Noriens kleines Haus

Dieser wunderschöne Wald liegt im Nordosten, abgegrenzt durch den Fluss Iridul. Das Elfendorf Eldar ist in ihm verborgen, sowie der Sternensee – ein magischer See, dessen Geheimnis gut von den Elfen bewahrt wird.
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Die Bruderschaft aus Pelgar hat im Eldoras ein verstecktes Lager aufgebaut, in dem sie auch erste Flüchtlinge aus der Hauptstadt aufgenommen haben.
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Norien
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Noriens kleines Haus

Beitrag von Norien » Freitag 21. Oktober 2011, 21:02

Die grobe Maserung des dunkeln Holzes, das die Wände des Raumes verkleidete, zwei Lavendelsträusse, die zum Trocknen von der Decke hingen, Holzscheite, die in einem grossen Korb neben dem Steinkamin lagen; dies fiel Norien ins Auge, als sie frühmorgens erwachte und schläfrig blinzelte. Unbeholfen versuchte sie, sich enger in ihre Bettdecken zu schmiegen, um noch eine kleine Weile vor sich hindösen zu können, doch schon einige Herzschläge später entschied sie, dass es besser sei, aufzustehen – es war einfach zu kalt.
Zusätzlich zum Nachthemd noch in eine der beiden Wolldecken eingewickelt, durchquerte die Halbelfe den Raum, kniete sich vor dem Kamin hin und begann, Holzscheite für ein Feuer aufzuschichten.
Nur wenig später züngelten erste Flammen an dem Holz empor und schenkten dem Raum nicht nur Wärme, sondern auch Licht; draussen hatte gerade erst die Morgendämmerung eingesetzt.
Während Norien sich ihr Frühstück zubereitete – einen Brei aus Weizen, Haselnüssen und getrockneten Aprikosen sowie eine grosse Tasse Kräutertee –, dachte sie über ihre Pläne für den anstehenden Tag nach. Sie beabsichtigte, zumindest den Vormittag im nahe gelegenen Eldar zu verbringen, um Ena, ihre ehemalige Ausbilderin und Heilerin des Dorfes zu besuchen. Viel zu lange schon hatte sie sich nicht mehr blicken lassen, trotz dem Versprechen, mindestens jeden vierten Tag vorbeizuschauen und sich nützlich zu machen, nicht zuletzt, um mehr Erfahrung in der Heilkunst zu gewinnen. Doch ganz so genau nahm Norien es mit diesem Versprechen nicht, gab es doch Zeiten, in denen es ihr einfach zuwider war, die Vertrautheit ihrer Hütte und der näheren Umgebung zu verlassen. Und die alte Heilerin verzichtete meist auf Tadel, schliesslich wusste sie, dass Norien Kritik meistens schlecht aufnahm.
Die Halbelfe liess sich übertrieben viel Zeit beim Essen, ehe sie sich ein bisschen antriebslos das Gesicht wusch, in ein tannengrünes, knielanges Kleid mit langen Ärmeln, Strümpfe und ihre halbhohen Stiefel schlüpfte und sich das Haar durchkämmte. Und nachdem sie grosszügig Holz nachgelegt hatte, um das Feuer noch einige Stunden am Leben zu erhalten, trat sie durch die Türe ins Freie, beim Hinausgehen nach ihrem dicken, dunkelgrünen Mantel greifend.
Creon stand wie fast jeden Morgen unweit des kleinen Hauses unter einer Baumgruppe. Einen seiner Hinterhufe entlastend spitzte er die Ohren und beobachtete Norien gespannt, als diese auf ihn zuschritt. Ihre Hände strichen durch das dichte Fell ihres vierbeinigen Gefährten, während sie ihm einige Begrüssungsworte zuflüsterte. Ausgiebig liebkoste sie seinen Hals, dann bewegte sie sich rückwärtsgehend von Creon weg. Ein leises Schnalzen mit der Zunge genügte, und das Pferd machte sich daran, ihr zu folgen. Norien lächelte und genoss das Gefühl der Harmonie, das Wissen, dass ihr Pferd sie freiwillig, ganz ohne Zwang begleiten würde. Geschmeidig schwang sie sich auf den blossen Rücken des Tieres. Mit einem leichten Schenkeldruck, der den Wallach in die Richtung wies, in der Eldar lag, deutete sie ihm, welchen Weg er einschlagen sollte; dann liess sie ihn gewähren. So zockelte Creon in gemütlichem Schritt vor sich hin, ab und an fiel er in einen leichten Trab, mal folgte er einem der vielen schmalen Pfade, ein andermal suchte er sich seinen Weg ganz frei. Norien vergrub während des Rittes ihre Hände unter der Mähne des Pferdes, um sie vor der Kälte zu schützen.

