Die Spinnenhöhle

Hier wohnen die Nachtelfen in ihren dunklen Häusern. Kein Lichtstrahl ist je zu sehen, tief unter der Erde, nur der Schein der Fackeln erhellt die dunklen Gassen.
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Die Spinnenhöhle

Beitrag von Erzähler » Dienstag 5. Mai 2020, 11:00

Sarin komm von Das Reich der Nachtelfen -> Méntaras Anwesen -> Sarin's Schneiderstube im Anwesen der Stadtherrin

Nach dem kleinen Zwischenfall im Anwesen ihrer Herrin geschah nichts mehr, das ihren Weg zu ihrer alten Freundin behinderte. Sobald Sarin das Anwesen verlassen hatte und die Straßen des Nachtelfenreiches eingetaucht war, fiel sie unter ihresgleichen überhaupt nicht mehr auf. Die Straßen waren belebt, ganz gleich ob Tag oder Nacht herrschte. Nachtelfen waren nicht an den Zyklus von Sonne und Mond gebunden, obgleich ihr Reich schöner aussah, wenn die fluoreszierenden Pilze ihre Schirme aufspannten und funkelnde Sporen durch den Abend tanzten. Denn das geschah immer nur dann, wenn an der Oberfläche die Nacht hereinbrach. Somit konnte man die Pilze auch als organisches Uhrwerk bezeichnen und die Nachtelfen wussten, wann es gefahrloser für ihre Haut war, an die Oberfläche zu gehen.
Nicht, dass Sarin dies je vorgehabt hätte. Aber sie würde gehen müssen, denn ihr stand eine Zukunft in Morgeria bevor. Eine Zukunft, in die sie von ihrer eigenen Stadtherrin hineingeschubst worden war, ohne Mitspracherecht, aber zum Wohl ihrer Heimat. Man hatte sie für die Sicherheit aller anderen verkauft. Was war schon ihr Seelenheil, wenn es um die Nachtelfenschaft im Allgemeinen ging? Opfer mussten offenbar gebracht werden und Mentára Tronàs schreckte nicht davor zurück, eine so angesehene Schneiderin in den dunkelelfischen Schlund einer vereinbarten Ehe zu werfen.
Nach wie vor hing ihre Zukunft über ihrem Kopf wie ein Damoklesschwert. Verhindern konnte sie es wohl nicht, aber ihrer Seele ein wenig Luft geben, indem sie ihre Sorgen teilte. Deshalb war sie zusammen mit der kleinen Hoffnungsspinne auf dem Weg zu ihrer alten Freundin. Ihre Höhle lag ein wenig außerhalb des Bereichs, den man Stadt nennen könnte. Dort, zwischen Felsen und Nischen in einer der Höhlenwände verbarg sich das Heim ihrer alten Freundin. Sie bewohnte es mit Dutzenden von Spinnen, deren Seidenwebfäden kostbarstes Gut für Sarins Erfolg geworden waren. Das und die Kenntnis über die Runenmagie, welche sie auch dort erlernt hatte. Wie viele wohl noch von ihrer Vertrauten wussten und dass ihre Spinnenfreunde keine Gefahr darstellten? Sarin konnte diese Frage nicht beantworten. Sie hatte mit ihrer alten Freundin niemals darüber geredet und auch heute standen wichtigere Dinge im Vordergrund. Hoffentlich war sie auch anwesend.
Es kam vor, wenn auch selten, dass Sarin die Höhle nahezu verwaist angetroffen hatte. Dann war sie nur von einigen wenigen Spinnen mit glänzenden Augenpaaren begrüßt worden. Wo ihre Vertraute gelegentlich hin verschwand, wusste sie nicht. Heute aber sollte sie Glück haben. Denn schon nach wenigen Metern in den von dicken, teils klebrigen Spinnweben durchzogenen Höhleneingang hinein erkannt Sarin den Lichtschimmer. Ihre Freundin ließ niemals eine Kerze unbeaufsichtigt zurück. Sie war also Zuhause.
Zunächst aber begrüßte die Schneiderin das leise Trippeln vieler, vieler Beine auf dem Höhlengrund. Die Spinnen hatten sie zuerst bemerkt und kamen heran gekrabbelt, um sie zu empfangen. Einige hoben eines ihrer vielen Beinchen, als wollten sie ihr zuwinken. Eine besonders kugelige, handtellergroße Spinne reckte ihren Hinterleib freudig empor und zeigte Sarin so das weiß leuchtende Kreuz darauf. Sie wollte heute ihrer Führerin sein und sie zu ihrer Freundin bringen. Die anderen Spinnen akzeptierten das.
