Eine Beute namens Mensch

Dieser prächtige Wald liegt im Norden Celcias. Der Fluss Tangros lässt dieses Gebiet blühen. Ein einsamer Priester ließ sich in diesem Wald nieder und erbaute ein Kloster, aber auch die Nachtelfen blieben nicht ohne Taten.
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Eine Beute namens Mensch

Beitrag von Velten » Sonntag 10. Juli 2011, 21:39

Einstiegspost

Der Tag war gerade erst angebrochen und noch recht kühl. Über dem Arus zogen sich nach und nach die Wolken zusammen, so dass nur wenig des trüben Tageslichts durch die dichten Baumkronen fiel. Das saftige Grün der meisten Nadelbäume ermattete etwas, aber das war der Lauf der Natur. Die Zeit des Wandels forderte ihren Tribut, doch fallen würden nur die Nadeln der Lärchen. Von denen gab es ohnehin nicht sehr viele im Arus. Kiefern und verschiedene Tannengattungen bevölkerten diesen Teil Celcias. Wer durch den Arus zog, nahm den harzigen Geruch der Stämme und das Aroma der Nadeln wahr, das stets eine Spur Würze besaß. An Regentagen mischte sich der frische Duft nasser Erde und der leichte Moschus von Moos darunter. Eine harmonische Komposition für die Nase. Die Ohren wurden vom Zwitschern der Vögel, dem Meckern kleiner Waldtiere und dem Rascheln des Dickichts angeregt. Man selbst erzeugte mit jedem weiteren Schritt Geräusche, wenn man den Farn zwischen den Hufen zerteilte oder auf einen Zweig trat.

Gerade knackte es unter Veltens rechtem Vorderhuf. Er war auf ein Stück trockener Rinde getreten, die sich von einem der Bäume gelöst hatte. Sein Blick glitt nur kurz zu der Baumhaut herunter, ehe er wieder den Himmel fixierte. Heute würde es nicht wärmer werden, aber noch war es auszuhalten. Die zusammengerollte Decke auf seinem Rücken brauchte er vermutlich erst in der Nacht. Nachher würde er den Speer durch den Bogen austauschen, sobald sein Magen zu knurren begann. Er hatte ohne Frühstück das Lager seiner Herde verlassen, aber auf einen vollen Magen verzichtete er gern, wenn es nur half, ein wenig schneller unterwegs zu sein. Seine auserkorene Beute hatte ohnehin einen Vorsprung. Velten fuhr sich fahrig über die Seite seines pelzigen Unterkörpers. Die Wunde war gut verheilt, das Fell wuchs bereits wieder darüber und verflocht sich zu dem gewohnten Scheckenmuster aus Kastanienbraun und weiß. Trotzdem würde die Wunde nur noch eine Erinnerung sein, ehe er seinen Sohn gefunden hatte. Menschen waren ein feiges Volk. Sobald sie sich einen neuen Feind geschaffen hatten, vernichteten sie ihn oder machten sich aus dem Staub. Sie hatten seinen Jungen, seinen Taimi, entführt. Es hielt sie nichts mehr im Arus. Er musste sie finden und den Sohn befreien.
"Und das werde ich", murmelte er entschlossen zu sich selbst. Seine Pranke von Hand umfasste den Holzspeer fester. Am Ende war ein scharfkantiger Stein als Spitze um den Schaft gebunden. Er sollte sich in viele zweibeinige Leiber stoßen. In Velten nährte sich ein Blutdurst von den Rachegelüsten, die aufkamen, wenn er nur an das Menschenpack dachte. Sie hatten sich den falschen Zentauren gesucht, ihm den einzigen Sohn zu entreißen. Er war ein Jäger und als solcher würde er sie verfolgen. Er würde ihre Fährte aufspüren, ihnen nach eilen, sie hetzen und jagen, bis ihre Kräfte aufgezehrt waren. Dann würde er sie erlegen und - so hatte es sich Velten geschworen - es wäre die erste Beute, die er nicht aus Nahrungsbedarf tötete. Nein, diese Jagdbeute würde ihm Freude bereiten. Galt er dann selbst als Mensch, weil er das berauschende Gefühl plötzlich teilte, das sie als ignorantes Verhalten an den Tag legten? Nein, er hatte seine Gründe. Er musste Taimi befreien. Ob es seinem Sohn gut ging? Diese Frage stellte er sich in den letzten zwei Wochen oft. Hoffentlich lebte er noch.

