Meister Londros Schneiderei

Hier wohnen die Nachtelfen in ihren dunklen Häusern. Kein Lichtstrahl ist je zu sehen, tief unter der Erde, nur der Schein der Fackeln erhellt die dunklen Gassen.
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Meister Londros Schneiderei

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 9. Juli 2020, 23:23

Sarin kommt von Das Kasani-Anwesen

Inzwischen war es doch schon recht spät geworden, als Sarin erneut die Schneiderstube ihres alten Meister aufsuchte. Leuchtpilze erhellten die Straßen der Nachtelfen. Sie waren keine Modeerscheinung, sondern gern gesehen als abendliches Leuchtmittel. Zumindest, wenn man es nicht allzu hell benötigte. Sie rußten wenigstens nicht so sehr wie eine Laterne und als Straßenlichter fanden sie regen Einsatz. Man pflanzte sie in Blumenkübel und hegte sie. Unter so manchem Pilz konnte man sich sogar unterstellen. Nicht dass man im Reich der Nachtelfen Regen befürchten musste, aber die schimmernden Lamellen über dem Kopf luden zum Träumen ein, während man in einer der vielen Straßen wartete.
Sarin musste nicht lange warten. Die Schneiderstube hatte zwar bereits ein Geschlossen-Schild an die Tür gehängt, aber sie klopfte ja auch nicht direkt am Laden. Meister Londro bewohnte die kleine Stube eine Etage höher. Hoffentlich war es nichts Ernstes mit seinem Knöchel und er hatte die Stufen zu seinem eigenen Heim sicher zurücklegen können.
Als Sarin dort ankam, brannte Licht. Es war also jemand zu Hause und tatsächlich öffnete ihr nach erstem Klopfen jener Schneidergehilfe, der ihr die Nachricht vom Unfall ihres Meisters Stunden zuvor mitgeteilt hatte.
"Wer ist es denn noch so spät, lieber Muhnin?"
Muhnin, das war eben jener schlaksige Gehilfe mit dem etwas schläfrigen Blick und den quirligen Locken, sah über die Schulter zurück in die Stube. "Oh, es ist Eure Schülerin. Die junge Dame Kasani, Meister. Ich habe Euch gesagt, dass sie noch einmal vorbeischauen wollte."
"Oh ja. Ja! Lass sie herein und sei so gut, uns einen Tee zuzubereiten."
"Natürlich, Meister!"

Muhnin zog die Haustür auf und wies Sarin einladend in die Stube. Drinnen war es lauschig warm. Der Meister hatte einen kleinen Ofen angeheizt, welcher wie ein Ecktisch zwischen einem hohen Ohrensessel und dem schon in die Jahre gekommenen Sofa stand, auf welchem der Schneider saß. Sein linkes Bein lugt unter einer Decke mit hochwertigem Webmuster hervor. Der Fuß ruhte auf einem gepolsterten Hocker und lag in einem Verband. Es roch stark nach Arnika. Meister Londro klemmte ein Lesezeichen zwischen zwei Buchseiten und klappte den Schmöker anschließend zu. Er legte ihn beiseite, um seine halbmondförmige Brille zu richten. Dann lächelte er Sarin entschuldigend zu.
"Bitte, halte mir keinen Vortrag. Es war ein unglückliches Missgeschick über glückliche Umstände. Aber ich hörte, dich hat es besser getroffen. Du wirst dich von deinem Fluch lösen? Ich freue mich für dich, Sarin."
"Minze oder Apfeltee, Meister?"
"Für einen Anlass wie heute Apfeltee. Mit Zimt, bitte!"
Noch einmal lächelte der Meister Sarin zu. Er bot ihr den Ohrensessel zum Sitzen an. Zwei bestickte Kissen lagen darauf. Sie zeigten Manthala und eine schwarze Rose. Sarin kannte diese Kissen noch aus zeiten ihrer Ausbildung. Und sie wusste, dass Meister Londro selten zum Apfeltee griff. Er war hier unten schwer zu bekommen. "Lass mich raten. Du möchtest die bevorstehende Hochzeit nicht gefährden und willst mich um etwas Stoff bitten, bevor du abreisen musst. Mach dir keine Gedanken. Vom Tag an, als ich dich ausgebildete Schneiderin nennen durfte, habe ich einige Bahnen ganz kostbarer Stoffe zurückgelegt. Nun, eigentlich waren sie für die ersten Söuglingskleider und die Kinderwiege ... ähem, tja nun ... ich gebe sie dir natürlich mit Freuden mit, werte Sarin."
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Re: Meister Londros Schneiderei