So brachte die kleine Kreuzspinne den Gast hinter die Vorhänge aus silbrigen Fäden und hinein in das wohlige und gar mystische Reich der vertrauten Freundin. Möbel wie die Nachtelfen sie zimmerten, besaß sie keine, von einem runden Tisch in der Höhlenmitte abgesehen. Darauf stand eine Kanne, aus der heißer Dampf empor stieg und das hohe Gewölbe mit dem beruhigenden Duft von Melisse erfüllte. Zwei Becher standen bereit, ganz so als hätte sie erwartet, Sarin heute zu Gast zu haben.
Ihre Freundin hockte auf einem von vielen Steinen, die die Spinnen mit so reichlich Webfäden umgarnt hatten, dass man es nicht nur gut gepolstert hatte, sondern sich auch in die nicht klebrigen Fäden zurücklehnen konnte wie in einen silbernen Korbstuhl. Eine selbst gewebte Decke ruhte über den Beinen ihrer Freundin, die mit einem sanften Lächlen zu Sarin empor schaute und den Kopf ein wenig schief legte.
"Erzähl mir von deinem Kummer, Liebes", begrüßte sie die Schneiderin und wies mit einem freundlichen Wink zu weiteren dieser bequemen Sitzmöglichkeiten. Hätte sie noch Kuchen und Sarin bessere Neuigkeiten zu berichten gehabt, wäre der Abend perfekt. So aber stand das Schlimmste erst noch bevor.
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Re: Die Spinnenhöhle

Beitrag von Sarin Kasani » Montag 11. Mai 2020, 09:20

Der kleine Zwischenfall mit dem Dunkelelfendiener, der sie angerempelt hatte war schnell vergessen. Einzig der Moment, in dem er auch noch angefangen hatte sie abzuklopfen hallte noch in ihrer Erinnerung nach, da sie die zu einer Reaktion genötigt hatte. Energisch und mit schneller Hand hatte sie seine Finger gegriffen und sanft von ihr weg gebogen. Hätte er noch dagegen gearbeitet, so hätte sie ihm vielleicht damit sogar weh getan. So aber hatte die kurze Berührung ihr eine Sekunde zum Handeln geschenkt und Sarin war schnell von ihm zurück getreten. Ihr Blick auf ihn, hatte in seinen schönen grauen Augen einen Spiegel gefunden, in dem sie sich selbst sah. Warum musste dieses Volk selbst unter seinen Dienern so interessanten Wesen haben, dass sie einfach nicht den Blick hatte niederschlagen können. Er erinnerte sie in angenehmer Weise an Lariel, in seiner geflissentlichen Haltung. Doch sie hatte zu viel anderes im Kopf, als seine Motive zu hinterfragen. Es war ein kleiner Unfall – mehr nicht. Wenigstens war ihrer kleinen Freundin in der Knopfdose zwischen ihren Brüsten nichts geschehen.

Als sie dann bei ihrer älteren Freundin ankam, war der Anblick der Höhle vertraut und doch plötzlich seltsam fremd, als sähe sie sie zum ersten... oder vielleicht zum letzten Mal. Der Empfang der Vielbeiner war so herzlich, dass Sarin fast schon wieder mit den Tränen kämpfte. Sie folgte der Kreuzspinne in die Heimat ihrer Freundin hinein.
Diese hockte auf einem von vielen Steinen, die die Spinnen mit so reichlich Webfäden umgarnt hatten, dass man es nicht nur gut gepolstert hatte, sondern sich auch in die nicht klebrigen Fäden zurücklehnen konnte wie in einen silbernen Korbstuhl. Eine selbst gewebte Decke ruhte über den Beinen ihrer Freundin, die mit einem sanften Lächeln zu Sarin empor schaute und den Kopf ein wenig schief legte.
"Erzähl mir von deinem Kummer, Liebes"
, begrüßte sie die Schneiderin und wies mit einem freundlichen Wink zu weiteren dieser bequemen Sitzmöglichkeiten. Und es waren diese einfachen Worte, die den Damm um Sarins Selbstbeherrschung brechen ließen. Sofort rannen ihr ungehindert die Tränen über die hellen Wangen und benetzten ihre Mundwinkel. Mit sich verschleiernden Blick setzte sie sich aufrecht um Haltung bemüht an den Tisch. Doch die Tränen liefen einfach weiter, also ließ sie es zu.