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Re: Noriens kleines Haus

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 26. Oktober 2011, 19:17

Es war ein schöner Morgen, an dem Norien sich wieder einmal auf den Weg nach Eldar machte. Einige wenige Sonnenstrahlen brachen durch das dichte Blätterdach und gaben dem farbenfrohen Laub zu ihren Füßen strahlende Farben. Ein schönes Schauspiel, wie sich das Licht in den vereinzelten Tautropfen brach. Doch es war auch kalt und obwohl der Wind sich noch zurück hielt, so riss er doch an den langen Haaren der Halbelfe und der Mähne ihres Pferdes, sodass ihr diese ins Gesicht schlug. Ihr warmer Atem und der ihres tierischen Gefährten zeichneten sich in der kühlen Morgenluft ab, wie kleine Wölkchen, die sich ihren Weg durch das Unterholz gen Erdboden gebahnt hatten. Gebannt beobachtete die junge Frau die Welt um sich herum, die für sie noch immer so wunderschön blieb, egal wie oft sie diesen Wald auch durchritt. Doch damit war sie genau im falschen Moment abgelenkt. Zwischen dem Gestrüpp rechts von ihr raschelte zunächst etwas, als auch schon eine vermummte Gestalt aus dem Dickicht trat.
Kaum erblickte das schöne Tier das plötzlich auftauchende Hindernis vor sich, blieb es abrupt stehen und scheute heftig. Scheinbar hatte sich jedoch auch die Gestalt erschrocken, denn man konnte deutlich einen krächzenden Laut hören, ehe das rundliche Etwas auch schon einen Schritt zurück weichen wollte, an einer Wurzel im Waldboden hängen blieb und rückwärts fiel. Kurze, gebrechlich wirkende Arme und Hände erschienen unter dem bodenlangen Mantel, als sie noch versuchte das Gleichgewicht wieder zu erlangen. Mit einem dumpfen Geräusch und einem anschließenden Klirren, wie von Glas, das gegeneinander schlug, berührte sie innerhalb weniger Augenblicke auch bereits das Laub unter sich. Abermals ertönten diese krächzenden Laute, vergleichbar mit einer Krähe oder einem ähnlichen Geschöpf. Doch was dort auf dem Boden lag, war eindeutig menschlicher Natur, obgleich der Mantel den Körper noch weitestgehend verhüllte. Nur die schmalen, knöchernen Hände einer älteren Frau ragten hervor und fuchtelten wild in der Luft umher, während ein paar kleiner Füße unter dem dicken Stoff zu sehen waren, mit festem Schuhwerk bekleidet.
Völlig verschreckt dank dieses unverhofften Zusammentreffens, tänzelte Creon unruhig auf der Stelle, scheinbar dazu entschlossen nie mehr still zu stehen. Schwer atmend verharrte er schließlich aber doch, da es Norien gelang, ihn auf ihre ganz eigene Art und Weise zu beruhigen. Doch noch immer lag die Gestalt vor ihr auf dem Waldboden, zappelte wild mit Armen und Beinen und zeterte weiter in einer fremden Sprache vor sich hin. Denn zumindest dessen konnte sich Norien sicher sein, diese Sprache war ihr noch nie zuvor zu Ohren gekommen. Doch was sollte sie in dieser Situation tun? Der Wald bot bei weitem genug Platz, um einfach an dem Verursacher des kleinen Unfalls vorbei zu reiten, sodass sie ihren Weg fortsetzen könnte, als sie nichts geschehen. Aber würde die sanftmütige Halbelfe es wirklich übers Herz bringen und verschwinden? Die rundliche Gestalt strampelte unterdessen munter weiter, wenn auch ungleich schwächer, als noch zuvor. „Jetzt hilf mir doch endlich, du Unglücksrabe!“, keifte abermals diese krächzende Stimme, diesmal auf Celcianisch, sodass auch Norien sie verstehen konnte.
Von ihrer erhöhten Position aus gelang es dem Mädchen jedoch, einen Blick auf das Gesicht der Gestalt zu erhaschen, noch bevor sie die Entscheidung über ihr weiteres Handeln traf. Eine ältere Frau mit verkniffenen Gesichtszügen und finsterem Blick, starrte zu ihr empor, soweit ihr das bei dem üppigen Vorbau überhaupt möglich war. Zurück geknotete, schmutzig graue Haare umrahmten ihr von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht. Wie eine umgekippte Schildkröte lag sie dort und blinzelte immer wieder heftig, wenn sie mit rudernden Bewegungen ein weiteres Mal versuchte, sich in eine sitzende Position hoch zu quälen, was ihr ein ums andere Mal misslang. „Worauf wartest du eigentlich? Steig schon ab und hilf mir!“, krächzte die Frau ein weiteres Mal, als ihr langsam die Luft ausging und ihr Kopf zurück auf den Boden kippte. Keuchend ließ sie damit auch die Arme wieder sinken und streckte alle Viere erschöpft von sich. Ohne fremde Hilfe würde sie es sowieso nicht schaffen, wieder aufzustehen. Eine Art Grunzen ertönte aus ihrem Mund, während sie offensichtlich darauf wartete, dass Norien tätig wurde und sie aus dieser äußerst misslichen Lage befreite.
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Re: Noriens kleines Haus

