutlich gerade ihre Stände öffneten, die Heiler bereits frisches Wasser erhitzten und Priester irgendwo im Tempel den Namen jenes Gottes vorbereiteten, dem dieser Tag gehören sollte. Also wandte Theia sich nicht um.
Stattdessen saß sie auf Niomas Rücken, die Zügel ordentlich zwischen den Fingern, den Blick nach vorn gerichtet. Die Stute schritt ruhig unter ihr, mit jenem gleichmäßigen, vertrauten Takt, der Theia normalerweise Trost und Sicherheit gespendet hätte, heute jedoch ... Das Leder in ihrem Griff knarrte leise, die Hufschläge drückten sich dumpf in den festgetretenen Weg, der aus der Hauptstadt hinaus und nach Norden führte. Hinter ihnen lag Jorsa. Vor ihnen der Auftrag. Theia atmete durch die Nase ein, langsam, wie Olesia es ihr beigebracht hatte. Sie hielt die Schultern gerade, den Rücken aufrecht. Ihre helle Reiserobe war unter dem Mantel sauber geordnet, die goldblonde Flechte lag schwer und sorgfältig gebunden über ihrer Schulter. Sie war vorbereitet. Das zumindest war es, was sie sich seit dem Aufbruch wieder und wieder sagte. Nioma schnaubte leise, und Theia senkte kurz den Blick auf den hellen Hals der Stute, auf die feinen Bewegungen der Muskeln unter Fell und Sattelzeug, die sie sanft beklopfte. Einen Moment lang regte sich dabei dieses Etwas in ihrer Brust, das bereits beim Abschied vom Anwesen unruhig gegen ihre Rippen gestoßen hatte. Vikram würde bei diesem Auftrag nicht dabei sein.
Dieser Gedanke begleitete Theia schon seit Tagen. Sie hatte gewusst, dass er nicht mitreiten würde. Natürlich hatte sie es gewusst. Vikram hatte ihr den Auftrag mit jener ruhigen Bestimmtheit übergeben, die keinen Widerspruch geduldet und kaum Raum für Fragen gelassen hatte. Bruder Calven würde sie begleiten. Vier schwer gerüstete Kämpfer der Bruderschaft würden an ihrer Seite sein. Nioma war verlässlich, der Weg besprochen, ihre Rolle klar umrissen. Alles war geordnet. Alles war vorbereitet. Sie war bereit. Und doch fehlte er. Nicht auf eine Weise, die Theia vor den anderen jemals offen hätte benennen dürfen. Sie war kein Kind mehr, das sich an Vikrams Mantel festhielt. Sie war achtzehn – Novizin der Lichtmagie, Klerikerin in Ausbildung und wohl mehr als alt genug, um nun endlich einen Auftrag auszuführen, ohne bei jedem Schritt nach ihrem Ziehvater zu sehen. Genau das war vermutlich ein Teil dieser Prüfung. Vielleicht hatte Vikram sie gerade deshalb geschickt. Vielleicht sollte sie beweisen, dass sie nicht nur in seinem Schatten stand. Dass sie mehr war als nur das halbelfische Mädchen, dem sein Name Schutz verlieh. Es hätte sie mit Stolz erfüllen sollen, mit vorfreudiger Aufregung. Heute aber wog der Gedanke - wog Vikrams Abwesenheit – unerwartet schwer. Möglicherweise, weil Vikram diese Art an sich hatte, die Welt einfacher erscheinen zu lassen. Nicht leichter, niemals leichter, aber doch wenigstens eindeutiger. An seiner Seite wusste Theia, welche Blicke sie auf welche Art zu deuten hatte, wann sie sprechen durfte, wann sie zuhören musste. Vikram war Strenge, ja. Er war Erwartung und Pflicht und Disziplin. Aber er war auch ... Heimkehr. Eine bekannte Stimme. War oft genug Wärme und Sicherheit in ihrem Rücken gewesen.