„Ich … werde … heiraten.“
Diese drei einfachen Worte waren mit so viel Leid verbunden, dass sie kurz schlucken musste.
„... und **wieder** geschieht es unter denkbar schlechten Umständen.“
Ihre Freundin wusste, was dieses „Wieder“ alles bedeutete. Oft hatten sie über den Fluch und ihre Vergangenheit gesprochen. Viel Leid lag in dieser einfachen Wiederholung.
Sarin schlug die Augen nieder und begann den Hergang der letzten Stunden, Tage und im gesamten, den der letzten Woche zu erzählen. Sie sprang ein paar mal in den Themen, das ihre alte Freundin kaum den Faden finden konnte, doch dies wahr bei Sarins aktueller Gemütslage wohl entschuldbar. Man wurde schließlich nicht jeden Tag „verkauft“. Erst nachdem sie die wirren Puzzleteile ihres Lebens ausgebreitet hatte, konnte sie sie zu einem verständlichen Gesamtbild zusammen fügen:
„Kurz gesagt, ich werde auf Geheiß Méntara Tronás, den edlen Dhansiar, Erbe von Fürst Raikhyn von Blutsdorn, heiraten um unser Reich vor eben jenem Volk zu beschützen, dass uns jetzt bedroht. Es fühlt sich an, als ginge ich freiwillig in die Sklaverei oder schlimmeres, wenn es das gibt.“
Sarin atmete schwer.
„Aber was bleibt mir anders übrig? Ich kann mich nicht gegen den Willen meiner Stadtherrin stellen oder gar jemand anders an meine Stelle setzen. Es ist bereits alles entschieden und der Vertrag wird in diesen Tagen unterzeichnet.“
Sie runzelte die flache Stirn.
„Ein paar merkwürdige Details, wie der Verbleib meines ersten Kindes sollen noch darin vermerkt werden... aber mein Schicksal ist wohl schon entschieden.“
Trostlos blickte sie auf die feinen Fäden zu ihren Seiten und streichelte die weichen seidigen Polster.
„Ich soll nun all das verlassen, meine Heimat, meine Familie so klein sie auch ist und vor allem meine … Freunde.“
Damit sah sie auf und blickte der alten Frau in die weisen Augen.
„Ich glaube nicht daran, dass eine Flucht oder eine Weigerung irgendetwas verbessern würde. Eher würde es alles noch schlimmer machen. Trotzdem klammere ich mich an die Hoffnung, dass irgendetwas mir dieses Schicksal ersparen könnte. Doch ich weis keinen Ausweg. Ich werde für uns diesen Vertrag erfüllen... aber... was dann?“
Und in diesem Moment brach die schlichte Wahrheit aus ihr heraus und sie sah ihre Freundin hilflos an:
„Ich habe Angst!“
Sarin vergrub für einen Moment ihr Gesicht in den Händen und schluchzte leise. Ihre Schultern bebten und nie hatte sie ihre Mutter mehr vermisst als in diesem Augenblick. Dicke Tränen kullerten aus ihren Augen und rannen durch ihre Finger, wie verlorene Hoffnung. Sie gab sich selbst ein paar Minuten dem Selbstmitleid hin, doch dann versiegten auch diese Tränen wieder. Schwer atmend saß sie da und starrte auf ihre Teetasse. Endlich nahm sie einen Schluck und der inzwischen sicher schon etwas kühler gewordene Melissenaufguss rann ihr sanft durch die Kehle. Sie stellte die Tasse ab und trocknete ihre Tränen.
„Man schickt mich zur Hochzeit in einen Tempel der Manthala, aber unser Ziel wird Morgeria sein. Ich werde meine Zukunft unter der Sonne eines fernen Landes bestreiten müssen und ich habe nur eine Woche, um mich darauf vorzubereiten.“
Sarin atmete noch einmal tief durch und wischte die letzte Feuchtigkeit von ihren Wangen.
„Ich gehe fort in ein fernes Land voller Feinde, die in mir nur eine Trophäe sehen. Etwas dass man errungen hat. Ein Tauschobjekt... wobei ich noch nicht einmal verstehe, warum sie an mir Interesse haben sollten. Die Dunkelelfen werden doch sicher auch Frauen haben. Warum für eine arangierte Hochzeit auf ein ganzes Reich verzichten?!“
Sie schüttelte den Kopf.
