Fahnenflucht

Diese große Graslandschaft liegt im Herzen des östlichen Teiles Celcias. Bei einem Unwetter verwandelt sich diese schöne Ebene in ein sehr gefährliches Gebiet, da es kaum Schutz bietet. Der große Fluss Ilfar teilt die Ebene in zwei Hälften.
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Roderick
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Fahnenflucht

Beitrag von Roderick » Montag 9. April 2018, 21:57

Roderick rannte, rannte, wie er noch nie in seinem Leben gerannt war. Sein Atem ging schnell, doch sein Herz schlug schneller. So schnell, dass es jeden Augenblick zu zerbersten schien. Die Brust schmerzte ihm vor Anstrengung, während er seine Beine kaum noch spürte. Die Riemen seines Schultergurtes schnitten ihm in den Nacken, welcher alleine die volle Last der Armbrust zu stützen hatte. Diese schlug im Lauf durchgehend an seinen Rücken und scheuerte ihn dabei wund. Seinen Hals kitzelte der sanfte Atem des kleinen Mädchens, das er seit einigen Stunden trug. Es hatte beide Arme um ihn geschlungen und den Kopf in seiner Schulter vergraben. Es schien zu schlafen, die vorbeiziehende Welt, das Rütteln und Schütteln an seinem kleinen Körper, auszublenden. Zuvor hatte es geweint. Leise, fast unmerklich, nur durch die heißen Tränen spürbar, die Rodericks Kragen aufgesogen hatte.
Die Kleine hatte bisher kein einziges Wort gesprochen. Keine Antwort auf Rodericks Fragen gegeben, nicht ihren Namen erwidert, als er ihr seinen genannt hatte. Sie war still in der Ecke gesessen, als Roderick eilig die kleine Bauernhütte durchsucht hatte. Einen Laib Brot hatte er aus dem Vorratsschrank genommen, in ein Tuch eingewickelt und an seinen Gürtel gebunden. In einem Kästchen neben der Feuerstelle hatte er einen Münzbeutel mit einer kleinen Summe Füchse gefunden, den er hastig in seinen Taschen verschwinden hatte lassen. Den braunen Wollmantel, der an der Innenseite der Tür gehangen hatte, hatte er sich übergeworfen um die Farben seines Wappenrocks zu verdecken. Er hatte dem Mädchen geheißen zu warten, während er auf den Hof getreten war. Die Eltern des Kindes, die dort immer noch in ihrem Blut gelegen waren, hatte er hinter die Hütte getragen, ihnen die Bolzen aus den Leibern gezogen, die Augen geschlossen und die Hände gefaltet. Für ein Gebet oder ein Begräbnis war keine Zeit gewesen. Stattdessen war er in die Scheune geeilt, in der Hoffnung, einen Esel oder gar ein Pferd vorzufinden. Doch dort hatten auf ihn nur zwei Kühe und ein alter Ochse gewartet, die ihn aus runden Augen anglotzten. Als er wieder in die Hütte gekommen war, hatte das Mädchen noch an der selben Stelle gesessen, doch hatte sie nun etwas in ihren Händen. Sie hatte es an ihren Körper gepresst, als er auf sie zugegangen war. Es war eine Stoffpuppe, aus bunten Flicken zusammengestickt, mit hörnernen Knopfaugen und einer roten Schleife am Kopf. Ein Erinnerungsstück an ein Zuhause und eine Familie, die sie verloren hatte.
Die Puppe ragte nun aus Rodericks Seitentasche, die rote Schleife im Wind flatternd. Er hatte sie der Kleinen abgenommen, nachdem sie aufgehört hatte zu weinen und ihr Atem wieder ruhiger ging. Er wunderte sich, was sie über ihn dachte. Hatte sie Angst vor ihm? Hasste sie ihn? Wusste sie Bescheid vom Krieg und seinen Gräueln? Verstand sie, was er tat, indem er sie mit sich nahm? Dann wiederum hatte er selbst keine Antwort auf jene Frage, die ihm im Kopf herumschwirrte, seit sie den Bauernhof hinter sich gelassen hatte. Warum war er heute desertiert? Warum nicht vor einigen Wochen, als sie die Bewohner Andunies versklavt hatten? Warum nicht nach der Schleifung Pelgars, der prächtigsten Stadt die er zu Gesicht bekommen hatte? Warum nicht nach dem Blutbad von Kosral, wo sie unzählige Leben ausgelöscht hatten? Warum am heutigen Tag, der wie all die anderen Tage des vergangenen Jahres von Leid, Tod und Zerstörung gezeichnet war? Warum setzte er wegen diesem einen Mädchen auf einmal sein Leben auf's Spiel?