Theia presste die Lippen kurz aufeinander, richtete den Blick wieder auf die Straße. Schluss damit. Konzentration. Der Gedanke kam in Bruder Calvens nörgeliger Stimme. Dieser ritt nicht weit von ihr entfernt, eine dunkle, hagere Gestalt inmitten des kleinen Zuges, und im Moment wohl damit beschäftigt, sich mit einem der Kämpfer zu unterhalten, welche die Bruderschaft ihnen zur Verfügung gestellt hatten. Schwer gerüstete Männer, deren Gesichter Theia nur teilweise kannte, deren Namen ihr aber genannt worden waren und die sie sich pflichtbewusst gemerkt hatte. Jeder einzelne von ihnen trug seine Waffen mit jener Selbstverständlichkeit, die Theia immer zugleich beruhigte und befremdete. Als wären Klinge, Rüstung und der Gedanke an Gewalt die natürliche Erweiterung ihrer Körper. Selbst die Pferde unter ihnen wirkten kräftiger als Nioma es beispielsweise tat, schwerer, an Gewicht und Eisen gewöhnt. Manchmal schlug Sonnenlicht matt auf Metall, wenn einer der Kämpfer die Haltung veränderte.
Theia trug kein Schwert. An ihrem Gürtel hing lediglich ihr kleines Gebrauchsmesser, verborgen genug, um nicht aufzufallen, nützlich genug, um damit rasch Verbände, Seile oder Brot zu schneiden. Ihre eigentliche Aufgabe jedoch lag auch nicht im Kampf. Sie war nicht die Klinge dieses Auftrags, nicht das Urteil und nicht die Hand, die die Kette führte. Sie war Begleitung. Gebet. Versorgung. Eine angehende Klerikerin des Lichts, ausgesandt auf Geheiß ihres Ziehvaters, um Bruder Calven und die Kämpfer der Bruderschaft zu unterstützen. Der Auftrag? Ein Kriegsgefangener sollte an einem nördlichen Treffpunkt übernommen und zum geheimen Stützpunkt gebracht werden. Nach Hause.
Theia hatte diesen Gedanken seit der ersten Unterweisung zum Auftrag nicht gemocht. Das Anwesen, die streng geführten Räume, die Kapelle, die vertrauten Wege zwischen Stallungen, Unterrichtszimmern und Gebetsort — all das war längst Zuhause geworden. Zuhause auf jene Weise zumindest, die nach dem Verlust von allem möglich gewesen war. Ein Ort, an dem sie wusste, wo ihre Dinge lagen. Wo Grim vor den Türen lag, als gehöre ihr jede Schwelle. Und nun sollte ein Gefangener dorthin gebracht werden. Ein Kriegsverbrecher, hatte man gesagt. Ausgerechnet nach Jorsa. Ausgerechnet dorthin. Theia kannte keine Einzelheiten, nicht mehr als nötig. Das war nicht ungewöhnlich.
Dennoch hatte sie in der Nacht vor dem Aufbruch länger wachgelegen, als sie es sich selbst hätte gestatten wollen. Nicht aus Angst, natürlich. Nicht aus Zweifel. Sie hatte nur … nachgedacht.
Über die Reise.
Über den Treffpunkt.
Über Verwundungen, die ein solcher Gefangener vielleicht mit sich brachte.
Über Gebete, die man vor einer Hinrichtung sprach.
Und darüber, ob sie dann wohl ebenfalls würde anwesend sein müssen. Währenddessen.
Keine dieser Fragen hatte Theia letztlich zu Ende gedacht – und auch jetzt schloss sie lediglich die Finger fester um die Zügel. Ein Auftrag. Ein Treffpunkt. Ein Gefangener. Ein Rückweg. Mehr war es nicht. Mehr würde es nicht sein. Sie löste den Griff wieder, bevor Nio darauf reagieren musste, und zwang sich, den Blick im Hier und Jetzt zu ankern. Konzentrierte sich auf die Straße, auf den Klang der Hufen, auf das Gewicht des Gebetsbuches in ihrer Tasche und auf die gleichmäßige Bewegung der Reiter um sie herum.
„Herr des Lichts“, murmelte sie dann kaum hörbar, mehr Atem als Stimme, so leise, dass der Wind die Worte sofort aus ihrem Mund stahl. „Lenke meinen Blick zur Wahrheit. Meine Hände zur Pflicht. Mein Herz zur Standhaftigkeit.“