„Und... was ist, wenn sie nicht ihr Wort halten?“
Langsam kam Panik in ihr auf, dass ihr Opfer vielleicht am Ende doch umsonst sein könnte uns sie einfach zum Kollateralschaden in einem perfiden Ränkespiel wurde in dem am Ende 'nur Verlust und Verrat stand. Es wurde Zeit, dass jemand ihre Gedankenspirale schnell unterbrach, da Sarin sonst dazu neigte sich immer tiefer in ihre Abgründe hinein zu steigern.
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Re: Die Spinnenhöhle

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 21. Mai 2020, 11:25

Als hätte sie genau gewusst, dass Sarin mit schwerem Herzen in ihr Heim gekommen war, wusste die alte Freundin gekonnt, sie mit nur einem einzigen Satz aus der Reserve zu locken. Und Sarin konnte versichert sein, dass ihre liebe Freundin ihr nichts Böses wollte, sondern wahrlich an ihrem Kummer interessiert war. Die ältere Nachtelfe hatte sich stets um ihr Wohlergehen gesorgt. Sie kannte die Schneiderin und wusste, an welchem Faden sie ziehen musste, um den Knoten in ihrem Seelennetz aufzubrechen. Jetzt hieß es, ihn zu lösen, damit das Netz wieder so silbern glitzern und aufblitzen konnte wie jene feinen Fäden, die mit sanfter Leichtigkeit über ihren Köpfen schwangen.
Die Alte wartete geduldig, bis Sarin sich setzte. Sie beobachtete sie, während ihre schlanken Finger ähnlich den Beinen ihrer vielen Freunde über die Decke auf ihren Knien trippelten. Sie lächelte freundlich und ohne Hohn. Es war ein Versuch, Sarin genug Ruhe zu spenden, dass sie von sich aus die Details erzählen würde. Denn eine Hochzeit war grundsätzlich nichts, weshalb die Elfe so stark hätte in Tränen ausbrechen sollen. Nicht in solche Tränen, ohne verliebtes Schimmern in den Augen und einem Lächeln auf den Lippen. Die Alte erkannte scheinbar jede Einzelheit.
Während Sarin, um Haltung bemüht, ihre Geschichte vortrug, krabbelten die Spinnen näher. Sie waren weitaus weniger empathisch als ihre Halterin, aber selbst sie merkten die Schwere, die von der Besucherin ausgingen. Also tappelten sie heran, versammelten sich um Sarin, bis jene von einem Meer schwarz glänzender Augen beobachtet wurde. Andere empfanden dies sicherlich als unbehaglich, aber Sarin kannte die Spinnen ja. Keine von ihnen hatte auch nur einmal einen Fuß gegen sie erhoben, geschweige denn mit ihren Zangen zugebissen. Sie waren zutraulich und überraschend friedlich.
Beinahe ebenso friedlich lehnte sich die Mutter der Spinnen in ihrem gewebten Stuhl zurück. Sie schloss die Augen und lauschte den Ausführungen. Wieviel sie davon verstand, offenbarte sie nicht. Möglicherweise reichten aber auch schon Kleinigkeiten aus, dass sie anhand ihrer altersbedingten Erfahrung eigene Rückschlüsse machen konnte.
Sei seufzte einmal auf und kommentierte Sarins Erläuterungen zu ihrem Verrat, Verkauf und mögliches Schicksal eines Sklavenlebens mit: "Jaja, so ist es immer noch bei den Dunkelelfen..." Dann ließ sie ihre Freundin weitersprechen. Und wieder seufzte sie, dieses Mal jedoch mit einem schmalen Lächeln. "Jaja, so ist Mentára ... das Reich der Nachtelfen kommt an erster Stelle. Immer."
Sie hob die Lider, ließ ihren Blick durch die Spinnenhöhle schweifen und über die vielen seidigen Fäden, die von der Decke hingen. In manche war Beute gefangen, zu einem beutelartigen Kokon versponnen, von dem sich die Achtbeiner ernährten, sobald sich das Innerste verflüssigt hätte. Spinnen waren genügsame Tiere. Sie brauchten nicht täglich etwas zu fressen, konnten mit einem einzigen gefangenen Etwas bis zu einen Monat auskommen. Und sie fraßen keine Nachtelfen, jedenfalls nicht jene Spinnen in dieser Höhle. Sie mochten größer als das bekannte Naturell sein, aber ein Elf wäre dann doch eine zu riesige Mahlzeit für den einzelnen.