Velten setzte seinen Weg fort, bis er die kleine Lichtung wiederfand, an der die Tragödie geschehen war. Von hier aus musste er mit der Suche nach den Menschen beginnen. Hier mussten sich ihre Spuren finden, die er benötigte, um ihnen zu folgen. Ihr Sterne, Florencia und Phaun, lasst die Natur nicht alles bereinigt haben. Ich muss etwas finden. Mit aufmerksamen Blick betrat er die Lichtung, suchte nach jedem noch so kleinen Anzeichen, das ihm weiterhelfen könnte.

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Re: Eine Beute namens Mensch

Beitrag von Erzähler » Montag 11. Juli 2011, 17:53

Über dem Arus zogen sich die Wolken nicht nur zusammen, sondern verdichteten sich immer mehr. Das sah nach Regen aus, auch wenn es noch nicht danach roch. Vielleicht würden sich die weich wirkenden Gebilde wieder auflösen, eventuell würde es nur noch Minuten dauern oder auch Stunden, bis das Nass in Tropfen herunter fallen würde. Ein wenig nieseln würde kaum stören, dazu war das Blätterdach der Bäume dicht genug, um alles abzuhalten. Würde es jedoch ein stärkerer Regen werden, dann müsste sich der einsame Wanderer einen Unterstand suchen oder schaffen.
Außerdem wäre es alles andere als von Vorteil von ihm, denn Spuren würden dadurch weggewaschen werden können. Mochten Florencia und Phaun ihm gewogen sein und das Wasser in den Wolken zurück halten. Auch wenn es bereits in der vergangenen Nacht etwas getröpfelt hatte, waren diese Spritzer rasch verdunstet, ohne Schaden an den möglichen Spuren des Menschenpacks zu verursachen.
Die Lufttemperatur war obendrein relativ angenehm, nicht zu kühl und ohne störenden Wind, der einem um die Ohren pfiff, nicht einmal in dem etwas freieren Gelände. Und zu heiß, um jede Bewegung mühsam werden zu lassen, war es auch bei weitem nicht. Alles in allem also schien der Tag Velten günstig gesinnt zu sein, um ihn seine Suche beginnen zu lassen.
Für Shalla hingegen war es bei weitem nicht so positiven Sinns. Natürlich wollte sie ihren Sohn rasch zurück erhalten, am besten gesund und wohlauf mitsamt seinem Vater, allerdings hieß das nicht, dass Velten gerne hatte gehen lassen. Es war ihr sehr schwer gefallen, vor allem, weil sie ein Geheimnis in sich barg, das sie besser für sich behalten hatte nach diesem Vorfall. Er würde es zwar erst bei seiner Rückkehr erfahren, doch da sie darauf baute, dass er nicht lange brauchen und sie danach rasch wieder finden würde, würde es hoffentlich noch rechtzeitig geschehen. Andernfalls hätte sie ihn bestimmt niemals gehen lassen oder darauf bestanden, dass sie ihn begleitete. Aber das hatte sie vorerst nicht durchgesetzt, sondern ihn ziehen lassen mit all ihren Segenswünschen im Herzen.
Somit hatte sich Velten auf den Weg gemacht, seinen Sohn zurück zu holen.
Was mochte in der Zwischenzeit mit ihm geschehen? Würde dieses Menschenpack ihn benutzen, als Reitpferd sogar? Oder schlimmer noch, als Last- und Zugtier? Furchtbar, allein die Vorstellung! Er war noch so jung, sie könnten ihm so viel antun! Auch wenn Taimi intelligent und talentiert war, Menschen konnten so hinterhältig sein und sie waren schließlich viel mehr als er. Und sie hatten viele Werkzeuge, Lassos und dergleichen, auch Netze, damit konnten sie selbst einem Zentauren überlegen sein.
Nein, besser nicht zu sehr darüber nachdenken, sondern Spuren suchen. Ja, das war eine sinnvolle Beschäftigung und konnte ablenken. Seine Schritte brachten ihn nach kurzer Zeit zu der Lichtung, wo alles seinen Anfang genommen hatte.
Die Vögel zwitscherten, als wäre hier nie etwas Negatives geschehen, als wäre der Ort so unschuldig wie jeder andere im Arus. Die Wolken hatten sich noch weiter verdichtet, ein bisschen Wind kam sogar hier auf und wollte mit Veltens Zöpfen spielen. Insekten summten durch die Luft, Bienen auf der Suche nach Nektar, um nach dem Winter wieder Nahrung zu finden. Aber auch Fliegen waren unterwegs.
Eine davon war besonders vorwitzig. Sie mochte anscheinend den Geruch des Pferdeleibes, denn sie setzte zur Landung an und hatte sich dafür die Flanke des Zentauren ausgesucht. Dort tastete sie mit ihrem Rüssel, versuchte von dem salzigen Geschmack einen Teil aufzunehmen. Dabei kitzelte sie natürlich, sodass der Schweif sie mit seiner raschen Bewegung verjagte.
Jedoch so rasch gab sie nicht auf, jetzt, wo ihr Appetit angeregt worden war. Ihr Summen wurde lauter und sie begab sich diesmal auf die andere Seite, zum Bauch. Zumindest solange, bis der Schweif erneut nach ihr schlug.
Diesmal summte sie noch stärker, als würde sie schon protestieren und landete auf dem Widerrist. An dieser Stelle suchte sie wieder nach dem Geschmack und wanderte gleichzeitig zu dem menschlichen Oberkörper, da sie vor allem nur die schützende Decke zu kosten bekam, was ihr wohl nicht gefiel.
Auf dem Rücken war plötzlich das Salzige ein wenig anders, erweckte allerdings erst recht das Interesse der Fliege, sodass sie vorwärts lief, das Rückgrat hinauf und dort noch stärker kitzelte, da die Haut nicht von Fell geschützt war. Außerdem hatte sie es geschafft, unter die Weste zu gelangen so wie zuvor unter die Decke.
Indes suchten die Augen des Zentauren nach Spuren. Die Nadeln waren in den letzten zwei Wochen etwas vermehrt herab gerieselt, sodass sie das ein oder andere bedeckten. Am besten wäre es, sich zu besinnen, versuchen zu erinnen und sie dann vorsichtig beiseite zu wischen an jenen Stellen, wo Abdrücke sein sollten.
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Re: Eine Beute namens Mensch