Es war wie es war. Roderick konnte sich seine Beweggründe nicht erklären, genau so wenig, wie er seine eigene Vergangenheit ändern konnte. Doch bot sich nun die unverhoffte Gelegenheit, wieder Herr seiner eigenen Zukunft zu werden. Eine Zukunft, die er in Freiheit verbringen konnte, wenn er es geschickt anstellte. Andere Fragen waren also im Moment wichtiger.
Wohin sollten sie fliehen? Welcher Ort bot Zuflucht für einen Fahnenflüchtigen und ein kleines Mädchen? In der stillen Ebene konnten sie nicht bleiben, nicht wenn das dunkle Volk bereits damit beschäftigt war, die Landbevölkerung zu unterjochen. Pelgar und Andunie im Norden waren gefallen. Das freie Königreich Jorsan im Süden war den Streitmächten Grandessas ausgeliefert und durch die Einmischung Morgerias womöglich bald dem selben Schicksal geweiht. Im Westen warteten die Wälder Sarius und Neldoreth auf sie, wild und dicht wie sie waren, konnten sie neben der Rettung genauso den sicheren Tod bedeuten.
Wie lange, bis man sie finden würde? Suchte man überhaupt nach ihm? Roderick ging davon aus. Würden die Kommandanten ihn ziehen lassen, wäre das ein Schimmer von Hoffnung für alle anderen Soldaten, die mit Fluchtgedanken spielten. Nein, bestimmt würden sie ihm die Wargreiter auf den Hals hetzen. Harald konnte ihm etwas Zeit verschaffen, indem er seine Ankunft im Lager hinauszögerte und die Dunkelelfen mit einer Lüge auf die falsche Fährte lockte. Er würde ihm somit kostbare Zeit verschaffen. Doch früher oder später würden seine Verfolger die Hütte finden und seine Spur aufnehmen. Und dann...?
Roderick rannte, während hinter ihm die Sonne starb und die Stille Ebene in ihr rotes Licht tunkte. Er rannte, wie die letzten Strahlen in der Dunkelheit ertranken und ihm sein Schatten geraubt wurde. Er rannte, als sich der Himmel öffnete und seine funkelnden Schätze zur Schau stellte. Er rannte - und sah dabei nicht zurück.

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Re: Fahnenflucht

Beitrag von Erzähler » Sonntag 15. April 2018, 10:37

Kleine, dünne Ärmchen hatten sich fest um seinen Hals geschlossen, ebenso wie die Beine um seinen Rumpf. Das kleine Persönchen klammerte sich regelrecht an diesen fremden Mann, der mit ihm weglief von dem Ort, an dem es sein bislang kurzes Leben verbracht hatte. Noch wusste das Mädchen nicht, was genau passiert war und wer dieser Mann überhaupt war.
Er war Soldat, das hatte sie durchaus erkannt, und irgendetwas musste mit ihren Eltern geschehen sein. Sie hatte Schreie gehört und seltsam liegende Körper am Boden gesehen, aber genaueres hatte sie nicht ausmachen können. Bis auf das, dass dieser Mann es nicht böse mit ihr meinte. Zumindest im Moment nicht, weswegen sie ihm Vertrauen schenkte und sich an ihm festhielt, wohin er sie auch tragen würde.
Die anderen nicht, die hatten ihr weh tun wollen. Sie war noch klein, verstand jedoch viel mehr, als man es ihr zutrauen würde.
Aber sie konnte nur erfahren, was sie direkt mitbekam, sodass sie nicht wusste, in welcher Gefahr sie durch sein Handeln nun schwebte. Warum er derart schnell weglaufen musste, obwohl er keuchte wie ein Bulle und sein Hals nass vor Schweiß war. Sie hielt die Augen auch fest geschlossen, gegen seine Halsbeuge drückend, wodurch sie ihn nicht einmal warnen könnte, wenn sie wüsste wie, sobald sie etwas Verdächtiges sehen würde.