Beitrag von Norien » Donnerstag 27. Oktober 2011, 19:12

Instinktiv krallte Norien ihre Finger in die Pferdemähne und presste die Knie und Schenkel enger an den Leib des Tieres, um nicht den Halt zu verlieren, als Creon scheute. Ebenso instinktiv tastete ihre Rechte nach dem Dolch an ihrer Hüfte, kaum dass sie das Gleichgewicht zurückerlangt hatte. Erst als sie die Gestalt, die das Erschrecken des Pferdes zu verantworten hatte, als Mensch, als Greisin erkannte, nahm sie ihre Hand von der Waffe. Eine gewisse Anspannung und das Misstrauen blieben jedoch in ihr bestehen, wurden sogar noch weiter geschürt, als sie sich der Situation richtig bewusst wurde. Was sollte eine so hilflose Person (mittlerweile erinnerte die Frau stark an einen überdimensionalen, auf den Rücken geworfenen Käfer) dazu bewegen, alleine so tief in den Wald zu gehen? Konnte dies Teil eines Hinterhaltes sein? Oder war sie gar eine Gestaltwandlerin? Die fremde Sprache, der sie sich bediente, warf weitere Fragen auf. Doch ehe Norien Gelegenheit hatte, sich über diese seltsame Begegnung den Kopf zu zerbrechen, wurde sie, diesmal in Celcianisch, barsch dazu aufgefordert, Hilfe zu leisten. Wie verlangt liess sie sich vom Rücken des Pferdes gleiten und näherte sich der Greisin zaghaft. Ihre Skepsis machte bald Mitleid platz, als sie sah, wie der riesige Käfer seine Aufsteh-Versuche abbrechen musste vor Erschöpfung.

„Habt Ihr Euch wehgetan?“, fragte Norien mit weicher, behutsamer Stimme, gerade so, als wäre es ein verschrecktes Tier, an das sie diese Worte richtete, nicht etwa eine kratzbürstige alte Dame.
Ein süsslicher Modergeruch stieg ihr in die Nase, ein Geruch, wie ihn viele alte Menschen mit sich trugen.