Beitrag von Sarin Kasani » Freitag 10. Juli 2020, 15:38

Sarins Verabschiedung aus dem Haus aus dem sie aufgewachsen war, verlief eisig bis frostig und dann aber auch verwirrend herzlich und freundlich, von einer Seite, von der sie es nicht erwartet hatte. Alles war gepackt. Eine Tasche nahm sie gleich selbst mit, wo das ihr teuerste verborgen unter einem Satz frischer Wäsche war und sie hinterließ Anweisungen, das der Rest zum Palast gebracht werden sollte. Viel war es nicht. Wäre Lucil in ihren Schuhen getanzt, sie hätte vermutlich einen ganzen Hausstand gefordert. Sarin hingegen hatte nicht mal nach einer Mitgift gefragt. Als sie das Haus verlassen hatte, stand sie einen Moment lang mit dem Rücken zu den Mauern, die den Nachhall von Liebe längst verloren hatten und atmete tief durch. Sie war froh, dass ihr Onkel nicht auf eine Abschiedszeremonie bestanden hatte und schloss hinter sich dieses Kapitel ab. Nun galt es den Blick nach vorne zu richten!
„Der Bauer rückt vor.“
sprach sie leise zu sich und setzte einen Fuß vor den anderen.



"Wer ist es denn noch so spät, lieber Muhnin?"
Muhnin, das war eben jener schlaksige Gehilfe mit dem etwas schläfrigen Blick und den quirligen Locken, sah über die Schulter zurück in die Stube.
"Oh, es ist Eure Schülerin. Die junge Dame Kasani, Meister. Ich habe Euch gesagt, dass sie noch einmal vorbeischauen wollte."
"Oh ja. Ja! Lass sie herein und sei so gut, uns einen Tee zuzubereiten."
"Natürlich, Meister!"

Sarin grinste in sich hinein, aber äußerlich ließ sie sich nichts anmerken. Sie war schon sehr sehr lange keine Schülerin mehr, aber sie würde ihren alten Meister niemals deswegen korrigieren, also tat sie es auch bei seinem neuen Lehrling nicht. Dafür war ihre eigene Welt gerade viel zu stürmisch, als dass sie dieses Lüftchen hätte monieren müssen. So war sie nicht. Muhnin zog die Haustür auf und wies Sarin einladend in die Stube. Sie trat ein und erinnerte sich.

** „Du bist also die kleine Sarin Kasani, na dann komm rein und mach dich nützlich!“
Der groß gewachsene Mann, der Meister Londro war hatte sie angelächelt und ihr damals von Trauer zerfressenes Herz gesehen. Er hatte sie nicht mit nervigen Fragen oder Beileidsbekundungen bestürmt, sondern ihr eine Aufgabe gegeben. Er hatte ihr damit mehr Leid genommen, als es je ein Wort vermocht hätte.**