Wenngleich sie beide noch relativ viel Glück hatten, denn der Kamerad des Mannes, der ihn hatte ziehen lassen, sorgte ebenfalls dafür, dass er etwas Zeit zur Flucht gewinnen konnte. Er würde nichts tun, das ihn in irgendeinen Verdacht bringen und ihm somit schaden würde, aber er musste nicht sofort zur Truppe zurück kehren, um Meldung zu machen. Vielleicht hätten sie ja noch mehr Glück und der Desertierte würde wie die Brüder als tot gelten. Dann entkämen sie zumindest auch den Wargs. Auf jeden Fall müsste er sich etwas einfallen lassen, wo es hingehen sollte und wie er sie beide dabei verpflegen wollte, sobald das Spärliche, das er gefunden hatte, aufgebraucht wäre.
Anfangs hatte sie noch geweint, vor Schreck und Angst, und ihre Stoffpuppe fest an sich gedrückt, aber das beständige Rütteln und die ganze Aufregung hatte sie schließlich dazu gebracht, einzuschlafen. Sie war eben noch klein und der Körper holte sich, was er brauchte. Es war kein tiefer Schlummer, dafür traumlos und erholsam für sie. Es gab keine Bilder des Gesehenen, ihrer toten Eltern oder der blutigen Soldaten oder wie der Fremde alles durchsucht und einiges aus ihrem Zuhause mitgenommen hatte, ehe er mit ihr davon gelaufen war. Stattdessen blieb alles beruhigend schwarz.
Erst, als die beständige Bewegung aufhörte, wachte sie auf. Leicht regte sie sich mit einem leisen Seufzen auf den Lippen, ehe sie einen Arm löste und mit dem Handrücken über ihre Augen rieb. Blinzelnd öffnete sie die Augen und erschrak, als sich alles vollkommen um sie herum verändert hatte.
Der Tag war der Nacht gewichen, die weite Grasebene umschloss sie nicht mehr vollständig, wie sie es gewohnt war. Stattdessen glitzerte es direkt vor ihnen und erst jetzt stellte sie fest, dass dieses Rauschen anders war, als wenn der Wind durch das Gras wehte. Noch nie hatte sie die Brandung zu hören bekommen oder war auch nur in der Nähe des Meeres gewesen. Wäre es Tag gewesen, hätte sie erkennen können, dass es im Gegensatz zur Vegetation blau war und im Sonnenlicht ebenfalls glitzerte so wie jetzt unter dem Sternenhimmel. Auch war es recht kühl geworden, sodass sie sich fröstelnd an den warmen, wenngleich nassen, dampfenden Körper drückte.
Wo waren sie hier? Die Kleine musste noch alles sortieren und begreifen, dass sie geschlafen hatte, doch würde sie das mit sich alleine ausmachen. Noch war sie nicht bereit, etwas zu sagen zu diesem Mann, der sie mitgenommen hatte und sie nicht wusste, ob das gut gewesen war oder nicht.
Während sie also damit beschäftigt war, zu verstehen, was hier vor sich ging und wo sie sich befand, was sie davon halten sollte, konnte Roderick zu Atem kommen und gleichzeitig ebenfalls die Umgebung in Augenschein nehmen. Bislang hatte er noch keine Verfolger bemerken können, die Ungewissheit blieb somit. Hier allerdings ein Nachtlager aufschlagen wäre recht riskant, denn weit und breit gäbe es nichts, bei dem man Deckung suchen könnte. Er war bis zum Meeresufer gerannt, das an einer flachen Böschung lag, in einer absolut unbesiedelten Gegend. Es käme einem Wunder gleich, sollte er hier irgendetwas finden, das ihnen nützen könnte.
Und es schien, als wären ihm und dem kleinen Bündel in seinen Armen irgendein Gott oder eine Göttin gewogen. Denn nicht weit weg von ihnen schaukelte ein leeres Ruderboot in den Wellen der Brandung, als würde es auf sie beide warten.
Hatte Roderick irgendwelche Erfahrungen mit dem Meer oder mit der Schifffahrt? Sollte er es riskieren, ihrer beider Leben diesem Gefährt anzuvertrauen? Hatte er überhaupt eine andere Wahl? Und in welche Richtung sollte er sie über das Meer rudern? Mit welcher Kraft, nachdem er seinen Körper durch den stundenlangen Lauf ausgepumpt hatte? Wäre es nicht doch besser, sich wenigstens ein bisschen Ruhe zu gönnen?