Unbehagen stieg in ihr auf, als sie daran dachte, dem Wesen ihre Hand zu reichen und dadurch die nackte, kalte Haut der Greisin auf ihrer eigenen zu fühlen. Wie hilfreich wäre es in diesem Moment doch, Handschuhe zu tragen! Norien zögerte noch einen Herzschlag lang, dann liess sie sich dicht neben der Frau auf die Knie sinken. „Zuerst einmal setzen wir Euch auf“, sprach sie, weiterhin um einen sanften Tonfall bemüht. Und anstatt der Greisin nun ihre Hände darzubieten, beugte Norien sich leicht über deren Oberkörper und umfasste mit ihrer Linken die Schulter, während sie ihre Rechte sachte unter den Rücken der Liegenden schob. Durch mehrere dicke Stoffschichten hindurch waren die Berührungen einigermassen erträglich, dafür würde der Kraftaufwand umso grösser werden.
Nachdem sie sich ein wenig bequemer hingekniet hatte, begann die Halbelfe, den Oberkörper der Frau aufzurichten. Die Anstrengung veranlasste sie dazu, den Atem anzuhalten und die Kiefer aufeinander zupressen. Hätte die Greisin nicht mitgeholfen, indem sie ihren Oberkörper anspannte und mit den Armen in Richtung ihrer Beine ruderte, so wäre der Versuch gewiss gescheitert. So aber war die Frau bald in eine sitzende Position gehoben.
„Gut, nun stützt Euch auf meinen Arm.“ Der Versuch eines aufmunternden Lächelns scheiterte kläglich. Sie bot der Frau ihren Unterarm, den zweiten legte sie ihr um die Taille. Langsam half sie der Greisin auf die Füsse, wieder unter grossem Kraftaufwand. Sobald die Halbelfe sicher war, dass ihr Gegenüber das Gleichgewicht halten konnte, entwand sie ihren Unterarm auf dem Griff der mageren, fleischlosen Finger. Sie bückte sich, um Buchenblätter und Moos vom Umhangssaum der Greisin zu zupfen. Anschliessend richtete sie sich wieder auf und wich mit derselben fliessenden Bewegung einen Schritt zurück.

Norien vermutete, dass die Frau gleich verkünden würde, auf dem Weg nach Eldar zu sein; viele Wegstunden im Umkreis gab es keine andere Siedlung. Die Halbelfe hatte für sich bereits entschieden, die alte Frau zu begleiten, bis sie sie in der Obhut anderer Personen wusste.
Einen Atemzug lang suchte sie den Blick der Frau, im nächsten senkte sie ihre Augen, richtete sie ziellos gen Boden. Abwartend verlagerte sie ihr Gewicht auf den anderen Fuss.