Beitrag von Velten » Dienstag 12. Juli 2011, 09:17

In den Wäldern gab es nicht viele Pferdebremsen. Sicher, kurz bevor es regnete oder zur Abenddämmerung flogen einem die Mücken wild um den Kopf herum, aber das war nicht zu vergleichen. Die winzigen Stecher schwirrten meist nur, wenige stachen. Aber so eine richtige Bremse, die konnte waren Placken auf der Haut hinterlassen. Placken waren große, kreisrunde Flecke, die anschwollen und rot wurden. Sie juckten unerträglich, aber man durfte sich nicht zu heftig kratzen, sonst platzten sie auf und bluteten. Das schmerzte nicht sonderlich heftiger, außerdem hatte der Juckreiz dann vorerst ein Ende. Allerdings brauchte der Stich anschließend länger für die Heilung und es konnten Narben zurück bleiben. Velten war bisher vollkommen narbenfrei davon gekommen. Die einzige sichtbare Narbe verlief auf seiner Brust und stammte nicht von einer zu dreisten Mücke, sondern von einem Puma.

Doch jetzt, nachdem sie ihn schon mehrmals geärgert hatte, kroch eine Fliege unter seine Weste. Er bewegte die Schultern, drehte sich ein wenig und krümmte den Rücken. Sie befand sich aber schon unter dem Stoff, ließ sich nicht vertreiben. Das brachte den Zentauren aber noch lange nicht aus der Bahn. Er war ein geduldiger Mann und so lehnte er seinen Speer an den nächstbesten Baum, um sich die Weste auszuziehen. Seina Hand fuhr den Rücken entlang. Falls die Fliege noch auf der Haut gesessen hatte, würde sie nun gewiss davon geschwirrt sein. Also glitt die Lederweste an ihren angestammten Platz, der Speer kehrte zurück in die Hand und der Zentaur widmete sich endlich dem Grund seines Hiersein: Spurensuche.