Womöglich würde es Sinn machen, das Boot mehr ans Ufer zu ziehen und sich dort hinein zu legen. Es wäre kein besonders guter Schutz, aber immer noch besser, als sich einfach hier nieder zu lassen.
All diese Überlegungen wirbelten durch seinen Kopf, während es an seinem Bauch auf einmal sehr warm sowie nass wurde. Plötzlich begann das Mädchen zu schluchzen und zu strampeln. Sie hatte in all der Zeit die Kontrolle über ihre voller werdende Blase halten können, jedoch jetzt war der Punkt erreicht, an dem ihr das nicht mehr hatte gelingen wollen. Gleichzeitig war es ihr unsagbar peinlich, weil sie oft genug von ihrem Vater ausgeschimpft worden war. Deswegen wollte sie möglichst rasch weg von der Stelle, an der es passiert war.
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Re: Fahnenflucht

Beitrag von Roderick » Dienstag 8. Mai 2018, 12:51

Gierig zog Roderick den Geruch des Meers in seine brennenden Lungen. Seit geraumer Zeit war er in der Luft gehangen, salzig, frisch, belebend. Kaum hatte er ihn in der Nase gespürt, war ihm der Grandessaner gefolgt, hatte die unsichere Straße auf seinem ebenso unsicheren Kurs verlassen. Lange Zeit war es her, als er im Feldlager eine vollständige Karte Celcias zu Gesicht bekommen hatte. Eine Karte, die mehr zeigte, als sie für ihre tägliche Patrouille zu wissen brauchten. Doch er wusste, was das entfernte Rauschen bedeuten musste.
Als er den weißen Schaum der ersten Wellen vor sich schimmern sah, verlangsamte er seinen Schritt über die auslaufende grüne Wiesenlandschaft. Diese ging in eine mannshohe Klippe über, unter der sich im Schein des Mondes ein Strand abhob. Im Sand konnte er verschiedene dunkle Umrisse ausmachen, mehrere Steine, ein Stück Treibholz, Algen die wie sich wie die Schatten von Riesenspinnen über den Strand erstreckten. Ein besonders großer Schemen im Wasser zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Roderick kniff die Augen zusammen, welche ihm im schwindenden Licht und nach den Anstrengungen des Tages im Stich ließen. Seine Sinne mussten ihm einen Streich spielen...
Während er schwer atmend in das Meer starrte, spürte er eine überraschende Wärme in seiner Bauchgegend, eine Wärme, die ihm die Beine entlanglief. Im ersten Moment rechnete er mit einer blutenden Wunde, die sich aus dem Nichts geöffnet haben musste. Doch als er hinab sah und endlich bemerkte, dass das Mädchen in seinen Armen aufgewacht war, wusste er, dass es kein Blut war. Schnell griff er dem Kind unter die Arme, hielt es von sich gestreckt, Urin immer noch über seine Stiefel spritzend. „Halt... still!“ Die Kleine dachte gar nicht daran, strampelte nur noch umso wilder. Ihre Ferse traf Roderick im Gemächt, der das Mädchen nun endgültig losließ und keuchend in die Knie sank. Der Soldat fluchte wild, stieß eine Kaskade an ordinären Kraftausdrücken aus, welche für den Hof einer Kaserne, jedoch keinesfalls für die Ohren eines Kindes bestimmt waren. Aber seine Wut verging wieder fast so schnell wie sein Schmerz es tat, als er das Weinen des Mädchens hörte. Sie hockte ein paar Schritte von ihm entfernt, umklammerte mit den Händen den Saum ihre Kleidchens und schluchzte in sich hinein. Voll Angst und Scham, hilflos. Roderick seufzte und setzte sich auf. Der kühle Wind fuhr ihm übers Gesicht, kühlte die erhitzte Stirn und strich sein Haar in den Nacken. Wenn jemand schuldig an dem Geschehenen war, dann war er es. Er hatte eine folgenschwere Entscheidung getroffen, für die er nun Verantwortung zeigen musste. Es gab keinen anderen Weg, keinen leichteren, keinen, den er freien Gewissens hätte wählen können. Das Schicksal des Kindes war nun mit dem seinen verbunden - wie lange dies auch anhalten sollte. Niemals hatte er sich selbst als Vater sehen können, als Aufpasser. Doch das musste er jetzt sein. Das und mehr.