Die Alte winkte eine der Spinnen zu sich. Sie machte dabei leise Fiepsgeräusche, als wolle sie eine Katze locken. Die Spinne reagierte weniger darauf, als vielmehr auf die Bewegung. Ihre Beine trippelten mit leisem Klackern über den Höhlenboden, bis sie bei ihrer zweibeinigen Mitbewohnerin angekommen war. Die alte Freundin streichelte den rundlichen und haarigen Hinterleib entlang. Dann löste sie einen Webfaden vom spitz zulaufenden Hinterleib des Tierchens.
"Sarin", sprach sie den Namen bedeutungsschwer aus, während sie den Faden auf beinahe Armeslänge zog udn abzupfte. "Du klingst, als wäre dieses unfreiwillig auferlegte Schicksal das Ende aller Glückseligkeit. Und du lässt dich von der Angst des Unbekannten überwältigen. Doch komm her und schau!" Sie winkte nun auch Sarin heran, verzichtete aber auf die Locklaute. Ihre Freundin war keine Spinne. Dann hob sie den Faden an. Er hing schlaff, aber seidig glänzend von ihren Fingern herab bis hinunter auf ihre Decke.
"Was siehst du?" Die Alte wartete gar keine Antwort ab. "Ein Faden, geradlinig wie scheinbar nun dein Schicksal, das einfach nur nach unten führt, immer tiefer und tiefer. Das ist, was man dir präsentiert und was du siehst. Das ist, was dir Angst macht. Und darüber hinaus vergisst du eines." Sie griff den Faden an einer beliebigen Stelle, hob ihn an und formte einen Bogen. Sie verknotete ihn vorsichtig und immer weiter, bis sich ein gesponnenes kleines Netz entwickelte. Es war bei weitem nicht so schön wie die Bauten der Spinnentiere, aber das musste es auch nicht sein. Die Symbolik zählte.
"Du vergisst dein Eingreifen. Du hast dein Schicksal nun in der Hand, eine reine Linie, aus der du deine gesamte Zukunft neu formen kannst. Und mit deinem Geschick weiß ich, dass die Fäden, an denen du ziehen wirst, sich zu einem gewaltigen Netz zusammenfügen werden. Eines, das deine Feinde aufhält. Sie werden sich darin verfangen wie die Fliegen. Aber auch eines, das Fäden in alle Richtungen der Welt ausschicken kann, auf der Suche nach Halt. Vielleicht stößt du auf Stabilität, wenn ein Ende deines Netzes auf eine Höhlenwand trifft. Vielleicht verwebst du es aber auch mit den Fäden eines anderen. Ist Dhansair ein Gatte, den du in deinen schönen Kokon einwickeln kannst? Eine Fliege oder eine weitere Spinne? Liebe Sarin, es steht dir alles offen. Und verloren ist nichts. Wi bleiben Freunde, selbst wenn die Reichweite uns trennt." Sie lächelte, ganz warm und herzlich. Dann suchten ihre alten, aber immer noch schlanken Finger die Hand ihrer Freundin, um jene einmal zu drücken.
"Du hast jetzt noch eine ganze Woche Zeit. Nutze sie. Auch ich werde etwas vorbereiten. Ohne ein Geschenk lasse ich dich nicht ziehen, Liebchen."
Über Sarins Sorgen, dass die Dunkelelfen ihr Wort brechen könnten, sprach ihre Spinnenhüterfreundin nicht ein Wort. Sie wollte sie weder in Sicherheit wiegen, noch mit einer möglichen Wahrheit beunruhigen. Sie kannte aber offenbar das Gemüt der dunkleren Verwandten recht gut. Gut genug, um darüber zu schweigen und den Fokus nicht darauf zu legen. Nun ging es darum, Sarin ein wenig Kraft zu spenden, sie zu beruhigen, damit sie all die vielen Fäden sehen konnte, aus denen sich ihr neues Schicksal spinnen ließ. Diese Aufgabe durfte sie nicht in die Hände eines anderen legen.
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Re: Die Spinnenhöhle

Beitrag von Sarin Kasani » Sonntag 24. Mai 2020, 13:10

"Was siehst du?"
Die Alte wartete gar keine Antwort ab, sondern formte vor Sarins Augen sehr plastisch, dass nach was ihrem Schicksalsfaden wohl am nächsten kam. Ihre Worte gaben Sarin Hoffnung ihr Schicksal doch selbst noch nicht ganz aus der Hand gegeben zu haben, oder sogar jetzt erst erst richtig und das erste Mal nahm sie wahr, dass sich ihr Leben verändern ließ. Und zwar durch sie selbst.