Drinnen war es lauschig warm. Der Meister hatte einen kleinen Ofen angeheizt, welcher wie ein Ecktisch zwischen einem hohen Ohrensessel und dem schon in die Jahre gekommenen Sofa stand, auf welchem der Schneider saß. Ihr Blick wanderte besorgt zu seinem Bein, dass unter einer Decke mit hochwertigem Webmuster hervor lugte. Der Fuß ruhte auf einem gepolsterten Hocker und lag in einem Verband. Es roch stark nach Arnika. Meister Londro klemmte ein Lesezeichen zwischen zwei Buchseiten und klappte den Schmöker anschließend zu. Er legte ihn beiseite, um seine halbmondförmige Brille zu richten. Sie trat zu ihm, nahm die seine, streichelte sie kurz, drückte sie und setzte sich in den freien Sessel. Mit tadelndem Missfallen und Sorge sah sie auf seinen Fuß und legte den Kopf fragend schief. Londro lächelte Sarin entschuldigend zu.
"Bitte, halte mir keinen Vortrag. Es war ein unglückliches Missgeschick über glückliche Umstände. Aber ich hörte, dich hat es besser getroffen. Du wirst dich von deinem Fluch lösen? Ich freue mich für dich, Sarin."
Lösen...von meinem Fluch...
So richtig hatte sie noch garnicht über diese Wendung in der Geschichte nachgedacht. Sie müsste sich dafür nur ...verlieben...
"Minze oder Apfeltee, Meister?"
, wurden sie kurz Muhnin unterbrochen und Sarin war dankbar dafür, den schon wieder drohte ein Klos sich in ihrem Hals zu bilden.
...den Fluch brechen... das verfluchte Hochzeitskleid... Ich werde heiraten.
"Für einen Anlass wie heute Apfeltee. Mit Zimt, bitte!"
Noch einmal lächelte der Meister Sarin zu. Sie wusste, dass Meister Londro selten zum Apfeltee griff. Er war hier unten schwer zu bekommen.
"Lass mich raten. Du möchtest die bevorstehende Hochzeit nicht gefährden und willst mich um etwas Stoff bitten, bevor du abreisen musst. ...“
Irgendwo donnerte es, ein Blitzgewitter schlug in Sarin ein und stellte ihre Haare auf. Nein, tat es nicht, aber sie fühlte sich so unendlich ….dumm!
Natürlich! Ein neues Kleid muss her!
„Mach dir keine Gedanken. Vom Tag an, als ich dich ausgebildete Schneiderin nennen durfte, habe ich einige Bahnen ganz kostbarer Stoffe zurückgelegt. Nun, eigentlich waren sie für die ersten Säuglingskleider und die Kinderwiege ... ähm, tja nun ... ich gebe sie dir natürlich mit Freuden mit, werte Sarin."
Und da war er wieder, der Moment, da Tränen sich vor lauter Rührung in ihren Augen sammelten und über zu laufen drohten. Hoffentlich schickte der Lehrling sich an, den Raum zu verlassen. Sarin wollte nicht vor ihm weinen. Sie presste die Lippen aufeinander und sah ihren alten Meister, der durch seine Verletzung noch viel älter wirkte mit großen runden Augen an. Mit leicht gepresster Stimme sagte sie:
„Ihr seid wie immer bestens informiert, Meister Londro. Die Gerüchte fließen schneller als der tiefe Wasserlauf im Frühling wenn in den Bergen die Gletscher schmelzen.“
Sie lächelte ihn an. Gemeinsam warteten sie bis der Lehrling fort war, beugte sich zu ihm hinüber und ergriff noch einmal seine Hand.
„Ich wollte mich für all die Jahre eurer Führung und Freundlichkeit bedanken. Ich kann nur hoffen, dass die Welt unter der Sonne genauso helle Seelen hat wie wir hier, die im Schatten leben. Ihr seid mir immer ein guter Freund und Mentor gewesen!“
Da lief die erste Träne und Sarin zog eilig ein Taschentuch hervor um ihre Wangen zu trocknen.
„Und dass ihr an mich gedacht habt, Stoffe für mich zurück gehalten habt, das ehrt mich sehr! Nein, noch mehr... es rührt mein Herz und macht es leicht.“
Sie schniefte einmal ganz leise.
„Darf ich sie sehen?“
Sie blinzelte noch ein paar Mal und wartete darauf, dass der Tee gebracht und Muhnin von seinem Herrn angewiesen wurde die Stoffe zu bringen. Neugierig und fachkundig betrachtete sie sein Geschenk und ihr Herz quoll schon der Geste wegen über. Immer wieder sah sie ihn dankbar an und ließ ihre Finger über das feine Geweben wandern.
„Ich danke euch! ...für alles!“
Ihn hier zurück zu lassen, war fast genauso schlimm, wie der Gedanke ihre 'alte Freundin' zurück lassen zu müssen. Aber Meister Londro war ein selbständiger Mann mit Kontakten und mehr Macht, als man ihm ansah. Aber vor allem andern war er ein Freund. Er war ihr mehr 'Vater' gewesen in schweren Zeiten als Jafar es je hätte sein können.
„Danke!“
Im Überschwall ihrer Gefühle hatte Sarin tatsächlich gerade den sprichwörtlichen Faden verloren. Viel stand noch auf ihrer Liste was zu tun war, aber jetzt gerade wusste sie nichts mehr. Jetzt gerade war sie wieder Schülerin und brauchte den Schubs ihres Meisters, damit sie in die richtige Richtung lief.
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Re: Meister Londros Schneiderei