Vorsichtig, jeden Schritt genau bedacht, trat er weiter auf die Lichtung. Ob er überhaupt noch etwas fand? Es war mindestens zwei Wochen her, seit man ihn an diesem Ort zurückgelassen und seinen Sohn entführt hatte. Zwei lange Wochen, in denen er nicht wusste, ob es geregnet hatte oder ob ein starker Wind durch den Wald gefegt war. Alles, selbst ein rascher Wildwechsel konnte seine Suche frühzeitig beenden, wenn er nichts mehr fand. Er hatte sich nicht nach dem Wetter erkundigt und ärgerte sich nun, diesen Fehler begangen zu haben. Vielleicht kehrte er heute noch zur Herde zurück - ohne Erfolg und ohne Taimi. Nein! Er durfte die Suche nicht aufgeben. Dazu war es zu früh und richtig angefangen hatte er auch noch nicht.
Vorsichtig wischte er mit der Speerspitze kleine Blätter und vor allem Nadeln beiseite. Was er brauchte, waren deutliche Zeichen - Die Hufspuren seines Sohnes, Rückstände eines Kampfes, sein Blut, als er vom Schwertstreich verletzt worden war. Menschen hinterließen doch sonst allen Unrat. Sie kümmerten sich nicht darum, wer den Wald von ihrem Dreck befreite. Es musste doch noch irgendwo etwas übrig sein. Velten gab die Hoffnung nicht auf, fündig zu werden. Er musste eben all seine Sinne schärfen und auf diese eine Aufgabe konzentrieren. Er war Jäger und Kundschafter, prädestiniert, erfolgreich zu sein. Die Beute mochte kein Tier sein, aber das war auch nicht ausschlaggebend, wenn man sich auf die Pirsch begab.

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Re: Eine Beute namens Mensch

Beitrag von Erzähler » Mittwoch 13. Juli 2011, 17:14

Selbstverständlich gab es im Wald genauso lästige Insekten wie an Seen oder in Siedlungen. Bei Mooren und Sümpfen war es noch schlimmer, während es im Arus relativ gedämpft zuging. Trotzdem waren sie bereits anwesend und erwacht, um lästig um andere, größere Lebewesen herum sirren zu können. So auch diese Fliege, die sich Velten als Opfer ausgesucht hatte.
Sie ließ sich nicht von einer einfachen Decke, einen nach ihr schlagenden Schweif und einer Weste abhalten, um ihr Opfer zu quälen, indem sie kitzelte beim Schweißabtasten. Wenigstens gehörte sie nicht zu den Foltermeistern, die auch zustechen und juckende Stellen hinterlassen konnten. Sie war lediglich unangenehm, lästig und wenn man daran dachte, dass sie auch oft auf verfaulenden Dingen sich ihre Nahrung holte, auch irgendwie etwas ekelhaft.
Doch so war die Natur, es gab für jeden Bereich des Lebens Wesen, die es erzeugten oder beseitigten. Die Fliege gehörte eben zu den Verwertern. Dadurch war sie hartnäckig geworden, denn oft genug versuchten andere, sie zu vertreiben. Dann flog sie manchmal auf und setzte sich an eine andere Stelle.
Jetzt allerdings war sie schon an einer, die ihr durchaus gefiel, sodass sie sich weder durch die bewegenden Schulterblätter, noch durch den runden Rücken beeindrucken ließ. Stattdessen wanderte sie lediglich ein paar Zentimeter in die Mitte, wo sie nicht mehr erreicht werden konnte, und ging dort ihrer Tätigkeit weiter nach, seinen Schweiß abzulecken.
Während Velten bei weitem besseres zu tun hatte, als sich um dieses lästige Biest zu kümmern. Trotzdem ließ er es nicht sein, sondern beraubte sie plötzlich ihres Sichtschutzes.
Die Fliege ließ von ihm ab und schwirrte summend ein wenig davon, um diesmal wieder auf seinem Bauch zu landen, ziemlich weit unten, sodass sie beinahe kopfüber auf seinem Pferdeleib saß und ihn nun dort ärgerte. Nun ja, sollte sie, durch das Fell wäre er hier nicht ganz so empfindlich. Solange sie nicht auf die Idee kam, in Richtung seiner Lenden zu wandern.
Also konnte man sich wieder auf die Spurensuche konzentrieren. Unwissend, was in der letzten Zeit hier geschehen war, konnte er wirklich nur hoffen, Glück zu haben. Mit dem Speer konnte er behutsam den Waldboden von den herab gerieselten Nadeln befreien.
Was war das? Da waren Abdrücke, oberflächliche und auch tiefere, die quer vor ihm verliefen, nicht nur ein einziger. Weitere Nadeln wurden beiseite gefegt, das Herz pumpte heftiger, Glücksgefühle wallten bereits durch die Adern.
Sollte es so leicht sein? Konnte er Taimi so rasch aufspüren? Doch Moment... was war denn nun dies? Irgendwie... sah das nicht nach menschlichen Spuren aus. Das waren ja... Hufe? Nein, das konnte nicht stimmen, oder...? Taimis Hufe waren größer, das wusste Velten mit Bestimmtheit, so wie die Sonne stets im Osten aufging.
Ein Wildwechsel? Ja, das würde eher passen. Na wunderbar, das hieß, jetzt könnte er großes Pech haben und alle Abdrücke wären überdeckt. Es war zum Haare raufen! Und diese blöde Fliege ließ sich noch immer nicht vertreiben.
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Re: Eine Beute namens Mensch