“...Vielleicht verwebst du es aber auch mit den Fäden eines anderen. Ist Dhansair ein Gatte, den du in deinen schönen Kokon einwickeln kannst? Eine Fliege oder eine weitere Spinne? Liebe Sarin, es steht dir alles offen. Und verloren ist nichts. Wir bleiben Freunde, selbst wenn die Reichweite uns trennt."
Sie lächelte, ganz warm und herzlich und diese Wärme breitete sich bei ihren Worten auch in Sarins Herzen aus. Die alte Frau hatte es geschafft, in dieser scheinbar ausweglosen Situation, sogar eine neue Möglichkeit, einen neuen Weg in ihre eigene Zukunft zu sehen. Wortlos, aber deutlich ruhiger erwiderte sie den Händedruck ihrer Freundin.
"Du hast jetzt noch eine ganze Woche Zeit. Nutze sie. Auch ich werde etwas vorbereiten. Ohne ein Geschenk lasse ich dich nicht ziehen, Liebchen."
Sarin lächelte und trocknete kurz ihre Tränen, ergriff dann aber wieder die Hände der Frau.
„Ich danke dir! Ich werde tun was du sagt und das größte Geschenk hast du mir grade eben gemacht!“
Sie streichelte den schon etwas faltig gewordenen Handrücken ihrer Freundin.
„Deine Worte haben mir neue Hoffnung geschenkt und mich daran erinnert, dass ich niemals allein sein werde. Meine Erfahrungen und die Erinnerungen an all die schönen Zeiten, an unsere Freundschaft, sie werden mich begleiten und mir immer Kraft und Zuversicht schenken.“
Sie saßen einen Moment einfach still schweigend das und hielten die Hand der anderen.
„Und du hast Recht, ich habe noch viel vorzubereiten! Allein die Tatsache, dass ich mein Leben fortan an der Oberfläche verbringen soll, bedarf einiges Schutzes!“
Sarin blinzelte ein paar mal.
„Hast du diesbezüglich einen Rat für mich? Ich war ja noch nie „OBEN“. Also einmal nachts und nur kurz... mit meiner Mutter, vor Jahren. Ich erinnere mich nur an gigantische Säulen und darüber hingen unbewegt Millionen von Glühwürmchen an der Decke...“
Sarin blinzelte wieder, denn sie bemerkte selbst, dass das was sie da gesagt hatte, einfach nicht stimmen konnte und lächelte etwas schief. Sie zuckte mit den Schultern, denn sie war damals noch ein Kind gewesen und ihre Erinnerung könnte auch falsch sein.
„Ich sollte mich wohl auf jeden Fall noch mit jemanden beraten, der schon mal oben war. Ich muss wissen, was mich erwartet und wie sich jemand unseres Volkes auf den Tag vorbereitet... auf die Sonne. Ich brauche Informationen aus verlässlicher Quelle...“
Und da fingen die Probleme auch schon an. Sarin überlegte, wen sie so alles kannte, der vielleicht schon mal auf der Oberfläche unterwegs gewesen war. Die Damen und Herren der Gesellschaft hatten vielleicht auch schon mal von ihren Abenteuern erzählt und auch wenn sie sich „damals“ vielleicht nicht wirklich dafür interessiert hatte, so versuchte sie nun in ihrer Erinnerung zu kramen, ob sie ein paar nützliche Details in ihrem Kopf oder wenigstens einen Namen fand, der ihr hilfreich sein könnte.
„Außerdem... muss ich für mein Geschäft einen Nachfolger bestimmen und hier alles geordnet hinterlassen. Ich brauche geeignete Kleidung und muss meine Habseligkeiten … na ja, da freut sich sicher meine Cousine...“
Dann sah sie wieder ihrer Freundin in die Augen und sagte:
„Am schwersten wird mir wirklich fallen, dass wir uns dann nicht mehr sehen können! Dich hier zurück zu lassen... Du hast mir so viel gegeben, all die Jahre! Nicht nur die Seide... dein Wissen über die Runen! Die Magie und vor allem anderen... deine Freundschaft! Wie kann ich das vergelten?“
Sie blinzelte abermals eine aufsteigende Träne weg, aber diesmal nicht um ihrer Selbst willen, sondern auch aus Sorge um ihre Freundin. Wer würde wenn sie weg war ihre Kunst zu schätzen wissen? Wer sie lieben und besuchen? Sie war gewiss nicht einsam mit ihren hunderten von kleinen Achtbeinern, aber eine Freundin war doch etwas anderes. Ihre Freundin war auch schon vorher und ohne sie zurecht gekommen, das wusste Sarin. Trotzdem würde sie sie vermissen und sicher erging es der alten Dame genauso. Sarin seufzte langgezogen und streichelte nun auch eine der kleinen lieb gewonnen Freunde um sie herum. Der Pelz auf dem kugeligen Hinterleib war nur in Strichrichtung weich. Manche der Krabbler hatten auch regelrechte Borsten, anderer waren weicher als die Seide, die sie webten.