Beitrag von Erzähler » Montag 13. Juli 2020, 06:38

Wo der Abschied von der eigenen Familie eher kühl, wenn nicht sogar bitter ausgefallen war, so war Londros Begrüßung in seinem Heim quasi das genaue Gegenstück dazu. Er empfing Sarin nicht nur herzlich, sondern auch sowohl mit freundlichen Worten als auch einer Tasse von seinem guten Tee. Muhnin befand sich noch in der Küche und bekam so glücklicherweise wenig von Sarins Tränenausbruch mit. Vielleicht hatte er sie auch Schluchzen gehört oder den ersten feuchten Schimmer in ihren Augen gesehen, so dass er sich noch ein Weilchen länger zurückzog. In jedem Fall waren sie und ihr alter Lehrmeister Londro für einige Zeit ungestört.
Sarin konnte sich öffnen. Und auch Londro sprach ganz offen mit ihr. Die Beziehung zueinander war über die Jahre so eng geflochten, dass sie Geheimniskrämereien nicht nötig hatten.
"Keine Angst, ich habe dir keine Spione auf den Hals gehetzt", kicherte er und winkte ab. Dann genoss er einen ersten Schlürfer von seinem Tee. Der Duft von Apfel und Zimt erfüllte sehr schnell seine Stube. "Tatächlich wurden die Informationen von ganz oben an mich herangetragen. Unsere Stadtherrin ist gut informiert, das ist Fakt. Sie wusste sogleich, bei wem du in die Lehre gegangen bist und wer nun deine Kundschaft wird auffangen müssen." Ein erneutes Lächeln. "Ich werde das schon schaukeln. Außerdem ist mir Muhnin ein sehr strebsamer Gehilfe - haha, trotz seines schläfrigen Blickes."
Meister Londro lauschte mit gespitzten Ohren, aber eine Beschwerde aus der Küche blieb aus. Der Lehrling lauschte also nicht einmal. Londro nickte. "Wirklich ein guter Bursche." Dann räusperte er sich. Sarin war nicht gekommen, um sich über Muhnin zu unterhalten. Sie hatte andere Sorgen und einige davon wollte Londro nun zerstreuen. Außerdem klärte er sie über das Geschehen im Hintergrund auf, soweit er selbst informiert war. "Wie du weißt, schicke ich regelmäßig ausgebildete Nachtelfen an die Oberfläche. Dort wachsen Pflanzen, an die wir hier unten nicht herankommen. Aber Baumwolle ist wirklich ein wunderbarer Ersatz zu unserer Spinnenseide. Meine Späher und Sammler erzählen hin und wieder von der Oberfläche. Viele sind nach wie vor fasziniert von ... Bäumen und Manthalas Mond. Wenn du möchtest und genug Zeit findest, lasse ich dich mit einem von ihnen sprechen. Das heißt, falls du Fragen zur Oberfläche hast, die ich dir nun nicht beantworten kann. Darüber hinaus solltest du vor allem Schutzkleidung vor der Sonne herstellen. Ihre Strahlen sind zu gefährlich für deine Haut. Schneidere dir am besten einen Satz Kleidung für eine ganze Woche. Man weiß nie."
Erneut nahm er einen Schluck von seinem Tee, der inzwischen etwas Zeit hatte, abzukühlen. Londro war wirklich fürsorglich. Er wünschte Sarin schon immer nur das Beste und auch jetzt zählte er zu ihren wenigen Freunden, die sie vor ihrer Abreise nach besten Möglichkeiten zu unterstützten versuchten. Von ihrem Onkel, ihrer Tante und nicht einmal von Lucil konnte sie das wohl noch erwarten. Aber Londro und ihre namenlose Freundin aus der Spinnenhöhle halfen ihr bereits jetzt.