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Re: Noriens kleines Haus

Beitrag von Gestalt » Sonntag 6. November 2011, 10:42

Eine Art hysterisches Krächzen ertönte, als die Greisin gefragt wurde, ob sie sich verletzt habe. „Natürlich nicht! Es ist ja auch so bequem auf zahlreichen Wurzeln zu liegen“, gab sie mit einer bemerkenswerten Portion Sarkasmus zurück und verdrehte sichtlich genervt die Augen, ob dieser unangemessenen Frage. Ungeduldig wartete die Alte, bis sich ihr Gegenüber dazu erbarmte, ihr wieder auf die Beine zu helfen. Auf die sanften Worte der jungen Frau, reagierte die Verunglückte lediglich mit einem heftigen Seufzen. Ob vor Wut oder weil sie die Kräfte verließen, vermochte wohl niemand so genau zu sagen. Stumm ließ die alte Frau die Prozedur über sich ergehen und gab sich alle Mühe, dem Mädchen zu helfen. Dabei spannte sie ihre schmerzenden Gliedmaßen an und streckte sich langsam in die Höhe. Für einen Außenstehenden hätte dies sicherlich Anreiz zur Belustigung gegeben, wie die junge Halbelfe die alte Frau gemächlich aufrichtete, die passend dazu mit den Armen ruderte, als wolle sie durch die Luft davon schwimmen.
Sicher wäre es der alten Dame angenehmer gewesen, wenn dies möglich wäre. Man konnte förmlich spüren, wie unangenehm es ihr war, fremde Hilfe annehmen zu müssen. Da sie jedoch keine andere Wahl hatte, packte sie den Arm ihres Gegenübers mit ungewöhnlich festem Griff und hievte sich wieder zurück auf die Füße. Ihre knöchrigen Finger ließen den Arm einige Augenblicke lang nicht aus der Umklammerung frei kommen, bis die Besitzerin ihn schließlich wegzog. Kein Wort des Dankes kam über die Lippen der Greisin. Stattdessen richteten sich tiefblaue Augen auf Norien, als die Alte beobachtete, wie diese ihr den Umhang von Blattwerk und Schmutz befreite. Eine Hand wanderte in die Höhe, kurz bevor sie von einem starken Hustenreiz geschüttelt wurde. Abermals murmelte sie einige Worte in der fremden Sprache, als sie wieder genug Luft zum Sprechen bekam. Es klang, als käme sie aus einem fernen Land, wo sie am Königshof lebte, vielleicht sogar als eine der höchsten Damen. Ihre Aufmachung machte diesen Eindruck jedoch sogleich wieder zunichte, ebenso wie ihre krächzende Stimme, die den strukturierten Klang der Sprache eher gebrochen erscheinen ließ.
Als Norien aufstand und geschwind einigen Abstand zwischen sich und die alte Frau brachte, grinste diese amüsiert, was einem zugleich aber auch Angst machen konnte. Dabei kamen ungepflegte, gelbe Zähne zum Vorschein, bei denen der ein oder andere bereits fehlte. Die Fältchen um ihre Augen herum verstärkten sich, während sich die ungewöhnlich gefärbten Augen ein Stück zusammen zogen. „Hast du Angst vor mir, Mädchen? Das solltest du auch“, sprach sie leise und mit rauchiger Stimme. Ein ebenso erschreckendes Lachen erklang, als die Halbelfe den Blick von ihr abwandte. Doch sehr bald schon wurde sie wieder ernst. Mit zwei abgehackten Schritten überbrückte sie die Distanz zwischen sich und dem Mädchen. Ihre rechte Hand schoss vor und die dürren Finger schlossen sich um deren Kinn, bevor sie es hochdrückten. Die alte Frau war ein gutes Stück kleiner als Norien, sodass sie sie von unten herauf eindringlich musterte. Offensichtlich war sie sehr interessiert daran, wen sie da vor sich hatte. Ihr Blick glitt über das Gesicht des Mädchens, die Augen, den Mund, sogar die Ohren und die Haare. Schließlich ließ die Greisin die Hand sinken und begutachtete die junge Frau vor sich noch einmal von Kopf bis Fuß. „Du scheinst mir eine Elfe zu sein. Obwohl du menschliche Züge an dir hast“, richtete sie das Wort an Norien.
Nickend fuhr sie fort: „Mit Sicherheit bist du eine Halbelfe. Faszinierend, was für Möglichkeiten sich dir damit offenbaren.“ Als sie scheinbar merkte, wie verstörend ihre Worte klingen mussten, entspannte sie sich wieder ein wenig. Abermals richtete sie den Blick auf das Mädchen vor sich und ihre Augen schienen tief in deren Inneres eindringen zu wollen. Erst nach einigen verstrichenen Sekunden öffnete sie wieder den Mund, um etwas zu sagen. „Was machst du hier allein im Wald? Eldar liegt doch einen guten Fußmarsch von hier entfernt.“ Scheinbar hatte die Frau eine gute Auffassungsgabe. Doch noch bevor Norien etwas erwidern konnte, wandte sich die alte Frau ab und schritt auf das Pferd zu. „Wahrlich ein schönes Tier“, flüsterte sie ruhig, sich nicht darüber bewusst, dass die Halbelfe ihre Worte nicht würde verstehen können.
Abrupt und auf eine merkwürdige Art doch elegant, drehte sie sich wieder zu der jungen Halbelfe um. Nach einem kurzen Räuspern stellte sich die Alte als Morgana vor. „Du fragst dich sicher, was eine alte Frau wie ich so ganz allein in den Tiefen des Waldes macht, weit und breit kein Dorf außer dem schönen Eldar“, sprach sie und ein Nicken begleitete ihre Worte. „Dorthin bin ich unterwegs, um … Besorgungen zu machen“, erklärte sie, wobei sie einen Moment lang stockte. Selbstsicher fügte sie hinzu: „Sei dir gewiss mein Kind, ich kann gut auf mich selbst aufpassen.“ Doch ihre starken Worte wurden sogleich von einem erneuten Hustenanfall zunichte gemacht. Die Greisin krümmte sich und schnappte nach Luft, bis sich ihre Atmung langsam wieder beruhigte. Mit zitternden Fingern griff sie unter ihren Umhang und zog eine kleine Ampulle hervor. Ungeschickt entkorkte sie diese und setzte das winzige Behältnis an ihre trockenen Lippen. Mit wenigen Zügen trank sie den grünlichen Inhalt aus und atmete mehrere Male tief durch, ehe sie die Ampulle wieder ordentlich verschloss und wegsteckte.
Auch diesmal keuchte die alte Frau, während sie sich Norien zuwandte. Ohne auf den kleinen Vorfall eben einzugehen, fragte sie unverdrossen: „Würde es dir etwas ausmachen, mich bis nach Eldar zu begleiten?“ Ihr Blick, ja ihre ganze Mimik ließ keinerlei Schlüsse zu, warum sie plötzlich um so etwas bat. Wahrscheinlich würde sie eine Frage dazu auch gar nicht beachten. Anstelle dessen bohrte sich ihr Blick in die mossgrünen Augen der Halbelfe, als wolle sie so deren Blick festhalten. Dabei wanderten ihre Hände ein weiteres Mal unter ihren Umhang und fingerten dort herum, sodass es ganz leise klirrte. Ein gewöhnlicher Mensch hätte dieses Geräusch mit Sicherheit überhört, weshalb Morgana selbst nicht einmal mit den kurzen Wimpern zuckte. Es schien ihr einiges daran zu liegen, dass Norien nicht bemerkte, was sie so alles unter ihrem Umhang versteckte.
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Re: Noriens kleines Haus