Beitrag von Velten » Sonntag 17. Juli 2011, 05:33

Die meisten Mücken tauchten nur nachts auf oder wenn Regen bevor stand. Entzündeten die Zentauren kleine Laternen oder ein Lagerfeuer, fanden sich stets Motten und Falter in der Nähe ein. Sie bissen nicht, sie störten nur. Aber die Kinder liebten es, sie zu jagen. Erste Versuche, den Pferdeschweif einzusetzen. Velten schmunzelte. Es war in jeder Generation ein beliebter Sport und vor allem unter den männlichen Fohlen eine Möglichkeit, sich in Wettbewerben zu beweisen. Wer zerschlug die meisten Falter bis zum Sonnenaufgang? Natürlich gab es selten einen Sieger, da die eifrigen Kinder lange vor dem ersten Sonnenstrahl auf ihre Lager gesunken waren.
In der Zeit der Abendsonne gab es vor allem um die kleinen Waldtümpel, Bäche und Seen herum viele Insekten. Diese konnten weitaus lästiger sein, denn es handelte sich um Mücken, Pferdebremsen und große Schnaken, deren Stiche dicke rote Flecke auf der fellfreien Haut hinterließen. Kein schöner Anblick, vor allem juckte es beträchtlich. Aber Velten ließ sich weder von solchen noch von der jetzigen Mücke aus der Ruhe bringen. Sie kitzelte zwar auf seiner Haut und ab und an schlug er nach ihr aus, ohne zu treffen, aber er beherrschte sich. Es gab andere seiner Art, die sich von ihrem Jähzorn leiten ließen. Er seufzte tonlos. Sein Junge hatte gern mal geknurrt, wenn ihn ein Insekt zu sehr störte. Dann war er wie ein ganz junges Fohlen wild umher gehopst, um den kleinen Besucher seines Körpers zu vertreiben. Taimi. Seine Gedanken waren bei seinem Sohn. Trotz allem verlor Velten nicht den Blick für das Wesentliche. Er musste eine Spur finden. Also schob er seine Erinnerungen zusammen mit dem Unmut beiseite, den die Fliege oder Mücke bei ihm weckte. Er lenkte all seine Konzentration darauf, etwas zu finden. Tatsächlich wurde er schnell auf Spuren aufmerksam. Hufe. Er beugte den Oberkörper, ging mit den Vorderläufen in die Knie. So konnte er sich den Boden näher betrachten. Nun wischte er sogar mit der Hand einige der immergrünen Nadeln beiseite. Wieder ein tonloses Seufzen. Das waren nicht die Hufspuren eines Zentauren. Rehe. Velten kannte die Abdrücke. Er jagte sie manchmal, aber nur die Alten oder Schwachen schoss er mit dem Bogen. Hirsche ging er nicht einmal an, wenn dann die Ricken - die Hirschkühe. Den männlichen Part sah er als Gläubiger stets als Verwandten Phauns an und so stellte er lieber seine Jagd ein als den Waldgott zu erzürnen, der seinem Volk ohnehin genug bot. Am liebsten jagte Velten Wachteln oder Rebhühner. Ihr Fleisch schmeckte dem Zentauren, obwohl er auch bei einem gut durchgebratenen Hasen nicht nein sagte. Allerdings war an Meister Lampe viel zu selten genug Fleisch dran, um ihn wirklich satt zu machen.
Ach, er hätte nicht ans Essen denken sollen. Aus seiner Magengegend meldete sich ein leises Grollen. Erste Hungeranzeichen. Als Zentaur musste er oft und viel essen. Doch jetzt blieb dafür keine Zeit. Die Suche nach seinem Sohn ging vor. Aber wie nur?, fragte er sich. Die Spuren blieben aus. Er sah keinen Weg, seinen Jungen zu finden. Ob er einfach auf gut Glück Richtung Süden trotten sollte? Vielleicht traf er früher oder später auf Menschen. Einmal war Velten bis in den Neldoreth gereist, damals, als er und Shalla einander ihre Liebe gestanden hatten. Er hatte Ruinen gesehen, die nicht natürlichen Ursprungs gewesen waren - deshalb hatte er sich von ihnen fern gehalten. Doch darüber hinaus hatte er niemals sein Revier verlassen. Ob es nun Zeit wurde?
Der Zentaur atmete durch. So kam er ja nicht weiter. Ein letztes Mal würde er die Lichtung überqueren, den Blick auf den Boden gerichtet. Vielleicht entdeckte er doch noch eine bislang übersehene Fährte. Blieb er erfolglos, so würde er sich einfach so gen Süden wenden. Aufgeben war jedenfalls keine Option für den sturen Jäger.