Vor allem aber wies ihr Lehrmeister ihr den Weg. Ganz so, als wüsste er, woran sie nicht gedacht hatte und was es noch zu berücksichtigen gab. Stoff für ein Hochzeitskleid. Sarin würde sich auch hier nicht allzu viel Zeit nehmen können, aber eine Woche hatte sie, um es zu nähen. Auf der Rückreise nach Morgeria würde sie nicht dazu kommen und wenn ihre Erinnerung sie nicht trügte, so hatte irgendjemand - Dhansairs Vater? - doch von einem Manthala-Tempel gesprochen, der auf dem Weg läge. Ein Tempel an der Oberfläche. Das hätte ihrer Mutter gefallen. Ebenso wie sie glücklich gewesen wäre, Sarin in einem Brautkleid zu sehen. Fehlte nur noch die Brechung ihres Fluchs, aber ob ein Dunkelelf genügte, den sie nicht einmal gut genug kannte, um auch nur ansatzweise von Zuneigung sprechen zu können? Er musste genügen! Er und ein neues Kleid. Sarin wollte den Stoff sehen.
Endlich durfte Muhnin wieder aus seinem Küchenversteck zu beiden in die Wohnstube treten. Meister Londro hatte ihn sogleich gerufen und bat ihn nun, die Stoffe aus seiner großen Truhe vor dem Bett zu bringen. Es dauerte eine Weile, denn Muhnin musste in die Kammer unter dem Dach klettern. Dort würde Londro heute nicht nächtigen. Die Leiter kam er mit seinem Knöchel unmöglich hinauf. Aber es war auch nicht sehr leicht, die Sprossen wieder herab zu steigen, wenn man etliche, dicke Bahnen Stoff unter einem Arm trug. Muhnin breitete die Ballen vor Sarin auf dem Kaffeetisch aus.
Meister Londro hatte nicht zu viel versprochen. Hier zeigte sich sein Gespür für Kostbarkeiten, aber auch seine geheime Sammelleidenschaft. Er präsentierte Sarin nicht nur eine Art Stoff. Nein, es fand sich nur das Feinste vom Feinen. Bauschiger Tüll, in den bereits jemand ein feines Sternenmuster hineingewebt hatte. Aber es gab auch Spitze mit Rosenoptik, schwarzen Samt und einen Stoff, mit dem Sarin bisher selten zu tun hatte, weil er im Reich der Nachtelfen wahrlich kostbar war. An der Oberfläce nannten sie ihn Satin und er glitt unter ihren Fingern hindurch wie schimmerndes Quecksilber.
"Nimm dir, was du gebrauchen kannst. Muhnin soll dir zudem Garn aus meiner Schneiderstube zur Verfügung stellen, falls du auch dort einen Speziellen brauchst. Vor zwei Tagen habe ich feinen Silbergarn geliefert bekommen. Der würde sich auf dem schwarzen Samt wirklich gut machen, aber ich glaube, weiße Hochzeitskleider sind aktuell in Mode, nicht wahr?" Er lächelte. Als wüsste jemand wie Londro das nicht! Er schneiderte sie, genauso wie Sarin es tat.
"Um eine Sache bitte ich dich jedoch - als in die Jahre gekommener Lehrmeister, aber vielmehr als Freund, den du hinter dir lassen musst für einen neuen Lebensabschnitt. Ähem ... Muhnin, wärst du so gut. Ja, dort vorn, die Schachtel mit ... ohja, du bist ein schlauer Junge."
Muhnin war schneller von Begriff als es seine träge Erscheinung vermuten ließ. Er war bereits vor Londros Bitte aufgesprungen und hatte nach einer Schachtel in einem der Bücherregale gegriffen. Schlicht und ohne Zierde war sie, abgesehen von einem geschwungenen "L" auf dem Deckel. Muhnin reichte sie seinem Meister und dieser öffnete sie wiederum mit spitzen Fingern. Er wühlte nur kurz im Innern, dass es metallisch und hölzern raschelte. Dann zückte er einen einzelnen Knopf aus Silber und einen weiteren aus Gold. Sie waren rund mit einem zielichen Rand. So gesehen schlicht in ihrer Aufmachung, aber auf ihrer Rückseite fand sich Meister Londros Symbol der Schneiderstube: Sein geschwungenes "L", das aus einem Faden geformt worden war, dessen eines Ende durch eine schmale Nadel führte, welche sich wiederum einem Geliebten gleich an den Buchstaben schmiegte.
"Je nachdem, ob Silber oder Gold zu deinem Kleid passen wird, möchte ich dich bitten, einen der Knöpfe darin zu verarbeiten. So bin ich wenigstens in Gedanken dabei, wenn du deinen Eheschwur vor Manthala abgibst. Das wäre mir in der Tat sehr wichtig."
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Re: Meister Londros Schneiderei