Beitrag von Norien » Donnerstag 17. November 2011, 22:11

Norien war noch immer zu verdutzt von dem blossen Auftauchen der Greisen, als dass sie auf deren Reaktionen aufmerksam werden und reagieren konnte. Weder der spöttischen Bemerkung noch der auffallenden Undankbarkeit der Fremden schenkte sie Beachtung. Erst als ein starker Husten den gebrechlich wirkenden Körper schüttelte, wandte die Halbelfe sich wieder ganz dem Hier und Jetzt zu, hörte auf, in Spekulationen über ihr Gegenüber zu versinken. Eine Woge von Mitleid und Fürsorge ergriff sie. Sie beschloss, die Greisin mit in das Haus der Dorfheilerin zu nehmen, sofern sie sich nicht allzu sehr dagegen sträubte. Bestimmt würde sich dort eine Arznei finden lassen, die den Husten zu lindern vermochte.
Sie wollte neben die Frau treten, um ihr über den Rücken zu streichen - in der Hoffnung, der Hustenanfall würde unter der beruhigenden Berührung abklingen -, doch dazu sollte es nicht kommen.

Gleichsam einem Kaninchen, das vor Schreck erstarrt in die Augen einer Schlange schaut, so fühlte sich auch Norien nicht fähig, sich dem Blick oder dem Griff der Greisin zu entziehen. Die Finger, die ihr Kinn umklammerten, erinnerten an die Haut eines Fisches: Kühl und glatt war sie, geradezu schlüpfrig.
Angespannt liess sie die Musterung über sich ergehen, nur um anschliessend die befremdlichen Worte der Frau zu vernehmen. Von was für Möglichkeiten war die Rede? Hatte ihr Gegenüber einmal Unterricht in Völkerkunde genossen, oder wie sonst war es ihr möglich, Norien sogleich als Mischling zu erkennen?
Diese Person warf immer mehr Fragen auf, und auch dass sie ihren Namen und einen angeblichen Grund für ihren Aufenthalt hier im Wald nannte, schaffte wenig Klarheit in Noriens Kopf.
Diesmal fiel ihr auch das unvertraute Geräusch auf, das unter dem Unhang der Fremden erklang. War ein ähnliches Klirren nicht schon beim Sturz der Frau vernehmlich gewesen? Kochgeschirr, Waffen, Werkzeug... Norien versuchte, ihren Blick nicht allzu offensichtlich auf den Körper vor ihr zu heften, als sie kurz darüber nachdachte, was wohl die Quelle dieses Geräusches sein könnte. Allzu viel Zeit dazu blieb ihr allerdings nicht.