Roderick wartete geduldig, bis das Mädchen ihr Geschäft erledigt hatte. Dann stand er auf und ging auf sie zu. Es dauerte ein wenig, bis er wieder ihr Vertrauen errang, er entschuldigte sich, sprach beruhigend auf sie ein, wischte die Tränen aus ihrem Gesicht. Schließlich schlang sie wieder die Arme um seinen Hals und erlaubte ihm, sie hochzuheben. Den sauren Harngeruch ignorierend, stieg Roderick mit ihr vorsichtig den kleine Hang zum Strand hinab. Seine Beine schmerzten und wehrten sich mit dumpfen Pochen gegen die neue Anstrengung. Der Grandessaner ignorierte sie, sein Blick war fest auf das Holzboot gerichtet, das leicht in den Wellen schaukelte. Er war sich nach wie vor unsicher, was er mit diesem Geschenk anstellen sollte, das ihnen scheinbar aus dem Nichts beschert worden war. War es die unerwartete Rettung, die heilbringende Lösung all ihrer Probleme? Oder war es nur Zeitverschwendung, eine durch Hoffnung fehlgeleitete Ablenkung, die sie sich nicht erlauben konnte? Ein erster Blick ins Bootsinnere zeigte ihm, dass der Kahn zumindest seetüchtig war - die Ruder lagen zwischen den schmalen Sitzbänken und die geteerten Bretter waren trocken. Der sichtbare Rumpf war an beiden Seiten unversehrt, soweit Roderick dies beurteilen konnte. Er hatte keine Ahnung vom Bootsbau, noch konnte er behaupten, jemals an Bord eines solchen gewesen zu sein. Erst vor wenigen Wochen, bei der Belagerung Andunies, hatte er zum ersten Mal das Meer gesehen, hatte bis an den Rand der Welt blicken können, den kein Pfeil dieser Welt zu erreichen vermochte. Im Hafen der Stadt lagen Schiffe an, die wie hölzerne Burgen auf dem Wasser thronten, mit Segelmästen, die in ihrer Höhe den Türmen Grandeas gleichkamen. Er hatte sich im Stillen gefragt, welche Reisen diese Riesen dort draußen bestritten, wohin der Wind sie trug und was es dort draußen zu entdecken gab. Nun, es sah so aus als würde es auch weiterhin allein bei der Frage bleiben. Der schmächtige Kahn vor ihm war keines dieser eindrucksvollen Schiffe, sondern ein einfaches Transportmittel. Mit genügend Muskelkraft würde es sie zweifellos aufs offene Meer befördern, doch was dann? Selbst wenn Roderick es schaffen würde, sich an den Sternen zu orientieren - was nicht gerade zu seinen Stärken zählte - so änderte es nichts an der Tatsache, dass sie dort draußen ohne Ziel waren. Sicher, vermutlich, zumindest vom Dunklen Volk, doch für wie lange? Wenn er jedoch die Küste entlang fuhr...
Roderick war noch eine Weile in Gedanken versunken dagestanden, als er das Mädchen in seinen Armen zittern spürte. Es war kalt geworden, deutlich kälter, als es noch zu Beginn des Abends gewesen war, was vermutlich mit der Meeresluft zusammenhing. Er hatte es nicht gespürt, doch das Mädchen in seinem dünnen Kleidchen musste bereits zu frieren begonnen haben. Die dünnen Ärmchen krallten sich bereits fester in seinen Körper. „Tut mir Leid...“. Rasch hob Roderick das Mädchen hoch, sah sich kurz um, dann setzte er es auf den Rand des Bootes. „Festhalten, nicht dass du mir hinein fällst“. Er griff nach den Händen des Kindes und legte sie vorsichtig an das Holz. Dabei bemühte er sich um ein beruhigendes Lächeln, das auf seinem Gesicht wohl wie eine schlechte Grimasse wirken musste. Dann zog er sich den groben Mantel über den Kopf, wobei ihm erneut der penetrante Harngeruch in die Nase stieg. Kurzerhand änderte er seinen Plan. „Lass uns dich zuerst sauber machen...