Beitrag von Sarin Kasani » Dienstag 21. Juli 2020, 09:25

Sarins Hände streichelten noch den glatten Satin-Stoff, den der Lehrling gebracht hatte, als Meister Londro das Kästchen öffnete und sie zu ihm sah:
"Je nachdem, ob Silber oder Gold zu deinem Kleid passen wird, möchte ich dich bitten, einen der Knöpfe darin zu verarbeiten. So bin ich wenigstens in Gedanken dabei, wenn du deinen Eheschwur vor Manthala abgibst. Das wäre mir in der Tat sehr wichtig."
Und schon wieder drohte der Klos in ihrem Hals ihre Worte zu ersticken. Blinzelnd schluckte sie ein paar Mal und drängte die Tränen der Rührung zurück. Schon als sie den Stoff erblickt hatte, hatte ihr „kreatives Köpfchen“, wie es der alte Mann früher zu sagen pflegte, begonnen ein neues Hochzeitskleid in ihren Gedanken zu entwerfen. So dann nahm sie mit einem stillen Nicken den silbernen Knopf aus dem Kästchen, betrachtete ihn einen Moment und drückte ihn dann an ihr Herz. Die Worte waren so schlicht und einfach und reichten einfach nicht aus, für das was sie empfand:
„Ich bin so glücklich, einen Freund wie euch in diesen Tagen zu haben! Habt Dank! Und ich werde natürlich dieses Kleinod in Ehren halten, euch bei mir wissend, wenn es soweit ist. Ich danke euch!“
So sprudelte es aus ihr heraus und hätte sie noch ein Wort mehr gesagt, sie hätte wieder angefangen zu weinen. So aber presste sie die Lippen aufeinander, wickelte den Knopf in ein seidenes Tüchlein und verbarg ihn gut versteckt zwischen ihren teuersten Habseligkeiten, tief in ihren Taschen.
Dann strichen wieder ihre Finger über die eleganten Stoffe und sie malte ihn ihren Gedanken einen Hauch von Tüll, schlicht geschnitten, lang, gerade, auf dem sich in der Grundstruktur ein feines Netz abzeichnete, das jene freieren Stellen wie eine Kettenrüstung oder die Schuppen eines Drachen erscheinen ließ. Auf der Brust wollte sie ein stilisiertes Schild mit geraden Kanten, mittig ein Geflecht aus Rosen, ein stilles Bitten an Manthala, dass sie sie segnen und beschützen möge. An den Armen, Rücken und dem langen Rock malte sie, an Stellen die es zu verbergen galt, dichter gewebte silberne Ranken, umrandet von feinen Mustern und versteckten Runen wenn sie dafür Zeit finden würde...
Zeit …
((Inspiration unter: Was hört ihr grade))
Etwas das in diesen Tagen plötzlich rar und kostbar geworden war.
Es war kein leichtes Kleid, dass da in ihrem Kopf entstand. Es war schwer von Stickereien, eines Rüst-Kleides nicht unähnlich. Dichte Bereiche wechselten mit luftigen Ketten. Und oben im Nacken wollte sie den Knopf ihres alten Meisters als Verschluss anbringen, dort wo dann feine Widerhaken im Rücken alles zusammen halten würden.
Aus dem Schaffenstraum erwacht blinzelte sie ein paar Mal und sah zu ihrem Meister.
„Ihr habt wohl Recht, dass ich mich sputen muss. Kleidungsstücke für eine Woche zum Wechseln sollten vorerst reichen und das Silbergarn nehme ich gern. Ich muss noch so viel mehr tun, als nur ein Brautkleid zu schneidern, das dem Fürsten gerecht wird.“
In Gedanken huschte sie zu jenen Tagen ihrer Lehre bei Meister Londro zurück und erinnerte sich an die von ihm angesprochenen Aufträge, die ihre Kunden hinauf in die Oberwelt begleitet hatten. Sie entsann sich einiger Dinge die wichtig waren, die es zu beachten galt, so dass auch auffrischender Wind keine Schleier davon trugen konnten, Sicherungsnähte, verdichtete Stellen, damit die Sonne die empfindliche Haut der Nachtelfen nicht quälen konnte. Auch die Farbe war eine wichtige Komponente. Schwarz absorbierte viel Licht und man konnte durch einen schwarzen Schleier besser sehen, als durch einen andersfarbigen. Stirn und Nase würde sie mit dichteren Stickereien besetzen können, bis nur noch die Augen ohne Zierde blieben... Aber viel Zeit blieb nicht um all diese Gedankenspielereien auch in die Tat umzusetzen. Eine Woche und es gab noch so viel zu tun. So viel, dass es sie von dem Schmerz ablenkte, den sie sonst bei den Wirren um sie herum eigentlich sonst wieder empfunden hätte. Sie hatte gar keine Zeit mit ihrem Schicksal zu hadern!
„Wenn ihr ein kurzes Treffen mit einem eurer Lieferanten von „oben“ arrangieren könntet, wäre das mir eine große Hilfe. Auch ein paar einfache Zeilen würden mir genügen. Ein paar führende Worte, oder Rat für Dinge, die mir selbst nicht in den Sinn kommen würden, dafür wäre ich sehr dankbar. Manche Dinge versteht man sicher erst wenn man sie gesehen hat, denke ich. Ich will gut vorbereitet sein.“
Sie trank den duftenden Tee aus und erhob sich langsam.
„Und nun sollte ich euch alleine lassen. Ihr braucht den Schlaf um zu gesunden. Seid nett zu eurem neuen Lehrling... und wenn ich es einrichten kann, dann werde ich noch einmal vorbei schauen. ...Wenn nicht, ...dann seid gewiss, dass ihr für immer einen Platz in meinem Herzen haben werdet!“
Sarin schluckte schwer und trocken. Das hier war der gefürchtete Moment eines nahen Abschiedes, der Augenblick, den man nicht los lassen wollte, selbst wenn man musste. Sie ging an den Sessel ihres alten Lehrmeisters heran, hockte sich zu ihm nieder und umarmte ihn, wie sie es manchmal als junge Frau getan hatte. Als sie von dort unten zu ihm aufsah lag tiefe Verbundenheit in ihrem Blick, der mehr sagte, als jede gesprochene Silbe.
Dann wandte sie sich zum gehen, da sie sonst nicht mehr die Kraft gefunden hätte. Ihn zu verlassen, wahr wirklich schwer! An der Tür sah sie sich um und sprach noch einmal leise:
„Habt Dank, Meister!“
Dann trugen sie ihre Füße hinaus.

Irgendwann würde sie wieder im Palast, in ihrer Schneiderstube sitzen. Vielleicht noch einen Abstecher in die Küche, so wie früher um mit dem Personal zu schwatzen? Nein, das war vielleicht jetzt nicht mehr so eine gute Idee. Auch das „einfache“ Leben unter diesen oft viel wahrhaftigeren Wesen, würde sie als Fürstin von Blutdorn vermissen. Sie würden selbstverständlich in der Küche schon Bescheid wissen und mit ihren Fragen über sie her fallen. Sarin musste nun Acht geben, mit wem sie sich traf.
Am besten war es wohl einfach schlafen zu gehen. Eine Nacht der Ruhe wünschte sie sich, vor dem bereits aufgezogenen Sturm der Geschehnisse. Plötzlich fühlte sie sich unendlich müde und wollte nur noch die Last des Tages hinter sich lassen, raus aus ihren Kleidern und sich unter ihrer Decke verkriechen.
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Re: Meister Londros Schneiderei