„Ich werde das alles furchtbar vermissen! Auch Euch... ihr kleinen Wunder!...“
, liebkoste sie ein anderes Tier.
„... und ich werde wohl nie wieder so gute Ware bekommen.“
Sarin lachte leise. Ein Laut, der etwas gequält klang in Anbetracht der Situation, aber es war ein erstes Lachen. Sie straffte die Schultern und atmete noch mal tief durch. Solange ihre Freundin sie nicht fort schickte, wollte sie auch nicht gehen. Am liebsten hätte sie die ganze nächste Woche hier bei der vertrautesten Person verbracht und die Details besprochen, aber das war unmöglich. Sarin hatte wirklich noch viel zu tun. Ihr nächster Anlaufpunkt auf der Liste der Verabschiedungen war ihr alter Meister Reko Londro. Von ihm erhoffte sie sich Rat für ihr Geschäft und vielleicht auch die Übernahme einiger Kunden, gegen ein kleines Startkapital in ihr neues Leben. Dass sie Anspruch auf eine Mitgift seitens ihres Onkels erheben könnte, das viel ihr nicht nur nicht im Traum ein, sie kam wirklich nicht auf diesen Gedanken. Seit zu vielen Jahren hatte sie erfolgreich ohne seine Hilfe gelebt. Aber auch von ihm und dem Rest ihrer Familie musste sie sich verabschieden, auch wenn es ihr dabei ein bisschen graute. Jafars kühle Miene konnte sie schon fast vor sich sehen, Neefri seine Ehefrau würde vermutlich sogar froh sein, sie aus dem Weg zu haben, denn sie waren nie wirklich warm miteinander geworden und Lucil würde wahrscheinlich ein riesen Drama veranstalten! Ob Lutmaan, ihr Cousin überhaupt erscheinen würde, dass war eher unwahrscheinlich. Aber für alle würde sie kleine Abschiedsgeschenke vorbereiten, allen eine kleine Erinnerung von ihr hinterlassen und sie so in guter Erinnerung behalten. So war Sarin. - Manche würden sagen, naiv und gutgläubig, aber sie selbst würde sagen, sie schaute lieber über den Abgrund hinweg, als hinein. Außerdem galt es nun, ihr altes Leben hinter ihr zu lassen und sich auf das neue vorzubereiten. Da musste man auch mit „Altlasten“ abschließen.
Und dann gab es ja noch diesen Vertrag!
Einen Ehevertrag in dem sie gegen Frieden eingetauscht wurde. Die Details heraus zu finden, das lag ihr auch noch sehr sehr sehr am Herzen! Schließlich war sie die Braut und sollte wissen, welche Bedingungen es zu erfüllen gab und welche nicht. Da sie Geschäftsfrau war und auch schon ein paar Verträge geschlossen hatte, so wusste sie, wie wichtig Details sein konnten.
Wie zum Beispiel jenes, dass sich um ihr erstgeborenes Kind drehte.
Ein kleiner Funken glomm bei dem Gedanken immer wieder störend in ihrem Kopf auf, als hätte sie was übersehen, bekam es aber nicht zu greifen. Um so mehr begann ein anderer Funken in ihr zu glimmen, der hoffte vielleicht doch noch ein klein bisschen Einfluss auf ihr Schicksal, oder vielleicht noch auf den Vertrag nehmen zu können. Doch dafür brauchte sie Informationen und Zugang. Beides bekam sie nur in der Residenz der Herrin Méntara. Also musste sie sich ein bisschen ran halten und so gern sie sich hier bei ihrer Freundin auch verkrochen hätte... vielleicht sogar erfolgreich... so sehr wusste sie, dass sie handeln musste.
Also berieten sie sich noch ein Weilchen, Sarin lauschte noch dem ein oder anderen Rat und nahm ihn sich sehr zu Herzen und verabschiedete sich dann. Es gab viel zu tun und sie war schon immer ein fleißiges „Spinnchen“ gewesen. Es galt ihren Schicksalsfaden neu zu weben!