“ Er tunkte den Saum des Mantels ins Meerwasser unter ihm, dann griff er nach dem Bein des Kindes. Es zuckte zurück, wohl wegen der Kälte des Meereswassers. „Halt still.“. Erneut entrang es sich seinem Griff. „Stillhalten!“ Sein Ton hatte sich verschärft und schon wieder standen Tränen in den Augen des Mädchens. Doch es wehrte sich nun nicht mehr. Stumm weinend und immer noch zitternd lies sie zu, dass er sie behelfsmäßig wusch. Roderick tat es rasch und so schonend wie möglich, sich der Unangebrachtheit seines Handelns bewusst, jedoch von der Notwendigkeit überzeugt. Als er fertig war, trennte er den befleckten Saum des Mantels mit dem Langdolch ab und warf ihn in den Sand. „Hör zu und sieh mich an...“ Der Grandessaner schob seinen Langdolch wieder in den Gürtel, dann legte er diesen ab und warf ihn am Mädchen vorbei ins Boot. Das dumpfe Pochen schreckte es auf und ließ es seinen Worten folgen. „Ich bin nicht dein Vater. Ich bin auch nicht deine Mutter. Aber ich bin hier und am Leben und solang du bei mir bist, werd ich darauf Acht geben, dass auch am Leben bleibst.“ Seine Hände nestelten an den Bändern seines Wappenrockes. „Ich pass auf dich auf, und du passt auf mich auf. Wir sind wie... wie ein Team... verstehst du?“ Als der letzte Riemen geöffnet war, schlüpfte Roderick aus dem dickwattierten Gewand und hob es über den Kopf des Mädchens. Stumm lies es zu, dass er sie damit zudeckte und die beiden Ärmel lose um ihren Körper band. „Du musst nicht mit mir sprechen wenn du willst, deinen Namen verraten. Aber du musst tun was ich dir sage und wenn ich es sage, verstanden?“ Schon stürzte sich die kalte Meeresbriese auf sein dünnes, von Schweiß durchtränktes Wams. Kurzentschlossen zog er auch dieses aus, warf es gemeinsam mit dem Rest des Mantels auf die Bank hinter dem Mädchen und polsterte sie somit aus. Er wartete auf eine Antwort, auf ein Zeichen, dass sie ihn verstand, er das kleine Mädchen nicht überforderte. Als er es bekam, nickte er zufrieden. „Gut.“ Er deutete ins Innere des Bootes. „An meinem Gürtel sind ein Wasserschlauch und eine Tasche mit Brot. Iss und trink etwas. Teil es dir gut ein. Wir haben wenig und müssen wohl länger damit auskommen.“ Er selbst machte keine Anstalten etwas zu sich zu nehmen. Er kannte Durst und Hunger, hatte sie nur allzu gut kennen gelernt. Noch war es die Erschöpfung, die seinen Körper mehr beanspruchte. Doch auch auf diese konnte er keine Rücksicht nehmen.
Einstweilen das Mädchen im Inneren des Bootes beschäftigt war, inspizierte Roderick den Bug des Ruderbootes und wurde schnell fündig. Aus dem Sand zog er einen etwa drei Meter langen Strick, der am Vorderteil des Schiffsrumpfes befestigt war und bei der Landung zum Einholen des Bootes gedient haben musste. Er holte ihn ein und verstaute ihn unter der anderen der zwei Bänke. Danach stemmte er sich gegen den Bug und ließ den Kahn vorsichtig zu Wasser. Als ihm das Meer bis zu den Knien stand, schwang er sich ins Boot und griff nach den Rudern. Das Mädchen beobachtete ihm mit vollen Mund, sah ihm verstohlen beim Kampf gegen die Wellen zu. Nach einigen Minuten, die Roderick wie eine Ewigkeit erschienen, entfernten sie sich immer weiter vom Strand und ließen ihn hinter sich zurück. Nach etwa 50 Metern ins offene Meer, lenkte der Grandessaner ein und steuerte das Boot mit gezielten Schlägen parallel zur Küste.