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 22. Juli 2020, 11:01

Meister Londro hatte Sarins Talent früh erkannt. Kreatives Köpfchen nannte er es und ließ ihr schon damals freie Hand, sich beim Schneidern zu entfalten. Beide waren dadurch nicht enttäuscht worden. Zwar sahen Sarins erste Versuche, Kleider und Tuniken zu nähen etwas chaotisch und unüberlegt aus, aber das Potenzial war erkennbar gewesen. Ihr Meister schränkte sie auf dieser Ebene nicht ein. Sie sollte sich ihre Experimentierfreudigkeit und die Neugier, gerade mit neuen Stoffen neue Dinge zu versuchen bewahren. Stattdessen hatte Londro sie stets geleitet, sie ein wenig gebremst in ihrem Eifer, möglichst alles an nur einem Objekt auszuprobieren. Frag dich, was du erreichen willst, hatte er sie immer erinnert und ihr nahegelegt, all ihre Ideen auf mehrere Projekte zu verteilen. So hatte Sarin unter seiner Führung gelernt, nach einem Schema zu arbeiten. Sie begann von neuem, hielt sich zurück, damit nicht zu viel an nur einem Kleidungsstück verarbeitet wurde. Auf diese Weise sorgte Meister Londro in Sarins Kreativität für etwas Struktur und sie erkannte schnell, wie viel Eleganz und Schönheit auch aus dem Schlichten hervorzuheben war. Es hatte sie in ihrem Werdegang mehr als bereichert, schließlich war Dank dieser Lehrmethode erst ihr Hochzeitskleid entstanden.
Das verfluchte Kleid. Gewiss lag es nicht am Material oder Sarin Arbeitsweise, dass die Gewandung für den eigentlich schönsten Tag ihres Lebens ein derartiges Stigma erhalten hatte; wie sie selbst. Es waren all die Umstände gewesen, die vielen losen Fäden, von denen sich nur einer in eine ungünstige Richtung neigen musste, damit das gesamte Geflecht verworren wurde. Dieses Mal sollte es anders sein. Dieses Mal waren die Umstände unglücklich gewählt, immerhin kannte Sarin den dunkelelfischen Prinzen nicht. Liebe war keine Grundlage für ihre Verbindung, sondern Zwang. Aber vielleicht würde sie ja lernen, ihn zu lieben oder wenigstens könnten sie einander soweit akzeptieren, dass sie auf einer liebevollen Basis miteinander umgehen würden. Das allein könnte genügen und sie durfte ihre übrigen Möglichkeiten nicht vergessen. Sarin würde nach Morgeria gehen. Sie würde wie nur so wenige Nachtelfen die Oberfläche zu sehen bekommen. All die Geschichten von Spaziergängen durch schattige Wälder, während man zum ersten Mal die gefährliche Sonne am Himmel sah. Himmel. Wie er wohl ausschaute? Sarin kannte doch nur die ausufernden Deckengewölbe der Nachtelfenhöhlen. Ob der Himmel eine ähnliche Struktur besaß? Sie erinnerte sich an Geschichten, in denen er blau beschrieben wurde, manchmal aber auch durchzogen von weißem ... wie hatte es ein Jäger Meister Londros einmal genannt, als sie in hinteren Bereich des Ladens gelauscht hatte? Wie dieser fluffig weiße Stoff, in dem die Nachtelfenfrauen so gern tanzten! Das konnte nur Tüll sein. Am Himmel hing also Tüll ... ein traumhafter Anblick musste das für eine Schneiderin sein! Doch Sarin konnte sich nicht auf den Wahrheitsgehalt dieser Märchen verlassen. Jeder übertrieb in seinen Erzählungen gern. Außerdem hatte sie auch heimkehrende Gruppierungen gesehen, zerschunden und mit Brandblasen, die davon berichteten, dass der Himmel tagsüber am schönsten war, wenn er sich in bleiernes Grau hüllte und die Sonne verdeckte.
Selbst von diesen Legenden mochte Sarin bisweilen nur gehört, die Erfahrung aber nie selbst gemacht haben. Überhaupt waren sich viel zu viele Nachtelfen nicht bewusst, was ein Aufenthalt an der Oberfläche bei Tage bedeutete. Umso schwerer war es für sie als Schneiderin gewesen, mit dem seidigen Material zu arbeiten, das angeblich vor Sonnenstrahlen schützte. Wie konnte Sarin sich bei jedem Nadelstich und jedem verwobenen Zwirn sicher sein, dass gerade ihre gechneiderte Arbeit auch wirklich schützen würde? Sie konnte sie ja niemals selbst austesten.
Konnte! Aber nun sah alles anders aus. Sie würde ihre Schutzkleidung tragen und auch ausprobieren müssen. Vielleicht sogar regelmäßig. War die Sonne stets an diesem Himmel? Sie hatte noch immer viele Fragen, aber Meister Londro bot ihr die Möglichkeit, darauf vielleicht sogar Antworten zu erhalten. Wenn sie es schaffte, in dieser Woche noch ein Gespräch mit einem der Nachtelfenjäger zu führen, könnte sie sich zumindest theoretisch auf das Oben vorbereiten ... und vielleicht gar ein wenig praktisch, wenn sie wusste, welche Kleidung am besten für ihre Reise geeignet war.