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Re: Die Spinnenhöhle

Beitrag von Erzähler » Samstag 30. Mai 2020, 12:46

Jeder vermochte, etwas zu verändern, sogar oder vor allem das eigene Schicksal. Manchmal genügte nur das Zupfen an einem einzelnen Faden, um ein gesamtes Netz in Wallung zu bringen und jene, die glaubten, sich wie eine fette Spinne einnisten und von den erbeuteten Insekten zehren zu können, gerieten ins Straucheln. Sie mussten die Balance finden, eine andere Perspektive einnehmen oder sogar flüchten. Ja, manchmal genügte das winzige Zupfen. Bei Sarin war es von Erfolg gekrönt. Die Alte hatte nur wenige Worte gebraucht, um den Tränenfluss nicht nur zum versiegen zu bringen, sondern die Quelle vorerst auszutrocknen. Hoffnung war dort eingepflanzt worden, zunächst winzig wie ein Samenkorn. Sie keimte allerdings und schon bald würde alles sprießen und gedeihen. Die alte Freundin wusste es. Ihr mildes Lächeln zeigte wissende Zuversicht, denn schon jetzt sah sie, wie der kleine Samen in Sarins Herz aufbrach und einen ersten Einblick auf die Pflanze Hoffnung zeigte, die ihm entwachsen sollte.
Sarin sortierte ihre Möglichkeiten, die notwendigen Pflichten für diese Woche und schmiedete Pläne. Sie würde vor ihrer endgültigen Abreise nichts unorganisiert zurücklassen, denn vielleicht - ja, auch hier sollte Hoffnung erwachsen - vielleicht gab es ein Wiedersehen!
"Als Schneiderin kennst du die Seide, mit der die Kleidung der Nachtelfen gewebt wird, welche an die Oberfläche gehen. Ich weiß nicht, ob du in all den Jahren selbst einmal solche Kleidungsstücke herstellen durftest, aber dein Lehrmeister Londro weiß es zu handhaben. Du solltest Kleidung bei ihm in Auftrag geben. Vielleicht hat er auch einige weitere Informationen für dich." Das war der Rat, den die Alte Sarin zusammen mit einer innigen Umarmung noch mit auf den Weg gab. Vorerst, denn sie hatte versprochen, ihr noch ein richtiges Abschiedsgeschenk zu machen. Bis dahin musste Sarin weitere Vorkehrungen treffen. Londro war eine erste gute Anlaufstelle!
Also verließ die Nachtelfe das Heim ihrer Freundin und deren achtbeiniger Gefährten wieder, um sich zurück in die Straßen des Nachtelfenreichs zu machen. Inzwischen war etwas Zeit vergangen, die Wege belebter und man roch den schmackhaften Duft diverser Speisen, die zum Verkauf angeboten wurden. Sarin mischte sich spielend unter das Volk und fiel lediglich jenen auf, die ein Auge für den feinen Zwirn ihrer Kleidung besaßen. So talentierte Handwerkskunst fand man unter den einfachen Nachtelfen kaum und wenn, dann nur bei einem: Meister Londros kleine Schneiderei fand sich in einer verwinkelten Gasse, die heute mit reichlich Kisten vollgestellt worden war. Ein Gehilfe Londros begrüßte Sarin freundlich, hielt sie gleichzeitig aber davon ab, die Schneiderstube zu betreten.
Rasch klärte er sie darüber auf, dass Londro von den exotischen Gästen, den Dunkelelfen, eine Lieferung morgerianischer Mode erhalten habe, sowie reichlich Stoffe von der Oberfläche. Jauchzend vor Glück habe der gute Meister einen zu waghalsigen Sprung von der Treppe genommen und sei nun mit einem verstauchten Knöchel zu einer Heilkundigen gebracht worden. Wenn Sarin ihn sprechen wolle, müsste sie es wohl einige Stunden später tun. Aber die Schneiderin könne dem Gehilfen etwas ausrichten und so würde Londro bestimmt längst von den Ereignissen wissen, wenn er seine ehemalige Schülerin würde in Empfang nehmen können.
Hier kam Sarin also vorerst nicht weiter. Das hieß jedoch nicht, dass alles zum Stillstand kam. Sie hatte genug zu tun und an zweiter Stelle huschten sofort jene in ihre Gedanken, von denen sie sich ebenfalls würde verabschieden müssen: Ihre Verwandten. So machte sie sich auf zum Anwesen der Familie Kasani, um Onkel Jafar, dessen Gattin Neefri, Lutmaan oder wenigstens Lucil anzutreffen.

Weiter bei Das Kasani-Anwesen
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