Sie hinterließen keine Spuren mehr. Ihr Geruch wurde zudem vom Meersalz überdeckt. Der Weg entlang der Küste führte an Suchpatrouillen vorbei, vorbei an Grenzen, an Dörfern, in denen man ihnen auflauern konnte. Wenn er nur lange genug ruderte... er könnte Grandessa erreichen, dort untertauchen. Es war seine Heimat, er würde schon einen Weg finden. Selbst wenn das Dunkle Volk dank König Henrik dort waltete, konnte es sich nicht so schamlos an der Bevölkerung vergreifen, wie es dies in den eroberten Gebieten tat. Außerdem war er keine Person von Wichtigkeit, ein einfacher Soldat, den die Schergen bestimmt bald vergessen hatten, wenn sie ihn nach einigen Tagen nicht eingefangen hatten. Wenn es aber doch schlimmer war als gedacht... weiter südlich lag Jorsan. Jorsan, das Reich, gegen das er in ewiger Feindseligkeit eingeschworen war, konnte in einem irrsinnigen Wink des Schicksals zu ihrer Rettung werden. Doch wie weit war es bis dorthin? Wie weit nach Grandessa? Auf der Karte hatte es wie ein Katzensprung ausgesehen, nur wenige Finger breit. Doch in Wirklichkeit, in dieser Nussschale und mit dieser Geschwindigkeit? Wie viele Wochen?
Roderick ruderte noch eine ganze Weile. Bald brannten seine Muskeln und zum Pochen der Beine gesellte sich der stechende Schmerz in den Armen. Als die Ruderschläge immer schwächer wurden, legte er Pausen ein. Während sich die Kälte der Nacht an seiner nackten Haut labte, sah er auf das Mädchen zu seinem Füßen herab, das in seinem für sie viel zu großen, dafür wärmenden Wappenrock eingerollt schlief. Dann begann er erneut zu rudern, stoppte. Ruderte, stoppte. Mit der Zeit begann seine Wahrnehmung zu schwinden. Das Aussehen der Klippen veränderte sich, wann immer er die Augen schloss. Ebenso die Entfernung zum Land, sodass er einige Male fast auf Grund lief. Als der Mond an seiner höchsten Stelle war und sich Rodericks Arme kaum mehr heben ließen, steuerte er auf den Strand zu. Mit letzter Kraft zog er das Boot unter einen hervorstehenden Klippenhang und bemühte sich, mit einem angespülten Ast einigermaßen die Spuren im Sand zu verwischen. Den Rest würden die Wellen erledigen, die ihn mit ihrem regelmäßigen Rauschen in den Schlaf zu lullen suchten. Roderick stieg ins Boot und lehnte sich zurück. Er wollte nicht schlafen, wollte sich nur ausruhen, seinen müden Muskeln eine Auszeit gönnen. Würde er schlafen, so würde er träumen, und dann würde er sie wieder sehen. Er wollte sie nicht sehen, nicht nach dem heutigen Tag, nicht nach alldem, was passiert war. Doch es war vergebens. Bald schon bemächtigte sich der Schlaf seiner Sinne und erstickte sie in dunklem Nebel.

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Re: Fahnenflucht

Beitrag von Erzähler » Samstag 26. Mai 2018, 21:45

Eigentlich wäre jetzt die beste Zeit gewesen, um sich anhand der Sterne zu orientieren und gemeinsam mit einer Karte nachvollziehen zu können, wohin ihn der Weg geführt hatte. Doch der Soldat hatte so etwas nicht bei sich, sondern lediglich ein schlafendes Kind im Arm, dessen Gewicht sich immer stärker anhängte. Somit konnte er nur erkennen, dass er sich in Richtung Meer bewegte und nicht, wo sich dessen Ufer ungefähr befand. Dafür verriet es sich schon von weitem, zuerst durch den Geruch, dann kam das Geräusch der Brandung hinzu und schlussendlich war es zu sehen. Dunkel glitzernd und scheinbar unendlich.
Hier wäre eine Pause gefährlich und zugleich war sie allmählich auch notwendig. Roderick war schließlich nichts weiter als ein Mensch und so wie bei jedem Lebewesen waren seine Kräfte enden wollend, zwangen ihn zu Unterbrechungen seiner Tätigkeiten. Mit dem Nachteil, dass seine kleine Begleitung aufwachte und das passierte, womit eigentlich schon länger zu rechnen gewesen wäre.
Es wurde warm und feucht, die Kleine bemerkte es und wollte davor einzig und allein weglaufen. Schon glitzerten Tränen in ihren Augen, als er sie von sich hielt, um sich die Bescherung anzusehen. Noch mehr strampelte sie und wollte hinunter, um weglaufen zu können.
Obwohl sie nicht wusste, wohin, denn es gab hier nichts, wo sie sich verstecken könnte. So lief sie einfach einige Schritte, hockte sich hin und weinte herzzerreißend, beschämt und erschrocken von seiner Reaktion.