"Natürlich nicht", antwortete sie, leicht verwundert über den plötzlichen Stimmungswechsel der Greisin. "Möchtet Ihr reiten?", erkundigte sie sich nun wieder mit sanfter Stimme. Sie nickte in Richtung des Pferdes. "Ich braucht keine Angst zu haben, Creon wird Euch nicht von seinem Rücken fallen lassen." Bei diesen Worten senkt Norien bewusst die Stimme. Normale alte Menschen hörten schlechter; Norien wollte herausfinden, ob das auch auf diese alte Frau zutraf.
Die Halbelfe verzichtete fürs Erste darauf, etwas über sich preiszugeben, solange ihr Gegenüber nicht mit Nachdruck dannach verlangte.

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Re: Noriens kleines Haus

Beitrag von Gestalt » Sonntag 20. November 2011, 19:50

Abermals krächzte Morgana etwas Unverständliches vor sich hin, wobei es unmöglich war, auch nur herauszuhören, welcher Sprache sie sich bediente. Die Veränderung in Noriens Stimme bemerkte sie augenscheinlich nicht. Ihr Blick wanderte anstelle dessen von Norien zu ihrem Gefährten Creon. „Wenn du mich so fragst, bevorzuge ich es auf dem Rücken deines Pferdes nach Eldar zu gelangen“, gab sie zurück, ohne die Augen von Creon abzuwenden. Etwas wie Bewunderung glitzerte in ihnen, kaum merklich aber doch da. Mit einem kurzen Husten – oder war es vielmehr ein Räuspern? – wandte sie sich ein weiteres Mal der Halbelfe zu. „Du wirst mir wohl helfen müssen auf deinen Freund hinauf zu gelangen“, stellte sie trocken fest und wartete, wie Norien dies anstellen wollte. Obgleich diese ein gutes Stück größer war als die Greisin, so war sie doch nicht stark genug, die alte Frau aus eigenen Kräften auf den Rücken des Pferdes zu heben.
Das war aber auch gar nicht vonnöten, denn der Wallach senkte sich auf ein Geheiß von Norien hin hinab und legte sich auf seine eingezogenen Beine. „Ah“, ließ Morgana anerkennend verlauten. Ohne noch etwas zu sagen, packte sie Noriens Arm, um sich daran festzuhalten und kletterte ungelenk und wenig elegant auf den Rücken des Pferdes. Dabei schnaufte sie immer wieder und rutschte umher, bis sie eine gute Sitzposition gefunden hatte. Als sie somit endlich aufrecht im Sattel saß, schwang sich Norien um einiges geschickter vor sie und bedeutete dem schönen Tier, wieder aufzustehen. Glücklicherweise waren weder die junge Frau, noch die Greisin allzu schwer, sodass Creon bald leichtfüßig weiter schritt. Morgana hielt sich dabei mit festem Griff an Norien fest und gab sich einige Mühe, die Bewegungen des Pferdes und der Reiterin zu begleiten. Dennoch merkte man leicht, dass sie noch nicht sehr oft auf einem Pferd gesessen war. Verwunderlich, denn sie schien dennoch keinerlei Angst zu verspüren. Dafür klirrte es im Takt der Bewegungen unter Morganas langem Umhang, was die alte Frau jedoch nicht weiter beachtete. Stattdessen schwieg sie und auch Norien sagte kein einziges Wort, bis das Dorf Eldar in Sicht kam.

Norien und Morgana (NPC) gehen nach: Mitten im Dorf
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