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Re: Eine Beute namens Mensch

Beitrag von Erzähler » Donnerstag 4. August 2011, 20:04

Wenn lästigte Insekten erschienen, gab es verschiedene Möglichkeiten, mit ihnen fertig zu werden. Die Allerschlimmsten erschlug man am besten sofort, um sich selbst vor deren Stichen oder Bissen zu schützen. Eine andere Methode hing mit bestimmten Gerüchen zusammen, die ein natürliches Abwehrmittel darstellten. Zum Beispiel war da der Lavendel zu nennen, der die Anwesenheit von Mücken zumindest einschränkte.
Eine wiederum andere Variante, an die erinnerte sich Velten gerade. Ob er denn noch wusste, wie viele Insekten er bei diesen Wettbewerben unter den Jungen erwischt hatte? Und wie viele ihm wohl erst recht entkommen waren? Hatte er seinen eigenen Sohn noch überholt oder war dem Kleinen der Triumph bereits gelungen? Wann hatten sie das zum letzten Mal gemeinsam gespielt? Es war bestimmt schon einige Zeit her, denn auch Taimi wurde allmählich erwachsen und interessierte sich für andere Dinge. Wenigstens war das so gewesen, bis...
Konzentration! Nur auf die Gegenwart, auf die Spurensuche konzentrieren, nicht Erinnerungen aufsteigen lassen, das würde lediglich seinen Blick trüben und Gefühle die Überhand nehmen lassen, die er sich jetzt nicht leisten sollte. Später, wenn er seinen Jungen wieder hätte, dann konnte er sich das gönnen, doch nicht eher. Der Weg würde so oder so lange genug werden, denn die verfluchten Zweibeiner hatten einen große Vorsprung.
Hoffentlich war Taimi klug genug, sie nicht zu provozieren und es obendrein für sich noch schlimmer zu machen, bevor sein Vater da wäre, um ihn zu befreien!
Da, Spuren, sie schienen ein erster Hinweis zu sein. Allerdings war ihm das Glück nicht wirklich hold, es waren nicht die Hufe eines Zentauren und schon gar nicht diejenigen von Taimi.
Warum war ihm Phaun denn nicht günstig gesinnt? Wieso half er ihm nicht, obwohl er immer Rücksicht auf dessen Tiere genommen und niemals aus Freude am Töten gejagt hatte?
Apropos Jagd... Es raschelte dicht neben Velten verräterisch im Unterholz und lenkte Aufmerksamkeit auf sich. Was war da? Der Busch war zu niedrig für einen Zweibeiner, es wäre ja auch zu schön gewesen! Jedoch vielleicht eine Wachtel... oder ein Hase? Egal was, etwas, das genießbares Fleisch bot und ihn ein wenig sättigen könnte, wäre gerade sicherlich nicht zu verachten.
Ob er nachsehen und sein Glück versuchen sollte? Nein, besser nicht. Er musste sich um die Spur seines Sohnes kümmern! Andererseits... wenn er vor Hunger zu schwach wäre, um sich auf den Beinen zu halten, würde das auch niemandem nützen. Vielleicht könnte er dann klarer denken und doch noch was finden. Nur... ob das sein Gewissen zulassen würde?
Noch dazu jetzt, wo er überlegte, einfach drauf los in Richtung Neldoreth zu gehen. Die Zweibeiner würden mit seinem Sohn bestimmt nicht so rasch voran kommen, wie er alleine, der den Wald gut kannte. Er könnte sie also womöglich ein bisschen einholen und unterwegs eine Spur finden.
Allerdings was wäre, wenn sie ihn in die andere Richtung verschleppt hätten? Dann würde er genau verkehrt laufen und wieder Zeit vergeuden.
Jedoch war es besser, er ging einfach und blieb nicht länger stehen. Die Beute könnte er sich später auch noch holen, wenn er wirklich schon Hunger hätte. Jetzt musste er erst einmal etwas Produktives tun und sich bewegen, allein schon, um eine Aufgabe zu haben und nicht sinnlos vor sich hin zu grübeln.


Veltens Weg führt ihn zu: Alleine im Wald?
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