Aber so schrecklich konnte es bestimmt nicht sein. Hatte ihre Stadtherrin bei der Offenbarung ihrer Verhandlungspläne nicht auch erwähnt, dass sie auf der Reise nach Morgeria in einem Manthala-Tempel heiraten würde? Wenn Manthala ein ganzer Tempel an der Oberfläche geweiht war, würde die Göttin schon ihren schützenden Nachtschleier über eines ihrer Kinder halten. Nein, es klang bei weitem nicht mehr so schlimm, ihr Schicksal wahrzunehmen, solange Sarin sich an Positivem festhielt.
Außerdem hatten Dhansair und erst Recht sein Leibwächer Iryan doch so nett gewirkt an dem Tanzabend! Es war nicht alles schlecht an ihrer Situation, zumal der Faktor Sarin noch nicht allzu aktiv geworden war. Sie würde ihr Leben nicht komplett in die Hand eines anderen legen. Dazu war sie zu sehr Schneiderin und wie ihre alte Freundin schon gesagt hatte: Sie müsste nur die losen Fäden ihres Schicksal finden und an den richtigen Strippen ziehen, um das gesamte Netz nach ihrem Willen tanzen zu lassen.
Eine dieser Strippen umgarnte gerade ihre kreativen Gedanken und formte ein erstes Bild von einem neuen Hochzeitskleid in ihrem Kopf. Kreativität floss durch ihren gesamten Körper. Meister Londro konnte es sehen und er schmunzelte bei dem Anblick. Sein Lehrling Muhlin hingegen bekam immer größere Augen. Der Meister nickte ihm zu. Offenbar hatte er Sarin schon mehrmals als Beispiel genommen, wenn es um eine Beschreibung ging, wie kreative Gedankenstürme sich in den Augen eines anderen und dessen gesamter Mimik widerspiegelten. Der alte Nachtelf wirkte mehr als zufrieden.
"Wenn ich dir weitere Arbeit abnehmen kann, meine liebe Schülerin, dann lass es mich durch eine Nachricht oder einen Botenjungen wissen. Ich greife dir sehr gern unter die Arme in der Zeit, die dir hier bei uns noch bleibt." Es klang nach einem Abschied für die Ewigkeit. Vielleicht war es das auch! Aber nein! Mentará Trònas hatte ihr Erstgeborenes in die Verhandlungen einfließen lassen und Fürst von Raikhyn hatte zugestimmt. Vielleicht sollte dies die Rettungsleine für Sarin sein, ihre Heimat wenigstens gelegentlich wiederzusehen. Das Kind ins Reich der Nachtelfen zu bringen und immer wieder zu besuchen. Die Stadtherrin war keine Schneiderin, aber auch sie wusste, ihre Fäden zu spinnen...
"Was ein Gespräch mit einem Lieferanten angeht, sei unbesorgt. Ich kann dir zwar noch nicht genau sagen, wann er Kontakt mit dir aufnimmt, aber innerhalb der Woche wird jemand vor deiner Tür stehen. Sei es ein Bote mit einem gut ausformulierten Brief oder gar der Lieferant selbst. Du wirst sehen, aber Sorgen brauchst du keine haben. Nicht an dieser Stelle." Londro lächelte verschmitzt. Auch er befand sich in einer gedanklichen Schaffensblase, nur dass er ausnahmsweise keine Kleidung entwarf, sondern bereits die imaginäre Liste seiner Kontakte durchging. Er suchte gedanklich schon die besten Kandidaten aus, die Sarin würden helfen können. Er war ein gute Mann! Aber leider verlor er sich ein wenig in den Grübeleien. So nickte er nur und gab ein leises Mhm von sich, als Sarin sich verabschiedete. Das zählte auch zu Meister Londros Eigenarten. Nichts, weshalb sich seine einstige Schülerin gekränkt fühlen durfte. Londro hatte sich formvollendet schon vorher bei ihr verabschiedet. Jetzt würde sie ihn verlassen können, ohne dass er noch weiter Notiz von ihr nahm. Seine Gedankenwelt war es, die nun all seine Aufmerksamkeit bekam. So war er schon immer gewesen, aber auch das war ein schätzenswerter Zug, wenn man ihn gewohnt war.
Auch sein jetziger Lehrling schien schon mit den Londroner Eigenarten vertraut zu sein. Er seufzte und zuckte gegenüber Sarin die Schultern. "Ich begleite Euch zur Tür..." Gesagt, getan. Muhlin führte Sarin noch bis an die Pforte und ließ sich anweisen, welche der kostbaren Stoffe und Zwirne in ihre Schneiderei gebracht werden sollten, damit Sarin an ihnen arbeiten könnte. Heute wäre es wohl zu spät dafür. Aber einen Entwurf auf Papier könnte sie möglicherweise noch anstreben. Doch das war nicht mehr Muhlins Problem. Der Bursche verabschiedete sich der Etikette entsprechend und Sarin verließ die Schneiderei ihres Meisters Londro mit raschen Schritten. Zeit war nun kostbarer denn je.

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