Es dauerte, bis sie wieder Zutrauen fassen konnte und sich von ihm hochheben ließ, damit es weiter gehen konnte. Wobei sie keine Vorstellung hatte, wohin der Weg sie führen würde oder an welchen Ort er wollen könnte.
Noch niemals war sie weiter als bis zu der Mauer gekommen, die das Grundstück ihrer Eltern umsponnen hatte, geschweige denn, dass ihr jemand vom Meer erzählt hätte. Und da es obendrein finster war, jagte ihr dieses rauschende, salzig riechende Ding, das ständig in Bewegung zu sein schien, Angst ein. Je näher sie diesem kamen, desto fester klammerte sie sich an den fremden Mann, der ihr Schutz zu geben versprochen hatte.
Aufgrund ihrer Furcht und weil es von Minute zu Minute kühler um sie herum wurde, abgesehen von der Nässe an ihren Beinen, die sich immer klammer anfühlte, begann sie zu zittern. Eine Reaktion, die sie nicht unterdrücken konnte. Nicht mehr lange und auch ihre Zähne würden zu klappern beginnen.
Er bemerkte es und kümmerte sich um sie, tat Dinge, vor denen sie gerne davon gelaufen wäre, weil sie ihr zu peinlich waren. Aber sie hatte keine Wahl, das machte er ihr klar. Letzten Endes war es besser für sie und trotzdem hätte sie gerne darauf verzichtet.
Wenigstens wickelte er sie in seine warme, ungewohnt riechende Kleidung ein, die ihr viel zu groß war und in die sie sich besser einkuscheln konnte als in jenes zerschlissene Tuch, das bisher stets ihre Decke dargestellt hatte. Kein Wunder, dass sie recht rasch wieder einschlief und nicht mehr mitbekam, was er mit dem Boot anstellte. Die Zeit wurde bedeutungslos, während er bis zum Rand der Erschöpfung ruderte und sie weg zu bringen versuchte, weg von all dem Blut, den Toten und auch den Verfolgern, die sich früher oder später an ihre Fersen heften würden.
Doch sein Plan, sich nicht zu schonen und auch nicht auszuruhen, ging nach hinten los. Sein Körper verlangte sein Recht und zog ihn in die dunkeln Tiefen des Schlafes. Wobei er dermaßen ausgelaugt war, dass ihn anfangs sogar die gut gekannten Alpträume verschonten. Das war angenehm und erholsam, aber letzten Endes kamen die Bilder.
Es waren keine schönen, sondern getränkt mit Blut, versehen mit dem Geruch nach Angst und Tod sowie gespickt mit lauten, panischen Schreien, Vor allem jene eines kleinen Mädchens, die einfach nicht aufhören wollten. Auch dann nicht, als der Soldat seine Augen öffnete und feststellen musste, dass er anscheinend noch nicht völlig wach war… oder der Schrei eines Kindes nicht zu seinen Träumen gehört hatte.
Denn in der Zeit, in der er geschlafen hatte, war die Flut gekommen und hatte das Boot mit sich gezogen, weg von der Küste, hinaus auf die Wellen. Damit nicht genug, hatte die Nacht dem beginnenden Morgen weichen müssen. Das Mädchen war wieder aufgewacht und konnte nun zum ersten Mal in seinem Leben nicht allein das Meer sehen, sondern musste feststellen, dass es sich mitten darauf befand. In einem schaukelnden Ding, den Blick frei auf wogende Wellen und schäumender Gischt, jedoch ohne jedem festen Boden am Horizont.
Ein beängstigender Anblick, der zugleich auch neugierig machte, ob das denn wirklich so war, wie es schien. Also hatte es sich aus seinem warmen Nest geschält, war zum Rand des Bootes gekrochen und hatte sich soweit hochgezogen, dass es drüber sehen konnte. Damit begnügte sich die Kleine allerdings nicht, beugte sich immer weiter vor, wollte die kleinen Finger ins Wasser halten… und verlor das Gleichgewicht.
Nun schrie sie, was ihre Lungen hergaben, solange kein Salzwasser in ihren Mund gespült wurde, und klammerte sich mit letzter, schwindender Kraft an das Holz, während sie die Wellen immer stärker mit sich zu nehmen drohten.
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